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Full text of "Zeitschrift für Buddhismus"

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ZEITSCHRIFT FÜR BUDDHISMUS 



ZEITSCHRIFT 
FÜR 

BUD DHISMUS 



SCHRIFTLEITUNG: 
DR. WOLFGANG BOHN UND LUDWIG ANKENBRAND 



IL JAHRGANG 1920 



HERAUSGEGEBEN 
VOM BUND FÜR BUDDHISTISCHES LEBEN 



VERLAG OSKAR SCHLOSS, MÜNCHEN-NEUBIBERG 



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INHALTS-VERZEICHNIS 



1. Hauptartikel 

Seite 

Geleitwort des Verlegers und Herausgebers 1 

Nach fünf Jahren (Dr. Wolfgang Bohn) 4 

Über einen Vers des Dhammapada (Dr. Paul Dahlke) ... 16 

Die Tropennatur als Führerin zur Abkehr vom Leben 

(Dr. Konrad Guenther, Universitätsprofessor) 19 

Ein Blütenstrauß; Buddha-Gaya (Dr. Wolfgang Bohn). ... 25 

Buddhismus und Materialismus (Dr. Wolfgang Bohn) .... 41 

Ceylon, die Insel des Buddha, in Geschichte und Gegenwart 

(Christian Böhringer) . 47, 98 

Buddha und seine Legende (Eduard Schur6, deutsch von Robert 

Laurency) 53, 87, 154, 223 

Verstandesaskese (Dr. Wolfgang Bohn) 81 

Rechte Rede (Thero Silacara, deutsch von cand. phil. 8. Jabusch) 94 

Im Buddhaland; Bilder aus Birma (Alice Schalek) . .103, 180, 230 

Wesak (Ludwig Ankenbrand) 137 

Buddhistische Grenzfragen (Dr. Wolfgang Bohn) 140 

Was ist Buddhismus? (Prof. P. Lakshmi Narasu, Madras, deutsch 

von Dr. F. Hornung) 163, 207, 260 



Seite 

Wie König Asoka seinen Minister belehrte (E. Burnouf, deutsch 

von F. Jonas-Schachtitz) 187 

Hermann Oldenberg und seine Werke (Ludwig Ankenbrand) . 190 

Gedanken über das Nibbanam (Bhikkhu Silacara) 201 

Die irdische Erscheinung des Buddha (Vasetho) 217 

Buddhismus und Ehe (Dr. Wolfgang Bohn) 238 

Sein und Werden (Dr. Wolfgang Bohn) 250 

2. Übersetzungen der Texte 

Zum Problem des Ich. Aus dem Majjhima-Nikayo (Bhikkhu 

Nyanatiloka) 9 

Sollen nur Vorgeschrittene im Orden Aufnahme finden? Aus 

dem Milinda- Panho (Bhikkhu Nyanatiloka) 73 

Die Rede vom Krieg. Aus dem Samyutta Nikayo, Sangama Sutta 

(Nach Anagarika Dharmapala, L. A.) 112 

Aus dem Fünferbuch des Anguttara Nikayo (Bhikkhu Nyanatiloka) 145 

Das Kapitel der Hemmungen. Aus dem Fünferbuch, Anguttara 

Nikayo (Bhikkhu Nyanatiloka) 220 

3. Gedichte 

Trommelfeuer (Dr. Wolfgang Bohn) 113 

Das große Erkennen (W. T.) 114 

Weltentrückt (W. T.) 115 

Meditation (W. T.) 116 



Sehe 

Buddhistische Mönchslieder (Revato) 195 

Schwingende Wellen (H. Much) 249 

Du? (H. Much) 250 

4. 

Mitteilungen des Bundes für buddhistisches Leben 

30, 60, 118, 199, 248, 309 

5. 

Weltschau 34, 61, 125, 307 

6. 

Bücherbespeech ungen . . . , 38, 68, 243, 310 




ZEITSCHRIFT 
FÜR BUDDHISMUS 




2. Jahrgang / Heft 1 



Januar 1920 



Buddha-Jahr 2463/64 







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Geleitwort des Verlegers und Herausgebers 

s mag kaum je die Herausgabe einer Zeitschrift 
geleitender Worte so dringend bedurft haben, 
wie die einer Zeitschrift für Buddhismus, die 
zu Beginn des Jahres 1920 erscheint. Ablehnend 
wird ihr die Presse gegenüberstehen, lebend aus 
immer wechselnder Forderung des Tages, feind 
von vornherein einer Lehre, die nach Endlich- 
keit und Verlöschen strebt; gleichgültig die weite Öffentlichkeit, 
an der die papierene Flut ständig erscheinender und wieder 
verschwindender Zeitschriften seit Jahren vorüberrauscht; skep- 
tisch der denkende Leser als dem Versuch, neue und fremde 
Elemente einem kreisenden Chaos zuzuführen ; ohne Vertrauen 
selbst derjenige, dem es noch nicht vergebliches Bemühen ward, 
aus irgendeiner Ferne das Heil zu erhoffen. Jedoch wird mancher, 
in dem ein Wille mächtig blieb, mit Vorwurf uns begegnen: daß 
es Verbrechen sei in einer Zeit des Zusammenbruches, da zum 
Neuaufbau „positiver Werte" alle verfügbaren Kräfte aufgerufen 
werden, zu werben für eine Lehre des „Pessimismus" und der 
»Passivität", wie die des Buddhismus genannt wird. 



2 Geleitwort des Verlegers und Herausgebers 

Wir wissen um das erste und scheuen das zweite nicht. Doch 
mag an dieser Stelle schon künftigem Angriff erwidert sein: 
Wie zu Lebzeiten des Gotamo Buddho in einem Lande und 
bei Verhältnissen einer Kultur, die jede Verinnerlichung in 
weitgehendem Maße unterstützten, nur wenige waren, die den 
kurzen doch steilsten Pfad nach dem endlichen Ziel, dem Nir- 
wana, wandern konnten, so werden sich heute unter uns kaum 
einzelne finden, denen der rauhe Weg gangbar erschiene, für die 
der Buddhismus also Lähmung des Tatwillens und Aufgabe des 
Wirkens bedeuten könnte. Viele von denen, die die Lehre des 
Buddha hören, werden achtlos an ihr vorübergehen. Aber es 
werden einige, denen bisher das Leben, auch in leidvoller Not 
noch, schön und lebenswert schien, in diesen Jahren sehend 
geworden, die schmerzhafte Wahrheit vom Leid allen Seins 
gefunden haben. 

Ihnen wollen wir helfen, indem wir jener neuen bittern 
Erkenntnis allmählich die Schrecken nehmen, indem wir zeigen: 
wie sie die erste Stufe auf dem Wege zur Erlösung ist. Und 
vor allem jenen wirklich Denkenden, die von keinem Schein 
verführt, die drei buddhistischen Grundeigenschaften aller Dinge, 
Vergänglichkeit, Wesenlosigkeit und Leiden, erkannt haben und 
nun versuchen, im Denkprozeß die äußere Welt zu erfassen 
und sich von ihr unabhängig zu machen und so Herr ihrer 
eigenen Sinne und Triebe zu werden. 

Die Herausgabe der Zeitschrift erfolgte zugleich mit der Neu- 
organisation des „Bundes für buddhistisches Leben". Wo die 
Gemeinschaft Gleichgesinnte zusammenband, mußte auch für 
sie alle Rat und Hilfe bereit sein in dem schweren Kampf 
gegen Ichsucht und Gewohnheit, der mit jener Erkenntnis 
eingesetzt hat. 

Da wir diese Hilfe nicht besser bringen können, als wenn 
wir die Lehre des Buddha, rein und unverfälscht, wie die alten 
Palitexte sie überliefern, darlegen, da wir individueller An- 
schauung, sofern sie dem inneren Geiste des Buddhismus nichi 
widerspricht, gerne Raum und Beachtung gewähren, da wir 
schließlich auch in Übermittelung der Schönheiten ostasiatischer 



Geleitwort des Verlegers und Herausgebers 3 

Kultur, Kunst und Literatur einen Teil unserer Bestrebungen 
erblicken, sowie durch sachkundige Übersetzungen aus den Ur- 
quellen auch den Forscher und Wissenschaftler unterstützen 
wollen, könnten wit den Anspruch erheben, auch im nicht- 
buddhistischen Sinne als tätig anerkannt zu werden. Selbst wenn 
andere Beweise fehlten, müßte schon dieser: Die Herausgabe 
dieser Zeitschrift bei der Ungunst der gegenwärtigen Verhält- 
nisse dafür zeugen, daß dem Laienbuddhismus weder Tatkraft 
noch Wille zum Wirken mangeln. 

Aber nochmals sei es gesagt: Die Vielen, denen das Leben 
in jeder Gestalt als naturgemäß willkommen ist, benötigen unsere 
Zeitschrift nicht und finden genügenden Ersatz in der Menge 
der positiven, lebenbejahenden Literatur. Es können immer nur 
wenige sein, die als „Stromentgegengehende" in Betracht kommen. 




Die Fehler des Nächsten sieht man leicht, die eigenen dagegen 
schwer; die Fehler anderer deckt man so gerne begierig auf, aber 
die eigenen verbirgt man vorsichtig, wie der Falschspieler den 
Würfel. Dhammapada. 

Tue niemanden Unrecht, lebe in der Welt erfüllt von Liebe 
und Güte. Milindapanha. 



Nach fünf Jahren 



Nach fünf Jahren 



(Ein Rückblick auf die buddhistischen Strömungen der letzten Jahre.) 
Von Dr. Wolfgang Bohn. 

Beim Ausbruche des Weltkrieges tauchte die Sonne jedes Strebens 
für eine Verbrüderung der Menschheit in einem Meere von Blut 
und Grausen unter. Eine furchtbare Schulzeit zwang die Menschen, 
die das Lehrbuch des Völkerhasses Jahrzehnte hindurch systematisch 
geschrieben hatten, nun die Folgen der furchtbaren Lehren auf sich 
zu nehmen. Vielleicht, — dies mochte letzte, fast unbewußte Hoff- 
nung sein — : daß aus erlittener ungeheuerster Not, aus eigenstem 
schmerzlichem Erlebnis jener Wille zur Güte neu und inbrünstiger 
denn jemals wieder erstehen würde. 

In der Tat, aus der Größe des Leidens mußte sich das Sehnen 
nach der Abkehr vom Leiden, von allem Kämpfen und Hassen für 
alle, die dazu bereitet waren, ergeben. Und so war es nicht so 
wunderbar, daß, als der „Bund für buddhistisches Leben" durch 
die Rufe des Waffenzwanges auseinandergesprengt war und nur noch 
ein kleines Häuflein der Getreuesten Verbindung unterhielt, als die 
„Zeitschrift für Buddhismus" und nach ihr auch die Mahabodhiblätter 
ihr Erscheinen eingestellt hatten, als jeder Verkehr mit unsern Freunden 
im Ausland abgeschnitten war, — trotzdem der Gedanke des Buddhis- 
mus in der Tiefe der Seelen weiterwirkte. Der Schriftleiter dieser 
Blätter wie der Geschäftsführer des Bundes wurden, — je länger der 
Krieg dauerte, desto eifriger, — mit Anfragen über den Buddhismus, 
am eindringlichsten von den Leidenden im Schützengraben und im 
Lazarett, bestürmt, und immer lauter kam die Frage : wann erscheint 
die Zeitschrift wieder? 

Das ließ sich zunächst nicht ermöglichen. Der Schriftleiter stand 
im Felde, der Geschäftsführer wurde von der Wehrpflicht auch nicht 
verschont, und der Bund ruhte und erhob keine Beiträge. 

Zunächst fanden einzelne der Suchenden Anschluß an einen neuen 
Mittelpunkt. In Berlin wurde die „Neubuddhistische Zeitschrift" be- 
gründet und eine Reihe von Vorträgen über Neubuddhismus gehalten. 



Von Dr. Wolfgang Bohn 



Ob der Name Neubuddhismus glücklich gewählt war, mag dahin- 
gestellt bleiben. Denn der Neubuddhismus soll ja im Grunde nichts 
anderes sein als der alte Palibuddhismus in neuzeitliche Gedanken- 
formen geprägt, die Darlegung der Buddhalehre als Wirklichkeits- 
lehre und der Erlösungsgedanke als Konsequenz des Anattagedankens: 
„Wenn es irgend ein unvergängliches Ich gibt, sei es auch 
noch so transzendent oder metaphysisch, dann ist eine 
Erlösung nicht möglich." Scharf und klar arbeitet Dr. Dahlke, 
der geistvolle Lehrer und Verkünder des Neubuddhismus, den 
Anattagedanken heraus und in immer neuen Variationen trägt er 
die eine knappe Wahrheit vor. Der Neubuddhismus und sein Organ, 
die „Neubuddhistische Zeitschrift" stellen nicht das Buddhawort 
und die Buddhalehre zur Diskussion, ob sie so sei oder anders: 
„Wenn einer weiß, so ist es, dann sagt er, so ist es", nicht mehr, 
nicht weniger. — — 

Nach Abschluß des Krieges finden wir die religiösen Anschau- 
ungen in Deutschland aber auch in andern Ländern gewandelt vor. 
Die Konfessionen in allen ihren Kirchen hatten sich während 
des Krieges in den Dienst der verschiedenen Parteien gestellt 
und denselben Gott gegeneinander zu Hilfe gerufen. Die Masse 
hat sich mehr denn je vom Christentum abgewandt, und besonders 
ein großer Teil der zurückgekehrten Kämpfer hat jede Fühlung 
zur Religion verloren. Während auf der einen Seite plattester 
Revolutionsmaterialismus sich breit macht , wächst auf der andern, 
geboren aus hilfloser Sehnsucht und Ichwillen, verstärkt durch die 
millionenfach gesteigerte Trauer um den Tod geliebter Menschen 
der Spiritismus gewaltig in die Breite und Tiefe. Für „Geister" 
und ihre Gehilfen, für die dunklen unkontrollierbaren Astralkräfte 
und ruhelosen Schatten ist eine Zeit erhöhten Lebens und Schadens 
angebrochen. 

In den buddhistischen Kreisen Deutschlands machte sich gerade zu 
der Zeit, wo wir vor dem Problem einer Gemeindegründung standen, 
eine Spaltung bemerkbar. Waren bisher die deutschen Anhänger der 
Lehre über die Auffassung wichtiger Sätze des Buddhismus verschie- 
dener Anschauung, so standen sie sich doch in gleicher Duldsamkeit 
und Achtung der verschiedenen Anschauungen gegenüber; ein kräftiger 



6 Nach fünf Jahren 



Individualismus in der Forschung über die Lehre machte sich 
geltend und wurde allseits und stillschweigend gebilligt. Südliche 
und nördliche Lehre, siamesisches Mönchstum und japanischer 
Amidaprotestantismus fanden bisher in deutschen buddhistischen 
Zeitschriften stets einen offenen Platz und achtungerfüllte Auf- 
nahme. Fand auch der Kult tibetanischer Lamas so wenig Anhänger 
unter den deutschen Buddhisten wie der eigentlich völlig außerhalb 
der Buddhasphäre erwachsene Buddhismus der Amidagläubigen, so 
sahen wir in diesen Schulen immerhin eine organische in ihren 
historischen Zusammenhängen verständliche Weiterbildung der alten 
Buddhalehre. Nur dem esoterischen Buddhismus, der höchst will- 
kürlichen Durcheinanderwirbelung von Veda und Buddha — Dharma, 
wie sie uns unter andern Frau Blavatzki vortrug, vormochten wir 
keinen Platz einzuräumen; es war ja auch nicht notwendig. 

Das ist nun anders geworden. Während der Kriegszeit erschien 
ein in seiner Art höchst bedeutendes Werk über den Buddhismus, 
das leider in einem wichtigsten Punkte in seiner Auffassung sich 
von der alten Lehre, so wie wir sie im Palibuddhismus gesehen 
hatten, trennte. Dr. Grimm entwickelte eine neue Lehre über das 
Ich und die Seele, die in jedem seiner Werke klarer und schärfer 
zum Ausdruck kam, und schließlich in einer neuen in ihrer Art 
vortrefflichen Zeitschrift, dem „Buddhistischen Weltspiegel", ihre 
streng orthodoxe und zur Mission gestimmte Vertretung fand: die 
Lehre von der transzendenten Natur des Ich. Das Ich, lehrt Dr. 
Grimm, ist freilich nicht unser Wesen, sondern nur Erscheinung. 
Unser eigentliches Wesen ist transzendent. Diese allein -wahre 
Buddhalehre war nach Grimm seit 2000 Jahren verloren gegangen, 
und erst seine Schule in Deutschland hatte sie wiedergefunden und 
damit nunmehr die Verpflichtung übernommen, sie nicht nur in 
Europa sondern auch in Asien wieder zur Geltung zu bringen und 
die irrenden siamesischen Mönche zu bekehren. 

Wer nicht mit dieser „wahren" Lehre geht, versteht den Buddha 
nicht, so erklären die Gründer der neuen Schule. — 

Der alte Palibuddhismus sowie der Neubuddhismus, den Dr. 
Dahlke vertritt, kann als Anatta-Buddhismus bezeichnet werden. Der 
Transzendentalbuddhismus der Grimmischen Schule aber dürfte eher 



Von Dr. Wolfgang Bohn 



den Namen Atta-Buddhismus verdienen, da er ein ewig beharrendes 
Selbst (atta) zur Geltung bringen will. Eine Anfrage bei denjenigen 
deutschen Buddhisten, welche die Buddhalehre in ihren Ursprungs- 
und Heimatländern studiert haben, — als Hauptvertreter seien 
Bhante Nyanatiloka und Dr. Dahlke genannt, ergibt ent- 
schiedene Ablehnung der neuen Lehre als einer Verkehrung der 
Buddhalehre in ihr Gegenteil. Hingegen erklären die Vertreter der 
neuen Lehre, Dr. Grimm und Dr. Seidenstücker, die aller- 
dings den Buddhismus nur in Deutschland studiert haben und von 
Spiritismus, Theosophie und vom Veda ausgehend zu Buddha kamen^ 
den siamesischen Buddhismus, also den Palibuddhismus der Mönche 
Ceylons, Birmas und Siams für eine grundstürzende Verkennung 
der wahren Buddhalehre. 

Mehr wie früher tritt nun an den „Bund für buddhistisches 
Leben" die Pflicht heran, das „Garn der Ansichten" meidend, den 
praktischen Lebens wert des Buddhismus zu betonen, den 
Buddhismus als einen gewichtigen Faktor zur Neuorientierung im 
religiösen und sozialen Leben zur Geltung zu bringen. Hier können 
sich, wenn sie wollen, die Anhänger beider buddhistischer Schulen 
Deutschlands' in Eintracht finden. Wer in seiner geistigen Entwick- 
lung sich bereits über das Leben stellen kann und den Pfad der 
Selbsterlösung bis zum Ende gehen zu können vermeint, der schei- 
det als ein Ehrwürdiger und Geheiligter aus den Kämpfen, Nöten 
und Sehnsüchten dieser Welt des Leidens aus. Auch vom Hoffen 
und Anteilnehmen an den Dingen dieser Welt mag er mit Recht 
sich fern halten. 

Für uns andere aber gelten die Sila, die fünf Ratschläge Buddhas, 
deren strikte Erfüllung genügen würde, um den Kampf ums Da- 
sein zwischen den Menschen in gegenseitige Hilfsbereitschaft 
zu wandeln. — — 

Deshalb mußten die „Zeitschrift für Buddhismus" sowie der 
„Bund für buddhistisches Leben", die beide als ihr Hauptziel die 
Verkündigung und Verbreitung der fünf Sila sich angelegen sein 
lassen wollen, wieder auferstehn. 

Gewiß: Buddha lehrt ja nur immer das eine; die Wahrheit 
vom Leiden und der Aufhebung des Leidens in der 



8 Nach fünf Jahren. — Von Dr. Wolfgang Bohn 

Erlösung. Er lehrt auch, daß diese Erlösung mit irgend einer 
Eigenschaft aus der Formwelt nicht benannt werden kann, daß sie 
für die Anschauung und das Gefühl der Unerlösten eine reine 
Negation ist, nicht ein Nichts, sondern ein Nicht, ein Nicht- 
mehr; aber auch, daß nur die klare Anattalehre die Möglichkeit 
dieser Erlösung verbürgt. Das Ich als Illusion, als Fiktion, als eine 
Funktion der 5 Khandhas, aber kein Wesen, weder ein materielles, 
astrales, mentales oder transzendentes : das ist der Sinn der Buddhalehre. 

Die Auflösung des Ich im Transzendenten ist eine Ansicht, genau 
wie die christliche Lehre vom Eingehen der unsterblichen Seele zu 
Gott oder des Sichauflösens des Einzel-Ichs in das unbegrenzte 
Wesen der Gottheit, wie es uns die dem Buddhismus nahe ver- 
wandten christlichen Mystiker lehren. Und weil Karma, sowie jede 
neue Geburt den Wünschen und dem Sehnen des schwindenden 
Menschen entsprechend sich vollzieht, so mag denn vorübergehend 
auch der transzendentale Buddhist sein Ziel erreichen, aber die Erlö- 
sung dürfte damit nicht gewiß sein. Denn wem der Erlösungsgedanke 
in seiner ganzen Tiefe und Wahrheit sich erschlossen hat, für den wird 
am Ende jedes Sein, auch das in höchster Transzendenz, — zur Qual. 

Der Siamesische Buddhismus geht eben über den vedisch oder 
theosophisch verbrämten Atta -Buddhismus weit hinaus und bildet 
damit den höchsten Aspekt der Erlösungslehre überhaupt. 

Man kann ja einer buddhistischen Zeitschrift verschiedene Auf- 
gaben stellen. Unsere Zeitschrift soll nicht für eine bestimmte 
Schule missionieren, sondern die praktischen Konsequenzen der 
Buddhalehre ziehen und neben dem hohen Wissen von der Erlösungs- 
lehre auch die Wissenschaft und das Wissen vom Buddhismus und 
über den Buddhismus sammeln, genau wie es frühere buddhistische 
Zeitschriften taten, im besondern die „buddhistische Welt" und der 
erste Jahrgang der „Zeitschrift für Buddhismus". Sie will vor allem 
den Laienbuddhismus anregen, fest begründen und einigen. 
Denn der Buddhismus hat eben auch in dieser Welt allerlei zu 
geben: nicht nur die Wenigen dieses Zeitalters auf dem kürzesten 
Wege aus dem Leiden heraus zu führen, sondern auch den Vielen 
das Leiden lindern und langsam den Weg bereiten zu helfen. 

Dr. Wolfgang Bohn. 



Zum Problem des Ich. — Aus Majjhlma-Nikayo 22 9 



Zum Problem des Ich 

Aus Majjhima-Nikayo 22; aus dem Pali übersetzt von Bhikkhu 

Nyanatiloka. 

„Sechs Ansichtsstandpunkte (Ditthi-Athanani) gibt es, ihr Mönche; 
welche sechs? Da, ihr Mönche, ist der unkundige Weitling ohne 
Achtung für die Edlen, des Gesetzes der Edlen unkundig, in dem 
Gesetze der Edlen ungeschult, ohne Achtung für die guten Menschen, 
des Gesetzes der guten Menschen unkundig, in dem Gesetze der 
guten Menschen ungeschult. Und er hält von der körperlichen Form: 
„Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Ich (atta)"; er hält von 
dem Gefühl: „Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Ich"; 
er hält von den geistigen Gebilden : „Das gehört mir, das bin ich, 
das ist mein Ich." Und was er gesehen, gehört, empfunden, er- 
kannt, erlangt, erforscht und im Geiste erwogen hat, auch davon 
hält er: „Das bin ich, das gehört mir, das ist mein Ich." Und 
auch von dem Ansichtsstandpunkte: „Dies ist die Welt, dies 
ist das Ich; ewig werde ich sein nach meinem Tode, 
beständig, beharrend, keinem Wechsel unterworfen 
und werde in alle Ewigkeit also verbleiben," — auch 
davon hält er: „Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Ich." 

Der kundige, edle Jünger aber, ihr Mönche, ist voll Achtung für 
die Edlen, kundig des Gesetzes der Edlen, in dem Gesetze der 
Edlen geschult, voll Achtung für die guten Menschen, kundig des 
Gesetzes der guten Menschen, in dem Gesetze der guten Menschen 
geschult. Und von der körperlichen Form — dem Gefühl der 
Wahrnehmung — den geistigen Gebilden — , dem, was er gesehen, 
gehört, empfunden, erkannt, erlangt, erforscht und im Geiste er- 
worben hat — und auch von dem Ansichtsstandpunkte: „Dies ist 
die Welt, dies ist das Ich; ewig werde ich sein nach meinem Tode, 
beständig, beharrend, keinem Wechsel unterworfen und in alle 
Ewigkeit also verbleiben," — auch davon hält er: „Das gehört 
mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Ich." Also erken- 



10 Zum Problem des Ich 

nend gerät er wegen etwas nicht Vorhandenem (asati*) nicht in 
Erregung". 

Auf diese Worte hin sprach einer der Mönche also zum Erha- 
benen: „Mag wohl, o Ehrwürdiger, wegen etwas objektiv nicht 
Vorhandenem (bahiddha-asati) die Erregung aufsteigen?" 

„Das mag wohl sein, o Mönch," erwiderte der Erhabene. „Da 
zum Beispiel, o Mönch, denkt einer: „Ach, ich besaß es! Ach, 
ich besitze es nicht mehr! Ach, möchte ich es doch besitzen! 
Ach, ich bekomme es nicht mehr!" Und er klagt, quält sich und 
jammert, schlägt sich weinend die Brust und gerät in Verzweif- 
lung. So, ihr Mönche, steigt wegen etwas objektiv Nicht- 
Vorhandenem die Erregung auf." 

„Mag wohl aber, o Ehrwürdiger, hinsichtlich etwas objektiv nicht 
Vorhandenem die Erregung unterbleiben?" 

,,Das mag wohl sein, o Mönch", erwiderte der Erhabene. „Da 
zum Beispiel, o Mönch, denkt Einer nicht: „Ach, ich besaß es! 
Ach, ich besitze es ! Ach, ich besitze es nicht mehr ! Ach, möchte 
ich es doch besitzen! Ach, ich bekomme es nicht mehr!" Und 
nicht klagt er, quält sich und jammert er, schlägt sich nicht weinend 
die Brust, gerät nicht in Verzweiflung. So, ihr Mönche, unterbleibt 
hinsichtlich etwas objektiv nicht Vorhandenem die Erregung." 

„Mag wohl aber, o Ehrwürdiger, wegen etwas subjektiv nicht 
Vorhandenem (ahattam asati) die Erregung aufsteigen?" 

„Das mag wohl sein, o Mönch," erwiderte der Erhabene. „Da 
zum Beispiel, o Mönch, hat Einer die Ansicht: „Dies ist die Welt, 
dies das Ich (atta), ewig werde ich sein nach meinem Tode, be- 
ständig, beharrend, keinem Wechsel unterworfen und werde in alle 
Ewigkeit also verbleiben." Dieser hört nun, wie der Vollendete 
oder ein Jünger des Vollendeten das Gesetz vorträgt, das zur Aus- 
rodung aller im Verharren, Feststehen und Besessensein von An- 
sichten bestehenden Neigungen und Triebe führt, zum Stillstand 



*) Locativ von asantam (Vas), das Nichtseiende, Nichtvorhandene. Neumann 
hat diese Stelle gänzlich mißverstanden, denn er faßt diesen Locativ des Parti- 
zipiums Präsentis auf als ein zum Nominativ paritassana gehörendes Adjectiv, 
da er offenbar von sati (Achtsamkeit) ableitet und noch dazu mit „unver- 
ständig" übersetzt! 



Aus Majjhima-Nikayo 22 11 

aller Gestaltungen, zur Loslösung von allen Daseinssubstraten, zur 
Versiegung des Durstes, zur Abwendung, zur Aufhebung: zum 
Nirwahn. Da wird ihm zumute: „Vernichtet werde ich ja dann sein! 
Zugrunde gehen werde ich ja dann ! Dann werde ich ja nicht mehr 
vorhanden sein!" Und er klagt, quält sich und jammert, schlägt 
sich weinend die Brust und gerät in Verzweiflung. So, ihr Mönche, 
steigt wegen etwas subjektiv nicht Vorhandenem die Erregung auf." 

„Mag wohl aber, o Ehrwürdiger, hinsichtlich etwas subjektiv 
nicht Vorhandenem die Erregung unterbleiben?" 

„Das mag wohl sein, o Mönch,** erwiderte der Erhabene. „Da, 
o Mönch, hegt Einer nicht die Ansicht : „Dies ist die Welt, dies 
das Ich; ewig werde ich sein nach meinem Tode, beständig, be- 
harrend, keinem Wechsel unterworfen und in alle Ewigkeit also 
verbleiben." Dieser hört nun, wie der Vollendete oder ein Jünger 
des Vollendeten das Gesetz vorträgt, das zur Ausrodung aller im 
Verharren, Feststehen und Besessensein von Ansichten bestehen- 
den Neigungen und Triebe führt, zum Stillstand aller Gestaltungen, 
zur Loslösung von allen Daseinssubstraten, zur Versiegung des 
Durstes, zur Abwendung, zur Aufhebung: zum Nirwahn. Da wird 
ihm nicht zumute : „Vernichtet werde ich ja dann sein ! Zugrunde 
gehen werde ich ja dann ! Nicht mehr werde ich dann ja vorhanden 
sein !" Und nicht klagt, quält sich und jammert er, schlägt sich nicht 
weinend die Brust und gerät nicht in Verzweiflung. So, ihr Mönche, un- 
terbleibt hinsichtlich etwas subjektiv nicht Vorhandenem die Erregung." 

,.Könntet ihr wohl, o Mönche, in den Besitz eines solchen Gutes 
gelangen, das ewig ist, beständig, beharrend, keinem Wechsel unter- 
worfen, das sich in alle Ewigkeit gleich bleiben wird? Kennt Ihr 
wohl ein solches Gut?" 

„Nein, o Ehrwürdiger." 

„Gut, ihr Mönche, auch ich kenne ein solches nicht. Könnte 
man wohl, ihr Mönche, einer solchen Ich-Lehre (attavada*) 
anhängen, durch die dem daran Haftenden keine Sorgen, Klagen, 
Schmerz, Trübsal und Verzweiflung aufsteigen möchten? Kennt ihr 
wohl eine solche?" 



*) „Glaube an Unsterblichkeit" übersetzt Neumann. 



12 Zum Problem des Ich 

„Nein, o Ehrwürdiger!" 

„Gut, ihr Mönche, auch ich kenne eine solche nicht. Wenn das 
Ich (atta), ihr Mönche, vorhanden wäre, gäbe es dann wohl auch 
etwas mir Angehörendes? 

„Ja, o Ehrwürdiger!" 

„Oder wenn, ihr Mönche, es etwas mir Angehörendes gäbe, 
gäbe es dann wohl auch etwas wie mein Ich?" 

„Ja, o Ehrwürdiger!" 

„Da nun aber, ihr Mönche, in Wahrheit und Wirklichkeit weder 
das Ich (atta), noch ein dem Ich Angehörendes (attamya) vorhanden 
ist,*) ist daher nicht jener Ansichtsstandpunkt : „Dies ist die Welt, 
dies ist das Ich; ewig werde ich sein nach meinem Tode, bestän- 
dig, beharrend, keinem Wechsel unterworfen und in alle Ewigkeit 
also verbleiben: — ist dies nicht, ihr Mönche, eine ganz vollendete 
Narrenlehre?" 

„Wie sollte, o Ehrwürdiger, dies wohl nicht eine ganz vollendete 
Narrenlehre sein!" 

„Sagt, ihr Mönche, sind körperliche Form, Gefühl, Wahrnehmung, 
geistige Bildungen und Bewußtsein vergänglich oder unvergänglich ?" 

„Vergänglich, o Ehrwürdiger!" 

„Was aber vergänglich ist, ist das leidvoll oder freudvoll?" 

„Leidvoll, o Ehrwürdiger." 

„Was aber vergänglich, leidvoll, dem Wechsel unterworfen ist, 
kann man davon wohl halten: Das gehört mir, das bin ich, das 
ist mein Ich?" 

„Das wahrlich nicht, o Ehrwürdiger." 

„Was es darum also, ihr Mönche, irgendwie an körperlicher 
Form gibt, an Gefühl, an Wahrnehmung, an geistigen Bildungen 
und an Bewußtsein, ob eigen oder fremd, grob oder fein, gemein 
oder edel, fern oder nah, von all diesem hat man der Wirklichkeit 
gemäß in rechter Einsicht zu erkennen: „Das gehört mir nicht, 
das bin ich nicht, das ist nicht mein Ich." 

„Also erkennend, ihr Mönche, wird der kundige, edle Jünger 
überdrüssig der körperlichen Form, überdrüssig der Gefühle, über- 



*) Anupalabhamane wörtl. = gefunden oder ausfindig gemacht wird. 



Aus Majjhima-Nikayo 22 13 

drüssig der Wahrnehmung, überdrüssig der geistigen Bildungen, 
überdrüssig des Bewußtseins. Indem er aber überdrüssig ist, wendet 
er sich ab und durch Abwendung wird er erlöst. Im Erlösten 
aber geht die Erkenntnis auf: , Erlöst bin ich.* Und er weiß: 
, Versiegt ist die Geburt, ausgelebt der heilige Wandel, die Auf- 
gabe erfüllt, nichts bleibt übrig mehr für diese Welt*." 

Einen solcherart geisteserlösten Mönch aber^) vermögen selbst 
die Götter mitsamt Indra, Brahma und Pajapati suchend nicht auf- 
zufinden (und zu sagen): Hier^) haftet das Bewußtsein des Vol- 
lendeten.^) Denn schon bei Lebzeiten sage ich, ihr Mönche, ist 
der Vollendete nicht aufzufinden (ananvejjo). Mich nun, ihr Mönche, 
der ich solches lehre, solches verkünde, bezichtigen einige As- 
keten und Priester in unwahrer, nichtiger, falscher, unehrlicher 
Weise, ich sei ein Verneiner und lehre eines wirklich vor- 
handenen Wesens (sato sattassa) Vernichtung, Zerstörung und 
Untergang. Was ich eben, ihr Mönche, nicht lehre, dessen be- 
zichtigen mich diese. Nur Eines, ihr Mönche, lehre ich, jetzt wie 
früher, nämlich: worin das Leiden besteht und des Leidens Auf- 
hebung. Wenn da, ihr Mönche, andere den Vollendeten schmähen, 
beschimpfen ' oder beleidigen, so wird er dadurch nicht entrüstet, 
unzufrieden und mißmutig gestimmt. Und wenn da, ihr Mönche, 
andere den Vollendeten verehren, achten, werthalten und würdigen, 
so wird er da nicht etwa von Entzücken und Freude erfüllt und 
aufgeblasen im Geiste. Wenn da, ihr Mönche, andere den Vol- 
lendeten verehren, achten, werthalten und würdigen, so sagt sich 
der Vollendete: „Weil dies eben zuvor richtig bedacht wurde, 
darum werden mir solche Ehrenbezeigungen zuteil." Wenn also. 



^) Den hier folgenden Text übersetzt Neumann: . . . lauernd zu versuchen 
wagen selbst die Indra-, Brahma und Pajapatigötter nicht: „Gefestigt ist dieses 
Vollendeten Bewußtsein." 

^) „idam** ist hier offenbar Adverb, von der Bedeutung „hier" und nicht 
zu vinnanam gehörendes Adjektiv Pronomen. 

^) Der Kommentar sagt, daß an dieser Stelle Tathagata entweder die Be- 
deutung „Wesen, Geschöpf* (satta) habe, oder vielleicht als Bezeichnung des 
vollendeten Mönches gebraucht sei. Trenckner hingegen hält dafür, daß 
dieses Wort hier im ursprüngl. Sinne gemeint sei und zwar als „ein Solcher**. 



14 Zum Problem des Ich 

ihr Mönche, auch euch andere schmähen, beschimpfen oder be- 
leidigen, so sollt ihr dadurch nicht entrüstet, unzufrieden und 
mißmutig gestimmt werden. Und wenn da, ihr Mönche, auch euch 
andere verehren, achten, werthalten und würdigen, so sollt ihr da 
nicht von Entzücken und Freude erfüllt werden und aufgeblasen 
im Geiste. Wenn also, ihr Mönche, euch andere verehren, achten, 
werthalten und würdigen, so sollt ihr euch da sagen: „Weil dies 
eben zuvor richtig bedacht wurde, darum werden uns solche 
Ehrenbezeigungen zuteil." 

„Darum, ihr Mönche, gebet auf, was euch nicht angehört: das 
von euch Aufgegebene wird euch lange zum Heil und Segen gereichen. 
Was aber, ihr Mönche, gehört euch nicht an? Die körperliche Form, 
ihr Mönche, gehört euch nicht an, — das Gefühl gehört euch nicht 
an, — die Wahrnehmung gehört euch nicht an, — die geistige 
Gestaltung gehört euch nicht an, — das Bewußtsein gehört euch 
nicht an. Das gebet auf! das von euch Aufgegebene wird euch lange 
zum Heil und Segen gereichen;** 

„Sagt, ihr Mönche, wenn da ein Mensch alle Gräser, Hölzer, 
Zweige und Blätter in diesem Jetahaine wegholen oder verbrennen 
oder damit nach Belieben verfahren sollte, würdet ihr da wohl 
denken: Uns holt der Mensch weg, uns verbrennt er, oder mit uns 
verfährt er nach Belieben?** 

„Nein, o Ehrwürdiger. Denn dies ist ja nicht unser Ich oder 
dem Ich Angehörendes.** 

„Ebenso, ihr Mönche, gebet auf, was euch nicht angehört, das 
von euch Aufgegebene wird euch lange zum Heil und Segen gereichen. 

Somit, ihr Mönche, habe ich das Gesetz wohl dargetan, offenbart, 
erschlossen, beleuchtet, enthüllt. Was es nun da, ihr Mönche, in 
diesem von mir wohl dargetanen Gesetze an Mönchen gibt, die 
Heilige sind, Leidenschaftserlöste, Ausgelebte, die ihre Aufgabe 
erfüllt, die Bürde abgeworfen, ihr eigenes Heil errungen, die Daseins- 
fesseln zerstört haben und in rechter Weisheit erlöst sind, so gibt 
es für diese keine Daseinsrunde mehr, daß man sie etwa aufreizen 
könnte.** ^) 



*) vattam n'atthi tesam pannapanaya. 



Aus Majjhima-Nikayo 22 15 

Die Mönche aber, in denen die fünf niederen Fesseln geschwunden 
sind: alle diese erscheinen in geistiger Welt wieder und dort er- 
reichen sie das Nirwahn, kehren nicht mehr zurück von jener 
Welt.*) Die Mönche aber, in denen die drei Fesseln geschwunden 
und Gier, Haß und Verblendung abgeschwächt sind: alle diese 
kehren noch einmal wieder, und nur einmal zu dieser Welt zurück- 
gekehrt, werden sie dem Leiden ein Ende machen. Die Mönche 
aber, in denen die drei Fesseln geschwunden sind: alle diese sind 
in den Strom eingetreten, den verstoßenen Welten nicht mehr aus- 
gesetzt, gesichert, der vollen Erleuchtung gewiß. Die Mönche aber, 
die Gesetzesergebene oder Vertrauensergebene sind: alle diese sind 
der vollen Erleuchtung gewiß. Diejenigen aber, die zu mir von 
Vertrauen und Liebe erfüllt sind: alle diese sind des Himmels gewiß.*^ 



*) tasma loka übersetzt Neumann: „Zu dieser Welt." 




Ich betrachte die Wohlfahrt aller Menschen als etwas, für das 
ich wirken muß. Asoka-Inschrift. 

Worin besteht Religion? Darin, daß man so wenig wie möglich 
Leid verursacht, daß man Gutes im Überfluß hervorbringt und im 
Leben Liebe, Erbarmen. Wahrhaftigkeit und Reinheit in gleicher 
Weise pflegt. Asoka-Inschrift. 



16 



Über einen Vers des Dhammapada 



Über einen Vers des Dhammapada 

Von Dr.Paul Dahlke. 

„Im Menschenschoß taucht mancher auf, 

Im Höllenschoß der Bösewicht 

Der gute Mensch zum Himmel geht; 

Gänzlich verlöschen Triebfreie". 

Vers 126. 



Ijjas ist ein ernsthafter Vers, der die ganzen religi- 
ösen Möglichkeiten, welche der Buddhismus d. h. 



D 



i 






die Wirklichkeit bietet, in Einem zusammenpreßt. 
Religion ist nicht Gottglaube, sondern die Frage 
nach dem „Jenseits des Lebens". Nur wo diese 
Frage nicht aus der Wirklichkeit heraus gelöst 
werden kann, setzt „Gott" als ein religiöser Hilfs- 
begriff ein, dessen Notwendigkeit für gewisse Entwicklungsstu- 
fen der Menschheit wir freilich anerkennen, über dessen Natur 
als bloßer StützbegrifP der geistig erwachsene Mensch sich aber 
nicht im Unklaren bleiben darf. Die Lehre der Glaubensreligionen: 
daß der Mensch von Vater und Mutter gezeugt, von Gott mit einer 
ewigen Seele begabt wird und auf Grund dieser ewigen Seele nach 
dem Tode dem ewigen Leben im Himmel oder der Hölle verfällt 
— solche Lehre paßt nicht für geistig Erwachsene, weil sie nicht 
zur Wirklichkeit paßt. 

Der Buddhismus, als die Religion der geistig Erwachsenen, gibt 
auf die Frage: „Woher stamme ich?" die Antwort: Aus der Wirk- 
lichkeit d. h« aus der eigenen früheren Daseinsform. „Wohin gehe 
ich?" — In die Wirklichkeit d. h. in die eigene, nächste Daseinsform» 
„Und was ist das für eine nächste Daseinsform?" — Mensch, 
das kommt auf dich selber an. Du bist Wirken, Kamma. Je nach- 
dem Wirken in diesem Leben beschaffen ist, wird naturgemäß dein 
nächstes Leben beschaffen sein, nicht nur seinem Gehalt an Lust 
und Leid nach, sondern auch seiner biologischen Eigenart nach. 



Von Dr. Paul Dahlke 17 

Glaub' nicht, daß damit, daß du jetzt Mensch bist, Menschtum 
nun dein Höriger geworden ist auf immer. O nein. Du bist nicht 
Mensch, sondern du bist Wirken und je nach Art und Beschaffen- 
heit deines Wirkens richtet sich, bildet sich, ballt sich die Form, 
unter welcher das Wirken sich erlebt, sich auslebt. Menschtum 
ist nur eine der Möglichkeiten in der anfangslosen Reihe der 
Wiedergeburten. Soll diese bevorzugte Möglichkeit sich weiter ver- 
wirklichen, so muß sie immer wieder neu erworben werden. 

„Und wodurch wird sie erworben?" — Dadurch, daß man gutes 
Wirken in sich fördert, schlechtes Wirken in sich zum Schwinden 
bringt. 

„Und was ist gutes Wirken?" — Das was nicht der Selbstsucht 
dient. Gier dient der Selbstsucht, Haß dient der Selbstsucht, Wahn 
dient der Selbstsucht. Gegen sie muß man ankämpfen, sie muß 
man versuchen zum Schwinden zu bringen, dann wird einem 
würdigen Leben in der Gegenwart ein würdiges nächstes Leben 
entsprechen. 

Kämpfst du aber nicht an, versagst du in deinem Wirken, so 
mag es wohl sein, daß du in unwürdiger Lebensform wieder er- 
stehst, an den untersten Grenzen des Menschtums, ja gar außer- 
halb desselben; denn, so lehrt der Buddha, von den Wesen werden 
wenige als Menschen wiedergeboren ; viel mehr werden in tierischer 
Gestalt wiedergeboren. Und das nicht auf Grund eines Schicksals- 
spruches, sondern auf Grund ihres eigenen Wirkens. Also, Mensch, 
lerne dieses vor allem begreifen, daß dein eigenes Wirken die 
Schmiede ist, in der deine Zukunft, dein nächstes Leben, dein 
Jenseits sich selber hämmert: Gutes Wirken gute Folge; schlechtes 
Wirken schlechte Folge. Wie sollte es auch anders sein. 

Wie schlechtes Wirken dich nach abwärts führen kann, in tieri- 
schen Schoß, so kann gutes Wirken dich nach aufwärts führen, in 
himmlische Welt, wo Leben leichter, köstlicher, langdauernder sich 
lebt — in unerhörten Möglichkeiten, die wir nicht einmal zu ahnen 
vermögen, zu ahnen wagen. Aber glaube nicht, daß du hier in eine 
Ewigkeit dich retten kannst. „Götter, Götter" sagen die Menschen 
wohl und meinen etwas Ewiges. Aber Wirken ist nicht ewig und 
seine Folge auch nicht. Abgenütztes Wirken führt zu neuem Dasein ; 



18 Über einen Vers des Dhammapada. — Von Dr. Paul Dahlke 

davor schützt kein Götterleben, kein Indra- und Brahma-Sein. Der 
Samsara kreist und reißt Menschen wie Götter in seine Strudel. 

Willst du Ruhe haben für immer; willst du eingehen in das 
Ewige, in das Todlose, so gibt es nur einen Weg: Aufhören des 
Wirkens, des guten wie des bösen. Wirken kann nur aufhören, 
wenn der Trieb zum Wirken, der Daseinsdurst aufhört. Der aber 
kann nur aufhören, wenn Nichtwissen, d. h. Nichtwissen über die 
Natur des Lebens aufhört. 

Hört Wirken auf, hört Dasein auf. Denn ich habe ja Wirken 
nicht als Funktion eines Ich-Tuers, sondern ich bin Wirken selber. 
Ein solches, in rechter Einsicht, in rechtem Wissen triebfrei ge- 
wordenes Dasein das rollt freilich noch ein Weilchen fort, in der 
Nachwirkung der früheren Anstöße, etwa wie der Kreisel sich noch 
ein Weilchen weiter dreht, auch wenn keine Peitsche ihn mehr 
trifft, und wie die Flamme noch ein Weilchen weiter brennt, auch 
wenn sie keine Nahrung mehr erhält. Ist aber diese Spanne Zeit 
verflossen bis zu jenem Augenblick, wo der Körper natürlichen 
Gesetzen folgend zerbricht, dann kann aus solchem Dasein kein 
neues Dasein mehr keimen. Der Hauserbauer ist entdeckt, er ist 
beruhigt, gestillt, zum Versiegen gebracht. Der Hauserbauer ist der 
Daseinsdurst, der Lebenstrieb. Ist er im Wissen geschwunden, so 
ist zu Ende die Kette der Wiedergeburten. Kein neues Glied schließt 
an; kein neues Dasein folgt — nicht diesseits, nicht jenseits; 
nicht irgendwo, nicht irgendwie. Es ist eben das Ende, es ist das 
Verlöschen für immer, daher heißt es: 

„Gänzlich verlöschen Triebfreie." 

Das ist das Höchste was der Buddhismus d. h» die Wirklichkeit 
zu vergeben hat. 




Die Tropennatur als Führerin zur Abkehr vom Leben.— V. Dr. K.Guenther 19 



Die Tropennatur als Führerin zur 
Abkehr vom Leben 

von Dr, Konrad Guenther (Univ.-Professor in Freiburg i. Br.) 

Ich habe mich früher manchmal darüber gewundert, wie die 
Lehre des Buddha, daß alles Existierende veränderlich, mit Leid 
verknüpft und wesenlos sei, in der reichen Tropennatur entstehen 
konnte. Wissen wir doch, wie wichtig für die Entwicklung eines 
Menschen die Eindrücke der Umwelt sind. Und man sollte denken, 
daß die Lehre von der Weltabkehr eher im kalten Norden ent- 
standen sein müßte, oder höchstens in der Wüste, dort wo die 
Natur dem Menschen feindlich gegenübertritt, und das ganze Leben 
ein mühseliger Kampf ist, das wenige, was sie geben kann, ihr 
abzuringen. Eine solche Natur predigt gewissermaßen Tag und 
Nacht, daß das Leben mit Leid verknüpft und wesenlos sei. In 
den Tropen aber, und nun gar im reichen Indien wirft die Natur 
ihre Schätze dem Menschen in den Schoß. Die Obstbäume wachsen 
von selbst, zerstörende Nachtfröste gibt es nicht. Die Banane, deren 
lange und brfeite saftgrüne Blätter wir auch im Sommer in unseren 
Anlagen finden, bringt, ohne besonderer Pflege zu bedürfen, 40 kg 
Früchte hervor. Damit ist aber ihre Ergiebigkeit noch gar nicht 
erschöpft. Der Hauptstamm freilich stirbt nach der Fruchtreife ab, 
aber nun erscheinen in schnellem Wuchs Nebensprossen, die bereits 
nach wenigen Monaten ebenfalls Früchte bringen. Im Ganzen liefert 
eine Banane somit über zwei Zentner Früchte. 

Außer den Bananen gibt es noch eine ganze Anzahl anderer Früchte, 
Mangos, Mangostans, Passifloren, Durians oder wie sie alle heißen. 
Sie sind mehl- und eiweißhaltiger als unsere Früchte und können 
daher besser das Leben erhalten. Manche, wie die Papajamelone, 
führen sogar Pepsin und fördern die Verdauung. Dazu kommt 
dann als Getreide der Reis, der ebenfalls längst nicht die Arbeit 
macht wie unsere Feldfrüchte. Wenn ich mit meinem „Boy" auf 
Ceylon durch die Dörfer ging und die Männer vor ihren Hütten 
hocken sah, die Arme lang über die Knie gelegt und aus großen 



20 Die Tropennatur als Führerin zur Abkehr vom Leben 

dunklen Augen dem Vorübergehenden nachsehend, fragte ich ihn 
oft, ob die Leute nichts zu tun hätten, und dann war immer die 
Antwort, jetzt verlange der Reis keine Arbeit. Vom Reis aber kann 
man leben. Die Eingeborenen essen als Zukost noch kleine gesalzene 
Fischchen, die das Meer überreich liefert, und haben damit genug. 

Und nun die ideale Seite der Sache! Im Norden, in der halb- 
jährigen Nacht läßt sich gut denken, daß da die Leute die Lebens- 
lust verlieren. Sogar bei uns in Hamburg dünkt einem das Leben 
trübe und nicht lebenswert, wenn wochenlang der Nebel über der 
Stadt lastet. Ohne Sonne keine Lebensfreude! Aber die Tropen 
sind doch recht eigentlich das Land der Sonne! Und nun die 
Natur selbst! Unsere Lieder verknüpfen die wehmütigsten Stimmungen 
mit Recht am liebsten mit den kahlen Ästen und dem Grau des 
Winters. In den Tropen aber ist die Natur ewig grün. Ja, wir haben 
immer gelesen, daß sie dort in besonderer Üppigkeit das Auge 
erfreue, daß sie in Farben und im Duft schwelge. Wenn man die 
Schilderungen eines Haeckel liest, wird man zu der Ansicht gebracht, 
daß die Tropennatur an Schönheit und Pracht die unsere weit 
hinter sich lasse. Und nun gar in Romanen und Erzählungen! Die 
Begriffe „tropische Üppigkeit, tropische Farbenpracht" usw. haben 
sich bei uns festgewurzelt, und jeder stellt sie sich nun einfach 
vor, indem er die üppigste und schönste Natur, die er in der 
Heimat kennt, als Grundlage nimmt und sie nun um das vielfache 
steigert. Das ergibt ihm dann die Tropennatur. 

Mit solchen eingewurzelten Vorstellungen reiste ich vor nun 
gerade zehn Jahren — es ist mir noch wie heute — nach Ceylon, 
um dort einen Winter mit zoologischen und botanischen Studien 
zu verbringen. Da wurde ich denn zunächst enttäuscht, als ich 
sah, daß das Urbild der Vorstellung durchaus nicht entsprach. Und 
ich bin überzeugt, daß das bei jedem Reisenden der Fall ist, dem 
daran liegt, vorgefaßte Meinungen an der Wirklichkeit zu korrigieren. 
Ich machte es mir nun zur Aufgabe, zu ergründen, was nun eigent- 
lich das Wesen der Tropenlandschaft sei und wie für ihr Antlitz 
die naturwissenschaftliche Begründung herbeizubringen sei*). 

*Guenther Einführung in die Tropenwelt. Erlebnisse, Beobachtungen und 
Betrachtungen eines Naturforschers auf Ceylon. Leipzig. W. Engelmann. 1911. 



Von Dr. Konrad Guenther 21 

Die Tropenwelt ist so anders als unsere, daß wir die bei uns 
gewonnenen Vorstellungen erst abtun müssen, wenn wir sie ver- 
stehen wollen. Erst nach mehreren Wochen gewinnt man Verständnis 
für sie, und dann erst geht einem ihre Schönheit auf. Natürlich 
kommt in der Tropennatur reichste Üppigkeit zur Entfaltung, aber 
diese äußert sich so anders, wie bei uns, daß wir sie zunächst gar 
nicht „üppig" nennen wollen, ja, daß dem unbefangenen Beobachter 
die Vegetation in einem Steinbruch bei uns oder am Teich üppiger 
dünkt als die Indiens. 

Der Gegensatz in der Entwicklung der beiden Vegetationen besteht 
vor allem darin, daß unsere Pflanzenwelt mit einer halbjährigen 
Winterruhe zu rechnen hat, die tropische aber nicht. Somit häuft 
sich bei uns im Sommer, was sich dort aufs ganze Jahr verteilt. 
Der Frühling ist bei uns die Zeit des frischesten Blätterentfaltens, 
und eine Unzahl von Pflanzen treiben gleichzeitig ihre Blüten. Ja, 
auch die später Blühenden folgen doch innerhalb weniger Monate. 
So erklärt diese Gleichzeitigkeit oder doch nur kurze Auf- 
einanderfolge des Blühens die Entwicklung eines Farbenreichtums 
in unserer schönen Jahreszeit, die in den Tropen, wo sich die 
Blüten auf das ganze Jahr verteilen, nicht erreicht werden kann. 
Auch der Duft steigert sich dadurch bei uns. Dazu kommt der 
Geruch der Erde beim Auftauen des Schnees und der des Waldes 
im Herbst beim Blätterfall. Beides fehlt in den Tropen, deren Wald 
außerdem die Nadelhölzer vermissen läßt, die mit ihrem Harz 
unserem Forst den schönsten, kräftigsten Duft verleihen. 

Zweitens muß unsere Pflanzenwelt auch die Blätter in mindestens 
doppelter Zahl hervorbringen, als die tropische. Der Leser wird 
wissen, daß das grüne Blatt der Pflanze das kleine chemische 
Laboratorium darstellt, in welchem mit Hilfe des Sonnenlichtes aus 
der Luft und den Nahrungsstoffen, die durch die Wurzeln aufgesaugt 
werden, die organische Substanz des Pflanzenkörpers bereitet wird. 
Unsere Pflanzen können somit an ihrem Körper nur wenige Monate 
bauen, sie müssen infolgedessen wie in einer Fabrik die doppelte 
Zahl Arbeiter gewinnen. Daher die Blätterfülle unserer Bäume. 
Der tropische Baum ist viel blätterarmer als der unsere, hat aber 
dafür seine grünen Organe das ganze Jahr. Überall sieht man beim 



22 Die Tropennatur als Führerin zur Abkehr vom Leben 

tropischen Baum zwischen Stamm und Äste hindurch. Das dichte, tief 
schattende Laubdach einer Kastanie, der ernste Schatten des Buchen- 
waldes oder gar die tiefe Dämmerung des Tannenforstes ist in den 
Tropen nicht zu finden. Der tropische Urwald ist licht und durch- 
sichtig, die Sonne leuchtet bis auf den Boden. 

Drittens! Von unseren Pflanzen hat nur ein kleiner Teil den 
Kampf mit dem Winter aufgenommen, sich mit Schutzorganen ver- 
sehen und Wind und Wetter getrotzt. Die meisten haben den Kampf 
gar nicht erst versucht. Alles Oberirdische stirbt bei ihnen im Herbst 
ab, und nur die Wurzeln oder gar nur der Samen warten im warmen 
Erdreich die Kälteperiode ab. Wenn diese Gewächse aber jedes 
Jahr wieder vom Boden aus wachsen müssen, können sie natürlich 
nicht hoch werden. Darum ist die Hauptzahl unserer Pflanzen 
krautartig, wir haben nur 36 eingesessene Baumarten. Auf Java 
allein hingegen gibt es 1500 verschiedene Baumarten, auf Ceylon 
sind es nicht weniger, dazu kommen noch die Lianen, die ebenfalls 
armesdicke Holzstämme bilden, und deren man in den Tropen 
bis jetzt 2000 Arten kennt, während es bei uns nur drei gibt, 
Efeu, Waldrebe, Geisblatt. Aus dieser verschiedenen Entwicklung 
erklärt sich ein neuer Gegensatz. Unsere Pflanzenwelt liegt uns 
in ihrem Hauptteil zu Füßen. Wir überschauen tausende von 
Kräutern auf der Wiese, und wenn sie blühen, gibt es eine un- 
endliche Farbenpracht. Einen derartigen Blumenteppich haben die 
Tropen nicht aufzuweisen. Hier wächst alles in die Höhe. Hoch 
oben schaukeln im Urwald die Blüten der Bäume, dem Wanderer 
oft unsichtbar. Im tropischen Urwald fällt vor allem die gewaltige 
Holzentwicklung auf, die man bei der verhältnismäßig dünnen 
Belaubung der Bäume überallhin verfolgen kann. Mächtig steigen 
die riesigen Stämme aus dem Boden, zum Teil mit hohen bretter- 
artigen Wurzeln verankert. Manche Bäume, wie die tropischen 
Feigenarten, senden aus den Zweigen neue Stämme nach unten, 
sodaß ein Baum einen ganzen Säulenwald bildet. Von Ast zu Ast, 
von Stamm zu Stamm ziehen wie dicke Seile die Lianen. So gleicht 
der Urwald einem riesigen Gerüst, man möchte sagen, er ist drei- 
dimensional gebaut, während der unsere nur in die Höhe wächst. 
Zur starken Holzentwicklung gehört natürlich gewaltige Kraft, aber 



Von Dr. Konrad Guenther 23 

an sie wird niemand denken, der von unseren Begriffen pflanzlicher 
Üppigkeit ausgehen will. 

Diesen Begriffen entsprechen endlich auch nicht die Blätter. 
Wer sich einen üppigen Pflanzenwuchs vorstellen will, wird doch 
zunächst an eine Fülle grüner, saftiger Blätter denken. Die weitaus 
meisten Tropenpflanzen haben aber Blätter, die keinen saftigen, oft 
nicht einmal einen frischgrünen Eindruck machen. Sie sind wie 
die Blätter des Lorbeers oder Kirschlorbeers, lederartig, dick, dunkel, 
glänzend, lichtundurchlässig. Und die jungen Blätter, die bei unseren 
Pflanzen frischestgrünes Aussehen haben, sind bei den tropischen 
Bäumen meistens gelb, braun oder rot, sie sind aufgerichtet oder 
hängen in Büscheln, wie Schoten herunter. Die Ursache dieses Ver- 
haltens liegt in der überstarken Lichtfülle der Tropen. In unserem 
Klima bemühen sich die Blätter, möglichst alle Sonnenstrahlen 
aufzunehmen, sie bieten ihnen die zarte Fläche möglichst wagrecht, 
> wie das bei den schirmartig ausgebreiteten Zweigen der Rotbuche 
so schön zu sehen ist, und lassen sich von dem freundlichen Tages- 
gestirn ganz durchleuchten. Ein derartiges Verhalten der starken 
tropischen Sonne gegenüber aber würde zur Austrocknung und 
Verbrennung führen. Hier schützen sich die Blätter gegen allzu- 
starke Bestrahlung durch lederartige Haut und werfen mit glatter 
. blitzender Oberfläche die Strahlen zurück. Auch die braunen und 
roten Farben bezwecken die Verhinderung zu starker Durchleuchtung, 
und wenn die jungen Blätter in Schöpfen am Astende herunter- 
hängen, so suchen sie durch Aneinanderdrängen sich vor der Sonne 
zu schützen und ebenso durch ihre Lage, in der die Strahlen sie 
nicht quer treffen, sondern an ihnen entlang gleiten. 

Diese Art des Laubes macht nun auf unser Auge einen ganz 
anderen Eindruck als das unsrige. Unsere Landschaft gleicht einem 
mit zarten, duftigen Farben gemalten Aquarell, die tropische einem 
Ölgemälde. Man hat das Gefühl, daß die durchscheinenden, licht- 
grünen Blätter unserer Bäume von unserem Auge aufgesaugt, die 
tropischen abgestoßen werden. Hier Transparent, dort Reflexion. 
Sieht man gar von Bergeshöhen auf einen Wald oder Palmenhaine 
— die Palmen sind meistens Kulturpflanzen — so zeigt sich eine 
glitzernde Masse, die mehr grau als grün erscheint. Und ein solcher 



24 Die Tropennatur ais Führerin zur Abkehr vom Leben. —V. Dr. K. Guenther 

Anblick ermüdet unser Auge. Dazu kommt, daß die Tropenbäume indi- 
vidueller wirken als unsere» Jeder tritt aus dem Bilde des Urwaldes 
heraus, wozu noch kommt, daß die, welche junge Blätter tragen, rot 
leuchten, andere braun sind und wieder andere gelb. Besonders im Hoch- 
land von Ceylon wirkt der Wald unendlich abwechslungsreich. Baum- 
kuppel hebt sich von Baumkuppel ab, viele sind in anderen Farben, und 
jede tritt in der klaren Luft der Höhen mit unerhörter Plastizität 
hervor. Auch dieser Anblick, so verblüffend schön er ist, ermüdet 
das Auge bald. Bei uns sieht man über weite gleichmäßig grüne 
und gedämpfte Flächen, die Töne laufen allmählich ineinander über, 
wir fassen leicht ein Gesamtbild. In den Tropen bleibt das Auge 
an den Einzelgestalten hängen, hier könnte man wirklich sagen: 
„Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht." 

Somit sind wir zu dem gekommen, von dem wir ausgegangen 
sind, und wissen es nun : gerade die Tropenlandschaft ist geeignet, 
einem tiefen Gemüt den Gedanken der Abkehr vom Leben ein- 
zugeben. Denn sie ermüdet bei aller ihrer Pracht, ja diese Empfindung 
kann sich bis zum Unbehagen steigern. Und auch der Reichtum der 
Tropen mußte zu der Erweckung eines solchen Gedankens bei- 
tragen. Wer in Armut lebt, erhofft vom Leben vieles und seine 
Phantasie sieht in ihm um so größere Schätze, je weniger sie ihm 
zugänglich sind. Der Reiche hingegen, der bereits alles genossen 
hat, kommt leicht zum Überdruß, ihm winken keine geheimnisvollen, 
goldenen Berge mehr. Vom reichsten Fürsten auf der Höhe seines 
Glückes, von Salomo stammen die Worte: „Es ist alles isitel, es 
ist alles ganz eitel!" 

Ich könnte mir gut vorstellen, daß der Buddha auf der Höhe 
eines Berges stand und über die glitzernde Landschaft schaute. Und 
sein Auge ermüdete. Da bildeten sich ihm die Worte: 

„Wer mit erkenntnisreichem und ernstem Geiste 

Der Eitelkeit hat entsagt. 

Sieht von erklommener Höhe der Weisheit 

Unter sich tief die Toren. Er blickt 

Lächelnd auf den sich mühenden Haufen 

Wie von des Berges Gipfel ins Tal." 



Ein Blütenstrauß. — Buddha-Gaya 25 



Ein Blütenstrauß 

Buddha-Gaya 

1. (Majjhimanikayo, 36. Suttam:) 

„Indem ich nun so forschte, wo das Glück sei, und nach dem 
unübertrefflichen Weg zum Frieden suchte, da kam ich, während 
ich im Lande Magadha von Ort zu Ort wanderte, nach Uruvela, 
der Heerstadt. Da sah ich ein reizendes Fleckchen Erde, einen 
lieblichen Wald und einen klar dahinfließenden Fluß, gute Bade- 
gelegenheit bietend, und ganz entzückend und auf allen Seiten 
Wiesen und Dörfer. Da kam mir der Gedanke: Entzückend wahr- 
lich ist dieser Fleck Erde; heiter ist der Waldesgrund, der Fluß 
strömt hell dahin, zum Baden geeignet, erfreulich, und rings um- 
her liegen Wiesen und Felder. Das genügt wohl einem Askese 
begehrenden edlen Sohn zur Askese. Und ich ließ mich dort nieder, 
indem ich dachte: Passend ist dieser Ort zur Askese." 

2. (Buddha-Carita. V. 1025 ff., übersetzt von Th. Schnitze.) 
Der Bodhisatva wandert einsam weiter und nahm den Weg zu 

jenem Baum des Heiles, in dessen Schatten er vollenden könne 
sein Streben nach vollkommener Erleuchtung. Auf offenem, ebenen 
Grund bedeckt, mit weichem und zartem Rasen ging er vorwärts 
gleichwie ein Löwe, Schritt vor Schritt, indessen weithin die Erde 
unter seinem Fuß erbebte. 

3. (Die Reise des Prinzen Waldemar nach Indien in den 
Jahren 1844—46, S. 153 ff.) 

Hier sah Prinz Waldemar auch zum ersten Mal den Gangesstrom. 
Sein erster Gang war zu dessen Ufer gerichtet, der zweite nach 
den berühmten Ruinen von Buddha Gaya, etwa eine Meile von 
dem heutigen Gaya entfernt. 

Das Hauptgebäude bildet ein großes Quadrat von Backsteinen, 
in welchen auf allen vier Seiten Hautreliefs, Meisterwerke der 
alten orientalischen Kunst, eingehauen sind. Die Figuren, mit großer 
Sorgfalt und genauer anatomischer Kenntnis, gearbeitet, zeigen in 
ihrer Haltung mehr Geschmack als die egyptischen und mehr Ak- 



26 Ein Blütenstrauß 



tivität als die griechischen, doch stehen sie den letzteren an Schön- 
heit, Verhältnis und Schärfe der Linien nach. Der Turm, welcher 
sich über dem Hauptgebäude erhebt und das ganze Quadrat ein- 
schließt, verjüngt sich nach obenhin und endet in einer säulen- 
artigen Spitze mit runder vorstehender Basis; an den Seiten befin- 
den sich reiche Gruppen in Basrelief mit Geschmack und Kunst 
ausgeführt. Den Eingang zu diesem Turme bildet ein verfallenes 
Tor, zu welchem man auf einer ebenso verfallenen Treppe gelangt. 
Ringsum haben sich mit der Länge der Zeit große Schuttmassen 
angehäuft, wodurch das Ganze sehr viel von seinem Ansehen verliert. 

Jetzt steht der Tempel, dessen Architektur von der aller andern 
Bauwerke der Umgegend sehr verschieden ist, und der auch älter 
als diese zu sein scheint, verlassen da und ist so zerfallen und 
durchlöchert, daß man sich fast wundern muß, ihn noch aufrecht 
zu sehen. Neun Jahrhunderte sind dahin gerollt, seit die Kniee der 
Betenden sich vor diesen Altären gebeugt haben. Jetzt ist er nur 
noch Aufenthalt für Fledermäuse und Schlangen. Der Buddhaglauben 
kann in dieser Gegend als völlig erloschen betrachtet werden, und 
nur aus fernen Teilen des Landes sollen noch gelegentlich Pilger- 
scharen kommen, um seine Monumente zu besuchen. 

4. (Koppen, Die Religion des Buddha. 1857. Bd. L S. 92.) 

Die Ruinen von jenem Buddha -Gaya, in dessen Umgebungen 
Gautama sechs Jahre lang als Asket gelebt, erheben sich nordöstlich 
von der heutigen Stadt Gaya am linken Ufer des Niladschan, eine 
Tagereise südlich von Patna, eine wüste Schutt- und Steinmasse. 
Die ungeheure Menge von Steinbildern, welche sechs bis acht 
Stunden im Umkreise gefunden werden, zeugen noch jetzt von der 
einstigen Heiligkeit des Ortes. Noch steht, wenn auch oft neu ge- 
pflanzt, jener Feigenbaum, unter welchem sich der Bodhisatva 
zum Buddha verklärt hat, noch jener „Thron der Intelligenz", auf 
welchem alle Buddhas der drei Zeitalter gesessen haben und sitzen 
werden, zahlreiche Asketen siedeln an der Stätte, die von gläubigen 
Buddhisten noch jetzt für den Nabel der Erde gehalten und durch 
Wallfahrten und Missionen geehrt wird. 

In der Zeit, in welcher die oft genannten chinesischen Pilger 
(Fabian und Hiuentsang) den Ort besuchten, erhoben sich daselbst 



Buddha-Gaya 27 



weitläufige geistliche Etablissements. Bei jedem Schritte ragt eines 
derselben, stößt man auf heilige Denkmäler, Klostertempel und 
Türme. Der Bodhibaum, in den Tagen des Buddha angeblich zwei- 
hundert Fuß hoch, war damals (um 600 n. Chr.), durch die Ruch- 
losigkeit der Ketzer, die ihn öfters umgehauen und verstümmelt 
hatten, auf den vierten Teil seiner einstigen Höhe reduziert worden. 
Auf dem Hof des Hauptklosters sah man den Thron oder Dia- 
mantensitz. 

5. (Neumann in Reden B. Bd. I. 1896. S. 271, Anm.) 

Die Umgebung von Benares, wald- und wasserreich, ist flach; 
doch sieht man da und hier anmutige kleine Erd- und Steintumuli, 
von mächtigen Bäumen und Baumgruppen umstanden. Eine Tag- 
reise südöstlich liegt die uralte Gayastadt, an der freundlichen 
hellen Gaya, die heute Phalgu genannt wird; ein schöner Spazier- 
gang den Fluß entlang führt zu dem berühmten Tempel des Dorfes 
Buddha Gaya. Ureli, einst Uruvela, ist einen Tagemarsch weiter 
nach Süden gelegen, drüben am rechten Ufer, an einem Knie der 
hier Lilanja, früher Neranjara genannten mittleren Gaya. 

Die Landschaft mit ihren schattigen Auen und weiten Wiesen 
und sanft bewaldeten Hügeln und Felsen im Hintergrund erinnert, 
bei auffallend zurücktretender Tropen Vegetation, an die untere 
Maingegend. 

6. (Fürst Es per-Uchtomski in Grünwedel — : Mythologie des 
Buddhismus etc. 1900. S. 24 ff.) 

Buddha Gaya wird einst als Magnet dienen, der alle in der 
weiten Welt zerstreuten Anhänger um sich gruppieren kann. 
Gerade dieses Denkmal ist es, dem zwei Drittel Asiens seit vielen 
Jahrhunderten in treuem Andenken an Buddha huldigen, trotz allen 
Widerstandes von selten des Brahmanismus und des Islam. 

Der Tempel, der auf dem Platze errichtet worden ist, wo dem 
allerherrlichst Vollendeten endlich das höhere Licht in der Seele 
aufging, übt schon seit mehr als dreieinhalb Jahrtausenden auf die 
Jünger Buddhas seine Anziehungskraft aus. 

Der unter König Asoka neu errichtete Tempel erhob sich während 
des Mittelalters und noch in unserer Zeit zu wiederholten Malen 
aus den Trümmern. In den letzten Jahren haben die Engländer 



28 Ein Blütenstrauß 



sogar einer allerdings ziemlich kunstlosen Restauration der Heiden- 
tempel der Vorzeit mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Bei Buddha- 
Gaya unternommene Nachforschungen haben den Beteiligten die 
Überzeugung beigebracht, daß in den Mauern des Hauptdenkmals 
wahrscheinlich der „diamantne Thron des weißen Fürstensohnes" 
und Bruchstücke der ersten Statue desselben eingemauert sind, 
welche Statue der Legende nach aus folgenden acht Kostbarkeiten 
hergestellt worden ist: aus Kristall, Perlen, Elfenbein, Korallen, 
Rubinen, Saphiren, Amethysten und Smaragden. 

7. (Edmund Hardy: König Asoka. 1902. S. 51.) 

Unfern von den Barabarhöhlen nur etwa 20 e. M. weiter nach 
Süden erhebt sich der berühmte Tempel von Buddha-Gaya und 
hinter ihm auf einer Terrasse der Bodhi- oder Bo-Baum, unter 
welchem Gautama saß, als ihm die höchste Erleuchtung aufging. 

Der Tempel, um 150 n. Chr. errichtet, über der kleinen Kapelle, 
die Asoka östlich vom Baum erbaut hatte, (von Hiuen-Tsang, dem 
chinesischen Gewährsmann Vihara genannt,) erfuhr die letzte Re- 
staurierung in den Jahren 1881 — 82 durch die britische Regierung. 

Die jetzige Höhe beträgt 53,68 m. Der Tempel ist, wie er sich 
nunmehr dem Auge darstellt, durch die Stuckbekleidung modern 
von oben bis unten. Auch an der Stelle des alten Baumes, der 
teilweise den Restaurierungsarbeiten, teilweise den Liebkosungen 
von ceylonesischen und burmesischen Pilgern erlegen ist, blüht 
seit 1885 ein neuer. Dies hindert aber nicht, daß fortwährend die 
Buddhagläubigen mit den Gefühlen der höchsten Ehrfurcht dem Orte 
nahen; und wie die Zukunft schwerlich etwas daran ändern wird, so 
finden wir den Kultus von Buddha-Gaya auch in vergangenen Tagen 
bezeugt, fast bis in das Jahrhundert nach Buddhas Tod. 

8. (Graf Hermann Keyserling, Das Reisetagebuch eines 
Philosophen. 1918. Bd. I. S. 313.) 

BuddharGaya. An dieser heiligsten Stätte des Buddhismus weht 
eine wundersame geistige Luft. Es ist nicht die Atmosphäre des 
Buddhismus als solche, wie ich sie vorgestern erst in Sarnath 
gespürt, nicht die der Andacht überhaupt wie am Ganges oder 
zu Rameshvaram, auch nicht jene Stimmung der Weihe, welche 
jedes große Denkmal umgibt, es ist der eigenste Geist einer Stätte, 



Von Dr. W. B. 29 



wo ein bestimmter Mensch von einzig dastehender Größe sich selbst 
gefunden hat. In erster Linie ist es gewiß die Tatsache, daß Buddha 
eben hier im Schatten des Bodhibaumes, der heute noch grünt, 
seine Erleuchtung fand, — eine Erleuchtung von solcher Intensität, 
daß sie fort und fort in Millionen von Seelen nachleuchtet. Dann 
stellt Buddha-Gaya eine historische Menade dar, so ausschließlich, 
wie nur ganz wenige Stätten dieser Welt; ich wüßte nur noch 
Delphi zu nennen. In einem künstlichen Tale abgeschlossen, ruht 
das Heiligtum, eine Welt für sich, in der jedes an die großen 
Tage von einst gemahnt ; der Tempel, die Steinzäune, die Dagobhas, 
alle stammen noch aus Asokas Zeiten. Endlich tragen die Pilger 
dazu bei, daß die verklingenden Schwingungen immer wieder auf- 
leben. Buddha-Gaya liegt fernab von den Reichen, in denen der 
Buddhismus heute blüht, nicht viele wallfahrten her. Die aber, 
welche den weiten Weg nicht scheuen, meinen es ernst; bloß Neu- 
gierige kommen nicht. Heute weilen einige Birmaner, ein paar 
Japaner und ein Dutzend Tibetaner hier; alle tief durchdrungen 
davon, was Buddha-Gaya für die Menschheit bedeutet, und so 
vibrieren ihre Seelen in Harmonie mit der Stätte selbst. Tiefer, 
heiligster Friede waltet hier, alle Stimmen dämpfen sich von selbst 
und die alten Bäume flüstern sich leise, leise ihre großen Erinne- 
rungen zu. 

Buddha-Gaya ist für mein Gefühl der heiligste Ort der ganzen 
Erde. (Dr. W. B.) 



Wie in finsteren Räumen das Licht einer Lampe die Farben der 
Gegenstände aufhellt, so leuchtet allen Menschen, welchen Standes 
sie auch sein mögen, das Licht der Weisheit, wenn sie sich ihr 
zuwenden. Ein Einsiedler kann das Ziel verfehlen, und ein Welt- 
mann kann ein Weiser werden. Fo-sho-hing-tsan-king. 



Mitteilungen 
des Bundes für buddhistisches Leben 



Als 1914 bei Kriegsbeginn die öffentliche Tätigkeit des B. f. b. L. fast 
völlig eingestellt werden mußte und auch die junge Zeitschrift nicht mehr 
erscheinen konnte, waren der Vorstand des Bundes wie Herausgeber, Verleger 
und Mitarbeiter der Zeitschrift der sicheren Hoffnung, daß es sich nur um 
eine kurze Unterbrechung handeln konnte. Heute, da es uns trotz un- 
geheuerster Schwierigkeiten möglich wird, ein neues Jahr der buddhistischen 
Arbeit zu beginnen, hat sich ein Zeitraum von 5 unendlichen Jahren zwischen 
uns und die Hoffnung jener Tage geschoben. Dieselbe Zeit der Not und des 
unermeßlichen Elends, die uns auch von Freunden getrennt hat, die wir 
heute, bemüht die alte Gemeinde wieder zusammenzuscharen, nirgends mehr 
finden können, die im Dienst ihres Landes den Tod erlitten haben. Es sind 
viele, um die wir klagen. . . . 

Daß wir in diesem Zeitraum, der jede Propaganda lähmte und alle öffent- 
liche Tätigkeit unmöglich machte, doch mit vielen unserer Mitglieder in 
innerlicher Verbindung blieben, daß wir weiterhin Bücher, Drucksachen und 
Broschüren versandten, jede Anfrage mit aller Teilnahme beantwortet haben, 
dieses Bemühen den heiligen Funken nicht verlöschen zu lassen, sehen wir 
heute von unerwartetem Erfolg begleitet: Ganz am Beginn unserer Tätigkeit 
stehend, finden wir Zustimmung und freudige Gefolgschaft von nah und fern. Und 
wir wollen an dieser Stelle und mit dem Gruße Buddhas alle von Herzen 
willkommen heißen und ihnen danken, denen, die aus früherer Zeit uns 
innerlich nah geblieben sind wie jenen, die ihr Weg das erste Mal zu uns 
geführt hat. 

Wenn wir die Neuorganisation des Bundes in die Wege leiten und, in 
äußerstem Widerspruch zu den Verhältnissen des Tages, auch die Zeitschrift 
wieder ins Leben rufen, ist es mehr als die Fortsetzung einer unterbrochenen 
Tätigkeit. Es ist ein neuer Entschluß, der Sehnsucht, die nach Stille und 
Selbsterlösung geht, in schwerem Kampfe abgerungen. Denn wir sehen 
seit jenen Tagen, da aus Schützengraben und Lazarett, aus Verlassenheit 
und schmerzlicher Trauer der Heimat Frage um Frage uns zukam, — wir 
sehen seit jenen Tagen das Leid noch höher gestiegen, hoch bis zu der 
Flut eines Meeres, darin alles zu versinken droht. Was könnte da bleiben 
als dieses eine: helfen zu wollen?! — 

Daß diese Hilfe, um möglich zu sein, so vieler äußerer Mittel bedarf, daß 



Mitteilungen des Bundes für buddhistisches Leben 31 

sie vor allem eine Grundlage im Materiellen bedingt, dies machte jenen 
Entschluß noch besonders gewichtig. Es ist uns eine große Freude mitteilen 
zu können, daß unsere — allerdings ausgedehnte — Propagandatätigkeit, 
mit der wir um die Mitte des November begonnen haben, von einem für 
die kurze Zeit bedeutenden Erfolg begleitet war: sowohl was den Stand der 
MitglieJerzahl als das Zeitschriftabonnement betrifft. An Spenden und 
Beiträgen gingen uns in eben diesen kurzen Tagen gegen 9000 Mark zu 
wir wollen nicht verfehlen, auch hier den Spendern im Namen der Gesell- 
schaft noch einmal herzlichst zu danken. Da es unö außerdem bereits gelungen 
ist, rege und sympathische Verbindungen mit einem Teil des Auslandes her- 
zustellen, dürfen wir der weiteren Entwicklung des Bundes und seiner Zeit- 
schrift hoffnungsvoll entgegen sehen, zumal wir überzeugt sind, daß die 
Mitarbeit unserer Mitglieder uns wesentlich unterstützen wird. 

Dem Zweck einer Verbreitung der Lehre, wie der Bund sie beabsichtigt, 
sollen (abgesehen von der Tätigkeit der Ortsgruppen, über die unten Näheres 
gesagt werden wird) vor allem Vorträge über buddhistische Religion, Kunst 
und Literatur dienen; diese Vorträge sollen in allen größeren Städten Deutsch- 
lands stattfinden. 

Als Mitarbeiter sind die besten Kenner der Lehre im In- und Ausland 
gewonnen. Die Ausstattung der Zeitschrift entspricht den Verhältnissen. Es 
ist beabsichtigt der Rubrik der „Mitteilungen des B. f. b. L." einige Spalten 
anzureihen, darin Mitglieder und Interessenten ihre Ansichten, Pläne, Er- 
fahrungen einander oder der Allgemeinheit mitteilen mögen. Wir bitten Mit- 
glieder, die etwas zu sagen haben, was für weitere Kreise von Interesse 
scheint, Manuskripte für den Sprechsaal uns einzusenden. Späterhin sollen 
die Mitteilungen, die nur den Bund als solchen betreffen, als Anhang und 
von der Zeitschrift gesondert erscheinen, damit für diese ein immer größerer 
Leserkreis in Betracht kommeij kann. Daß der Bezugspreis im Vergleich 
zu dem früheren wesentlich erhöht werden mußte, ist bedauerliche, doch 
unumgängliche Notwendigkeit. Da wir trotzdem den Zeitumständen ent- 
sprechend mit Unkosten stark überhäuft sind, bitten wir Mitglieder und 
Interessenten, deren Gesinnung und finanzielle Lage es möglich machen, 
uns durch freiwillige Beiträge weiterhin entlasten zu wollen. 

Die im Frühjahr 1914 begonnene Herausgabe der Taschenbibliothek, die 
als eine Folge buddhistischer Betrachtungen ui)d Übersetzungen gedacht 
war, mußte mit Nummer 5, wie die Zeitschrift, plötzlich abgebrochen werden. 
Wir beabsichtigen baldige Fortsetzung und weiteren Ausbau der Sammlung 
und werden Näheres in den folgenden Nummern mitteilen. 

Ein Hauptziel seiner Bestrebungen sieht der Vorstand des Bundes in 
der Gründung von Ortsgruppen. Denn was er als Erfüllung fleißigen und 
treuenBemühens erhofft: die allmähliche Einführung der buddhistischen Wahr- 
heiten in das Abendland, um allen denjenigen Buddhas milde Lehre zu bringen, 
die sich bewußt oder unbewußt nach ihr sehnen — diese große Arbeit kann 



32 Mitteilungen des Bundes für buddhistisches Leben 

natürlich nur dann geleistet werden, wenn sie von verschiedenen Punkten 
aus und mit Unterstützung vereinter Kräfte erfolgte. Die Ortsgruppen 
sollen unter Leitung eines Vorsitzenden nach den im allgemeinen gegebenen 
Richtlinien aus sich heraus arbeiten und so jenem grofSen Zwecke dienstbar 
werden; zugleich aber auch die verstreuten Mitglieder sich gegenseitig nahe- 
bringen und ihnen in gemeinsamem Zusammenschluß Stütze und geistige 
Anregung bieten. Auch wo die geringe Mitgliederzahl eine Ortsgruppen- 
gründung im eigentlichen Sinne vorderhand nicht möglich erscheinen läßt, 
könnte ein Zusammenschluß, etwa in der Form eines wöchentlich statt- 
findenden Abends mit Vorlesungen und Diskussion erfolgen. 

Natürlich sind wir in dieser Hinsicht auf die Hilfe unserer Mitglieder 
angewiesen, ja überhaupt von ihr abhängig. Denn gerade in diesem Punkte 
ist das Echo, das unserem Aufruf zurückhallt, alles; wir können nur eine 
Anregung geben, da wir durch die räumliche Trennung zu sehr beschränkt 
sind. Aber wir haben die feste Überzeugung, daß unsere Mitglieder auch 
in eigenem Interesse uns hierin gern und freudig unterstützen werden beson- 
ders durch Angabe der Adressen aller Interessenten; auch daß sich jeweils ein 
Vorstand für die Leitung finden wird, der die Mühe der Organisation auf 
sich nimmt. Gleichzeitig bitten wir auch Adressen vom Ausland, wenn 
möglich, uns vermitteln zu wollen, da wir, wenn auch nach Friedensratifizierung , 
die Trennung der einzelnen Völker zum Teil noch fortbestehen wird, doch 
für einen späteren nicht allzu fernen Zeitpunkt die Möglichkeit freundschaft- 
licher geistiger Zusammenarbeit wieder erhoffen. 

Die erste Ortsgruppengründung, und zwar die der Hauptgruppe München, 
soll gegen Ende Februar erfolgen. Es ist für diesen Abend neben Vorträgen 
über die Lehre, Darbietung buddhistischer Kunst und Literatur durch berufene 
Kräfte vorgesehen. So hat z. B. der bekannte Schauspieler Karl Zistig vom 
Frankfurter Neuen Theater den Vortrag buddhistischer Dichtung in liebens- 
würdigster Weise übernommen. Wir werden in der nächsten Nummer der 
Zeitschrift zugleich mit der Veröffentlichung des Programmes Einladung 
ergehen lassen und hoffen auf eine rege Beteiligung. Ausführlichen Bericht 
über den Verlauf des Abends wird die Märznummer bringen. 

Zum Schlüsse möchten wir noch darauf hinweisen, daß die Einteilung 
dieser Nummer der Zeitschrift für alle folgenden maßgebend ist: die Mit- 
glieder werden die den Bund betreffenden Nachrichten stets in dieser Rubrik 
mitgeteilt finden. Wir bemerken ferner, daß beliebig viele Prospekte zu 
Propagandazwecken zur Verfügung gestellt werden und daß wir auf Wunsch 
auch kleinere Broschüren umsonst oder gegen geringe Vergütung versenden. 
Besonders möchten wir aufmerksam machen auf unser Inserat in dieser 
Nummer, betreffend Gelegenheitskäufe wertvoller buddhistischer Werke wie 
auch der in Einzelnummern bereits vergriffenen Zeitschrift von 1914. Auch 
sind wir zur Lieferung aller buddhistischen Bücher zu Buchhändlerpreisen 



Mitteilungen des Bundes für buddhistisches Leben 33 

gerne bereit. Selbstverständlich fließen alle Oberschüsse aus dem Verkauf der 
Kasse des Bundes zu. 

Wir schließen mit der Hoffnung eines segensreichen Wirkens, unterstützt 
durch die freudige und bewußte Mitarbeit unserer Mitglieder. Es kann ja 
nicht ausbleiben, daß schon durch die geistige Verbindung einer Menge von 
Menschen, die eine Sehnsucht bewegt und ein Wille zum Guten, daß durch 
diese geistige Verbindung ein starkes Karma gesät wird, das früher oder 
später seine segensreiche Wirkung entfalten muß. 

Als Ehrenmitglieder freuen wir uns Bhante Nyanatiloka und Dr. Dahlke 
begrüßen zu können. 



s 



y 



Alle Wesen sehnen sich nach Glückseligkeit; darum umfange 
mit deinem Erbarmen alle Wesen. Mahavamsa. 



Es ist unrecht, den zu überwältigen, der das Mitleid anfleht. 

Laiita -Vistara. 

Wie viele Lebewesen es immer geben mag, ob sie nun schwach 
oder stark, lang, groß, von mittlerer Gestalt oder klein und winzig 
sind, ob sichtbar oder unsichtbar, ob bereits geboren oder vor der 
Geburt stehend: Glückselig mögen alle Wesen sein! Metta-Sutta. 



Wenn wir wissen, daß wir Unrecht begangen haben und uns 
weigern, dies zuzugeben, so machen wir uns einer Pflichtverletzung 
schuldig. Pratimoksha. 

Wovon immer ich denke, daß es recht ist, das wünsche ich in 
die Tat umzusetzen. Asoka-Inschrift. 




Weltschau 



Buddha-Abend im Berliner Lessingmuseum. Zum Besten der not- 
leidenden Wiener Kinder las am 15. Dezember Walther von Eynern Buddha- 
legenden im Vortragssaale des Lessing-Museums vor einem in Anbetracht 
des guten Zweckes leider nur kleinen Kreise von Zuhörern vor. „Im ersten 
Teil gab der Vortragende," wie die „Germania" berichtet, „einen kurzen Über- 
blick über Buddhas Lehre und illustrierte sie im zweiten Teil durch wahr- 
haft künstlerischen Vortrag der von ihm selbst verfassten und verarbeiteten 
Buddhalegenden. Als Proben dieser buddhistischen Lyrik sind wohl „Buddhas 
Geburt", „Das Leiden", „Das Mädchen und der blinde Greis" anzusprechen- 
Die Qualität des Vortrages und der Zweck der Veranstaltung hätte wohl 
einen reicheren Besuch verdient." — Die „Deutsche Zeitung" vom 20. De- 
zember knüpft daran einige Phrasen, wie sie immer und immer wieder von 
solchen vorgebracht werden, die noch nicht tiefer in das Wesen der Lehre 
eingedrungen sind — und gerade „Deutsche Zeitungen" hätten dies beim 
„Buddhismus" als einziger arischer Welt- und Kulturreligion besonders 
nötig. Sie schreibt u.a.: „In den Dichtungen kam der Gedanke des Lebens- 
leids und dessen Oberwindung in oft schönen poetischen Bildern zum Aus- 
druck. Daß nicht alles von gleicher Tiefe des Denkens war, liegt in dem 
Wesen einer doch nur auf Naturanschauung und Lebensgefühl sich gründen- 
den Weltanschauung. Wir selbst stehen einem Neu- Buddhismus ablehnend 
gegenüber. Für Müßiggänger und Schwätzer mag das Nirwana, von dem der 
Buddha Gotamo selbst nicht sagen konnte, was es eigentlich sein sollte, ein 
verlockendes Ziel sein. Forderung der Zeit ist nicht die sich selbst genießende 
Abkehr vom Leben, sondern Arbeit für unser Volk." — 

„Auf Buddhas Spuren". Wie sich die „Elegante Welt" ein Wandeln 
„Auf Buddhas Spuren" vorstellt, zeigt uns ein Artikel dieses Titels in der 
Nummer vom 19. Dezember dieses Berliner Blattes von Wilhelm Clobes, der 
durch Bildnisse der Opernsängerin Ilona von Montägh, der Wiener Tänzerin 
Loe Maria Ley, der „indischen" Tänzerin Tacka-Tacka und der Schauspielerin 
Melitta Ferrow, jede dieser Damen vor einer japanischen Buddhastatue stehend^ 
illustriert ist. Es heißt darin u.a.: „Auf Ceylon, wenn ich nicht irre, finden 
sich zwei Reliquien des grossen asiatischen Gottsuchers. Einmal sein 
Zahn. Dann seine Fußspur. Beides natürlich Gegenstände allgemeiner frommer 
Verehrung. Daß Buddhas Fußspur neuerdings auch bei uns „entdeckt" wurde, 



Buddhistische Weltschau 35 

sei heute festgestellt. Sie führt bis in die Salons unserer Damen von Welt 
.... Seelenwanderungsprobleme werden erörtert. Zwischen der Mode von 
morgen und dem Tanzstern von gestern wird das Thema vom „irdischen 
Jammertal" angeschlagen. So wie es angesichts der heimatlichen Höhen des 
Himalaya Buddha von den alten Philosophen erfuhr, daß das ganze Leben 
ein Leidensweg sei. Auf diesem Leidensweg die Dornen in Blüten zu ver- 
wandeln, sollte unser eigenstes Streben sein. Tacka-Tacka, Loe Maria Ley, 
Lisa Kresse, Sent Mahesa u.a. haben uns durch ihre orientalischen Tanz- 
Kreationen den Weg gezeigt. Noch manche verspricht, uns einmal indisch 
oder japanisch zu kommen und huldigt im exotischen Tanz dem pagoden- 
haften, göttlichen Buddha. Bei solchen Betrachtungen mag das Bild Buddhas 
wie ein mahnendes Memento und eine tröstliche Hoffnung zugleich wirken. 
Zumal in einer geschmackvollen Umrahmung von Stoffen, Vorhängen und 
Teppichen. Im diskreten Schimmer einer antiken Lampe . . . kann das Ge- 
heimnisvolle .... des Daseins seine Erörterung finden. Als nachdenksame 
Betrachtung zwischen Fünfuhrtee und dem nächtlichen Besuch des Klubs 
... Der kluge, schlitzäugige Buddha, um dessen eigenartige Physiog- 
nomie und dessen rundliches Bäuchlein sich übrigens an festlichen Tagen 
frische Blütenzweige ranken mögen, mag uns daran erinnern, daß es die Kura 
"•(Schatzhaus des Japaners) ist, in der der kunstverständige uns nahestehende 
Japs seine Gäste mit den ausgewählten Kunstwerken bekannt macht u.s.w." 
Und da sage noch einer, daß der Buddhismus keine „lustige" Religion ist! — 

Vom „Geheimbuddhismus". In Nummer 24 des in Hamburg erschei- 
nenden „Vortrupp" kommt der berühmte Verfasser von „Hellmuth Harringa" 
Hermann Popert, in einem Aufsatz „Wie ich die Theosophie sehe", auch wieder 
einmal auf den sogenannten Geheimbuddhismus zu sprechen. So heißt es dort 
u. a : „Soviel ich sehe, ist die Theosophie indischen Ursprungs, mir scheint, 
daß sie sich in Europa zunächst als eine Lehre gegeben hat, deren Kennt- 
nis das VorrcQht eines engeren Kreises von Eingeweihten im 
Buddhismus und im Brahmanismus war. Jedenfalls trug das Buch, durch 
das ich zuerst, im Jahre 1889, mit diesen Dingen bekannt wurde, den Titel 
„Die Esoterische Lehre oder Geheimbuddhismus" (von A. P. Sinett, Über- 
setzung aus dem Englischen, Leipzig 1884). Heute gibt es ja eine sehr um- 
fangreiche theosophische Literatur u. s. w. Es folgt nun eine zwölf Seiten 
lange Erörterung theosophischer Probleme und ihrer Einstellung auf die 
Gegenwart. — 

Paul Goehres „Neue Religion''. Arthur Bonus kommt im elften Heft 
der „Neuen Rundschau", Berlin, bei einer Besprechung des vielerörterten 
Goehre'schen Werkes u. a. auch auf den Buddhismus kurz zu reden. Wir 
wollen die betreffenden Stellen hier wiedergeben: „Paul Goehre hat einen 
im wesentlichen schon vor dem Kriege geschriebenen „Versuch einer 
Religion des modernen Menschen" bei Grunow in Leipzig ausgehen 
lassen: „Der unbekannte Gott" .... Es gibt einen noch erwachseneren Zu- 



36 Buddhistische Weltschau 

stand der Religion, noch unjugendlicheren, als den des unbekannten Gottes, 
nämlich die Religion ohne Gott, wie sie im Buddhismus vorliegt. 

Da Goehre gern die endgültig gesicherte Form der Religion feststellen 
will — wie alle Rationalisten sich stets um das endgültig Letzte, eben das 
absolut „Vernünftige" bemüht haben — so mußte er zu dieser Form der 
Religion übergehen. Da er aber für sie persönlich noch nicht reif ist, — auch 
er immer noch viel zu jugendlich für das endgültig letzte Wort, — so hilft 
er sich mit einem tollen Gewaltstreich (den freilich andere, wie Stimmel, 
aus ähnlichen Systemnöten vorgemacht haben): 

Nämlich: „Die zweite Feststellung, die wir machen müssen, ist die, daß 
alle bisherige Religion Gottreligion war." — Ein Gott oder mehrere. Halt, 
halt! Nicht so schnell! Soll denn die eine Hälfte der Menschheit unerhört 
im Orkus versinken? Die tieffromme, ernste, versunkene Religion des Bud- 
dhismus? 

Nichts da! „Der Buddhismus ist überhaupt nicht Religion, sondern Ver- 
zicht auf Religion. Er verneint alles Leben, allen Wert, es zu leben, sowie 
alle Kräfte und Geheimnisse hinter ihm. Er verneint damit auch die Reli- 
gion, hebt sie auf, verseichtet (!) sie in ein Gefühl widerstandslosen Ge- 
schehenlassens aller Dinge. Und also steht fest: alle bisherige Religion war 
Gottreligion." 

Das nenne ich entschlossen! .... Wenn ich die ungefähre Hälfte aller 
höheren Religion für Nichtreligion erkläre, so ist allerdings nur die andere 
noch Religion .... Nein, es steht gar nicht fest! Fest steht nur, daß das 
Dasein dieser Religion die Theorie Goehres umstößt. 

Vielmehr ist Religion ohne Gott und Tat die genauest nächste Altersstufe 
gleich hinter der Religion des unbekannten Gottes und des Vernunfthandelns. 

Erst handelt man aus Sturm und Drang und aus nächster Gottnähe .... 
und daher kommen alle großen Jugendreligionen. Dann wird man älter und 
handelt aus Vernunft und Gottferne, aus Wissenschaft und Tatsachenehrfurch 
— und das sind die Religionen ferner Sehnsuchtsgötter und des unbekann- 
ten Gottes. — Schließlich handelt man überhaupt nicht mehr; man sucht 
nicht mehr den unbekannten Gott, sondern das Unbekannte überhaupt, das 
Unbestimmte, Unbestimmbare — Nirwana: „Ich freue mich des Sterbens 
nicht, / Ich freue mich des Lebens nicht, / Geduldig wart ich ab die Zeit / 
Gleichwie der Löhnling seinen Lohn." (Lieder der Mönche und Nonnen 
Gotamo Buddhos, übersetzt von Karl Eugen Neumann). 

Die dritte Voraussetzung, die Goehre macht, ist die, daß Religion „eine 
besondere Art menschlicher Veranlagung und nur einem Teile der Menschen 
eigentümlich" sei ... . 

Hier ist die Bedeutung der Goehre'schen „neuen Religion" als eines Rück- 
zugsgefechts auf der Flucht mit Händen zu greifen. 

Unter welchen Bedingungen, scheint er zu fragen, ist mir Religion, wie 
ich sie nötig habe, Gottreligion, noch erlaubt? 



Buddhistische Weltschau 37 

Jetzt sieht man näher, weshalb er dem Buddhismus den Charakter der 
Religion absprechen mußte. Wenn der Buddhismus Religion wäre, so wäre 
offenbar er das letzte Wort. So hülfe auch die „Feststellung" von der reli- 
giösen Veranlagung des Menschen dem Verfasser rein gar nichts, er müßte 
dann die Gottreligion aufgeben und zum Buddhismus übergehen, der aus 
ähnlichen Gründen auch schon modern zu werden anfängt .... 

Die Moderne, welche einer Jenseitsreligion entwächst, kann man in den 
Ländern des Buddhismus studieren, wo die Diesseitigkeit als fremder Ein- 
bruch erlebt wird. 

Wann oder wo hat denn Jesus vom „In den Himmel kommen* gesprochen? 
Er hat umgekehrt verkündet, daß das Reich Gottes nahe herbeigekommen sei. 

Und er hat die Seinigen beten gelernt, wie die Christenheit noch heute 
betet, nicht: „bring uns in den Himmel", sondern: „Dein Reich komme* 
und „Dein Wille geschehe .... bei uns auf Erden", da, wo das „tägliche 
Brot" gegessen wird . . . ." 

An die Leser. In dieser, wie in den folgenden Nummern bringen wir 
hauptsächlich Auszüge von Artikeln aus deutschen und ausländischen Blät- 
tern, die sich mit dem Buddhismus und Problemen, die ihn berühren, be- 
fassen. Sie spiegeln am besten den Einfluß wieder, den der Buddhismus 
heute schon allgemein besitzt. Dabei halten wir uns an das Rezept Friedrichs 
des Großen vom „Niedriger hängen"! Wir wollen weder auslegen, noch Kritik 
üben — wie die Lehre sich in den Köpfen der Außenstehenden, wie auch 
der Kenner spiegelt, soll die „Weltschau" zeigen; wie sie wirklich ist, er- 
sieht der Leser aujs den Übersetzungen und Arbeiten des Hauptteils. So mag 
er sich aus Für und Wider seine Weltanschauung bilden. >— Um die „Welt- 
schau" immer vollkommener gestalten zu können, ist uns die Einsendung 
von Zeitungsausschnitten (mit genauer Quellenangabe) jederzeit erwünscht. 

L.A. 



Es ist gut, das flüchtige, schwer zu bändigende, nach Belieben 
bald hierhin, bald dorthin schweifende Herz zu zügeln; ein bezähmtes 
Herz wirkt glückselig. Dhammapada. 

Wer zum Zwecke eigenen Wohlergehens anderen Geschöpfen 
Leid zufügt, der verstrikt sich in der Feindschaft Fessel und wird 
von der Feindschaft nicht frei. Dhammapada. 



Bücherbesprechungen 



Seidenstücker, K. — Die Buddha-Legende in den Skulp- 
turen des Ananda-Tempels zu Pagan. (Südbuddhistische 
Studien, I.) — 114 S. mit 40 Tafeln, 11 Textfiguren und einem 
Plan von Pagan. Hamburg 1916. 

Als vierte Veröffentlichung der „Mitteilungen aus dem Museum für Völkerkunde" 
läßt K. Seidenstücker die vorliegende höchst bemerkenswerte Studie erscheinen, 
die ebenso wichtig erscheint, als die Übersetzung eines bis dahin im Deutschen nicht 
bekannt gewordenen spätkanonischen, buddhistischen Textes, wie auch als die Vor- 
lage von 80 bis dahin überhaupt nicht veröffentlichten Skulpturen der älteren bud- 
dhistischen Sakralkunst. Es handelt sich hiebei um die 80 Nischenskulpturen des 
einen inneren Korridors der der „Freude" (Ananda) geweihten Tempelanlage zu Pagan, 
einer der Hauptstätten birmanisch-buddhistischer Sakralkultur. Der Tempel wurde in 
den Jahren 1058—1067 unter der Regierung des Königs Kyanyittha (1057—1085) 
aufgeführt. Was seinen Namen Ananda angeht, so läge nahe, an Ananda, den Lieb- 
lingsjünger des Buddha zu denken. Mir scheint aber die Deutung Seidenstückers viel 
mehr einleuchtend, wenn er S. 13 seiner Einleitung zu diesem Punkte ausführt: 
„. . . . ich halte Ananda durchaus für die richtige Form des Namens, beziehe das 
Wort aber nicht auf den gleichnamigen Jünger des Buddha, sondern nehme es in 
seiner eigentlichen Bedeutung: „Freude, Wonne, Glück, Seligkeit". Demgemäß würde 
Ananda-Paya etwa „freudenreiches Heiligtum" heißen, und in diesem Sinne gibt auch 
die längere Inschrift zu der ersten Skulptur die einfache und wie ich glaube, richtige 
Erklärung: nanditabbato änandä ti. Weil man sich freuen sollte (daher heißt 
er) Ananda." 

Es ist nicht unsere Aufgabe, eine nähere Beschreibung der Tempelanlage zu geben, 
die Seidenstücker auf verhältnismäßig wenigen Seiten ausführlich und eingehend auf- 
weist: wir haben es hier mit den Skulpturen zu tun, die achtzig Geschehnisse aus 
dem Leben des Buddha versinnbildlichen und zwar nur in der Zeit von seiner Ge- 
burt bis zur Erreichung der Sambodhi oder der großen Erleuchtung. 



hängende Biographie des Buddha mangelt. Nur einzelne Perioden seines Lebens sind 
uns berichtet (vgl. u. a. Dutoit „Das Leben des Buddha"), deren hauptsächliche sich 
finden Majjh. 123 und Digh. 14 (Buddha Vipassin), Majjh. 12, 26, 36, in den Anfangs- 
kapiteln des Mahavagga und im Mahaparinibbana-Sutta des Dighanikäyo. Ausführliche 
und zusammenhängende Lebensbeschreibungen hingegen besitzt der nördliche Bud- 
dhismus in den Biographien des „Laiita vistara" in Asvaghosas Buddha-carita und 
in ,Le Lotus de la bonne Loi". Bei einer solchen Sachlage ist es nun besonders 
wichtig, in der Nidänakathä einen südlichen Text zu besitzen, der, den Jatakas als 
eine Art von Einführung vorangehend, in drei Teilen sich mit dem Leben des Buddha 



Bücherschau 39 



des näheren beschäftigt. Diese drei Teile sind 1. das Vidürenidäna, 2. das AvidOrc" 
nidäna und 3. das Santikenidäna. 

Das Avidürenidäna nun ist ein TextstOck, das das Leben des Buddha von seinem 
der Konzeption vorausgehenden Aufenthalt im Tusita-Himmel bis zur Erleuchtung 
beschreibt, während das Santikenidäna die Schilderung von der Sambodhi bis zu der 
Schenkung des Jetaklostergartens durch Anäthapindika fortführt. Das Vidürenidäna gibt, 
auf die Jatakas hinweisend, einen Überblick über die früheren Existenzen des Buddha. 

Bei dem Mangel an zeitgenössischen historischen Quellen ist es nun besonders in- 
teressant, den Text des Avidürenidäna mit den achtzig bezüglichen Skulpturen des 
Anandatempels zu Pagan zu vergleichen, der mit wenigen Ausnahmen die geeigneten 
Unterlagen für die angeführten Skulpturen erbringt. Über das Alter der Skulpturen, 
das wohl mit der Entstehung des Tempels zusammenzulegen ist, wurde bereits oben 
berichtet. Das Alter der Nidänakathä wird, als im 5. Jahrhundert n. Chr. entstanden, 
um fünf Jahrhunderte früher angesetzt, als der Bau des Tempels zur Ausführung 
gebracht wurde. 

Was nun die Art der Nidänakathä angeht, so lesen wir in ihm nicht mehr die 
Einfachheit etwa der eigentlichen kanonischen südbuddhistischen Texte; haben es viel- 
mehr bereits mit „Ausschmückungen, Übertreibungen, Steigerungen der wunderbaren 
Züge und phantastisch-legendären Zusätzen" zu tun, die freilich in keiner Weise an 
die zum Teil groteske Art und Wirrnis der obenerwähnten nordbuddhistischen Bud- 
dhabiographien heranreichen. Während also die kanonischen Texte etwa in der Ge- 
stalt ihres Religionsgründers vor uns den Typus eines idealen und geistigen Ober- 
menschen hinstellen, schildert uns die Nidänakathä als die zweite Stufe der Buddha- 
legende den Ideal- und Übermenschen Buddha als einen wundertuenden Halbgott, 
eine Phase legendarischer Entwicklung im übrigen, die der heutige südliche Buddhis- 
mus in seinen „theologischen" Vertretern wesentlich kaum überschritten hat. An 
dieser Stelle ist noch zu bemerken, daß gerade dieses Buch das Lieblingsbuch der 
südlichen Buddhisten geblieben ist infolge einer ganzen Reihe von unstreitbar schön- 
sten Stellen einer stark romantischen und religiösen Poesie. Zum Nachweis der Be- 
ziehung der Skulpturen auf den entsprechenden Text der Nidänakathä dienen im üb- 
rigen auch die beiden Inschriften, die je zweien einer jeden der 30 Skulpturen in 
Pali beigeschrieben sind. 

Die Ausgabe Seidenstückers enthält zunächst eine vortreffliche Schilderung des 
Tempels und des Textes der Nidänakathä. Ihr schließt sich die Übersetzung des 
AvidOrenidäanä in acht Kapiteln an; dazu kommt die Übersetzung einer Stelle aus 
dem Lalita-Vistara (Ed. Lefmann, P. 113) / Belegstelle zu Skulptur 21 /und „Die 
Töchter Mara's" aus dem Santikenidäna als die wahrscheinliche Belegstelle zu Skulptur 
78; Die fraglichen Kapitel schildern in 1. „Der Bodhisatva im Tusita-Himmel", 2. 
„Die Geburt des Bodhisatva"; 3. „Kindheitsgeschichten"; 4. „Der Bodhisatva als Jüng- 
ling und die vier Zeichen"; 5. „Das große Scheiden"; 6. „Der große Kampf*; 7. 
„Vor der Erleuchtung"; 8. „Der Kampf mit Mara und die Erleuchtung". 

Wie bereits erwähnt wurde, zeichnet sich der fragliche Text durch die poetische 
Kraft seiner Schilderung in besonderem Maße aus; was ihm aber seinen höheren 
Wert verleiht, verdankt er der lebendigen Schilderung der in ihm besprochenen Er- 
eignisse und Zustände, sowie den mannigfachen Hinweisen auf die eigentlichen 
kanonischen Urkunden, in denen dem Leser näheres und mehr zu lesen versprochen 
wird. Ein wärmeres Leben, als wir dies sonst aus den überlieferten, buddhistischen 



40 Bücherschau 



Urkunden gewohnt sind, ergießt sich aus den wenigen Zitierungen des frommen 
Schreibers der Nidänakathä, der genug Eigenes zu geben vermag, um auch das In- 
teresse von uns modernen Menschen bis zum Ende anzuspannen. 

Was nun die Obersetzung Seidenstückers angeht, so ist sie ebenso flüssig und 
klar geschrieben, wie die Übersetzung seines Hauptwerkes der „Palibuddhismus"*), der 
leider nicht so bekannt geworden ist, wie wir es im Interesse eines umfassenderen 
Verständnisses des kanonischen Buddhismus wünschen müssen. Besonders zu erwähnen 
ist die reiche Darbietung von erklärenden Fußnoten, denen weiter ein Anmerkungs- 
apparat zu besonders wichtigen Stellen mit beigegeben wurde. Nach einer Kopie der 
Paliinschriften (genaue Transliteration und revidierter Text) folgt eine Übersetzung 
dieser zweimal 80 Textinschriften. Ihr folgen Bemerkungen zu den Skulpturen, für 
deren ästhetische und kunstgeschichtliche Wertung Seidenstücker eine eigene Ver- 
öffentlichung verspricht. Zum Schluß des literarischen Teiles folgen die Erklärungen 
der Abbildungen und die Textverweise, eine ebenso schwierige, als wie ich glaube 
einwandfrei gelungene Leistung des geschätzten Buddhologen. Ihnen folgt das eigent- 
liche Werk in Gestalt von 40 glänzend wiedergegebenen Lichtdrucktafeln, die in zum 
Teil unübertroffener Schönheit von dem Leben des größten indischen Heiligen künden. 
Zum Schlüsse sei noch des Sachregisters gedacht, das der Herausgeber mit peinlicher 
Sorgfalt bearbeitet und dem literarischen Teil mit beigegeben hat. 

Was anders möchte ich nach der genauen Durchsicht dieses Werkes wünschen, als 
daß recht viele andere Interessenten des Buddhismus von ihm auch Kenntnis nehmen 
wollten, und daß es Seidenstücker bald ermöglichen könne, das uns von ihm in 
Aussicht gestellte weitere Material zur gleichen Frage zu veröffentlichen in Gestalt 
„Der vorgeburtlichen Buddhalegende ** in 200 Skulpturen desselben Tempels und in 
etwa 250 Fresken einer Tempelruine, sowie in Ausgabe einer „Darstellung der Mytho- 
logie des südlichen Buddhismus" im Anschluß an eine Besprechung einer Anzahl 
von Fresken und Szenen mythologischen Inhalts. So würde es deutsche Wissenschaft 
ermöglichen, daß wir zum ersten Male von einer wirklichen Prolegomena zu einer 
südbuddhistischen Ikonographie und Tempelkunst sprechen dürften. H.L.Held. 



*) Seidenstücker, K.-Palibuddhismus in Übersetzungen — Texte aus 
dem buddhistischen Pali-Kanon und dem Kammaväcam. Aus dem Pali übers, nebst 
Erläuterungen. Breslau, Walter Markgraf, 1911, XII. 470 S. 



Hauptschriftsteller Dr. Wolfg. Hohn, Dölau bei Halle. Schriftleiter Ludwig 

Ankenbrand in Stuttgart. Herausgeber: „Bund für buddhistisches Leben", 

Verlag der Zeitschrift für Buddhismus, Oskar Schloß, München-Neubiberg. 

Druck von Knorr & Hirth in München. 




ZEITSCHRIFT 
FÜR BUDDHISMUS 




2. Jahrgang / Heft 2 Februar 1920 



Buddha-Jahr 2463/64 



Buddhismus und Materialismus 

von Dr. Wolfgang Bohn 

Seit der Buddhismus der südlichen Schule in seiner reineren, in 
den Palitexten überlieferten Form zur Kenntnis des Abendlandes 
gekommen ist, wurde immer wieder der Vorwurf gegen ihn erhoben, 
er sei im Grunde doch nichts anderes als reiner Materialismus. 
Dieser ist aber für das religiöse Empfinden des Abendlandes, 
das immer und immer wieder den Anfang der Welt in der unbe- 
greiflichen Wesenheit Gottes sucht, so völlig unfaßbar; ja der Ma- 
terialismus erscheint dem religiösen Denken des Abendländers mit 
Recht als so areligiös, daß der Buddhismus tatsächlich als Faktor 
einer Erneuerung auf wahrhaft religiöser Grundlage von vorneherein 
undiskutabel erschiene, wenn der gegen ihn vorgebrachte Einwurf 
berechtigt wäre. Deshalb ist die Feststellung, daß die Lehre Bud- 
dhas auch nicht dem Schein nach Materialismus ist, für die ganze 
Zukunft der buddhistischen Bewegung als einer tiefreligiösen Er- 
iösungslehre von einschneidender Bedeutung. 

Was will und was lehrt denn eigentlich der heutige Materialis- 
mus? / 

Der theoretische Materialismus steht gänzlich unter dem 



42 Buddhismus und Materialismus 

Leitgedanken der naturwissenschaftlichen Forschung. 
Diese baut ihn immer weiter aus und sucht Tatsache auf Tatsache 
in seinem Tempel zu einem Bild einheitlicher, auf Wirklichkeit und 
Wahrheit aufgebauter Weltbetrachtung zusammen zu tragen. 

Der Materialismus geht vom Objekt aus. Er nimmt ohne wei- 
teres die objektive Welt als eine Realität, als etwas das unbedingt 
i s t und von welchem auch das erkennende Subjekt nur einen Teil 
bildet. Diese objektive Welt baut sich auf einer Summe unendlicher 
Einheiten, auf Atomen auf. Das Stoffu^om, meßbar und wägbar 
für den rechnenden Geist, ist das Element aller Erscheinungen der 
Welt. Von dem Atom sind alle Kräfte abhängig, die sich in dem 
Aufbau der Welt offenbaren. 

Alle Anlagen liegen im Atom, das als solches stets bestanden hat 
und bestehen wird, unvergänglich ist und dessen Gruppierungen und 
Wiederauflösungen der Gruppierungen in ewiger Veränderung den 
Aufbau und den Zerfall der kleinsten und der größten Welten be- 
deuten. Auch das organische Leben ist eine Atomlagerung und 
grundsätzlich in nichts von dem übrigen Werden und Zerfallen des 
Bestehenden unterschieden. Der Menschengeist ist eine hochge- 
steigerte Funktion der StofFgruppen, nicht mehr, nicht weniger. 
Irgend ein Prinzip, das nicht im Stoffatom selbst liegt, wohnt ihm 
nicht inne. Einmal gelagerte Atomgruppen streben nach Erhaltung, 
in der einfachen chemischen Verbindung wie im Leben des einzelnen 
und des Staates. Nicht neue Gesetze, die über dem Stoffe und 
seinem Laufe stehen, sind im einzelnen und in der Weltgeschichte 
tätig rege, sondern das Streben der Stoffatome nach Erhaltung des 
Einzelwesens und der Art Das Einzelwesen fällt mit dem Tode 
völlig und dauernd auseinander, die Art wird durch die Fortpflanzung 
aufrecht erhalten und behauptet sich durch Zuchtwahl, Daseinskampf 
und gegenseitige Hilfe. Alles Leiden ist nur eine bedingte Er- 
scheinung. Je mehr der Zusammenschluß zur Gemeinschaft Reibungs- 
flächen und den Kampf aus der Welt schafft, desto mehr weicht 
das Leiden zurück. Der Kampf gegen die Krankheit ist ein Kampf 
gegen das Leiden wie der Kampf gegen Hunger und Armut. Der 
Himmel, das Paradies der Glückseligkeit wird gebildet durch die 
fortgeführte Arbeit der Einzelwesen, die freilich dabei zugrunde 



Von Dr. Wolf gang Bohn 43 

gehen aber mit dem Bewußtsein, daß eines Tages andere Ge- 
schlechter wirklich ein Leben des Glückes ohne Not, Krankheit, 
vielleicht sogar ohne Altersverfall führen werden. Freilich der Tod 
und manches andere — Leiden — ist auch für diesen Himmel 
auf Erden einmal vorgesehen. 

Für den Materialismus gibt es, wie man sieht, keinen Geist, 
der mehr wäre als eine Funktion der objektiven Welt, und eigent- 
lich kein Subjekt. 

Der Buddhismus geht vom Subjekt aus. Das Erkennende, 
das Bewußtsein, an sich dtwas unerklärliches und für das Subjekt 
ein letztes bedeutend, steht der Erscheinung als einer solchen 
gegenüber, nicht als einem Wesen und einem Letzten. Die objektive 
Welt gewinnt Form und Gestaltung im Bewußtsein eines Subjektes, 
des Ich, ist aber an sich keine Welt der Realität. Der Buddhismus 
ist Idealismus. Alles was das Subjekt wahrnimmt, und dazu gehört 
alles Äussere, das ganze Sechssinnenwerk seiner selbst, steht unter 
der Gesetzmäßigkeit des Karma, wird vom Karma gestaltet und 
erhalten. Wo kein Karma ist, da entschwindet die Erscheinung. Auch 
dem Buddhisten ist die Welt etwas anfangloses; aber er weiß, daß 
sie erhalten wird durch die in jedem Atom wie im höchsten Wesen 
bis hinauf zum großen Brahma liegende Ursache, die Wille oder 
Durst genannt wird, und die immer und immer wieder die Flamme 
Karma ernährt und die Wesen erhält; er weiß, daß wo Karma 
nicht mehr da ist, eine Daseinswelle ausgeglichen ist und im 
Nichtsein versinkt. Der Weg des Aufstieges bedeutet für den 
Buddhisten einen Aufstieg zur Erlösung, die aber nicht in der 
Schaffung eines leidlosen Paradieses äonenfemer Einzelwesen auf 
dieser Erdenwelt besteht, sondern in dem Aufhören der weiteren 
Wanderschaft. Das Einzelwesen und damit im Grunde das ganze Weltall 
ist zwar ohne Anfang, aber es gibt doch die Möglichkeit eines Endes, 
einer Erlösung. Ist für den Materialisten Leiden ein Zustand der 
Unvollkommenheit, der überwunden werden kann und muß, nicht 
vom einzelnen sondern von der Gemeinschaft, so ist für den Buddhis- 
ten Leiden eine Eigenschaft, die allem Bestehenden in der Schein- 
welt innewohnt, am meisten aber dem erkennenden Subjekt, und 
aus der es einen Ausweg nur für dieses gibt. Nur das Einzelwesen 



44 Buddhismus und Materialismus 

vermag die Ursache des Leidens zu erkennen und den Pfad zur 
Aufhebung des Leidens zu beschreiten. 

Ein selbständiges, unvergängliches geistiges Wesen, das den 
Zerfall der einmaligen Lebensform überdauert, eine Seele, Atman, 
Atta, kennt auch der Buddhismus nicht. Auch das Subjekt erhält 
sich durch Karma. Karma (Kammam) ruft die fünf Urkräfte, die 
Kandhas zusammen, die ein neues Wesen bilden. Nicht als alleiniger 
Teil der Eltern entsteht die neue Erscheinung, und ihr Zerfall bedeutet 
nicht den Untergang von allem, was in ihr gewirkt hat, löscht nicht 
Gutes und Böses, Verdienst und Schuld, Denkarbeit und stumpfe 
Trägheit für immer aus, sondern Karma zwingt die Eltern zusammen 
und läßt den Keim aus und bei der Zeugung erwachsen. Solange 
das Leiden nicht aus der Welt geschafft ist, gibt es für den leidenden 
Materialisten nur eine Form der Erlösung vom Leiden, die erschöpfend 
und dauerhaft ist, den Tod. Wo sich die abgestorbenen Atome der 
Körperform wieder eingruppieren, ist für ihn eine völlig gleichgültige 
und zufällige Sache. Für den Buddhisten aber bedeutet der Tod nur 
eine Umwandlung des weiter schreitenden Karma, kein Aufhören des 
Leidens. Die Erlösung zu gewinnen ist ein in Wahrheit höchst geistiger 
und religiöser Vorgang, für den es im Materialismus auch nicht die 
entfernteste Analogie gibt, die deshalb ein Materialist nicht verstehen 
kann. Jede materialistische Weltauffassung, der theoretische wie der 
historische und praktische Materialismus, bedeutet für den einzelnen 
die Hinnahme jeder G|ücksmöglichkeit und das Schaffen solcher 
Einrichtungen, die das Leiden durch den Genuß ersetzen. Überall 
starrt das Leiden uns in der Welt entgegen. Es ist die positivste 
aller Erscheinungen. Und das Leiden zu negieren, abzuschaffen ist 
das einzige Problem, um welches' sich der praktische Materialismus 
drehen kann. Der Buddhismus hingegen erklärt das Leiden als 
eine notwendige Eigenschaft jeder Erscheinung und jedes Daseins 
übeÄaupt, auch des höchsten und transzendentesten, weil jede 
Erscheinung ohne Ausnahme ihm anicca, vergänglich ist, und lehrt 
daher die Einzelerlösung, die aber jeder jederzeit suchen und 
erreichen kann, in der Aufhebung der Erscheinung. '^ 

Jede äußere Arbeit zur Linderung vorhandener Leiden und zur 
gegenseitigen Hilfe ist nur Vorbereitung, nur ein Hilfsmittel zur 



Von Dr. Wolf gang Bohn 45 

Überwindung der Ichsucht, der Willensbejahung, des Durstes, aber 
nie Selbstzweck. Für den Materialisten aber ist diese äußere Ar- 
beit in der Erscheinungswelt Selbstzweck, ja diese einzige wirkliche 
Leistung, die soziale Frage darum die wirkliche Lebensfrage, die 
Willensbejahung und Tätigkeit die einzig mögliche Lebensrichtung. 
Für den Materialisten steht die ganze Welt als Realität unter dem 
Gesetze des Fortschrittes vom unbelebten Atom zum Menschen- 
geiste, vom Raubtiermenschen zum sozialen Gefüge, das jedem 
gerecht wird und höchsten Daseinsgenuß verbürgt. Für den Bud- 
dhisten gibt es keinen beständigen Fortschritt, sondern nur ein 
Leben der Formen durch Karma. Karma gestaltet die Form eines 
Tieres, einer Pflanze, eines Menschen, Gottes, Teufels oder Ele- 
mentargeistes, und es ist gleichgültig, ob Karma aus dem Zerfall 
eines Menschenwesens oder eines Gottes oder eines anderen Ge- 
schöpfes herrührt. Das Endziel der buddhistischen Entwicklung ist 
eben kein Erdenparadies, kein Zukunftsstaat, der doch aus Tod 
und Vergänglichkeit, also aus dem Leiden nicht herauskommen 
kann, sondern das Zurruhebringen des Karma und damit das 
Ende einer Leidensstraße. Und da das Ende jenseits aller Erschei- 
nung und Erfahrung und alles individuellen Wissens liegt, läßt- sich 
darüber nicht denken und sprechen. Denn das Denken geschieht 
durch das Gehirn, und auch dieses liegt in der begrenzten Welt, 
der Erscheinung. 

Der Buddhismus ist eine Religion. Seine Wegführung zur 
Erlösung ist religiöses Leben, ist Sichversenken, eine Flucht aus dem 
Kreisen der Atome heraus, eine Überwindung von Zeit, Raum und 
Causalität, deren das Atom nie fähig wäre. Dem Materialisten fehlt 
hierfür das Auffassungsvermögen. Ihm ist diese Welt der Erscheinung 
im Leben der Atome die einzig-mögliche Welt, jede andere eine 
Illusion, ein Betrug, eine Krankheit. 

Materialismus und Buddhismus haben auch einige Berührungs- 
punkte. Beide nehmen die vorhandene Welt als eine bestehende 
und unerschaffene hin und suchen keinen Weltschöpfer, der sie 
aus dem Nichts hervorgebracht hätte. Freilich, dem einen ist sie 
objektive Realität, dem andern nur Erscheinung, Maya. Beide glau- 
ben, daß die Gesetze dieser Welt an sich unabänderlich wirken 



46 Buddhismus und Materialismus. ~ Von Dr. Wolfgang Bohn 

und von keinem außerhalb der Gausalkette stehenden höheren 
Wesen aufgehoben werden können. Freilich für den Materialismus 
erhält sich das Getriebe durch die Eigenkraft der Atome, für den 
Buddhismus erhält sich Erscheinung und Leiden durch den Willen, 
die Eigenkraft, den Durst des Subjektes, der aber keine unabänderliche 
Notwendigkeit ist. Beide erwarten das volle Glück, die individuelle 
Seligkeit nicht von dem Weiterleben einer außerstofflichen Seele 
jenseits des Todes, aber der eine leugnet überhaupt jede andere 
Daseinsmöglichkeit als die der Stoffwelt, der andre gibt eine Mehr- 
heit auch außerstofflicher Daseinszustände zu, leugnet aber, daß 
diese, frei von Leiden und Vergänglichkeit, eine wirkliche Erlösung 
bedeuten. Der Materialist sucht Befreiung vom Leiden in der Arbeit 
und im Genießen, der Buddhist in der Innenschau und in der 
Überwindung des Begehrens. 

Und der Buddhismus soll Materialismus sein? 

Buddha lehrte weder Materialismus noch Spiritualismus, weder 
Sensualismus noch Transzendenz : er sah die Welt mit allen ihren 
Leiden und ihrem Weh, nahm sie, wie die Wirklichkeit sie ihm 
zeigte, und lehrte einzig und allein die Erlösung und den Weg der 
Erlösung durch sich selbst. Diesen Weg gehen und sich nicht im 
„Garn der Ansichten" verfangen, das ist schließlich Alles. 



Worte Buddhas 

Wer im Wahne befangen, urteilt, redet und handelt, kann nie 
die Erlösung gewinnen. Er ist wie ein Mensch, der Milch begehrt 
und die Kuh, die gekalbt hat, am Hörn zu melken wünscht. 

Dein eignes Streben macht dich gut und macht dich böse. Kein 
anderer vermag dich zu erlösen, als du selbst. 

Wie der Regen in ein Haus niederrauscht, das schlecht gedeckt 
ist, so durchfluten die Leidenschaften den Geist, der ohne Herr- 
Schaft ist. 



Ceylon. — Von Chr;stianBöhringer 47 

Ceylon, die Insel des Buddha, in Geschichte 
und Gegenwart 

Von Christian Böhringer, Stuttgart 

Schon die Zeitgenossen des Perikles sprachen mit Begeisterung 
von der Schönheit der Insel Ceylon und der Ruf ihres Reichtums 
an Juwelen, Perlen und Gewürzen wurde durch arabische Händler 
über die ganze Erde verbreitet. Die Griechen und Römer nannten 
dieses sagenhafte Land Taprobane und bei den Völkern des Ostens 
heißt die Insel heute noch „Lanka**, zu deutsch „die Glänzende**« 
Es gibt wohl wenige Länder der Erde, deren Geschichte in Ge- 
sängen und Sagen so verherrlicht wurde und deren Baudenk- 
mäler uns eine Kultur so verschiedener Jahrtausende vor Augen 
führen, wie die Ceylons, sodaß mit Recht ein englischer Dichter 
sagt, daß es die schönste Perle im Diadem der Königin von Eng- 
land bilde. 

Wer sich für die Geschichte Ceylons interessiert, versäume nicht, 
Anaradapüra zu besuchen, die Stadt, darin der Buddha seinen son- 
nigen Wohnsitz aufgeschlagen hat. In der nördlichen Ebene von Ceylon 
liegt die ihm geheiligte Stätte. Ohne Zweifel hat der Leser ihren 
Namen schon gehört oder gelesen ; die wahre Bedeutung von Ana- 
radapüra aber kommt erst demjenigen voll zum Bewußtsein, der diese 
in geschichtlicher, religiöser und architektonischer Beziehung gleich 
hervorragende Tempelstadt aus eigener Anschauung kennen gelernt hat. 

Der Reisende, der mit der Bahn von Colombo aus über Kandy nach 
Matale gelangt, wird nicht versäumen, das herrliche Dumbaratal zu 
besuchen, das ebenso berühmt ist durch seinen Cacao wie berüchtigt 
durch seinen Tabak. Wer sich das Rauchen gründlich abgewöhnen 
will, der versuche nur einmal Dumbarazigarren zu rauchen. Der 
Cacaobaum ist, was sein Äußeres betrifft, die vornehmste Kultur- 
pflanze der Tropen. Es gibt tatsächlich keine Kultur, die so üppig 
und malerisch wäre wie eine Cacaopflanzung und mit Recht führt 
die wohlschmeckende Cacaobohne den Namen Theobroma „die Götter- 
frucht**. Die Rasthäuser sind eine besonders bemerkenswerte und 



48 Ceylon 



vorzügliche Einrichtung. Eigentum der Regierung, stehen sie an 
allen Hauptverkehrsstraßen, in Abständen von etwa 15 Kilo- 
metern, meistens in einem hübsch angelegten Garten, womöglich 
auf einem Hügel. Sie haben eine große Veranda mit 3 oder 4 
langen Stühlen, ein Eßzimmer, drei Schlafzimmer und ebensoviele 
Badezimmer. Der Pächter ist meist ein Singalese, der auch in der 
Kochkunst bewandert ist. Die Preise sind von der Regierung vor- 
geschrieben und auf der ganzen Insel gleich. 

Von Dambul aus verfehle man nicht, die in der Nähe hausenden 
Einsiedler aufzusuchen, die sich, ähnlich wie der Jvo von Staffel- 
stein, selbst zur ewigen Einsamkeit verdammt haben; sie wohnen 
hoch oben auf den Bergen in Felsenhöhlen und leben von Almosen 
der Pilger. Eine besondere Eigentümlichkeit dieser Selbstpeiniger 
ist, daß sie die Haare weder schneiden noch kämmen, auch scheinen 
sie den Genuß des Waschens sich zu versagen. In der Nähe Dam- 
buls befindet sich auch der berühmte Felsentempel, der als be- 
sonderes Heiligtum eine Buddhafigur von 3 Metern Länge und sonstige 
Reliquien enthält. Der Altar und Heiligenschrein, wie der ganze 
Tempel sind aus einem Felsen gehauen. Besonders bemerkenswert 
ist die Decke des Tempels. Diese ist durch den überhängenden 
Teil des Felsens gebildet, mit sehr lebhaften Farben und Orna- 
menten bemalt und sieht aus wie ein großer orientalischer Teppich, 
der nachlässig und unregelmäßig an der Decke befestigt ist. Hinter 
dem Tempel führt ein Fußpfad auf den "Gipfel des Felsens von 
Dambulla. Von hier aus ruht der Blick auf einem Meer von 
Palmen, die sich im Wind langsam auf und niederbeugen. Mitten 
in diesem Palmenhain erhebt sich wie eine Insel die Felsenfestung 
Sigiria. Hier hielt sich der König Kasapa 200 Jahre vor Christus 
vor seinen Untertanen verborgen, die ihn wegen Vatermordes zur 
Rechenschaft ziehen wollten. Auch diese Festung war bis vor kurzem 
nur dem Namen nach bekannt. Wie sich jetzt herausstellt, ist Si- 
giria eines der bedeutendsten Werke antik-singalesischer Baukunst, 
bemerkenswert namentlich auch durch die Fresken, mit denen der 
ganze Fels bemalt ist. SO Kilometer von Dambul entfernt liegt 
Kaluweva. Von einer Anhöhe sieht man die Spitzen der Dagobas 
von Anaradapura, obgleich diese noch 30 Kilometer entfernt sind. 



Von Christian Böhringer 49 

Der Name dieser Stadt findet sich zuerst um das Jahr 500 vor 
Christus erwähnt, als der Wohnsitz eines Prinzen Anarada, eines 
Verwandten des Gautama Buddha. Hier war es auch, wo der Buddha 
seinen Sitz aufscl^lug. Viele Reliquien und der heilige Bobaum 
zeugen noch heute von seinem Ansehen. Es ist keineswegs aus- 
geschlossen, daß, wie die Buddhalegende lehrt, der heilige Bo- 
baum 2300 Jahre alt ist, denn er besitzt die Eigenschaft sich 
stets aus seinem Wurzelwerk wieder zu erneuem. Der heilige 
Baum der Buddhisten ist das Sinnbild des Unvergänglichen. Der 
Tempel, von dem er umgeben ist, war seit über 2000 Jahren un- 
unterbrochen von buddhistischen Mönchen bewacht und ihren Aufzeich- 
nungen verdanken wir die Geschichte von Anaradapüra. Das Buch, in 
dem sie enthalten sind, ist das „Mahavansa". Aus dieser in Versen 
geschriebenen Chronik erfährt man auch, daß es dem großen Re- 
formator Mahindo beschieden war, die bereits entarteten und zum 
Teil vergessenen Lehren Gautama Buddhas wieder zu Ehren zu 
bringen. Bis zum 8. Jahrhundert nach Chr. blieb Anaradapüra die 
Hauptstadt Ceylons, die erst aufgegeben wurde, als die Tamilas 
von Südindien, durch den Reichtum der Stadt angelockt, erfolg- 
reiche Angriffe unternahmen und namentlich die berühmten Was- 
serwerke zerstörten, welche die Stadt Anaradapüra mit Wasser 
versorgten. Das Hauptreservoir befindet sich bei Kaluweva, etwa 
30 Kilometer südlich von Anaradapüra, dessen Könige hier durch 
eine Talsperre einen Fluß abgedämmt hatten. Der Damm ist 9 Kilo- 
meter lang und etwa 8 Meter breit, so daß bequem zwei Wagen einander 
ausweichen können. Der auf diese Weise gebildete See hatte einen 
Umfang von 82 Kilometern. Er diente zur Speisung von 500 klei- 
neren Seen, durch welche Reisfelder bewässert wurden. Wie schon 
erwähnt, zerstörten die Tamilas aus Südindien die Schleußen dieser 
Talsperre, und erst im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts hat 
die Ceylonregierung mit einem Aufwand von 12 Millionen Mark 
diese Schleuße wieder hergestellt. Allerdings ist sie nicht mehr so 
hoch wie ursprünglich, doch hat der neue See immerhin einen 
Umfang von 50 Kilometern und vermag einige hundert Bassins zu 
speisen. So greift unser Zeitalter auf eine Kulturperiode zurück, 
die mit Recht als die erste Blütezeit Ceylons angesehen werden 



50 Ceylon 

kann. Gleichzeitig mit der Wiederherstellung des Kaluwevasees hat 
die Regierung die Straßen von Anaradapüra, die Paläste und Dagobas 
wieder von der üppigen Vegetation, die alles überwuchert hatte, 
gesäubert. Die alten Straßen dienen als Wege. Die Ruinen gewal- 
tiger Tempel und öffentlicher Gebäude sind Zeugen einer Glanz- 
periode, die vor mehr als 2000 Jahren ihren Anfang nahm und 
vor 800 Jahren ihren Abschluß fand. 

Im Mahavansa findet sich folgende Beschreibung der Stadt: 
Die zahlreichen Tempel und Paläste der prächtigen Stadt Anara- 
dapüra, ihre goldenen Zinnen und Spitzen erglänzen in der Sonne. 
Die Fußwege sind mit schwarzem, die breiten Fahrstraßen mit 
weißem Sand bestreut. Durch jede der Hauptstraßen zieht sich 
eine Reihe von Triumphbogen mit Palmblättern und Tempelblumen 
verziert, von denen goldene und silberne Bänder herabhängen. Auf 
jeder Seite stehen Vasen aus versilbertem Metall, die zur Auf- 
nahme von Blumen dienen uad in den Nischen sind lebensgroße 
Figuren und wertvolle Lampen aufgestellt. Auf den Straßen be- 
gegnet man Männern, die mit Pfeilen und Bogen bewaffnet sind. 
Darunter befinden sich einige besonders große, mächtig wie Götter, 
die mit ihren langen Schwertern den Rüssel eines Elefanten mit 
einem Schlag zu durchschneiden vermöchten. Elefanten, Pferde, 
Wagen und Tausende von Menschen bewegen sich auf den Straßen. 
Auf freien Plätzen geben Taschenspieler, Schlangenbeschwörer und 
Musikanten der verschiedensten Nationen ihre Vorstellungen. Die 
Entfernung vom nördlichen Tor zum südlichen beträgt 29 Kilometer. 
Ebensogroß ist die Entfernung von Osten nach Westen. Die 
4 Hauptstraßen sind Mondstraße, große Königstraße, große Sand- 
straße und Mahavelligangastraße benannt. Der Mahavelli ist der 
größte Fluß in Ceylon. In der Mondstraße stehen 11050 Häuser, 
deren jedes verschiedene Stockwerke hat. Unzählig sind die Seiten- 
straßen, die aus vergänglichem Material gebaut sind, (d. i. aus Bambus 
und Palmblättern). 

Anaradapüra besitzt außer einer großen Anzahl kleiner fünf große 
Dagobas. Unter Dagoba versteht man einen Bau, der die Form 
einer Glocke hat, und zwar ist diese Form charakteristisch für die 
Grabdenkmäler buddhistischer Weiser, Könige und Gesetzgeber, 



Von Christian Böhringer 51 

die sich um die Religion besonders verdient gemacht haben. Neben 
den Pyramiden Ägyptens sind die Dagobas von Anaradapüra die 
größten Bauwerke des Altertums. Die Abayagiri Dagoba wurde 
unter der Regierung des Königs Wolagam Bahos angefangen, der 
im Jahr 88 vor Christus die Regierung antrat. Sie hatte eine Höhe 
von 453 Fuß, war also nahezu so hoch wie der Turm des Ulmer Münsters. 
Verhältnismäßig am besten erhalten ist die bedeutend kleinere 
Tuparama Dagoba. Sie wirkt vor allem durch die Schönheit ihrer 
Form und ist von über 100 Säulen umgeben. Diese Säulen stehen 
auf der Peripherie von Kreisen gleichmäßig verteilt, deren Centrum 
durch die Spitze der Dagoba selbst gebildet ist. Die Säulen sind 
achtkantig, 3^/2 Meter hoch und mit runden reich ornamentierten 
Kapitalen versehen, alle Monoliten von Ys Meter Durchmesser. 
Die Säulen dienten Beleuchtungszwecken. Die Dagobas selbst sind 
aus Backsteinen gebaut, waren mit einem blendend weißen polierten 
Mörtel umkleidet und hatten vergoldete Spitzen. Die Ruanwelli, 
wie ihr Name sagt „Goldstaubdagoba", war über 300 Meter hoch und 
ganz vergoldet. Man denke sich das dunkle Grün der Palmen, 
überragt von den mächtigen Denkmälern in den Strahlen der 
tropischen Sonne, und man wird die Beschreibung im Mahavansa 
nicht übertrieben finden. 

An einer der Hauptstraßen stehen noch 1600 Steinpfeiler auf 
einem Flächenraum von 3600 Quadratmetern, die Überreste eines 
Palastes. Die Beschreibung dieses Bauwerks im Mahavansa liest 
sich wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht. Der Palast 
hatte 7 Stockwerke, deren jedes 130 Zimmer faßte. Alle Räume 
waren mit silbernen Beschlägen versehen. Die Spitzen und Kanten 
dieser Garnituren waren mit Edelsteinen besetzt. Reich und mannig- 
faltig waren die Ornamente in Form von Rosetten und Blumen 
mit Zacken und Blättern aus Gold. In der Mitte des Palastes lag 
die Empfangshalle auf goldenen Pfeilern ruhend. Die Pfeiler stellten 
Löwen dar. Genau in der Mitte der Halle stand ein Thron aus Elfen- 
bein. Rechts vom Thron waren die Sonne aus Gold, links der Mond 
aus Silber dargestellt und zwischen diesen prangten die Sterne in 
Gestalt von Perlen. 

Der Thron war durch eine kostbare Decke verhüllt. Auf dieser 



52 Ceylon. — Von Christian Böhringer 

Decke lag ein Fächer aus Elfenbein mit Rubinen und Saphiren 
von unschätzbarem Wert. — Soweit der Bericht des Mahavansa. — 
Leider zeugen nur noch 1600 Säulen von verschwundener Pracht. 
Wie man sich aus diesen Überresten freilich heute einen Palast kon-. 
struieren will, der nur einigermaßen mit der Beschreibung über- 
einstimmt, bleibt der Phantasie des Lesers überlassen. 

Etwa 6 Kilometer von Anaradapüra entfernt befindet sich auf 
dem Gipfel eines Berges das Grab des Reformators Mahindo, zu 
dessen Andenken dort eine Dagoba errichtet wurde, Mahintale 
genannt, heute noch der große Wallfahrtsort für die buddhistische 
Welt. Eine 5 bis 6 Meter breite etwas zerfallene Steintreppe führt 
auf den Berg hinauf mitten durch den Wald, dessen üppige und 
mannigfaltige Vegetation so recht den Reichtum der Insel veran- 
schaulicht. Zu beiden Seiten liegen Felsblöcke und Gedenktafeln 
mit Inschriften reicher Pilger, die von Indien, Siam, China und 
anderen Ländern herbeigereist waren, um das Grab des berühmten 
Mahindo zu sehen. Nahe am Gipfel des Berges erhebt sich eine 
hohe Mauer. Etwa 4 Meter vom Boden entfernt ist in den Fels 
eine Nische eingehauen, in der Form eines Ruhebetts mit einer 
Öffnung nach der Außenseite. Hier ist der Sage nach das Toten- 
bett Mahindos. Der Blick in das Tal ist bezaubernd schön. Am 
Fuß des Berges liegt die Tempelstadt Anaradapüra mit ihren Denk- 
mälern und Palästen, im Hintergrund glänzt der lotosreiche Tissa- 
wewasee, dicht unter dem Fels abfallend der steile immergrüne Berg- 
hang, und darüber wölbt sich der wolkenlose tiefblaue Himmel. Es 
ist leicht zu begreifen, warum Mahindo diesen einsamen Platz 
zum Sterben wählte. Konnte er doch von hier noch in einem letzten 
Blick die Schönheit der Stätte fassen, anderer lange Jahre ange- 
strengter Wirksamkeit verbracht hatte. 

(Fortsetzung folgt) 




Buddha und seine Legende. — Von Eduard Schürt 53 



Buddha und seine Legende 

von Eduard Schürt 
ins Deutsche übertragen von Robert Laurency 

I. 

Über hundert Jahre sind es her, daß Buddha am geistigen Horizont 
Europas aufgegangen ist. ^) Einige Übersetzungen aus dem Sanskrit, 
mehrere Fragmente des alten heroischen Heldengedichtes des Maha- 
bharatam und ein entzückendes Drama Sakuntala enthüllten dem 
Westen eine Kultur, älter als die Griechenlands, reicher als die 
Ägyptens, die sich durch ihre Schätze tiefer Weisheit als ver- 
ehrungswürdigen Vorfahren der anderen ankündete. 

Dies rief anfangs Begeisterung, ja Verwirrung hervor. Für den 
modernen Menschen bedurfte es schon einer gewissen Anstrengung, 
um sich in das antike Hellas und Palästina zurückzuversetzen. 
Dennoch erinnerte er sich dessen wie eines Traumes: Athen war 
eine seiner Geburtsstätten und Galiläa eine Station seiner Seele. 
Nun kam es, daß eine unermeßliche, fremde, neue und gigantische 
Welt sich seiner Vorstellung über die Tiefen des Orients gegenüber- 
stellte. Es rief in ihm ähnliche Empfindungen hervor, wie sie ein 
Mensch hätte, der plötzlich in die kolossalen Massen des Himalaya, 
die mit ihren leuchtenden Gipfeln in den Himmel hineinragen, 
versetzt würde. Das Himalaya-Massiv nimmt allein den mehrfachen 
Flächenraum Frankreichs ein. Zu seinen Füßen haust der Panther, 
und der Steinadler, der seine Abhänge umschwebt, erreicht nicht 
seine Gipfel, die die höchsten der Welt sind. Die Insel Ceylon, 
die Rama mit einer Armee Affen von dem Dämon Ravana eroberte, 
wie die Legende erzählt, ist für sich ein kleiner Kontinent, auf 
dem alle Zonen vertreten sind: Menschen und Götter machten sie 
sich streitig. Hier werden alle Begriffe der uns bekannten Ver- 
hältnisse übertrofifen: Das Land, seine Denkmäler und die Ge- 
schichte. Die gewöhnlichen Begriffe von Zeit und Raum werden 



*) Im Jahre 1784 gründete William James die Asiatische Gesellschaft von 
Kalkutta. 



54 Buddha und seine Legende 

umgestoßen; die Chronologie Indiens ist viel täuschender als die 
Fata Morgana der Wüste. In der Ebene Delhi's bedeckt die fabel- 
hafte Stadt Hastinapura und die legendenhafte Indrapechta mit ihren 
Überresten achtundzwanzig Kilometer im Quadrat. Ihre halbein- 
gestürzten Pagoden, ihre tiefen unterirdischen Kirchen, ihre Mau- 
soleen, in denen man sich verliert, ihre Topen, welche die nackte 
weiße Erde von Entfernung zu Entfernung beherrschen, sind der 
Friedhof des namenlosen Kaiserreiches und der vergessenen Götter. 
Was ist Rom mit seinen dreitausend Jahren Geschichte gegen diese 
Ruine, wo unzählige zusammengefallene Jahrhunderte schlafen? Der 
erste Eindruck, den die Werke dieser antiken Literatur auf den 
westlichen Geist hervorrufen, ist gleich den riesigen Wäldern In- 
diens, die von oben bis unten von fremdartigen, ungeheuren Ge- 
schöpfen bewohnt sind. Der Elefant zertritt unter seinen Füßen 
den Bambus und die Zeder, die Schlange wickelt sich um die Li- 
anen, die neckischen Affen schaukeln sich unter den Laubgewölben. 
Wer von dieser berauschenden Natur überwältigt wird, nimmt 
ihren Hauch, sei er belebend oder ertötend, mit gleicher Ruhe hin. 
Doch im Grunde dieses Dickichts herrscht ein mysteriöses Wesen, 
dem Anscheine nach harmlos, in Wirklichkeit allmächtig, das be- 
zaubert, erschreckt und alle andern leitet: der Weise, der As- 
ket. Er stürzt sich in metaphysische Theorien von verzweifelter 
Tiefe. Er kann die Welt verschwinden lassen wie einen Traum; 
sogar über das Leben der Götter verfügt er dank seiner Denk- 
kraft. Alle Wesen fürchten und verehren ihn. Dieser Weise, der 
allem abgeschworen hat, ist wahrhaftig ein großer Magier und 
für alle Zeiten der Meister Indiens. — Der allergrößte Reiz dieser 
Heldendichtungen sind die lieblichen Einsiedeleien, denen man in 
diesen schrecklichen Wäldern begegnet, wo weise und fromme As- 
keten junge Büßermönche am Strande der mit blauen Seerosen 
übersäten Weiher unterweisen, mitten unter Schwänen und Anti- 
lopen. So die Geschichte von Sakuntala, die in einer dieser Zu* 
fluchtsstätten von König Duchanta gefunden wurde. Sakuntala ist 
eine vollkommen indische Erscheinung von feinem Anstand und 
Weichheit im Ausdruck. Die Liebe entwickelt sich hier zu einem 
verfeinerten Zartgefühl für Natur, Pflanzen und Haustiere. Die 



Von Eduard Schure 55 

zarte Sinnenlust glättet sich zu einem sanften Hauch der Askesei, 
der wie von fernen Gipfeln herüberzuwehen scheint. Mitten im 
Leben und in der Liebe leuchtet die Welt der Entsagung und 
des ewigen Friedens am Horizont, ohne Drohung, ohne Mißgunst, 
wie das Lächeln des Himmels dem irdischen Dasein. Diese köst- 
liche und lichtvolle Frische, diese Breite der Perspektive, die, vom 
Schöße eines Idylls aus, alle Horizonte des Denkens berührt, ver- 
führte auch den alten Goethe und läßt ihn über die Offenbarung 
Sakuntalas und Indiens begeistert ausrufen: „Willst Du die Blu- 
men des Frühlings und die Früchte des Herbstes? Willst Du die 
Düfte, die berauschen und den Met, der nährt? Willst Du mittels 
eines Wortes den Himmel und die Erde küssen? Ich nenne Dir 
Sakuntala und ich habe alles gesagt." 

Aber Indien hob Europa noch ganz andere Wunder auf. Die 
Veröffentlichung einer Übersetzung der Veden im Jahre 1805 sollte 
erst ihren eigentlichen Ursprung aufdecken. Bei Vergleichung der 
Spracheigentümlichkeiten der Hauptvölker des Occidents mit der 
nordischen Sprache erkannte man in dieser die älteste Seitenlinie 
einer gleichen Stammlinie. Perser, Griechen, Lateiner, Germanen, 
Kelten und Slaven hatten alle den gleichen Ursprung: die stolze 
arische Rasse. Von ihr haben wir die Sprache, die Stimme, den 
göttlichen Funken, all die ersten Begriffe, die trotz der außeror- 
dentlichen Verschiedenheiten die Säulen unseres moralischen und 
intellektuellen Lebens geblieben sind. In diesen arischen Uran- 
fängen, in diesem Volk, halb Priester, halb Krieger, erkannte man 
die ruhmreichen Vorfahren, die wirkliche Wiege unserer Kultur, 
die reine und geheiligte Quelle der Religion und der Poesie. Viel 
weniger als der moderne Mensch durch Beurteilung und Erkennt- 
nis des physischen Alls entwickelt, besaßen diese Arier in ihrer 
Einfachheit und Größe eine Art unmittelbarer und erhabener Er- 
kenntnis des Geheimsten in der Natur und der göttlichen Dinge. 
Ihr spiritualistischer Pantheismus ist voller Tiefe. Agni, das himm- 
lische Feuer oder der Äther wurde für sie zum einzigen Urquell 
der Seele und der Materie. Der Feuerkultus bei der Morgenröte 
symbolisierte das Opfer der individuellen vor der universellen 
Seele durch Gebet und Verehrung. Die patriarchalischen Priester 



\ 



56 Buddha und seine Legende 

der Familie und des Stammes hatten die Kraft, mit den höher- 
stehenden Wesen, die sich Götter nannten, familiär zu verkehren. 
Sie verschmolzen die Idee der Göttlichkeit mit der des Lichts. 
Ihre Devas bedeuten die Lichtvollen und sind die Ahnen der per- 
sischen, hellenischen und skandinavischen Pantheone. Aus den ge- 
heiligten Büchern Indiens erkennt man die Ausstrahlungen der 
Rassen, die Abstammung der Religionen, die erste Heimat. War 
es an dieser goldenen Wiege des Lichtes, in diesem für immer 
verlorenen Eden, wo die unbestimmten Erinnerungen volkstüm- 
licher Überlieferungen wieder emporstiegen, die erloschenen Träume 
eines goldenen Zeitalters, der hyperboräischen Glückseligkeit? War 
es von hier aus, von wo die göttlichen Hoffnungen ihre unendliche 
Wanderung quer durch das Elend der Menschheit antraten ? Hatten 
sie sich getrennt für alle Ewigkeit oder für ein fernes und myste- 
riöses Wiedersehen ? — Von diesem blendenden Lauf über Völker 
und Zeitalter fortgerissen, glich der moderne Geist dem König 
Duchanta, der von den höheren Wohnsitzen des Himmels im Indra- 
Wagen durch die Straßen der Lüfte herniederfuhr. Die Räder blin- 
ken vom Tau, die feurigen strahlenumschlossenen Rosse durch- 
schneiden die dichten Wetterwolken. Aber endlich treten die Berg- 
gipfel aus Nebelschichten hervor und leuchten golden in der unter- 
gehenden Sonne; die Flüsse zeichnen sich in den Tiefen ab; der 
Kontinent breitet sich bis zum Ozean aus und der König sagt zu 
seinem Wagenlenker: „Siehst Du! Die Erde erhebt sich mir ent- 
gegen. Mir ist, als ob man sie mir zum Geschenk darbringe." 

Indien, der nächste Erbe der arischen Uranfänge, war damit an 
den Ursprung all unserer philosophischen und literarischen Offen- 
barungen getreten. Aber niemand nahm damals an, daß man hier 
auch die Quelle jenes großen Stromes von Ideen und Gefühlen 
wiederfinden würde, ich meine der rührenden Barmherzigkeit des 
asketischen Spiritualismus, des übersinnlichen Mystizismus, den 
wir Christentum nennen. Die magnetischen Unterströmungen der 
Geschichte resultieren aus der wechselseitigen Tätigkeit der beiden 
menschlichen Geistespole : des sensualistischen und philosophischen 
und des geistigen und religiösen Pols. Man hatte es sich zur Ge- 
wohnheit gemacht, den ersteren nach Griechenland und den zweiten 



Von Eduard Schure 57 

nach Judäa zu versetzen. Alle beide sollte man nun in Indien wieder- 
finden. In der Lehre der Veden und des Brahmanismus hatte man 
sie zuerst herausempfunden. Die Entdeckung des Buddhismus ließ 
das Vorhandensein des zweiten Pols in unerhörter Kraft erkennen. 
Da im 13. Jahrhundert Marco Polo zum ersten Male die Legende 
des Buddha von Ceylon nach Europa brachte, sah er in dem großen 
Reformator nichts als einen Königssohn, der sich zum Asketen 
machte. Er sagte von ihm einfach und naiv: „Wäre er Christ ge- 
wesen, so würde er in Ansehung unseres Herrn Jesus Christus, 
nach seinem ehrbaren Lebenswandel ein großer Heiliger geworden 
sein". Aber nachdem der Engländer Hodgson im Jahre 1821 in den 
Klöstern NepaPs die buddhistischen Originalmanuskripte des Tripi- 
taka und des Lotos vom guten Gesetz entdeckte, nachdem Eugen 
Burnouf sieben Jahre seines Lebens dem Studium der 64 Ma- 
nuskripte, die Hodgson der asiatischen Gesellschaft zu Paris sandte, 
gewidmet und nachdem er endlich seine bewundernswerte Einführung 
in die Geschichte des Buddhismus veröffentlicht hatte, begann man 
die Bedeutung einer Religion, die trotz ihrer zum Teil entarteten 
Formen heute noch ein Drittel der Menschheit zu ihren Anhängern 
zählt, zu erfassen. Die Werke, die nun folgten: von Weber, von 
Max Müller, von Wassiljew, von Foucaux, von Stanislas Julien und 
von vielen Anderen, haben von Jahr zu Jahr das Interesse daran 
gesteigert. Gegenwärtig schürft eine Armee von englischen Indo- 
logen, von Deutschen und Franzosen in den Originalschriften des 
Buddhismus. Die Lehre des Gründers, die anfangs nur die Ge- 
lehrten interessierte, hat damit geendet, daß sie Philosophen, Theo- 
logen, Denker unseres Zeitalters ausschließlich beschäftigt, ja selbst 
beunruhigt. Die Gestalt des Sakyamuni hatte sich endlich vom 
Staub der Pergamente freigemacht, sie trat aus den lamaistischen 
Eifersüchteleien heraus, und wir sehen uns einer Gestalt gegenüber- 
gestellt, deren Edelmut und Größe uns unwillkürlich an das Bild 
Jesu Christi erinnert Er läßt einen quälenden Zweifel in unserer 
Seele; denn sein asketischer Blick, sanft und durchdringend, zart 
und tief, wie seine Lehre, ist von jenen, die uns mit dringendster 
Bitte die große Frage des Jenseits auferlegen: Sein oder Nicht- 
sein! Ist es wahr, daß, wie die ganze westliche Wissenschaft, auf 



58 Buddha und seine Legende 

den Skeptizismus Schopenhauers und seiner Schule gestützt, glaubte, 
daß Buddha seine erhabene Moralphilosophie gepredigt habe, um 
sich für das Nichts zu entscheiden? Daß die ungeheure Kraft seiner 
Metaphysik als letzten Schluß die Ausrottung des Lebens, die Ver- 
nichtung der Seele, den Untergang der Wesen in das schwarze 
Loch des Nirwana habe? Oder ist, wie seine esoterischen Anhänger 
behaupten, dieses Nirwana, das uns so erschreckt und fasziniert, 
den profanen Augen nicht ein zwar undurchdringlicher Schleier, 
aber durchsichtig denen, welchen er den Glanz seiner Seligkeit viel 
leuchtender enthüllt, als alle mythologischen Himmel zusammen- 
genommen und eine spirituelle Entwicklung in Harmonie mit allen 
Gesetzen des Weltalls? 

Nicht in einer historischen Studie, wohl aber in einer echten 
Dichtung hat Edwin Arnold versucht, dieses Problem zu zerlegen 
und den Buddha mit seiner lebendigen Physiognomie wieder zu 
erwecken. Edwin Arnold gehört einer bedeutenden englischen 
Geistesrichtung an, die sich Indiens eifrig angenommen hat. Diese 
Richtung interessiert sich nicht nur für die Natur Indiens, für seine 
grandiose Poesie, für die Schicksale einer Rasse, die der moham- 
medanischen Eroberung Stand hielt und neuerdings die Kraft zu 
seiner Wiedergeburt in Verbindung mit dem sympathisierenden 
Westen fand. Sie glaubt außerdem auch, daß das vertiefte Studium 
der Philosophie und der Religionen des Orients im Lichte des 
arischen Genius nicht ohne Einfluß auf die Lösung des großen 
Konflikts zwischen Wissenschaft und Religion, der unser Zeitalter 
veruneinigt, bleiben kann. Darin liegt ein Zeichen der Zeit; diese 
Rückkehr vom occidentalen Extrem zum orientalischen Extrem, wie 
zu einer Morgenröte der erhabensten Offenbarungen, ist nicht das 
krankhafte Bedauern über eine abgetane Vergangenheit, sondern 
mehr die instinktive Bekräftigung der einen Wahrheit, die alle 
Zeitalter, alle Rassen beherrscht hat und von Jahrhundert zu 
Jahrhundert größer wurde. Zu dem Einsturz des alten Glaubens, 
zur Unsicherheit unserer Wissenschaft über die Ursachen und das 
letzte Ende der Dinge, hat uns Indien vielleicht noch Geheimnisse 
zu eröffnen. Wie es auch sei, dieses selbe Problem des Schicksals 
und des Todes, das uns von je bewegt, hatte auch den Sohn eines 



Von Eduard Schure 



59 



Königs aus seinem an Genüssen reichen Alltagsleben verjagt, un- 
gefähr 550 Jahre vor unserer Zeitrechnung, um ihn in die Ein- 
samkeit und zur Askese zu führen, von wo er dann als milder 
und geehrter Heiliger hervorging. Niemals vielleicht in der Mensch- 
heitsgeschichte sahen wir eine so großartige und unerhörte Be- 
herrschung des eigenen Ich, um sich von den Stürmen des Lebens 
und dem Wandel der Zeiten loszulösen; niemals wagte man die 
Tore des Unendlichen mit einer so kühnen Logik, einer so bis zur 
letzten Konsequenz gehenden Energie zu zertrümmern. 

Mit Hilfe von Arnolds herrlicher Arbeit wollen wir unsererseits 
versuchen, die erhabene Geschichte des Sakyamuni zu erzählen. 
Um dieses Bild auszugestalten, müssen wir die gesamten Legenden 
Buddha's heranziehen. Vor allem werden wir uns bemühen die 
Größe des innerlichen Schicksals, das sich in dieser gewaltigen 
Erkenntnis entrollt, hervortreten zu lassen. (Fortsetz, folgt.) 




Einer herrlichen, farbenreichen, doch duftlosen Blume gleich ist 
ein schönes Wort, dem kein entsprechendes Handeln folgt: es trägt 
keine Frucht. Dhammapada 

\ * 

Reichtum, Schönheit, Blumendüfte und Schmuck zieren den 
Menschen nicht so wie echtes Handeln. Wahre Anmut und wahres 
Glück sind nur dort zu finden, wo eine rechte Gesinnung im 
Herzen wohnt. Fo-sho-hing-tsan-king 



Mitteilungen 
des Bundes für buddhistisches Leben 

Infolge der Schwierigkeiten der Saalbeschaffung und auf Wunsch einiger 
auswärtiger Mitglieder sahen wir uns leider genötigt, den für den 26. Februar 
festgesetzten Gründungsabend der Hauptortsgruppe München auf den 11. März 
zu verschieben; derselbe findet nunmehr an diesem Tage abends 7^2 Uhr 
im großen Steinickesaal München Adalbertstraße statt. Die Mitglieder des 
B. f. b. L. haben gegen Vorzeigen der Mitgliedskarte freien Eintritt. Karten 
sind im Vorverkauf bei den Buchhandlungen JafFe und Steinicke und an der 
Abendkasse zu haben. Durch die Verschiebung wird es vielleicht dem einen 
oder andern auswärtigen Mitglied oder Interessenten eher möglich sein, zu 
unserem Abend nach München zu kommen. Wir lassen hiermit herzliche 
Einladung an diejenigen ergehen, denen die Reise möglich sein sollte, und 
sind gerne bereit, für gute Unterkunft zu sorgen, falls wir rechtzeitig benach- 
richtigt werden. An dem Abend werden unter anderen sprechen: Dr. Hans 
Taub und der Münchener Buddhologe Hans Ludwig Held; Herr Karl Zistig 
vom Frankfurter Neuen Theater wird einige buddhistische Dichtungen vor- 
lesen, und der Schriftsteller Ludwig Ankenbrand, der auf seiner mehr- 
jährigen Weltreise nach längerem Aufenthalt in Ceylon durch den Kriegs- 
ausbruch überrascht und von den Engländern SJahre hindurch gefangen gehalten 
wurde, wird einen Lichtbildervortrag halten über „die Welt des Buddha". 

Im Anschluß an diese Gründung der Hauptortsgruppe München sollen, 
wie schon früher mitgeteilt, die Ortsgruppen Berlin und Hamburg gegründet 
werden. Wir bitten unsere Mitglieder und alle anderen Interessenten in diesen 
beiden Städten und deren weiteren Umgebung, sich zwecks Besprechung 
organisatorischer Fragen mit uns in Verbindung zu setzen, damit wir die 
weitere Vermittlung der verschiedenen Pläne in die Wege leiten können. 

Wir gaben unseren Mitgliedern und den Lesern dieser Zeitschrift schon 
im Januarheft Kenntnis von dem außerordentlichen Interesse, das unsere 
Bestrebungen in den weitesten Kreisen gefunden haben. Heute sind wir in 
der angenehmen Lage weiter mitteilen zu können, daß die Anteilnahme an 
unseren Arbeiten und Zielen sich von Woche zu Woche steigert; zahlreiche 
Zuschriften von nah und fern zeigen uns, welchen Widerhall diese finden, 
und daß unsere ausgedehnte Propagandatätigkeit segensreiche Früchte trägt. 
Wir betonen dies besonders nochmals denen gegenüber, die in Zuschriften 
an uns eine umfangreiche Werbearbeit als mit dem Geiste des Buddhismus 
unvereinbar bezeichnen. Wenn es uns gelingen soll, die Einzelnen, die in 
ihrer inneren Erkenntnis schon so weit fortgeschritten sind, daß sie die 
ihrem Gesichtskreis näher gebrachte Lehre des Buddha erfaßen können, 
herauszufinden und unserer Gesellschaft anzuschließen, so ist dies eben 
liur durch eine in weiteste Kreise dringende Werbearbeit möglich. 

Wegen Platzmangel Fortsetzung in der nächsten Nummer. 




Weltschau 



Aus Ost und West. Die Dezember- und Januarzeitungen berichten vom 
„Drama von Amritsar", vom „Plan einer bolschewistischen Revolution in Indien", 
von „blutigen Zusammenstößen", von „Gärung im Nordwesten Indiens", von 
„neuen englischen Grausamkeiten" u. s. w. Für den mit den Verhältnissen 
Vertrauten sagen diese Schlagworte nicht viel. England hat es während des 
Weltkrieges verstanden, alle Aufstände — und es gab deren nicht wenige — 
meisterhaft zu unterdrücken, ja sogar die führenden religiösen Blätter — 
auch buddhistisclie und mohammedanische — so zu beeinflussen, daß sie be- 
geisterte und patriotische Artikel zum Ruhme Englands schrieben, dagegen 
Deutschland und besonders seinen Kaiser durch haßerfüllte Aufsätze ver- 
folgten. So brachte z. B. die „Maha Bodhi and the United Buddhist World" 
im Jahrgang 2458 (1914) Seite 260 einen Artikel „Thought for the Kaisers 
next Painting'^ (Gedanken für des Kaisers nächstes Bild). Die in London er- 
scheinende „Buddhist Review" (Vol. VII. April, May, June 1915 Nr. 2) schreibt 
u.a.: „Unter den Artikeln der verschiedenen Hefte der ,Hindustan Review" 
die uns seit Veröffentlichung unserer Januarnummer erreichten, führt einer 
den Titel: ,Der Krieg und der Zusammenbruch des Christentums von 
einem Heiden*. Der Schreiber weist auf die Tatsache hin, daß nunmehr 
acht ausgesprochen christliche Völker in einen Krieg verwickelt sind, der 
Europa zu Grunde richten wird. Er bezeichnet denselben als den Zusam- 
menbruch, der christlichen Zivilisation." 

Und das Blatt schreibt weiter: „Gut für diejenigen, die mit der Geschichte 
der europäischen Staaten vertraut sind, ist das eine altbekannte Tatsache. 
Kam der gegenwärtige Krieg nicht zustande mit blasphemischen Erklärungen 
aller europäischen Monarchen — mit alleiniger Ausnahme unseres Königs 
und Kaisers Georg?" Und nun kommen alle jene wunderbaren Phrasen, die 
wir während unserer langjährigen Kriegsgefangenschaft fast auswendig kannten, 
gegen Deutschland und das deutsche Volk: „Has this same war not been 
marked by hypocrisies, lies, murders of innocent women and children, levet, 
plunder, destiuction of works of art and noble monuments by the European 
nation, Germany, which boasts loudest of its culture?" . . . („Stand dieser 
selbe Krieg nicht unter dem Zeichen von Heuchelei, Lugen, Mord an un- 
schuldigen Frauen und Kindern, Vergewaltigung, Plünderung, Zerstörung von 
Kunstwerken und berühmten Denkmälern durch jenes europäische Volk, 
welches sich am lautesten seiner Kultur gerühmt hat, nämlich Deutsch- 
land? ....)" Also wir sehen, alle werden für schuldig erklärt, sogar Eng- 
lands Bundesgenossen, nur es selbst und sein König allein sind am Kriege 
unschuldig gewesen I 



62 Buddhistische Weltschau 

Daß Japan Europa gegenüber seinen Buddhismus immer mehr dem 
europäischen Denken und dem Christentum anzupassen versucht, ist ja 
bekannt. 

In Indien, Ceylon und Burma jedoch tritt es als Schutznation des Buddhismus 
auf und möchte allzu gerne seinen Kaiser zum Schutzherrn aller buddhisti- 
schen Völker machen. Das offizielle Japan benützt leider heute die Religion 
für politische Ziele und Zwecke. Dies beweisen uns die Erlebnisse japanischer 
„Buddhistenpriester", die als Spione nach Tibet gehen ebenso gut, wie die 
„Leiden" japanischer Missionare in China — und die zunehmende Ausbrei- 
tung des Islam im Lande der aufgehenden Sonne, worüber die Hadji-Num- 
mer des Jahres 1332 mohammed. Ära (Oktober 1914) der „Ceylon Muslim 
Review" in einem von Hassan U. Hatano geschriebenen Artikel „How to 
spread Islam in Japan?" (Wie kann man den Islam in Japan verbreiten?) 
genügend Auskunft gibt. Nach ihm soll Marschall Baron Ito geäußert haben: 
„Der Islam scheint mir eine ideale Religion für das japanische Volk zu 
sein!" 

Auch Slam hat während des Krieges trotz seines buddhistischen Ein- 
schlags unter starkem englischen und französischem Druclce recht unerfreu- 
liche Dinge gezeitigt. Denn eine Anzahl seiner Mönche soll, wie wir aus 
ziemlich sicherer Quelle hören, ihr gelbes Gewand gegen den bunten Waffen- 
rock vertauscht haben, um gegen die „deutschen Barbaren* zu Felde zu 
ziehen! — 

Dagegen gewinnt in Indien, besonders in Bengalen, die buddhistische 
Lehre immer mehr Boden und Anhänger; an der neu errichteten Kunst- 
schule zu Calcutta wird hauptsächlich buddhistische Kunst gelehrt. Der Bruder 
des bekannten Dichters Rabindra Nath Tagore, Abinandra Nath Tagore, hat in 
herrlichen Farben Szenen aus dem Leben des Buddha gemalt, die auf christ- 
licher Seite nur in der von Pater Desiderius Lenz, O. S. B., geschaffenen 
und in der Krypta der Klosterkirche des Monte Cassino zuerst verwirklichten 
Neugestaltung christlicher Kunst, oder jüdischerseits nur in den hervor- 
ragenden Werken von Boris Schatz in der Kunstschule Bezalel zu Jerusalem 
ihr Gegenstück finden. (L. A.) 

Deutsche Buddhisten in Indien während der Kriegszeit. Als die 

Kriegsfackel in Europa entzündet wurde, saßen auf Polgasduwa, der von 
Herrn Bergier in Lausanne dem ehrw. Bhikkhu Nyanatiloka geschenkten Kloster- 
insel, sowie im benachbarten Dorf Dodanduwa folgende deutsche und öster- 
reichische Buddhisten: 

Die Bhikkhus Nyanatiloka, Vappo, Kondafifio, Vimalo, Bhaddhiyo, Maha- 
namo, Sono, Jaso, sowie die Klosterlaien und Laienanhänger Sobzack, Siemer 
und Ankenbrand mit Frau. 

In Colombo leitete Frau Marie Musäus-Higgins, eine Enkelin des Märchen- 
dichters Musäus, die dortige höhere, buddhistische Mädchenschule, und in 
Adyar bei Madras, der theosophischen Niederlassung Annie Besants, die 
während des Krieges unter Englands Verwaltung nicht wenig zu leiden hatte, 
arbeitete Dr. Schrader, der bekannte Übersetzer einer auszugsweisen Fassung 
des „Milindapanho". Während Frau Higgins als amerikanische Staatsbürgerin 
ihre segensreiche Tätigkeit auch während des Krieges fortsetzen durfte. 



Buddhistische Weltschau 63 

mußte Dr. Schrader Adyar mit dem Kriegsgefangenenlager Ahmednagar ver- 
tauschen, das er erst seit kurzem verlassen durfte. 

Wir anderen hingegen von der Kokos- und Orangeninsel (Dodanduwa- 
Orangeninsel, Polgasduwa-Kokosinsel) waren noch kurze Zeit auf freiem 
Fuß, d. h., wir mußten uns täglich zwei bis dreimal auf der Polizei melden; 
dann wurden wir auf unserer Insel festgehalten und schließlich mit den 
übrigen — dem Buddhismus zumeist sympathisch gegenüberstehenden — Cey- 
londeutschen nach dem Lager Diyatalawa im Hochland der Insel gebracht; 
nur Bhaddyo als amerikanischer Untertan blieb auf Polgasduwa mit dem 
amerikanischen Mönch Assaji, einigen tibetanischen Samaneros, früheren 
Prinzen von Sikkhim, und dem jungen Samanero Nyanaloka aus Kadugannawa 
zurück, starb jedoch bald nach unserer Internierung. Wir verblieben in Diyata- 
lawa, das bald durch Gefangennahme zahlreicher Schiffsmannschaften und der 
Besatzung der „Emden" neuen Zuzug erhielt, bis der „Ceylon-Aufstand** 
die Regierung zur „Vorsicht" mahnte und man uns alle nach Australien 
verbrachte. Als die Regierung die mitinternierten katholischen Priester und 
einige evangelische Missionare der Freiheit zurückgab, schlug auch für einige 
von uns die Stunde zu neuer Pilgerfahrt. 

Sono wandte sich nach Slam, wo er aber bald wieder gefangen gesetzt 
wurde. Sobzack und Siemer gingen nach den Vereinigten Staaten von Amerika, 
Jaso nahm einen Ruf als Lehrer an die deutsche Schule in Carakas (Vene- 
zuela') an, an der er heute noch tätig ist. Bhikkhu Nyanatiloka reiste zu- 
nächst nach Honolulu und dann über Japan nach China, wo er neuerdings 
gefangen gesetzt wurde. Unter Englands starkem Drucke war er wie viele 
China-Deutsche schweren Leiden und Entbehrungen ausgesetzt, bis auch für 
ihn, wie für die anderen China-Deutschen endlich im Sommer 1919 die Be- 
freiungsstunde schlug und er nach Deutschland zurückgeschafft wurde. 

Wir anderen betätigten uns bis zum Mai 1919 in den Kriegsgefangenen- 
lagern Australiens — Unterfertigter als Leiter der Schule für die deutschen 
Kriegsgefangenenkinder im Lager Molonglo. Wir alle haben während der 
langen Kriegsgefangenschaft Vieles erduldet und entbehrt; besonders schmerz- 
lich ist der Verlust an Büchern, Manuskripten, Platten, Photographien etc. 
Einstweilen sind natürlich auch die Mönche auf Deutschland angewiesen, 
da ihnen ja bekanntlich wie allen übrigen Deutschen die englischen Kolonien 
für 3 bis 5 Jahre verschlossen sind. Ob sich dieses Gebot allerdings so lange 
aufrecht erhalten läßt, ist eine andere Frage. Die Bevölkerung Ceylons und 
besonders Dodanduvas gedenkt unser, wie uns Briefe des Klosterspenders 
Coroners W. Wijeyesekera darlegen, mit Wohlwollen und Freude. Allen 
unseren Freunden auf Lanka rufen wir die herzlichsten Grüße zu und 
hoffen auf ein baldiges Wiedersehen. L. Ankenbrand. 

Urerkenntnis und Urgestaltung. Universitätsprofessor Dr. Hans Much 
hielt vom 12. bis 31. Januar einen Zyklus von sechs Vorträgen unter obiger 
Ankündigung, den die Hamburger Blätter einer eingehenden Würdigung unter- 
zogen. Er behandelt .^abei auch den Buddhismus ausführlicher. Über diesen 
Teil der Vorträge enmehmen wir dem Hamburger „General-Anzeiger" vom 
21. Januar u. a. das Folgende: „Professor Hans Much predigt zurzeit das 
Buddha-Evangelium vor der Gemeinde des Freideutschen Jugendbundes. 



64 Buddhistische Weltschau 

Evangelium? Frohe Botschaft? Nein! Und drohender noch als dem gereiften 
Zuhörer muß die strenge Buddhaweisheit, die der Redner selbst mit Vorliebe 
eine Firnenweisheit nennt, dem jungen Volk vorkommen, das sich in Scharen 
in den verdunkelten Saal zu Füßen des bitteren Redners drängt. Was wird diese 
Jugend gewinnen? Eines gewiß: die Erkenntnis des Unterschiedes zwischen 
Innenwelt und oberflächlicher Erscheinungswelt, eine Ahnung vom Werte des 
„höheren Ichs". Und wenn sie diese Kenntnis gewinnt, so ist es gut für unser 
gedemütigtes Volk, das in der Erscheinungswelt keinen Rang mehr hat und hof- 
fentlich auch nie mehr danach verlangen mag, sich mit Blut und Eisen grausam 
über seine Feinde zu erheben. Haß wird nur durch Nicht-Haß überwunden, 
predigt der Jünger Buddhas, und in der Hinsicht mag ihm ein lauterstes 
Verstehen der Jugend entgegenblühen: Anzeichen einer neuen innerlichen 
edleren Zeit, die eine neue Epoche menschlicher Kultur ankündigt. Worin 
wir Professor Much aber keinen Erfolg wünschen, ist, daß er das junge 
Deutschland zu Asketen erzieht, die sich an der Erreichung ergrübelter 
Ziele einer unwirklichen Welt unfroh machen und aufreiben. Denn mit was 
für frohen Worten Much die Selbsterlösung durch Erkenntnis preisen mag, 
es muß ihm entgegengehalten werden, daß auch seine angeblich unumstöß- 
liche letzte Wahrheit Theorie, nichts als graueste Theorie ist, die vor der 
überlegenen Allmacht ihrer Majestät Natur nicht standhalten kann. Lebens- 
durst ist die Ursache unserer Lebensgebundenheit, die Ursache unserer 
Leiden in der unwirklichen Erscheinungswelt? Und Abtötung des Lebens- 
durstes ist die Bedingung unserer Erlösung zur ewigen Freiheit des Nirwana? 
Ei, aber wo ist der Beweis für so gefährliche Behauptungen? Wie erklärt 
sich die Entstehung eines Lebensdurstes für uns Gottwesen, die wir die 
Gottheit in uns tragen und gar im. letzten Grunde die Gottheit selber sind? 
Wie kam es, daß uns ein so törichter Lebensdurst vor unserem Leben er- 
greifen und in dieses qualvolle widersinnige Leben hineinführen konnte? 
Und geschah es aus uns nicht bekannten Gründen, wer verbürgt uns die 
Erlösung durch Weltverachtung, die alle Kraft daran setzt, sich der Lebens- 
lust zu entziehen? Immer bleiben wir an die Erscheinungen gebunden, so 
lange wir auf der Erde leben. Wäre nicht Weggabe des Lebens — Selbstmord 
die einzig entschiedene Tat im Sinne der Weltverachtung, der Lebensdurst- 
vernichtung? Nein, hier sind anmaßliche Ziele aufgestellt, die am wenigsten 
jene erreichen können, die es am wahrhaftigsten meinen. Die Gnade Gottes, 
das Entgegenkommen innerlich geahnter Mächte, kann der erlösungshungrige 
Mensch nicht entbehren. Bleiben wir ruhig ein wenig geringer in unserer 
Erdenexistenz, die ihre Grenzen hat; bleiben wir unüberhebliche Menschen, 
die das letzte Geheimnis irgend wann einmal, nicht in irdischen Lebenstagen, 
erwarten mögen. Jesus blieb hinter dem Gipfelwanderer Buddha zurück? 
Jesus lächelt. Der war kein verstiegener Wanderer, der kannte die Grenzen 
der Menschheit besser. Möchten wir nur erst einmal ihn von ferne begriffen 
haben! So mag uns der Buddha zusamt seiner grämlichen Leidensliste immer 
gewaltig erscheinen. Wie war die Liste doch? Geburt ist Leiden, genossene 
Lust ist Leiden, von Liebe getrennt sein ist Leiden, Altern ist Leiden, Tod 
ist Leiden. Ja, aber Schaffen ist Glück und Geborenhaben ist Glück, in 
Liebe vereinigt sein ist Glück, ruhig und maßvoll werden im Alter ist Glück, 
Abscheiden in Reife ist Glück. Warum verheimlicht der Buddhaprediger das 



Buddhistische Weltschau 65 

mannigfache Glück der Erde, das neben dem Leiden in der Erscheinung ist? 
Seine Betrachtung ist ungerecht und einseitig; seine Betrachtung bescheidet 
sich nicht vor der unerkennbaren Natur dessen, der auch das Reich der 
Erscheinungen geschaffen hat und schafft und hält .... Niemand — hoffent- 
lich — wird die junge Lebenszuversicht opfern, um sich gewaltsam an eine 
Gottheit zu drängen, die sich ihm nur in verworrenen Nebeln zeigt und 
nicht zu wollen scheint, daß der Mensch sie leibhaftig ergreife. 

Die Grundlagen ^iner kulturgemäßen Gottesverehrung. Über dieses 
Thema sprach Herr Lic. theol. Ludwig Zangenberg am 3. Januar im Logen- 
haussaal zu Dresden. „P. Th. H." kritisiert diesen Vortrag in der Nummer 
vom 6. Januar der „Neuesten Nachrichten", Dresden, und sagt darin u. a.: 
„Zangenberg legte dar, wie in Jesus das religiöse Grundgefühl gegeben ist, 
auf das allein aufgebaut werden kann, und zitierte das Bibelwort: „Einen 
andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist 
Jesus Christus.*' Hier scheint mir noch eine gewisse theologische Befangen- 
heit vorzuliegen. Zangenberg meint das Letzte, die große Liebe und Mensch- 
lichkeit zu den Lebensgefährten, die uns eine wahre, volle Heimat bescheiden 
sollen. Aber hat nicht Buddha im Letzten, Allerletzten schließlich dasselbe 
gewollt wie Jesus? Der Weg, der Mythos ist freilich anders, entgegengesetzt; 
Buddha fordert auf, „vom Hause in die Hauslosigkeit zu wandern". Aber er 
will ja gerade dadurch zur Heimat, zur „höchsten Wonne" führen und predigt 
feine, höfliche Liebe und Güte. Im Letzten klingt hier dieselbe helle Musik 
wie bei Laotsze und dessen Tao, ja selbst wie bei dem Pessimisten Scho- 
penhauer, Nietzsche, Jesus, Buddha, Laotsze: in diesem Allerletzten, der 
Heimatsehnsucht und der Erlöserliebe (die sie nur verschieden zu Ende 
führen: Nietzsche in der Bejahung des gewaltigen Lebensliedes von der 
ewigen Wiederkehr der Dinge, Buddha im Nirwana) sind sie sich alle gleich. 
Darum sollte dieses Letzte, die große Liebe, die vertrauend sich dem Gött^ 
liehen hingibt, nicht prätenziös allein Jesus, der sie auch hat und vollendet 
bekundet, zugeschrieben werden. 

Nicht als ob damit eine Verquickung, eine unreine Vermischung des Re- 
ligiösen stattfinden soH. Die Welten dieser Größen sind voneinander welten- 
weit verschieden. Aber das letzte Religiöse, die Vaterhausliebe in diesem 
tiefsten Sinne sollte, wenn sie als Grundlage verwandt wird, nicht ohne dasBe- 
wußtsein hingenommen werden, daß hier alles zusammenströmt und daß von 
der Speisung durch diese Ströme aus den Welten Buddhas und aller andern 
nur die neue unmythologische Religion unendlich gewinnen könnte. Der 
Geist des Christentums würde so welterfüllt von neuem das ganze Leben 
erobern können." 

Friedrich Kayßlers Vortrag „Aus den Reden Gotamo Buddhos." 

Am 26. Januar hielt F. Kayßler, der bekannte Bühnenkünstler, im Blüthner- 
saal zu Berlin eine buddhistische Vorlesung. Die „Deutsche Zeitung", Der 
„Vorwärts", die „National-Zeitung" und die „Kreuzzeitung" brachten aus- 
führliche Besprechungen. Wir entnehmen der „Kreuzzeitung" vom 28. Januar 
das folgende: „Eine getreue und fast andächtig lauschende Gemeinde des 
bekannten Bühnenkünstlers füllte am Montag abend den Blüthnersaal, um 
indische Weisheit zu genießen. Die Vorliebe für morgenländische Literatur, 



66 Buddhistische Weltschau 

für die Philosophie und Gedankenwelt des fernen Ostens bildet ein be- 
merkenswertes Kennzeichen unserer Tage. Aus dem unerfreulichen und 
reizlosen Getriebe der Gegenwart flüchten geistige Menschen gern in die 
versunkene Welt einer weitab liegenden Vergangenheit. Vielleicht — wir 
können es noch nicht endgültig beurteilen — hat Oswald Spengler Recht, 
wenn er diese Gegenwarts- und Weltflucht als die „Ausbreitung einer letzten 
Weltstimmung" kennzeichnet. Jedenfalls ist es ganz unzweifelhaft, daß zu 
unseren modernen Anschauungen des „ethischen Sozialismus" der indische 
Buddhismus eine geschichtliche und kulturelle Parallel-Erscheinung bildet, 
und aus dieser geistigen Wesens- und Stimmungsverwandtschaft ist wohl 
auch die Hinneigung unserer Gegenwart für die morgenländische Gedanken- 
welt erklärlich. Der Hang zur Theosophie, die Vorliebe für Occultismus und 
Mystizismus, die sich in neuerer Zeit bemerkbar macht, schöpft aus indi- 
schen Weisheitsquellen, und es ist deshalb kein Zufall, wenn wir in Berlin 
u. a. auch einen „Neu-Buddhistischen Verlag" und sogar eine „Neu-Buddhis- 
tische Zeitschrift" haben, die mit Vorliebe Studien für angewandten Bud- 
dhismus veröff'entlicht, also offenbar über einen gewissen Anhängerkreis ver- 
fügen muß. Zu dem neulich geschilderten Vortrag des Grafen Keyserling 
über Wesen und Unterschiede des morgen- und abendländischen Denkens 
bot nun die Vorlesung Friedrich Kayßlers aus Gotamo Buddho eine ungemein 
reizvolle und interessante Probe. Der Künstler las unaufdringlich und darum 
um so wirkungsvoller eine moral-philosophische Betrachtung „Vom Lohn 
der Asketenschaft", die mit starken Anklängen an den Seelenwanderungs- 
glauben in der Läuterung des inneren und äußeren Menschen, in der Ab- 
wendung von allem Irdischen und in der Hingabe an das rein Geistige, den 
besten Lohn der Asketenschaft findet. Dann wird der Erlöste auch zum Er- 
löser. An die indische Weisheit schlössen sich als bemerkenswertes Ge- 
genstück Stellen aus dem Alten und dem Neuen Testament. Die treue Ge- 
meinde dankte dem Künstler zum Schluß mit lebhaftem Beifall." 

Kausikas Zorn. M. G. Conrad schreibt zur Aufführung dieses Stücks 
in München u. a. in der „Täglichen Rundschau", Berlin, vom 31. Januar: 
„Eine Gemeinschaft feuriger Köpfe aus unserer Hochschuljugend hat sich 
zur Pflege primitiver und expressionistischer Kunst im Theater zusammen- 
geschlossen und im großen Museumssaal eine neue Bühne aufgetan. „Das 
Spiel" nennt sich das neue Versuchstheater. Wie der Neubuddhismus als 
Religionsgemeinschaft seit Jahren in München mit wachsender Heftigkeit 
um Anhänger wirbt und tatsächlich an Ausbreitung gewinnt, so hat es die 
mystische Tiefe der indischen Weltanschauung und Poesie unseren akade- 
mischen Ästheten vom „Spiel" angetan, Primitivismus der Indier zur Losung 
einer expressionistisch -theatralischen Erweckung in Deutschland zu machen. 
Klassiker, Romantiker, Bayreuther, Naturalisten, Symbolisten und was sonst 
noch unter irgendeiner Etikette Verwirrung in die Primitivität, Simplizität der 
Theaterkunst getragen, all das ist zu Ende: Urbeginn, neues Werden, My- 
sterium der Wiedergeburt liegt keimartig in allem Ende. Mit Programmen 
zunächst und jetzt mit der Gemeinschaftsbühne „Das Spiel" brechen die 
Keime ans Licht zur zielbewußten Wiedergeburt des Dramatischen schlecht- 
weg. Die Masse, das Volk, ganz Deutschland wird aufgerufen, sich dem 



Buddhistische Weltschau 67 

„Spiel" dienstbar zu machen, damit bei äußerster künstlerischer Beschrän- 
kung, ja Knappheit der Mittel der Mensch als Schauspieler zur Wirkung 
komme, in Wort, Geste und Eurhythmie seiner wohlausgewogenen Körper- 
lichkeit Träger des beseelten dramatischen Geschehens werde. 

Und so wurde auf den Spielplan, der über alle Zeiten und Völker aus- 
greifen und indische, japanische, mittelalterliche, spanische, usw. Stücke zur 
Aufführung vorbereiten soll, einer der ältesten Theatraliker Indiens, Ksche- 
misvara, mit dem Stück „Kausikas Zorn", an die erste Stelle gesetzt. 
Mit einem Minimum an Mitteln soll ein Maximum an künstlerischen Ein- 
drücken erweckt werden, wundervolle Höhen, Herrlichkeiten eines Königs, 
Glück und Leid einer Welt breiten sich aus in einfacher Kunst mit ihren 
einfachen Bedingungen. Ein Engländer hat das Drama Kschemisparas 
nach Europa gebracht, ein Deutscher hat es bearbeitet, im Museumssaal zu 
München erlebte es seine deutsche Uraufführung. Herr Arnold Putz spielte 
Kausika, Herr Loewenberg den König, Fräulein Klotho die Königin und so 
weiter in der langen Liste der sprechenden Personen, die mit inbrünstigem 
Pathos ihr Seelisches unmittelbar in Gebärde auszuströmen und Kausikas, 
des gewaltigen Brahmanen, der durch unermeßliche Opfer und Buße Über- 
winder der Welt geworden, herzbewegendes Schicksal zu veranschaulichen 
hatten. Der schwarze, mit Symbolen bestickte Vorhang konnte sich nach 
den einzelnen Bildern immer wieder öffnen, um den Spielern den begeister- 
ten Dank der zahlreichen Zuschauer und die Blumengewinde der besonde- 
ren Verehrer entgegennehmen zu lassen. 

Der Anfang ist gemacht, „Kausikas Zorn" wird mehrfach wiederholt wer- 
den. Sobald die ßerie abgeschlossen ist und ein neues Spiel beginnt, wird 
es Zeit sein, auf die junge Spielergemeinschaft und ihr Werk, an dessen 
großer theatralischer Linie die neue erlösende dramatische Form sich entfal- 
ten soll, eindringender zurückzukommen. Es wird sich zu zeigen haben, ob 
und wie die jungen Spieler in ihrem schrankenlosen Willen zur Primitivität 
aus der indischen Wunderwelt, aus Orient und Mittelalter sich herausfinden 
in die deutsche Welt der Gegenwart. . . ." 




Bücherbesprechungen 



Heiler, Friedrich. — Die buddhistische Versenkung. — (Eine 
religionsgeschichtliche Untersuchung), München, 1918. Ernst 
Reinhardt^ VIII. 93 S. 

Der Verfasser, der durch seine breitangelegte Untersuchung über „Das Gebet" 
sich in der wissenschaftlichen Welt bereits vorteilhaft bekanntgemacht hat*), ver- 
sucht in der vorliegenden Untersuchung die Lösung einer Frage, die nicht nur uns 
Europäern sondern auch dem östlichen Denken als das mitschwerste Problem er- 
scheint, das je den religiösen Geist der Menschheit erschüttert hat. Zu bemerken 
ist an dieser Stelle die Difßzilität der psychologischen Auffassung östlicher Denkart 
gegenüber der gleichen Problematik westländisch orientierter Einstellung. 

Die Versenkungsstufen oder Jhänas bedeuten für den Buddhismus alles: Anfang 
und Ende des Heilsweges — Streben und Erreichthaben — Ausgang und Ziel. Er- 
scheint eine solche Auffassung manchem strengeren Dogmatiker des Buddhismus 
auch als nicht ins Zentrale der buddhistischen Heilswahrheiten reichend, so glaube 
ich doch diese Behauptung vom ausschließlichen Werte der Versenkungsstufen aus- 
stellen zu dürfen, da man über die Autentität der bezüglichen Quellen, die von dem 
einen oder dem anderen Vertreter zum Beweise seiner Anschauung herangezogen 
werden, verschiedener Anschauung sein kann. Auf jeden Fall wäre eine letzthinnige 
Entscheidung dieser Frage die Aufgabe einer eigenen Arbeit, die hier kaum zur 
Frage steht. 

Mir erscheint als ein besonderes Verdienst des Verfassers, daß er dem Bud- 
dhismus als einer mystischen Erlösungsreligion das Wort redet, wobei 
ich allerdings nicht unterlassen möchte zu bemerken, daß des Verfassers Liebe sich 
stärker der prophetischen Frömmigkeit zuneigt, als deren höchsten Vertreter 
er mit Recht den Nazarener Jesus Christus bezeichnet. Als auffällig muß betont 
werden, daß dem Verfasser, wie mir scheint, der Beweis für seine Auffassung des 
Buddhismus einwandfrei gelungen ist, umsomehr als eine Reihe von anderen west- 
ländischen Gelehrten seit Bestehen der buddhologischen Wissenschaft immer wieder 
glaubte, sich auf einen von dieser Anschauung verschiedenen Standpunkt stellen zu 
müssen. Daß hiebei verschiedenartige Meinungen (der gleichen Weise) zum Ausdruck 
kamen, ist selbstverständlich und es ist in der Tat ein nicht eben kurzer Weg zwischen 
den bezüglichen Auslegungen Pi seh eis und Beckh's, dessen bedeutsames Werk 
über den Buddhismus von mir in einem der nächsten Hefte dieser Zeitschrift 
besprochen werden wird. Mit Beziehung auf das ebengenannte Werk Beckh's 
hatte Heiler einen nächsten Vorgänger, der für die Anschauung Heilers über Yoga 
und buddhistischesjhäna wohl in Betracht gekommen ist, obgleich schon hier 



•) Friedr. Heiler, Das Gebet. Eine religionsgeschichiHche und religionspsycbologische Unter- 
suchung. München, 1918. Ernst Reinhardt. XV, 4765. 



Bficherschau 69 



zu bemerken ist, daß Heiler in glücklichster Weise die Yogapraxis von den buddhisti- 
schen Versenkungsweisen zu unterscheiden verstand, indem ihm das Technische der 
Yogapraxis im Unterschied zum Geistigen wenigstens eines Teiles der buddhistischen 
Versenkungsweisen aufgefallen war. 

Daß Heiler der Beweis gelang, daß der Buddhismus nur eine mystische Er- 
lösungsreligion sei und nur eine solche sein könne, daß der Buddhismus 
also fernab liege von den Prinzipien einer ausschließlichen Moralphilosophie, ergab 
sich sozusagen ganz von selber aus seinen grundlegenden Fragen zur Gebetslehre, 
indem er der buddhistischen Versenkung (Samädlii) dieselben Funktionen zuweisen 
mußte, die dem „Gebet des Herzens" in der abendländischen Mystik zukommen. 
Wie der Christ ohne Gebet nicht als Christ zu denken ist, so der Buddhist nicht 
ohne die Anwendung der Weisen der Versenkung. 

In dem Kapitel von „Die Stufen des Heilspfades" hören wir von den vier Glie- 
dern dieses Heilspfades: Sila (Zucht), Samädhi (Versenkung), Pannä (Erkennt- 
nis) und Vimutti (Erlösung). Als das wichtigste von diesen Gliedern erscheint S a- 
mädhi, wie wir denn auch im Milinda-Panha lesen! „Alle guten Zustände haben 
Samädhi als Haupt, gründen, in Samädhi, streben Samädhi zu, bergen sich in Samädhi.** 

Von letzthinniger Wichtigkeit erscheint die Bemerkung Heilers, daß Samädhi 
selber nicht als das Heilsziel, sondern nur als das Heilsmittel, also nur als ein vor- 
läufiges, vorbereitendes, nicht aber als ein endgültiges aufzufassen sei. Um in Sa- 
mädhi einzugehen, sind bestimmte Vorbereitungen möglich, die wir nur kurz ver- 
merken als die Bedingungen der unbeweglichen, ruhigen Körperhaltung (Asana) und 
der Atemregulierung. „Versenkt in die bewußte Beachtung des Ein- und Ausatmens 
pflegte der Erhabene während der Regenzeit zu verweilen." (S. 7.) 

Samädhi ist nur durchschreitbar über die vier Stufen der Jhänas. Samädhi und 
Jhäna werden vielfach verwechselt und identifiziert. Sie fallen aber keinesw^s zu- 
sammen. Samädhi ist die Allgemeinbezeichnung für das Gesamtgebiet der geistigen 
Konzentration und Meditation im weitesten Sinne; Jhäna hingegen bezeichnet eine 
spezielle Versenkungsmethode. 

Den zentralen Gegenstand der buddhistischen Betrachtung bilden die Wahrheiten 
von der Vergänglichkeit des Lebens (anicca), von der Wesenlosigkeit des Daseins 
(anätta) und vom universellen Leid (dukkham). In Fortführung des vorliegenden 
Werkes äußert sich der Verfasser des öfteren über entsprechende Parallelen im 
Christentum. 

Hier genüge nur die kurze Deutung der Jhänas, deren erste dem Mendikanten 
ein nachhaltiges Gefühl von Lust und Befriedigung bringt, indem es ihn von den 
drei Betrachtungsschichten (anicca, anätta und dukkham) befreit, die wir oben als 
notwendige Vorbereitung zur Erreichung des Samädhi überhaupt erkannt haben, und 
die in ihm zunächst nur tiefe Erschütterung, Beben und Grauen, ich möchte sagen, 
die sämtlichen Zustände höllischer Wirklichkeit bewirkt haben. „Der Bhikkhu durch- 
tränkt seinen Körper gewissermaßen, überschüttet ihn von allen Seiten mit dem aus 
der Abgeschiedenheit geborenen Freude- und Lustgefühle, sodaß kein einziges Win- 
kelchen desselben undurchdrungen bleibt." (S. 19.) Das zweite Jhäna bringt seligen 
Frieden, wonnevolle Ruhe, tiefe Zufriedenheit, innere Klarheit und Gewißheit, das 
frohe Getrostsein. Alles, was den Bhikkhu noch gestern, noch heute beschäftigt hat, 
versinkt im Hintergrunde seines geistigen Blickfeldes. Es beginnt die Wirksamkeit 
des dritten Jhäna: Schon gleitet der Bhikkhu in eine heilige Indifferenzstimmung, die 



70 Bücherschau 



kaum mehr spürbar, von der freudigen Ruhe des zweiten Zustandes getragen wird. 
Und schon beginnt die vierte Stufe zu wirken : Kahe, fühllose Indifferenz, Erstorben- 
heit aller Empfindungen und Gefühle, völlige Apathie. Upekhä ist erreicht, das 
Tor zu Nirwana. Upekhä erscheint nicht als ein Zustand hypnotischer Bewußt- 
losigkeit, es erscheint vielmehr als der einzige Zustand höchster Bewußtseinssteigerung. 

Ohne Frage befindet sich auch Heiler hier vor den Schwierigkelten psychologi- 
scher Deutung ihm selber fremder Erfahrungen, da anzunehmen ist, daß er selber 
weit absteht von den Versuchen solchen Meditationsgeschehens, Es ist aber unter allen 
Umständen anzuerkennen, daß diese Definierung das originelle Verdienst Heilers ist, 
der damit den nihilistischen Anschauungen gewisser Gelehrter den Krieg erklärt 

Neben den Jhänas erscheinen noch weitere Versenkungsarten in den Begriffen 
»Der vier Unendlichkeitsge fühle" (appamannü) und »Der vier (oder 
fünf) Stufen der abstrakten Versenkung" (arüpa-jhäna). Die Stufen der 
abstrakten Versenkung sind ohne Zweifel von höchster psychologischer Bedeutung. 
Es ist aber hier nicht die Stelle, des Näheren über sie abzuhandeln. Es genüge, daß 
sie in den kanonischen Texten häufig an die vier Jhäna-stufen angefügt werden, so- 
daß eine gemeinsame Scala von acht bezw. neun Versenkungsstufen entsteht. Ihre 
kombinierte Summe aber ist ebensowenig Nirwana, als die Summe der vier Jhänas 
allein. Diese Bemerkung ist um so nötiger, als die Erreichung der vierten Versen- 
kungsstufe des öfteren mit der Erlangung des Nirwana verwechselt worden ist. Die 
Summe der Versenkungen ergibt nichts anderes als die »erlösende Erkenntnis" 
(pannä) und mit ihr »das dreifache \7issen" (Aevijjä). Dieses erlösende Wissen 
aber ist nichts anderes als die bloßgelegte Erinnerung an die früheren Geburten, die 
Umgreifung des ethischen Gesetzes des Karma und aus ihnen beiden hervorgehend 
und sie gleichsam krönend, das W i s s e n von den vie r heiligen Wahrheiten: 
»Dies ist das Leiden, dies ist die Leidensursache, dies ist die Zerstörung des Lei- 
dens, dies ist der Weg, der zur Zerstörung des Leidens führt." »Die vier heiligen 
Wahrheiten, die den vornehmsten Gegenstand der Betrachtung auf der ersten Stufe 
der Jhänas gebildet haben, kehren auf der höchsten Stufe der Versenkung wieder." 
(S. 30.) 

Erst jetzt beginnt die Schauung der vielverschlungenen Ursachenkette des 
zwölffachen Paticca- Samuppäda, und indem er es schauend erkennt, reißt 
er sich los von ihrer allbeherrschenden Gewalt und weiß sich erlöst von der unheil- 
vollen ewigen Wiedergeburt. (S. 31). 

Zu erwähnen ist als Akzidenz des vierten Zustandes der Jhänas die Erreichung 
nicht nur des vorangelegten geistigen Zustandes, sondern auch v,on wunderbaren 
Geistes-Erkenntnissen und -Kräften. Hier führt, wie mir scheint, der Buddhismus mitten 
ins Gebiet des Okkultismus, indem er den Mendikanten der vierten Stufe die Ge- 
winnung fast aller Phänomene verspricht, die wir heute aus der Problemstellung Ok- 
kultismus kennen. 

Den interessanten Ausführungen über die wunderbaren Geisteskräfte (Abhinas und 
Jddhis) läßt der Verfasser das Kapitel über das Nirwana folgen, dessen Zustand er 
wieder fernab von jedem Nihilismus deutet, wenn er sagt, daß Nirwana nichts anderes 
sei, als „die Vollendung jenes großen Prozesses des „Ent Werdens", der mit der 
Loslösung von der Welt anhebt und in der Versenkung immer weiter fortschreitet; 
es ist nichts anderes, als die Vertiefung jenes hehren Zustandes der reinen affekt- 
losen Upekhä, zu dem der das Jhäna übende Mönch sich emporarbeitet. Nur ein 



Bücherschau 71 



Gradunterschied, nicht ein Artunterschied trennt das vierte Jhäna 

von dem Ziel der buddhistischen Erlösungssehnsucht, vom Nirwana." (S. 36). 

Was der eigentliche Zustand des Nirwana sei, darüber gibt uns keine der buddhis- 
tischen Urkunden genaueren Aufschluß; „denn dieses Erlebnis ist unbegreiflich, un- 
beschreiblich, unausdenkbar und unaussprechbar." Heiler versucht das Nirwana jenem 
Zustande der abendländischen Mystiker gleichzusetzen, in dem sie sich der Einigung 
mit dem höchsten Gut, mit Gott, erfreuen. Den Wahrheitsgehalt dieser Annahme zu 
beweisen, ist hier nicht die Stelle, da eine entsprechende Abhandlung viele Seiten 
eines eigenen Buches füllte. 

Unter den weiteren Ausführungen Heilers über das gleiche Thema ist die Be- 
merkung wichtig, daß der Buddhismus in seinem antiphilosophischen Agnostizismus 
auf jede metaphysische Deutung und spekulative Durchdringung des Nirwanazustandes 
verzichtet, ganz im Gegensatz zu den meisten christlichen (und jüdischen) Mystikern, 
die an Stelle „des buddhistischen leeren Gedankenstriches" (?) ihre kühnen Gottes- 
begriffe aufgerichtet haben. Ich kann dem in diesem Satze enthaltenen Werturteile 
nicht beistimmen. Scheint mir diese Anschauung nämlich eine Verkehrung der 
Tatsachen, so stimme ich eher mit dem Schlußsatze des Verfassers überein 
wenn er die ganze Nirwanafrage überschauend, endlich sagt: „Nirwana ist mehr als 
ein „Erlöschen" und „Zunichtewerden" ; es ist eine Seligkeit, die negativ und positiv 
zugleich ist: positiv für den Buddhajünger als höchstes Heilsgut, negativ nur für uns 
Abendländer im Vergleich zur Fülle, Lebendigkeit und Kraft des ekstatischen Gott- 
werdens." (S. 40.) 

Die vorbesprochenen Kapitel enthalten die wichtigsten Ausführungen über die ge- 
stellten Fragen, während die folgenden Kapitel sich nur mehr an unser kulturphilo- 
sophisches oder ein bloßes historisches Interesse wenden. Schon zu Anfang meiner 
Ausführungen habe ich auf die Darlegungen des Kapitels „Buddhistische Versenkung 
und Yoga" hingewiesen. Hinzuzufügen ist an dieser Stelle die endgültige Stellung- 
nahme Heilers zur Abhängigkeitsfrage des Buddhismus vom Yoga, den er mit Recht 
nicht als eine religiöse Sekte oder ein philosophisches System, sondern als eine 
gemeinindische Geistes richtung bezeichnet Seinen Ausführungen zufolge 
steht fest, „daß die kunstvolle Versenkungstechnik und -Theorie der buddhistischen 
Ordensgemeinde kein ausschließlich buddhistisches Eigentum ist, sondern altes ge- 
meinindisches Traditionsgut des Yoga. Dennoch hat die religiöse Schöpferkraft des 
alten Buddhismus eine unverkennbare Läuterung und Verinnerlichung der Versenkungs- 
übung bewirkt." (S. 46.) 

Seite 50 seiner Ausführungen sagt der Verfasser, daß die Geschichte der Religion 
uns immer wieder zeige, wie das Gebet, als die spontanste und unmittelbarste Her- 
zensäußerung im Laufe der Zeit zum mechanischen und gedankenlosen Rezitieren 
einer eingelernten Formel herabsinke. Daß ähnlich auch die buddhistische Versenkung 
aus einer höchsten geistigen und religiösen Tätigkeit zu einem geistlosen stumpfen 
Vorsichhinstarren herabgesunken sei. Diese Behauptung vermag ihr Gewährsmann 
kaum durch eigene Erfahrung zu belehnen, und ich glaube, daß es auch sonst einem 
der westländischen Vertreter der buddhologischen Wissenschaft schwer würde, den 
Wahrheitsbeweis dieses stereotyp gewordenen Vorwurfes anzutreten. 

In einem weiteren Kapitel (buddhistische Versenkung und christliches Gebet) finden 
sich hinwiederum treffliche Ausführungen über die Art der christlichen Gebetsübung, 
der der Verfasser, wenn er sich auch am Schlüsse dieses Kapitels dagegen verwahrt 
ein Werturteil auszusprechen, doch einen höheren, weil menschlicheren Wert zuspricht, als 



72 Bücherschau 



der buddhistischen Versenkung. Daß er, auf den Prinzipien seiner Gebetslehre fußend, 
damit das Christentum (das Judentum und den Islam?) über den Buddhismus stellt, 
macht mir auch die Ausführung nicht fraglich, in der er mit Beziehung auf die 
Advaita-Lehre (Jankara's und das Nirwana des Buddha, „als die reinsten Ausprägungen 
des mystischen Gedankens, welche die Religionsgeschichte kennt", sagt, „daß weder 
Plotin und Eckehart noch Catharina von Genua und Madame Guyon sich an Konse- 
quenz mit jenen beiden indischen Genien der Mystik messen könnten. (S. 57.) 

In den kurzen aber eindrucksvollen Ausführungen über die gleiche Frage im 
Mähayänä-Buddhismus, der sich im Laufe der Zeit von der Versenkung abgewendet 
und dem persönlichen (intellektuellen) Bittgebet zugewendet hat, kommt der Verfasser 
zum Schlüsse, „daß hier der mystische Atheismus des alten Buddhismus einem innigen 
persönlichen Gottesglauben gewichen ist; denn zu der reinen Höhe des Dhyäna (jhäna) 
vermögen sich nur wenige religiöse Geister zu erheben; die kindlichen Herzen hin- 
gegen beben zurück vor der eisigen Kälte des Upekhä; sie wollen ihre Not und 
ihren Jammer ausschütten vor einer mächtigen und barmherzigen Gottheit, die helfen 
und stützen kann, verzeihen und beseligen." (S. 62.) 

Nach diesen letzten Ausführungen Heilers kann es nicht verwundern, wenn er 
in seinen Schlußfolgerungen den Nazarener Christus über den Buddha stellt, und 
wenn er in der Wertung der beiden Gestalten sich freimütig zu dem Erlebnis des 
Paulus stellt, der im ersten Corintherbriefe sagt: „Wir aber verkünden Christum 
den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit; aber denen, 
die berufen sind Juden wie Griechen, Christum, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. 
Denn was thöricht ist an Gott, ist weiser als alle Menschen, und was schwach ist 
^n Gott, ist stärker als alle Menschen." 

Es war mir an dieser Stelle nur eine oberflächliche Schilderung des Forschungs- 
weges des verdienten Verfassers möglich, der sich mit Erfolg bemüht hat, eine ob- 
jektive Schilderung der wichtigsten Heilswahrheiten des Buddhismus in Gestalt der 
buddhistinischen Versenkungslehre darzulegen. Daß ihm als anscheinend überzeugten 
Christen hierbei bei Wertung der vielleicht zu Christus antipodischen Gestalt des 
Buddha ein gewisses subjektives Empfinden mit unterlaufen ist, ist weiter nicht ver- 
wunderlich und kaum zu bedauern, da die Fülle des mit ernstem Forschergeiste dar- 
gebotenen Materials andererseits auf eine Reihe von Möglichkeiten hinweist, die uns 
bis heute durch die uns bekannt gewordene buddhistische Literatur nicht offenbar 
gemacht oder doch nicht so dargelegt worden sind, wie dies von Heiler methodisch 
geschehen ist. Ich habe schon oben hingewiesen, daß der psychologischen Durch- 
dringung des in Frage stehenden schwierigsten Problems des Buddhismus durch 
Heiler nur ein relativer höchster Wert zuzusprechen ist, ein relativer Wert aller- 
dings nur deshalb, weil aus den Prinzipien unseres psychischen Seins her eine 
absolute Bloslegung des Weges ins Absolute rein denkerisch unmöglich ist. Um das 
Absolute zu erfahren, dürfen wir nicht zurückschrecken vor den Wegen des Erlebens 
dieses Absoluten. Diese Wege aber sind ohne Zweifel gegeben durch ,das Erleben 
Buddhas, durch die Nachfolge seines heiligen Lebens und seiner Lehre, die ferne 
absteht von der bohrenden Neugierde europäischer Wissenschaft. H. L. Held. 



Hauptschriftleiter Dr.Wolfg.Bohn,Dölau b.Halle. Schriftleiter Ludw.Ankenbrand,Stuttgart. 

Herausgeber: „Bund für buddhistisches Leben", Verlag der Zeitschrift für Buddhismus, 

Oskar Schloß, München-Neubiberg. Druck von Knorr & Hirth in München. 




ZEITSCHRIFT 
FÜR BUDDHISMUS 




2. Jahrg. / Heft 3/4 März/April 1920 Buddha-Jahr 2463/64 

Sollen nur Vorgeschrittene im Orden 
Aufnahme finden? 

Aus dem zweiten, noch unveröffentlichten Bande der „Fragen des Milinda 
Panho". Zum ersten Mal ins Deutsche übertragen von Bhikkhu Nyanatiloka. 






% ewaltig, ehrwürdiger Nagaseno, ist des Vollende- 
g ten Lehre, gehaltvoll, edel, vorzüglich, erhaben, un- 
vergleichlich, lauter, fleckenlos leuchtend und un- 
tadelhaft. Es sollten daher bloß so viele Hausleute 
in den Orden aufgenommen werden, als in einem 
oder dem anderen Ziele geschult sind. Nur dann 
sollte man einen in den Orden aufnehmen, wenn 
er nicht wieder zurücktreten wird. Und warum? Weil eben diese 
schlechten Menschen, nachdem sie erst dort in der lauteren Lehre 
Aufnahme gefunden haben, sich dann wieder abwenden und zum 
niedrigen Weltleben zurückkehren. Infolge ihres Rücktrittes aber 
sagt sich alle Welt, daß diese Lehre des Asketen Gotamo doch gar 
eitel sein muß, da jene sich wieder von ihr abwenden. Dies ist 
der Grund für meine Worte." 

„Nehmen wir an, o König, es befinde sich da ein Teich, angefüllt 
mit klarem, ungetrübtem, kühlem Wasser. Und ein Mann, beschmutzt 
und mit Kot und Schlamm bedeckt, komme zu jenem Teiche. Ohne 
jedoch gebadet zu haben, gehe er, so schmutzig wie zuvor, wieder 



74 Sollen nur Vorgeschrittene im Orden Aufnahme finden? 

weg. Wen, o König, würden da wohl die Leute tadeln, den Beschmutzten 
oder den Teich?" 

j,Den Beschmutzten würden sie tadeln, o Ehrwürdiger. Denn, ob- 
zwar dieser sich zum Teiche hinbegeben hat, ist er, ohne sich zu 
baden, in noch beschmutztem Zustand wieder fortgezogen. Wie sollte 
wohl der Teich daran schuld sein?" 

„Genau so aber auch, o König, schuf der Vollendete den mit 
dem edlen Wasser der Erlösung angefüllten hehren Gesetzesteich. 
Und alle die von dem Schmutze der Leidenschaft Befleckten, die 
einsichtig und verständig sind und sich darin baden, diese werden 
von allen Flecken rein gespült. Wenn aber einer zum Teiche des 
guten, edlen Gesetzes hingelangt, sich nicht darin badet und, noch 
mit Flecken behaftet, wieder weggeht und zum niederen Weltleben 
zurückkehrt, so wird diesen eben alle Welt tadeln und sagen : „Ob- 
zwar dieser in des Siegreichen Orden Aufnahme gefunden hat, ist 
er dennoch, ohne darin festen Fuß zu fassen, wieder zum niederen 
Weltleben zurückgekehrt. Wie sollte wohl, wenn er des Siegreichen 
Lehre nicht befolgt, ihn diese aus sich selber heraus läutern? Wie 
kann da des Siegreichen Weisung schuld daran sein?'" 

„Oder gesetzt, o König, ein sehr kranker Mann finde einen mit 
der Entstehung der Krankheiten vertrauten, unfehlbar, sicher und 
erfolgreich arbeitenden Arzt; doch er lasse sich nicht behandeln, 
sondern kehre, genau so krank wie zuvor, wieder um. Wen möchten 
da wohl die Leute tadeln: den Kranken oder den Arzt?" 

„Den Kranken, o Ehrwürdiger. Denn er hat sich ja nicht be- 
handeln lassen und ist, in noch krankem Zustande, wieder umgekehrt. 
Wie sollte wohl, wenn er sich nicht behandeln läßt, ihn der Arzt 
aus sich heraus heilen können? Wie kann da der Arzt Schuld 
daran sein?" 

„Ebenso auch, o König, hat der Vollendete in dem Korbe des 
Gesetzes das ganze Unsterblichkeitskraut zur Heilung aller Leiden- 
schaftsgebrechen aufbewahrt, damit alle die von den Übeln der 
Leidenschaftsgebrechen Gequälten, die Verstand und Einsicht be- 
sitzen, von diesem Unsterblichkeitstranke trinken und so von allen 
Übeln der Leidenschaften geheilt werden können. Wenn da aber 
einer, ohne von dem Unsterblichkeitstranke zu trinken, noch voller 



Von Bikkhu Nyanatiloka 75 

Leidenschaften, sich wieder abwende und zum niederen Weltleben 
zurückkehrt, so wird man eben einen solchen tadeln und sagen: 
„Obzwar dieser in des Siegreichen Orden Aufnahme gefunden hat 
ist er dennoch, ohne darin festen Fuß zu fassen, wieder zum nie- 
deren Weltleben zurückgekehrt. Wie sollte wohl, wenn er des Sieg- 
reichen Lehre nicht befolgt, ihn diese aus sich selber heraus läutern? 
Wie kann da des Siegreichen Weisung schuld daran sein?'" 

„Oder wenn da, o König, ein hungriger Mann, der sich zu einer 
außergewöhnlich großen, des Tugendverdienstes halber veranstalteten 
Speiseverteilung hinbegeben hat, ohne etwas von dem Reise zu 
genießen, in noch hungrigem Zustande sich wieder entfernt, wen 
möchte man da tadeln: den Hungrigen oder die fromme Speisegabe?" 

„Den Hungrigen, o Ehrwürdiger, möchten die Leute tadeln, da 
er eben, ohne vom Reise zu essen, in noch hungrigem Zustande 
wieder fortgegangen ist. Sollte ihm wohl, wenn er sich des Essens 
enthält, der Reis etwa von selber in den Mund fliegen? Wie kann 
da die Speise daran schuld sein?" 

„Ebenso auch, o König, hat der Vollendete in dem Korbe des 
Gesetzes eine edle, erhabene, stillende, segensreiche und äußerst 
liebliche Unsterblichkeitsspeise aufbewahrt, nämlich die Körper- 
betrachtung (kayagata-sati), damit alle die von Leidenschaft inner- 
lich Verzehrten und im Geiste von der Gier Überwältigten, die 
Verstand und Einsicht besitzen, von dieser Speise genießen und 
alles Begehren nach sinnlichem, formhaftem und formlosem Dasein 
überwinden können. Doch wenn da einer, ohne von jener Speise 
genossen zu haben, noch von Begehren erfüllt, wieder umkehrt, so 
werden eben die Leute einen solchen tadeln und sprechen: „Obzwar 
dieser in des Siegreichen Orden Aufnahme gefunden hat, ist er 
dennoch, ohne darin festen Fuß zu fassen, wieder zum niederen 
Weltleben zurückgekehrt. Wie sollte wohl, wenn er des Siegreichen 
Lehre nicht befolgt, ihn diese aus sich selber heraus läutern ? Wie 
kann da des Siegreichen Weisung Schuld daran sein? Wenn, o 
König, der Vollendete nur einen schon in dem ersten Ziele erzogenen 
Hausbewohner im Orden aufnehmen wollte, würde denn da diese 
Weltentsagung für Überwindung der Leidenschaften oder Läuterung 
noch irgend welchen Zweck haben? Dann hätte man ja gar nicht 



76 Sollen nur Vorgeschrittene im Orden Aufnahme finden? 

mehr die Weltentsagung nötig. Oder nimm an, o König, ein Mann 
habe unter Heranziehung von vielen Hunderten von Arbeitern einen 
Badeteich anlegen lassen, und nun spreche er zu den Leuten : Möge 
keiner von euch in beschmutztem Zustande in diesen Badeteich 
steigen ! Sondern erst, wenn ihr euch den Schmutz und Staub ab- 
gespült habt und sauber seid, ohne Flecken und gereinigt, dann 
mög't ihr in diesen Teich steigen ! Würden dann diese wohl noch 
jenen Teich benötigen, die doch schon den Schmutz und Staub 
von sich abgespült haben, sauber sind, ohne Flecken und gereinigt?" 

„Das freilich nicht, o Ehrwürdiger; denn den Zweck, um dessent- 
willen sie zu jenem Badeteiche gehen möchten, hätten sie bereits 
anderwärts erreicht. Was brauchten sie dann noch jenen Teich?" 

„Ebenso auch, o König: ,wenn der Vollendete nur einen schon 
in dem ersten Ziele erzogenen Hausbewohner aufnehmen möchte, 
so hätte doch dieser seine Aufgabe bereits erfüllt. Wozu sollte er 
noch die Weltentsagung nötig haben ?' Oder nimm an, o König, es 
sei da ein von Natur aus weiser, ergebener, an den Wortlaut der 
gelernten Regeln sich erinnernder Arzt, der kein Theoretiker ist 
sondern in seinem Berufe unfehlbar, sicher und erfolgreich arbeitet. 
Derselbe habe eine Arznei zusammengestellt, die alle Krankheiten 
heilt. Und nun lasse er den Leuten bekannt geben, daß ihn keinerlei 
Kranke aufsuchen dürfen sondern nur solche Personen, die gesund 
sind und frei von Siechtum. Möchten da diese gesunden, von Siechtum 
freien, heilen und kräftigen Menschen wohl jenen Arzt noch nötig 
haben ?" 

„Das freilich nicht, o Ehrwürdiger. Denn der Zweck, um dessent- 
willen sie den Arzt aufsuchen würden, hätten sie ja bereits ander- 
wärts erreicht. Wozu brauchten sie da noch jenen Arzt?" 

„Oder nimm an, o König, ein Mann bringe viele Töpfe voll ge- 
kochter Speise heran und mache den Leuten bekannt: ,Wenn ihr 
hungrig seid, so dürft ihr nicht an dieser Speiseverteilung teilnehmen, 
sondern nur wenn ihr bereits gründlich gespeist, euren Hunger 
gestillt habt und gesättigt seid, befriedigt, satt und euren Magen 
gefüllt habt!' Würden da wohl diese noch der Speise bedürfen?" 

„Das freilich nicht, o Ehrwürdiger. Denn der Zweck, um dessent- 
willen sie zu der Speiseverteilung gingen, hätten sie ja schon ander- 



Von Bikkhu Nyanatiloka 77 

wärts erreicht. Was nützte ihnen da noch jene Speiseverteilung?" 
„Ebenso auch, o König: wenn der Vollendete nur einen schon in 
dem ersten Ziele erzogenen Hausbewohner aufnehmen möchte, so 
hätte doch dieser seine Aufgabe bereits erfüllt. Wozu sollte er noch 
die Weltentsagung nötig haben? Nichtsdestoweniger aber, o König, 
lassen diejenigen, die zum niederen Weltleben zurückkehren, da- 
durch fünf unvergleichliche gute Eigenschaften der Botschaft des 
Siegreichen deutlich erkennen: welche fünf? Sie lassen die Erhaben- 
heit des Gebietes der Botschaft erkennen, der Botschaft lautere, 
fleckenlose Beschaffenheit, ihre Unduldsamkeit gegen böse Menschen, 
ihre schwere Durchdringbarkeit, ihre Vielartigkeit an Regeln der 
Beherrschung und Selbstzügelung." 

„Wie aber lassen diese die Erhabenheit des Gebietes der Botschaft 
erkennen? Wenn da, o König, einem armen Manne von niederer 
Herkunft, ohne Vorzüge und Einsicht, ein gewaltig großes Gebiet 
zufallen sollte, so würde dieser gar bald wieder zu Fall kommen 
und ins Verderben geraten, sein Ansehen verlieren und außerstande 
sein, die Herrschaft zu behalten. Und aus welchem Grunde? Eben 
wegen der Größe der Herrschaft. Ebenso auch, o König : diejenigen, 
die ohne Vorzüge sind, kein Verdienst erwirkt haben, schwach an 
Einsicht sind und in der Lehre des Siegers Aufnahme finden, werden, 
da sie außerstande sind, die edle, erhabenste Weltentsagung auszu- 
halten, nach gar nicht langer Zeit von der Botschaft des Siegers 
abfallen, sie im Stiche lassen und zum niederen Weltleben zurück- 
kehren, außerstande die Botschaft des Siegers einzuhalten. Und aus 
welchem Grunde? Eben weil das Gebiet der Botschaft des Siegers 
so erhaben ist. Auf diese Weise lassen sie die Erhabenheit des 
Gebietes der Botschaft erkennen." 

„Wie aber lassen sie die lautere, fleckenlose Beschaffenheit der 
Botschaft erkennen? Gleichwie, o König, von einem Lotosblatte 
das Wasser sofort wieder herabläuft, sich zerteilt und zerstreut, 
zerstiebt, zergeht und nicht haften bleibt — eben wegen der lau- 
teren und fleckenlosen Beschaffenheit des Lotosblattes — : ebenso 
auch, o König, werden alle die hinterlistigen, falschen, ungeraden, 
versteckten und bösen Ansichten ergebenen Menschen, die im Orden 
des Siegers Aufnahme gefunden haben, nach gar kurzer Zeit wieder 



78 Sollen nur Vorgeschrittene im Orden Aufnahme finden? 

von des Siegers lauteren, fleckenlosen, lichten und erhabenen Bot- 
schaft abfallen, sich davon abwenden, abkehren, nicht standhaft 
bleiben, nicht fest daran halten und werden zum niederen Weltleben 
zurückkehren. Und aus welchem Grunde? Eben weil des Siegers 
Botschaft so lauter und fleckenlos ist. Auf diese Weise lassen sie 
der Botschaft lautere und fleckenlose Beschaffenheit erkennen." 

„Wie aber lassen sie der Botschaft Unduldsamkeit gegen böse 
Menschen erkennen?" 

„Mit der Botschaft des Siegers, o König, ist es wie mit dem 
Meere, das keinen Leichnam in sich duldet, eben weil das Welt- 
meer die Behausung mächtiger Geschöpfe bildet. Denn alle die 
bösen, unbeherrschten, schamlosen, untätigen, unstrebsamen, willen- 
losen, ungeraden, befleckten Menschen, die in des Siegers Orden 
Aufnahme gefunden haben, werden nach gar kurzer Zeit wieder 
die Botschaft des Siegers im Stiche lassen, nicht mehr daran fest- 
halten und werden zum niederen Weltleben zurückkehren. Und 
warum? Eben weil des Siegers Orden keine bösen Menschen in 
sich duldet. Auf diese Weise lassen sie der Botschaft Unduldsam- 
keit gegen böse Menschen erkennen." 

„Wie aber lassen sie der Botschaft schwere Durchdringbarkeit 
erkennen? Gleichwie, o König, alle die Bogenschützen, die un- 
geschickt, ungeschult, unerfahren und ohne Scharfsinn sind, unfähig 
die Haarspitze zu treffen, davon ablassen, fortgehen, eben weil die 
dünne, feine Haarspitze gar schwer zu treffen ist : — el?enso auch, 
o König ergeht es allen den einsichtslosen, stumpfen, blöden, ver- 
blendeten, geistig trägen Menschen, die in des Siegers Orden Auf- 
nahme fanden. Außerstande die Durchdringung jener so äußerst 
scharfsinnigen und subtilen vier Wahrheiten zu erreichen, fallen 
sie ab von des Siegers Weisung, lassen sie im Stich und kehren 
nach gar nicht langer Zeit zum niederen Weltleben zurück. Und 
warum ? Weil eben diese so äußerst scharfsinnige und subtile Lehre 
des Siegers gar schwer zu durchdringen ist. Auf diese Weise lassen 
sie der Botschaft schwere Durchdringbarkeit erkennen." 

„Wie aber lassen sie der Botschaft Vielartigkeit an Regeln der 
Beherrschung und Selbstzügelung erkennen? Wenn da z. B., o König, 
ein Mann sich auf einem gewaltig großen Schlachtfelde befindet und 



Von Bikkhu Nyanatiloka 79 

er vom feindlichen Heere überall umringt ist und die Krieger, mit 
Spießen in den Händen, auf sich losstürmen sieht, so zieht er sich 
voll Schrecken zurück, macht kehrt und flieht davon, eben weil er 
sonst auf mancherlei Weise sein Haupt in der Schlacht schützen 
müßte. Ebenso auch, o König, ergeht es jenen üblen, ungezügelten, 
schamlosen, untätigen, unduldsamen, unbeständigen, erregten, nied- 
rigen und unverständigen Toren, die in des Siegers Orden Auf- 
nahme gefunden haben. Unfähig, die vielartigen Übungsregeln ein- 
zuhalten, ziehen sie sich zurück, machen kehrt, fliehen und kehren 
nach gar nicht langer Zeit zum niederen Weltleben zurück, eben 
weil es in des Siegers Orden so vielartige Regeln der Selbst- 
beherrschung zu befolgen gibt. Auf diese Weise lassen sie der Bot- 
schaft Vielartigkeit an Regeln der Beherrschung und Selbstzügelung 
erkennen." 

„Selbst an dem edlen, auf trockenem Boden wachsenden Jasmin- 
busche gibt es von Insekten durchlöcherte Blüten; und bisweilen 
fallen die eingeschrumpften Schößlinge ab. Nicht aber wird durch 
ihr Abfallen der Jasminbusch beschädigt, denn die noch daran- 
hängenden Blüten durchdringen eben mit ihrem edlen Dufte jede 
Richtung. Ebenso auch, o König, wird der Orden des Siegers nicht 
von jenen beschädigt, die erst im Orden Aufnahme gefunden haben 
und dann wieder zum niederen Weltleben zurückkehren. Denn 
gleich wie die insektendurchbohrten Blüten, ohne Schönheit und 
Duft, von gleichsam farbiger Sittlichkeit, sind diese unfähig, es in 
des Siegers Orden zur Entfaltung zu bringen. Nicht aber wird durch 
ihren Rücktritt zum niederen Weltleben des Siegers Orden geschä- 
digt, denn die dort ausharrenden Mönche durchdringen eben noch 
immer die Welt mit ihren Göttern mit dem edlen Dufte ihrer 
Sittlichkeit. Auch mitten unter dem gesunden, roten Reis mag bis- 
weilen eine Reisart Namens Karumbhaka entstehen, die bald zu- 
grunde geht. Nicht aber wird durch ihr Zugrundegehen jener rote 
Reis geschädigt; denn jenen dort noch bleibenden Reis genießen 
selbst die Könige. ,Ebenso auch, o König, wird der Orden des 
Siegers nicht von jenen beschädigt, die erst im Orden Aufnahme 
gefunden haben und dann wieder zum niederen Weltleben zurück- 
kehren. Dem Karumbhaka unter dem roten Reise gleichend, bringen 



80 Sollen nur Vorgeschrittene im Orden Aufnahme finden? 

sie es im Orden des Siegers nicht zum Wachsen und Gedeihen, 
sondern kehren schon vorher zum niederen Weltleben zurück. 
Nicht aber wird durch ihren Rücktritt zum niederen Weltleben des 
Siegers Orden geschädigt, denn die dort noch ausharrenden Mönche 
sind ja fähig für die Heiligkeit. Auch an dem wunschgewährenden 
Edelsteinjuwel, o König, mag an irgend einer Stelle eine Rauheit 
entstehen; doch dadurch wird das Edelsteinjuwel nicht geschädigt, 
denn das was an dem Edelsteinjuwel Hoch lauter ist, gereicht noch 
immer den Menschen zur Freude. Ebenso auch, o König, wird der 
Orden des Siegers nicht geschädigt von jenen, die erst im Orden 
Aufnahme gefunden haben und dann wieder zum niederen Welt- 
leben zurückkehren. Als Rauheiten gelten jene in des Siegers Orden, 
als Abgefallene. Nicht aber wird durch ihren Rücktritt zum niederen 
Weltleben des Siegers Orden geschädigt, denn die dort ausharrenden 
Mönche gereichen eben noch immer Göttern und Menschen zur 
Freude." 

„Auch das echte, rote Sandelholz, o König, mag an einer Stelle 
verdorben sein und ohne Duft. Nicht aber wird dadurch etwa das 
rote Sandelholz geschädigt; denn was da noch unverdorben und 
wohlriechend ist, sendet seinen Duft eben noch immer aus und 
verbreitet ihn ringsumher. Ebenso auch, o König, wird der Orden 
des Siegers nicht von jenen geschädigt, die erst im Orden Auf- 
nahme gefunden haben und dann wieder zum niederen Weltleben 
zurückkehren. Der verdorbenen Stelle im Kerne des roten Sandel- 
holzes gleichend, gelten sie im Orden des Siegers als Auszustoßende. 
Nicht aber wird durch ihren Rücktritt zum niederen Weltleben des 
Siegers Orden geschädigt, denn die noch dort ausharrenden Mönche 
durchdringen eben noch immer mit dem edlen Sandelholzdufte ihrer 
Sittlichkeit die Welt mit ihren Göttern und Menschen." 

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nagaseno, hast du durch diese und 
jene treffenden, angemessenen Begründungen den untadeligen Orden 
des Siegers gewiesen, in seiner ganzen Erhabenheit beleuchtet und 
hast gezeigt, daß selbst die zum niederen Weltleben Zurückkehrenden 
des Siegers Orden in seiner ganzen Erhabenheit deutlich erkennen 
lassen." 



Verstandesaskese. — Von Dr. Wolfgang Bohn 81 

Verstand esaskese 

von Dr. Wolfgang Bohn 

Askese im Verbalsinne bedeutet Übung, Zucht; im heutigen Sprach- 
gebrauche verbindet sich damit der Klang des Verzichtes. Die Übung 
im Verzicht auf irgend welche sogenannten Freuden und Güter der 
Materie, das ist uns Askese. Die Bereitung von positivem Schmerz, 
die Übung der Selbstqual, die Schmerzbejahung nennen wir Kasteiung. 

Der Mensch, der nach Vollendung strebt, verzichtet auf manche 
Lust, aber auch auf manches Streben, auf irdischen Erfolg wie 
auf magische Entwicklung. Eben das scheidet den Buddhisten vom 
Okkultisten, Theosophen und Anthroposophen, daß er nicht nach 
sogenannter höherer, das ist magischer Entwicklung, strebt sondern 
immer nur nach der Vollendung, nach der Voll-Endung des Ich 
im Erlöschen des Ich. In asketischer Zucht hält der nach Voll- 
endung Ringende aber auch den Verstand, der ja auch nur etwas 
Vergängliches ist und den er ebenso wenig zum Herrn über sich 
setzen kann wie etwa das Geschlechtsleben oder den Erwerbsinn. 
Eine Kasteiung des Verstandes, eine blinde gewaltsame Unter- 
wertung aber lehnt er ab. 

Es gibt also eine Askese des Verstandes, eine Abwehr gegen sein 
Überwiegen. Der nach Wahrhtit ringende Jünger sieht ein, daß auch 
die Wollust des Willens, alles auf dem Verstandeswege zu beweisen, 
der Vollendung entgegen ist. 

Im Grunde ist alles Beweisen ja nur ein verstandesmäßiges Auf- 
zeigen und Aufdecken von Tatsachen. Man kann den pythagoreischen 
Lehrsatz logisch durch Obersatz, Untersatz und Schluß beweisen, 
man kann ihn aber auch rein geometrisch aufzeigen, zur Anschau- 
ung bringen, raummäßig ausmessen, ebenso wie auf irgend eine 
Weise die ganze Mathematik, also die Wissenschaft des strengsten 
Verstandes, der reinsten Beweise. Es gibt aber auch geborene Ma- 
thematiker, welche eine mathematische Tatsache intuitiv erfassen 
und dann erst mit dem Beweis nachhinken. 

Religiöses Erkennen und Erleben läßt sich nicht in Syllogismen 



82 Verstandesaskese 



zwängen. Heute ist es die Religion des Buddha, die in Gefahr ist, 
willkürlich in die Denkwege moderner Naturwissenschaft und Logik 
gejagt zu werden. Jeder macht mit ihr was er will. Dem einen ist 
sie Weltanschauung, dem andern Religion und Moral, dem dritten 
Religion der Erlösung, dem vierten gar Religion der Vernunft. Es 
stellt einer den Buddhismus als Wissenschaft dar, ein andrer als 
Kunst. Als Religion der Vernunft soll er sich natürlich beweisen 
lassen. Läßt sich aber Religion überhaupt beweisen? 

Es gibt Menschen unter uns, in Kirchen und Kurien, zwischen 
Priestern und Mönchen aufgewachsen, die frühzeitig in heißem 
Drange nach religiöser Erkenntnis gelehrte Werke der christlichen 
Apologetik durchgearbeitet haben, vom einfachsten Gottesbeweise 
bis zum Unfehlbarkeitsdogma alle historischen und sonstigen Be- 
weise kannten und dann am Ende bei Büchners Kraft und 

Stoff angelangt sind. Nein, mit Beweisen war deren religiöses 
Gefühl nicht zu klären. Sie wollten erkennen, waren vom Vernunft- 
dünkel besessen, und wußten nichts von jener wirklichen Askese 
des Verstandes, welche für einige Zeit, für die ersten Schritte 
auf dem Wege jede Religion fordert, fordern muß, vom Entschluß 
zu glauben. Und warum nicht? Weil ihr religiöses Bewußtsein 
auf die Glaubenssätze, in denen sie unterrichtet wurden, nicht ein- 
schnellte. Es fehlte also die innere Verwandtschaft des Selbst zum 
Dogma. Der Buddhismus dagegen leuchtete ihnen sofort ein. Wenn 
der Buddhismus als Religion der Vernunft gelehrt wird, dann 
freilich bedarf er der Syllogismen, der Vernunft -Beweise. Ist er 
nun bewiesen, §o eins-zwei-drei zu beweisen? Das zu behaupten wäre 
ein starkes Stück. Wer nur einfach die Erlösungsgeschichte des 
Sidattho Gotamo durchliest, sieht klar, daß der Weg, auf dem er 
zum Buddha wurde, nicht über Syllogismen und mathematische 
Sätze ging, sondern Meditation, Vertiefung, mystisches Erkennen 
war, daß nicht Sophistik sondern Yoga die Pforte hieß, durch die 
der Buddha trat. 

Kann denn auch nur das einfachste und erste, der Satz vom 
Leiden bewiesen werden, läßt sich denn irgend jemandem logisch 
beweisen, daß alle Existenz Leiden ist? 

Ich habe durchaus hochstehende, geistvolle Menschen kennen 



Von Dr. Wolfgang Bohn 83 

gelernt, deren Leben eine Kette von Schmerzen, Verlusten und 
Enttäuschungen war, die aber die Behauptung, daß alles Sein Leiden 
sei, ganz energisch abwiesen, die im Gegenteil erklärten : das Leben 
ist doch schön! Wer will ihnen das Gegenteil beweisen? Aber 
mit dem Satz vom Leiden steht und fällt eben der ganze Buddhis- 
mus. Diese geborenen Optimisten können niemals Buddhisten wer- 
den, auch wenn sie jede Wahrheit der Mathematik einsehen. 
Sie waren keine zuchtlosen Denker, sie übten vielleicht sogar als 
fromme Christen Verstandeskasteiung und glaubten jedes Dogma; 
es fehlte ihnen nur die Intuition, nur das bischen mystische Er- 
fassen, das viel gelästerte Einschnellen. Für sie ist der Buddhismus 
nicht gedacht. 

Ein anderes: „was vergänglich ist, ist leidvoll." Halt, sagt der 
Optimist, das stimmt nicht. Im Gegenteil, daß die Dinge vergehen, 
ist gut. So wird Eintönigkeit vermieden, Abwechslung geboten. 
Auch für diesen ist der Buddhismus nicht verständlich. — „Was ver- 
gänglich ist, das ist nicht unser Wesen. Der Körper ist vergänglich, 
also ist er nicht unser Wesen." Mag sein, aber ist deshalb etwas 
anderes unser Wesen, etwas ganz unbekanntes, transzendentes? 
Wie denn, wenn es überhaupt kein Wesen gäbe ? Der Beweis stockt. 
Der Buddha lehrt immer wieder, daß es keine Seele, kein Ich, 
kein Selbst gibt, nichts was bestehen bleibt, wandert oder die 
Wanderung überdauert. Denn das sei ja die Grundbedingung der 
Erlösung. Freilich, daß dem so ist, kann ebensowenig bewiesen 
werden, wie die große Transzendenz, es muß intuitiv erfaßt wer- 
den, man muß beim öffnen dieser Pforte „einschnellen". 

Es ist ganz verständlich, wenn eine Religion der Vernunft, aus- 
gehend von der freilich auch nur postulierten Fiktion eines trans- 
zendenten ewigen Wesenskernes das Ende, Nibbanam, wie es der 
Anatta- Buddhismus als Voll-Endung erstrebt, nur als Vernichtung 
verstehen kann. 

Der Gedanke, daß ein transzendentes Ich besteht und bestehen 
bleibt, aber ebenso der Gedanke, daß alles Sein im (positiven) Nichts 
endet, ist aber völlig unbuddhistisch. Weder das eine, noch das 
andere lehrt der Erhabene. Leidensvernichtung lehrt er — und was 
dann? Warte es ab! Vernichtung könnte ja nur etwas treffen, 



84 Verstandesaskese 



was ist oder war, nie aber etwas, was gar nicht vorhanden ist. 
Anatta aber lehrt Abwesenheit eines Wesens, eines Subjektes, auch 
eines transzendenten oder transzendentalen Subjektes. Was aber nicht 
ist, kann nicht vernichtet werden, — was ist, freilich erst recht 
nicht! Selbst das Wort Verlöschen trifft nicht zu. Nach dem Sprach- 
gebrauch der heutigen deutschen Sprache kann nur das Wort Er- 
löschen in Anwendung kommen. 

Das Erlöschen soll unser einziges und endgültiges Ziel sein, 
das Ausscheiden aus der Erscheinung und Vergänglichkeit, die große 
Leidlosigkeit, die von keinem Ich mehr weiß. Buddha sagt nicht, 
daß es ein Sein ist, er sagt nicht, daß es ein Nichtsein ist. Alle 
Begriffe versagen und „treffen nicht mehr zu". Denn unser Ver- 
stand, unsere Vernunft, unsere Begriffe ruhen im Sein, in der Form, 
der Erscheinung. Also: 

Wollen wir Verstandesaskese treiben, die Syllogismen ausschalten 

und glauben? An dieser Stelle, nein; wollen wir den andern 

Weg gehen, der aus der Erscheinung herausführt, den Weg der 
großen Meditation, der Mystik. 

Bloße Anschauung, bloße Meditation gibt das reinste Wissen, 
die logischen Beweise hinken nach und sind Verständigungskrücken, 
um mit dem Wissen an die Umwelt heranzukommen, sie führen 
höchstens zur Wissenschaft. 

Am Anfange des Pfades steht nach des Buddha Lehre nicht 
rechter Zweifel, rechter Beweis, sondern rechter Glaube, rechtes 
Vertrauen zum Buddha und zu seinem Worte. Auch der Buddhismus 
erfordert Glauben — Verstandesaskese. Vernunftreligion, verstandes- 
mäßiges Erkennen aber geht vom Zweifel aus, zerrt das von andern 
als wahr und heilig erkannte, aber vom Logiker bezweifelte, unter 
die Folter des eins, zwei, drei. 

Buddhismus als Religion der Vernunft mag wissenschaftlich 
scheinen. Religion aber ist Intuition, Erleben, Kunst. Ist es denn 
Zufall, daß alle Kunst Asiens religiöse Kunst ist? 

Die Lehrmethode des Buddha ist nicht die eines Logikers und 
Mathematikers, sondern die eines Künstlers. Er drechselt nicht 
Syllogismen und löst nicht die zusammengesetzten Sätze in einer 
auch noch zu beweisenden, aber beweisbaren Grundformel auf, 



Von Dr. Wolfgang Bohn 85 

sondern er wendet sich an die Anschauung. „Er erklärt diese 
Welt mit ihren Engeln, Teufeln und Göttern, mit der Schar der 
Asketen, Priester, Geister und Menschen, nachdem er sie selber 
erkannt und durchschaut hat. Er weist die Lehre, die im An- 
fang erhabene, in der Mitte erhabene, am Ende erhabene dem Sinne 
wie dem Wortlaute nach, verkündet ein ganz und gar vollkommenes, 
geklärtes Asketentum. Jene Lehre vernimmt ein Hausvater oder 
der Sohn eines Hausvaters oder der in irgend einem anderen Stande 
Wiedergeborene. Nachdem er aber jene Lehre vernommen hat, 
gewinnt er Vertrauen zum Vollendeten und von jenem Vertrauen 

erfüllt überlegt er bei sich — " (Puggala - Pann. 239.) An 

der Spitze aber aller Erlösungslehren steht die An atta- Lehre. Ihr 
Verständnis, nicht durch einen ja unmöglichen Syllogismus erzwungen, 
sondern geweckt und zur Anschauung gebracht, ist recht eigent- 
lich der Prüfstein, wie weit ein Mensch fähig ist, buddhistisch, 

— nicht vedisch, theosophisch, philosophisch, vernünftig oder logisch 

— zu begreifen, den Buddhismus, die Wahrheit,. zu ergreifen. 
„Was verstehst du unter Wesen? Du bist wohl Mara, in einem 

Irrglauben befangen? Das hier ist ein großer Haufen von Betäti- 
gungen. Ein 'Wesen gibt es hier nicht. Denn wie da, wo 
gewisse Teile sich zu einem Ganzen vereinigen, das Wort Wagen 
gebraucht wird, so bedient man sich da, wo die Daseinselemente 
vorhanden sind, allgemein des Ausdrucks Wesen. Aber das Leiden 
allein besteht, nur Leiden besteht und vergeht; außerdem Leiden 
entsteht nichts, nichts außer dem Leiden wird vernichtet." 
(Sam. N. V, 10. übers. Winternitz.) „Unter jenem Meister aber, 
der weder das Selbst in eben dieser Erscheinung als wahr und 
wirklich lehrt, noch das Selbst in der Zukunft als wahr und wirk- 
lich lehrt : da hat man den Vollendet - Erleuchteten zu verstehen." 
(Pugg. Pan 143.) 

Dazu macht der Übersetzer, Bhante Nyanatiloka, nach den Pali- 
schriften noch folgende Anmerkungen: „Wer also daran glaubt, 
daß es ein von Körper, Gefühl, Wille und Bewußtsein unabhängig- 
bestehendes Ich gebe, der glaubt auch, daß dieses Ich selbst nach 
Aufhebung der fünf Aspekte des Daseins noch weiter fortbestehe 
und ewig sei. (Spiritismus, Animismus.) 



Verstandesaskese 



Wer dagegen einen der fünf Daseinsaspekte für ein Ich ansieht, 
kann, da es ja offenbar ist, daß sich diese fünf Daseinsaspekte beim 
Tode auflösen, nicht umhin, auch notwendigerweise an die Ver- 
nichtung dieses Ichs zu glauben (Materialismus). 

Der Buddha lehrt, daß es weder ein Ich gibt, welches beim Tode 
vernichtet wird, noch ein Ich, das nach dem Tode fortbesteht, sondern 
daß das Ich genau genommen eine Täuschung ist, ein bloß kon- 
ventioneller Name für den Prozeß der von Augenblick zu Augen- 
blick sich ändernden, unaufhörlich wechselnden körperlichen und 
geistigen Daseinsformen." — 

Es ist eine alte Regel in der Geschichte menschlicher Anschau- 
ungen, Erkenntnisse und Einrichtungen, daß das Bestehende so lange 
als richtig und vernünftig zu gelten hat, bis ein Neues seine Daseins- 
berechtigung, seine größere Wahrheit bewiesen hat. Der Beweis 
wird also dem Neuen zugeschoben. Darum wird jedes Neue zu- 
nächst als das Vernünftigere auftreten wollen und mit Hilfe der 
Gesetze des Verstandes, der Logik dessen, was jeder ohne weitere 
Vertiefung einsieht, oder wenn es sich auf eine gemeinsame Auto- 
rität aufbaut, wie z. B. alle christlichen Sekten, sich aus der Schrift 
als das Richtige erweisen wollen. So ist es auch beim Buddhismus. 
Eine gänzlich neue Lehre wie sie z. B. der Transzendental-Buddhis- 
mus ist, wird also zunächst „entsprechend den Forderungen des 
Zeitalters der Naturwissenschaften" sich beweisen lassen wollen 
oder, wenn sie der unbedingten Sicherheit der Beweise selbst miß- 
traut, sich „aus der Schrift" herleiten wollen. War sie also bei der 
Aufstellung und logischen Ergründung fessellos, selbstherrlich im 
Denken (protestantisch), so bedeutet das Ausgreifen auf die Autorität 
der Schrift bereits beginnende Verstandesaskese. 

Der Buddha selbst aber hat, wenn die Überlieferung treu ist, 
zwar viel mit Gegnern und Freunden disputiert aber nichts, gar 
nichts nach Sophistenart in Syllogismen gefaßt. Man lese die bud- 
dhistischen Bekehrungsgeschichten, wie kurz, wie nebensächlich 
klingt manchmal der Satz, „nachdem ein edler Sohn Vertrauen zum 
Vollendeten gefaßt hat, Haus und Heim aufgibt, um mit dem Voll- 
endeten selbst der Vollendung entgegen zu ziehen". Er suchte ja nicht 
Wissenschaft und Beweise, sondern Vollendung im Wissen, im Er- 



Verstandesaskese. — Buddha und seine Legende 87 

fahren, im Erleben der Wahrheit. — Aus diesem Erleben ist 
auch die Stellung des Buddhismus zu den Gesetzen der Sittlichkeit 
zu erklären. 

Buddha gibt fünf Ratschläge für das Leben, deren Befolgung uns 
der Vollendung, wenn auch nur ein kurzes Stück, näher bringen 
wird, deren Vernachlässigung uns auf abwärtige Fährte treiben muß. 
Er weiß: wer den rechten Glauben, d. h. die rechte Anschauung 
der Wahrheit hat, wird aus dem Glauben heraus die Räte befolgen ; 
das Vertrauen zu der großen Einsicht des Vollendeten, das erste 
starke intuitive Wissen um die Erlösungswahrheit ist das Ent- 
scheidende; ist diese Erkenntnis stark genug, dann werden die Räte 
befolgt im steten Kampfe mit der Selbstsucht in uns, welche ja die 
Quelle alles Hasses, alles Begehrens, aller Lust ist. Braucht es den 
harten Befehl einer Offenbarungsreligion? Bei rechter Askese des 
Verstandes, die vom intuitiven Erfassen der Heilswahrheit ausgeht, 
bedarf es keiner Gebote, nur des Hinweises der Räte. Gebote und 
Verbote setzen eine ungehemmte Urteilslosigkeit oder Bosheit 
voraus, beides Geistesverfassungen, mit denen der Buddha bei 
seinen Anhängern nicht rechnet. 



Buddha und seine Legende 

von Eduard Schürt 
ins Deutsche übertragen von Robert Laurency 

IL 

Im sechsten Jahrhundert vor Christi Geburt befand sich an den süd- 
lichen Abhängen des Himalaya, im heutigen Nepal, die Stadt Kapi- 
lavastu. Ringsherum lachte ein reichgesegnetes Land. Auf der einen 
Seite verloren sich die aneinandergereihten Hügel in die Unermeß- 
lichkeit der Ebene, auf der anderen Seite bauten sich purpurleuch- 
tende Bergketten auf, hinter denen die höchsten Gipfel der Erde 
wie ein silbernes Diadem funkelten. 

In dieser Stadt herrschte ein gerechter König, Suddhodana, der 
zum Geschlecht der Gautamiden gehörte. Derselbe heiratete eine 
Frau aus seinem eigenen Stamme mit Namen Maya. Golden war 



Ö8 Buddha und seine Legende 

ihr Haar und zart ihre Seele, und schüchterne Lust schwamm in 
ihrem Lächeln. In Indien, sagt man, werden die Liebesheiraten 
von den Gandharvas, den himmlischen Musikgeistern zusammen- 
gefügt. Diese Unsichtbaren spielten nun zur Hochzeit des Suddho- 
dana und der Maya die erhabensten und entzückendsten Weisen. 
Doch die Jahre vergingen, ohne daß den Ehegatten ein Kind be- 
schert wurde. Eines Nachts, da Maya bei ihrem Herrn schlief, 
hatte sie einen fremdartigen Traum. Sie sah im Traume einen 
Stern, der sechs Strahlen aussandte, rotleuchtend den Himmel wie 
ein Meteor durchziehend. Als er näher gekommen war, erkannte 
Maya in seinem Mittelpunkte einen weißen Elefanten mit sechs 
Stoßzähnen. Der Stern aber zerschmolz über ihr und drang in die 
rechte Seite ihres Schoßes ein.^) 

Als sie erwachte, durchzog ein unbekanntes Mutterglück ihr Wesen, 
und auf der einen Seite der Hemisphäre zeigte ein herrliches Licht 
einen herrlichen Morgen an. Mächtige Berge wurden erschüttert; 
sanft geschaukelte Wogen schliefen ein; das selige Gefühl der Kö- 
nigin drang bis an die Schwelle jenes fahlen und finsteren Raumes 
wo die Geister der Verworfenen weilen. Und die Sonne sandte 
goldene Schauer in das Dunkel der Wälder. Ein zarter Seufzer 
erhob sich aus den Tiefen und drang zum Antlitz der Erde em- 
por. Und man hörte eine Stimme flüsternd ertönen: „Lauschet! 
Hoffet! Der Buddha ist erschienen!" 

Als die Königin Maya von Geburtswehen ergriffen wurde, hatte 
sie solche schmerzliche Gefühle, daß sie nicht mehr in ihrem 



^) Nach Ansicht der sich als Jünger der esoterischen Wissenschaft aus- 
gebenden Chelas des heutigen Indiens haben die Mythen und die Legenden 
fast alle einen geheimen Sinn, der nur den Eingeweihten bekannt sein soll. 
Der Stern mit den sechs Strahlen korrespondierte mit dem Zeichen des 
doppelten Dreiecks, das durchkreuzt ist und umgeben von einem Kreis, dem 
Symbol der physischen und spirituellen Bewegung der Erde. Dieses Symbol, 
das sich in einer Menge arischer Tempel wiederfindet, ging von Indien auf 
Chaldäa und auf Persien über, von da aus auf die Kabbala und auf die 
Magie des Mittelalters. Was den weißen Elefanten betrifft, so soll derselbe den 
Eingeweihten bedeuten. Das soll heißen, daß der Buddha vor seiner letzten 
Wiedergeburt schon als höherer Geistesmensch, als Weiser, in der Welt 
erschienen war. 



Von Eduard Schürt 89 

Palaste zu bleiben vermochte. Von ihren Frauen unterstützt, ging 
sie in den königlichen Garten, um im Schatten eines stämmigen, 
mit leuchtenden Blüten bedeckten Palsabaumes sich niederzulassen. 
Dort, im vollen Tageslichte, nahe einem kristallenen Strome, brachte 
sie ein Kind mit hochgewölbter Stirne zur Welt. Man hielt es für 
tot, da es keinen Laut von sich gab, bis es plötzlich die Augen 
aufschlug und weit geöffnet zum Himmel emporrichtete, Augen 
voller Tiefe und Schwermut» 

König Suddhodana war vom Glücke berauscht. Seine gewöhnlichen 
Wahrsager, bezahlte Schmeichler, kündigten ihm an, daß sein Sohn 
dereinst ein großer Herrscher werde, ausgestattet mit den sieben 
erhabenen Kleinodien: dem goldenen Schild, dem Kronjuwel, dem 
edelsten Rosse, dem besten Kriegselefanten, dem weisesten Minister, 
dem tüchtigsten Heerführer und einem Weibe, herrlich wie eine 
Perle und lieblicher als die Morgenröte. Suddhodana, entzückt von 
diesen Weissagungen, gab seinem Sohne den Namen Siddhartha, 
„der zum Ziele Gelangte". Zur Feier seiner Geburt ordnete er ein 
großes Fest an. »Man schmückte die Stadt, begoß die Straßen mit 
wohlriechenden Essenzen. Von allen Seiten strömte es herbei: Tiger- 
bändiger, Schlangenbeschwörer, als Bären und Hirsche verkleidete 
Männer, Seiltänzer und Bajaderen, an den Füßen Glöckchen tra- 
gend, die wie ewiges Lächeln erklangen. Doch inmitten dieses Lärms 
kam ein Einsiedler, ein unbekannter Weiser, vollständig mit Staub 
und Schmutz bedeckt, in den Palast und trat vor den König. Man 
raunte sich zu, daß er von weit herkäme, denn Niemand wußte 
von wo. Als die Königin die Falten seines abgemagerten Gesichtes 
und den Glanz seiner Augen bemerkte, wollte sie das Kind zu 
seinen Füßen niederlegen. Aber er sprach: „Nicht also, o Königin!" 
Und er selbst warf sich vor dem Kinde nieder und sich wieder 
erhebend fügte er hinzu: „O König, das ist die Blüte des mensch- 
lichen Baumes, die sich nur einmal in Myriaden von Jahren er- 
schließt, aber die, einmal geöffnet, die Welt mit dem Dufte der 
Weisheit und dem Honig der Liebe erfüllt. Aus Deiner königlichen 
Wurzel wird ein himmlischer Lotus entspringen I" Und nachdem 
er dem Kinde seine Verehrung dargebracht hatte, ging der Ein- 
siedler, so wie er gekommen war, von dannen, und niemals sah 



90 Buddha und seine Legende 

man ihn wieder. Der König aber dachte bei sich: „Diese Botschaft 
sagt mir, daß mein Sohn der größte Herrscher sein und mit seinen 
Heerscharen alle andern unterwerfen wird." Die Königin Maya aber, 
befangen in einem Traume, starb ohne Schmerz in sieben Tagen 
dahin, als ob die Götter sie für zu heilig hielten, noch eine zweite 
Geburt überstehen zu müssen. 

Dem jungen Siddhartha gab man zum Lehrer den weisen Vi^va- 
mitra, der ihn im Schreiben, Rechnen und Lesen unterwies. Er 
lernte mit solcher Leichtigkeit, daß er bald ebensoviel wie sein 
Lehrer wußte; aber er prahlte nicht mit seinem Wissen. Als Vi^va- 
mitra ihm erklärte, wie er es anzustellen habe um bis hundert zu 
zählen, hörte Siddhartha mit Demut und Aufmerksamkeit zu. Als 
der Weise dann das Kind aufforderte, selbst bis hundert zu zählen, 
zählte er ohne aufzuhören; er zählte die Zehner, die Hunderter, 
die Tausender, die Millionen auf; er schien alle Sandkörner und 
Sterne des Himmels zählen zu wollen, sodaß Vi^vamitra ihm eines 
Tages sagte: „Lieblicher Prinz, Du gehst nur deshalb in meine 
Schule, um mir zu zeigen, daß Du alles ohne Hilfe 'der Bücher weißt 
und daß Deine Bescheidenheit gleich Deinem hohen Wissen ist." 

Der Sohn Suddhadona's war von königlichem Aussehen und voller 
Anmut in seinem Wesen. Als er herangewachsen war, erwies er 
sich als tapfer und unerschrocken, obgleich er zarten Gemütes war. 
Keinen kühneren Reiter gab es bei der Gazellenjagd, keinen leiden- 
schaftlicheren Lenker des zweirädrigen Wagens. Doch in einer 
Hinsicht glich er nicht den andern. Oftmals sein Pferd ausgreifen 
lassend, den Bogen gespannt, sah er die erschrockenen Gazellen 
in eiligen Sprüngen vorbeieilen und hielt dann, ohne den Pfeil 
abzuschießen, wie von einer seltsamen Befangenheit befallen, plötz- 
lich an. Und seine Jagdgenossen weit hinter sich lassend, ging er 
wie in einem seltsamen Traume, voll Trauer und Mitleid umher. 
Eines Tages, da er sich mit seinem Vetter Devadatta in dem könig- 
lichen Garten erging, sahen sie beide hoch in den Lüften einen 
Zug wilder Schwäne, die in langer Kette dem Himalaya zustrebten. 
Devadatta spannte seinen Bogen und der Pfeil flog hinauf. Einige 
Augenblicke später fiel mit verwundetem Flügel der vorderste Schwan 
vor sie auf den Rasen nieder. Sofort eilte Siddhartha hin, hob den 



Von Eduard Schürt Ol 

verwundeten Vogel auf und legte ihn sanft in seinen Schoß. Nachdem 
er zart das sich sträubende Tier gestreichelt hatte, suchte er es zu 
beruhigen; darauf legte er ihm heilende, mit Honig bestrichene Blätter 
auf die Wunde. „Dieser Schwan gehört mir", sagte Devadatta, indem 
er auf seinen blutigen Pfeil wies. — „Nicht doch," erwiderte Sidd- 
hartha, „dieser Vogel gehört mir nach einem höheren Gesetze. Ich nahm 
ihn unter meinen Schutz und Du wirst ihn mir nicht entreißen. Dein 
blutiger Pfeil vermag nichts gegen meine Barmherzigkeit. Ich will die 
Menschen Mitleid lehren und allen leidenden Wesen ein Helfer sein." 

Siddhartha hatte zwar von den Leiden dieser Welt bisher nichts 
erfahren und bloß die Blutstropfen auf dem Flügel dieses Schwanes 
gesehen. Aber das erste Aufwallen seines Herzens hatte sein Inneres 
erschüttert und seinen Geist plötzlich erhellt. Er ahnte jetzt, daß 
er dazu berufen war, alles Leiden in der Welt zu lindern; würde 
er aber selbst alle diese Leiden zu sehen bekommen? Er fühlte 
ein unbestimmtes Verlangen in sich, die Welt näher kennen zu 
lernen; doch wie sollte er dieses Ziel erreichen? — In der schönen 
Jahreszeit führte ihn sein königlicher Vater oftmals auf das Land, 
um ihm die Schönheiten seiner Besitzungen zu zeigen. Die mun- 
teren Bäche uitter den Palmen,, den von den Büffeln aufgewühlten 
roten Lehm, die murmelnden Quellen im Grunde der Sümpfe. 
Rote Pfaue flogen um die Tempel, und der wilde Lärm einer 
Trommel zeigte eine Hochzeit an. Siddhartha schaute. Seine Augen 
freuten sich, aber sein Herz war traurig. Denn er sagte sich : „Über- 
all wo man hinschaut, sieht man den Mord. Alle morden, um der 
Reihe nach wieder ermordet zu werden. Der eine lebt durch den 
Tod des andern: die Eidechse frißt die Ameise, die Schlange die 
Eidechse und die Weihe frißt alle beide. Der Sperber streitet um 
seinen Raub mit der Fischotter, der Würger jagt die Nachtigall 
und diese wieder die bunten Schmetterlinge." Nach solchen Spazier- 
gängen setzte er sich dann einsam an einem abgeschiedenen Orte nieder, 
um über das große Problem des Lebens und Leidens nachzudenken. 
Und er fragte sich: „Was ist wohl die Ursache dieses Lebens? 
Wo findet man die Rettung?" Aber er fand keine Antwort. 

Schon hatte Siddhartha sein achtzehntes Jahr vollendet. Sein 
Vater, der ihn oft wie einen Weisen in Nachdenken versunken 



92 Buddha und seine Legende 

dasitzen sah, wurde von großem Kummer erfüllt. Er versammelte 
seine Ratgeber und sprach zu ihnen: „Ich habe nur einen Wunsch, 
daß mein Sohn herrsche über die Königreiche. Aber ich befürchte, 
daß er den traurigen und düsteren Pfad der Entsagung und der Askese 
einschlagen wird." — Der älteste der Ratgeber aber entgegnete dem 
König: „Die Liebe, o König, wird wohl bald diese leichte Verirrung 
heilen. Lasse nur den Zauber der weiblichen List sein müßiges Herz 
fesseln. Was weiß er bis jetzt von den Augen, die den Himmel 
vergessen lassen, von dem süßen Balsam der Lippen? Seine Ge- 
danken, die du nicht mit ehernen Ketten fesseln kannst, wird ein 
Weib gar leicht durch ihre Liebe fesseln". — „Mein Sohn", sagte der 
König, „wird sich nicht von der Sinnenlust hinreißen, sondern nur 
durch Liebe gewinnen lassen. Wie soll man nun eine solche Jung- 
frau finden, die sein Herz zu fesseln vermag?" — Der Alte 
überlegte einen Augenblick und erwiderte : „Ordne ein Fest an, 
o König, einen Wettstreit der Schönheit, bei dem die schönsten Mäd- 
chen des Königreichs vor deinem Sohne vorbeiziehen sollen, um den 
Preis zu erhalten. Darunter wird sich wohl eine finden, die es 
versteht, den Pfeil abzuschießen, dem keiner entgeht." Der König 
stimmte diesem Vorschlag zu. Am festgesetzten Tage setzte sich 
der Prinz auf den Thron. Die schönsten Mädchen des Königreichs, 
frisch gebadet, lieblich duftend, mit herrlichen Gewändern bekleidet, 
bildeten einen langen Zug und zogen langsam an ihm vorbei. Die 
würdevolle Haltung Siddhartha's schüchterte ihre jungfräulichenHerzen 
ein. Er lächelte ihnen voll Dankbarkeit zu, aber ohne jede innere 
Bewegung. Dann und wann trat eines der Mädchen, unter dem 
Zujauchzen seitens des Volkes aus dem Zuge, um aus der lieb- 
reichen Hand des Prinzen ein Geschenk entgegenzunehmen. Aber 
kaum war sie den Blicken des Prinzen begegnet, als sie sogleich wieder 
wie eine aufgescheuchte Gazelle davon floh, denn dieser Blick des 
Prinzen schien ihr gleichsam aus einer anderen Sphäre zu kommen. 
Am Ende des Zuges schritt die junge Yasödhara; und diejenigen, 
die sich in der Nähe Siddhartha's befanden, beobachteten beim 
Vorbeischreiten dieser Jungfrau, wie der königliche Jüngling bei 
ihrem Anblicke zusammenzuckte. Und das glänzende junge Mädchen 
trat zu ihm heran, eine göttliche Gestalt, eine Haltung wie die der 



Von Eduard Schürt 93 



Pärvartik, Augen wie die einer Hirschkuh zur Brunstzeit; und ihr 
Gesicht war so berauschend schön, daß es Worte nicht zu beschreiben 
vermögen. Sie allein, — die Arme über die Brust gekreuzt, — 
vermochte dem vollen Blicke des Jünglings zu widerstehen, ohne 
ihren stolzen Nacken zu beugen: — „Gibt es auch für mich ein 
Geschenk?" fragte sie lächelnd. — „Die Geschenke sind verteilt", 
erwiderte der Prinz; aber nimm diesen Halsschmuck zum Ersatz, 
denn deine Anmut hat Freude in die Halle gebracht." — Damit 
löste er die smaragdene Kette von seinem Halse und legte sie der 
schönen Yasodhara um. Und ihre Blicke verschmolzen in einander 
und erweckten in beiden das innigste Gefühl der Liebe. Eben- 
so wie der Prinz Siddhartha gehörte auch Yasodhara zum Ge- 
schlechte der Gautamiden. Ihr Vater erklärte, daß er sie dem Prinzen 
nur dann zum Wei!)e gäbe, wenn er über alle anderen Bewerber 
in den Kampfspielen den Sieg davontrüge. Siddhartha nahm den 
Wettstreit an. Er blieb Sieger im Bogenschießen, Fechten und Pferde- 
rennen und zeigte sich in allem als ein vollkommener Königssproß. 

Da erhob sich die liebreizende Jungfrau von ihrem Sitze in- 
mitten der Zuschauermenge, nahm einen Kranz von Mangoblumen 
und, noch vom Schleier verhüllt, schritt sie zwischen den jugend- 
lichen Rivalen hindurch, bis sie an den Platz kam, wo sich Sid- 
dhartha befand. Die schlanke Gestalt des jungen Mannes glitt vom 
Pferde, das seinen starken Nacken gefügig den Armen seines 
Meisters überlassen hatte. Nachdem sich die Jungfrau vor dem 
Prinzen verneigt hatte, enthüllte sie ihr himmlisches Antlitz, vor 
Liebe strahlend. Sie hängte einen duftenden Kranz um den Hals 
ihres künftigen Herrn und legte ihren lieblichen Kopf an seine 
Brust; und sich bis zu seinen Füßen verbeugend, sprach sie, die 
Augen von edlem Stolze erfüllt: „Teurer Prinz, schaue mich an! 
Ich gehöre dir!'* Und das Volk jauchzte, als sich beide die Hände 
reichten und sich Herz zum Herzen fand. Sie aber bedeckte ihr 
Gesicht wieder mit dem Schleier. 

Die Hochzeit wurde in der altüberlieferten Weise gefeiert. Unter 
anderem ließ man beide Gatten zwei Strohhalme in eine Milch- 
schale legen; denn wenn diese sich zusammenfänden, glaubte man, 
daure die Liebe bis in den Tod. Man band ihre Kleider zusammen, 



94 Buddha und seine Legende. — Rechte Rede 

setzte ihnen Kronen aufs Haupt und sang mystische Gesänge. 
Und der Vater Yasodhara's sprach zu Siddhartha: — „Würdiger 
Prinz, was unser war, gehört jetzt dir allein. Sei gut zu ihr, die 
dir ihr Leben schenkt." 

Aber der Vater Siddhartha's versuchte seinen Sohn nicht bloß 
durch die Liebe zu fesseln und ihn dadurch von den asketischen 
Gedanken abzulenken, sondern er behielt auch dieser Liebe ein 
bezauberndes Gefängnis vor. Nahe der Stadt Kapilavastu erhob sich 
ein vom Rohiniflusse bespülter Hügel. Ein Wald von Tamarinden- 
bäumen säumte diesen Hügel im Süden ein und der Lärm der 
Stadt drang bloß wie ein Bienengesumm dorthin. Am nördlichen 
Horizont tauchten die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel des 
Himalaya auf: Hier ließ Siddhartha's Vater für die Neuvermählten 
den Lustpavillon erbauen, eine kühle und einschmeichelnde Auf- 
enthaltsstätte. Man ging über Alabastertreppen, eingerahmt von 
Lasursteinen, durch Türen aus Sandelholz, zwischen farbenpräch- 
tigen Säulen hindurch. Man ruhte bei lotosumrahmten Springbrun- 
nen aus, in denen scharlachrote und lasurblaue Fische tanzten. In den 
Gärten irrten Pfaue, Reiher und hochtrabende Hirschkühe umher. 

(Fortsetzung folgt). 



Rechte Rede 

Von Thero Silacara in Sikkhim, übersetzt von cand. phil. 
S. Jabusch (gefallen in Flandern 1918) 

Als dritte Stufe des heiligen achtfachen Pfades wird Samavaca 
oder rechte Rede genannt, und an diesem Punkte beginnen wir 
mit der Betrachtung jenes Abschnittes des Pfades, der in seiner 
dreiteiligen Anordnung Sila oder Moral oder rechtes Betragen heißt. 
Überblickt man diesen Abschnitt des Pfades, so könnte er als sein 
erster, sein Anfangsteil angesehen werden ; denn die Befolgung der 
Vorschriften zur Einhaltung der Moral oder des rechten Betragens 
ist erste, unerläßliche Bedingung alles Vorwärtskommens auf dem 
heiligen, achtfachen Pfade. 

Dies trifft sowohl für einen Hausvater zu wie für denjenigen, 



Von Thero Silacara 95 

der in die Heimatlosigkeit gepilgert ist. Aber während das Leben 
eines solchen das Ergebnis einer besonderen und sich immer 
steigernden geistigen Anspannung ist oder sein sollte (denn der 
ganze Lebensinhalt eines Menschen, der alles im Stiche gelassen 
hat, muß sich allein auf diese Anspannung' aller geistigen Kräfte 
konzentrieren), beruht die treue Befolgung dieses dritten Gliedes 
des Pfades durch einen Hausvater, der durch die Pflichten des All- 
tags naturgemäß immer abgelenkt wird, auf der strikten und äußerst 
bedachtsamen Beobachtung dieser Vorschrift des rechten Betragens. 

Das bedeutsame Merkmal eines solchen Lebens ist richtiges 
Handeln in Worten oder Taten oder gegebenenfalls in Worten und 
Taten zugleich. Die Vorschriften für ein rechtes Betragen, die im 
dritten, vierten und fünften Glied des heiligen achtfachen Pfades 
aufgezählt werden, sind einfach die Regeln, die jeder Hausvater, 
der sich den Buddha zum Führer erwählt hat, in all seinem Tun 
tecbachten sollte. Wenn ein solcher Hausvater an sein weltliches 
Tagewerk geht, so soll er bei all seinen Handlungen Obacht geben 
auf diese drei Dinge: darauf, daß seine Rede recht sei, daß seine 
Handlungen recht seien und daß der Beruf, durch welchen er seinen 
Lebensunterhalt erwirkt, ebenfalls ein rechter sei. Hier haben wir 
uns nur mit der ersten dieser drei Vorschriften zu beschäftigen, 
und darum fragen wir: was macht das Wesen des von dem Buddha 
im heiligen achtfachen Pfade mit dem Wort „rechte Rede" bezeich- 
neten Gliedes aus? 

„Rechte Rede," wie sie der Erleuchtete lehrte, umfaßt vier ver- 
schiedene Vorschriften: daß die Menschen nur das reden, was wahr 
ist; daß sie nichts reden, was unwahr ist; daß sie nichts Übles von 
anderen reden und sich aller Verleumdung enthalten; daß sie keine 
zornige oder beschimpfende Rede gegen ihren Nächsten führen, 
sondern zu allen freundlich und höflich reden sollen und daß sie 
schließlich nicht in zweckloser, törichter Rede schwelgen, sondern 
verständlich und nicht umsonst sprechen sollen. 

Bei Einzelheiten dieser Vorschriften zu verharren, etwa bei der 
Forderung der Aufrichtigkeit in der Rede, wäre eine undankbare 
und in gewissem Grade unnötige Mühe, so vertraut sind sie in der 
einen oder anderen Form dem Einsichtigen. Sind sie doch Gemein- 



96 Rechte Rede 



platze im System aller Morallehren, der alten wie neuen, östlichen 
wie westlichen, religiösen wie nichtreligiösen. Ein Punkt indessen 
findet sich in den Ratschlägen des Buddha über rechtes Betragen, 
der wohl der Erwähnung wert ist, und der sich in seiner rein 
utilitarischen Natur von der Art ähnlicher Sätze in andern Moral- 
systemen unterscheidet. 

In der Darlegung, die der Baddha vom rechten Betragen gibt, 
findet sich keinerlei Andeutung, daß derjenige Anhänger, der das 
»Rechte tut und das Unrechte meidet* damit den Beifall über ihm 
stehender höherer Wesen, die etwa Macht hätten seine Schicksale 
nach ihrem eigenen Willen und Gutdünken zu gestalten, gewinnen 
könnte. Oder daß diese höheren Wesen die Macht haben könnten, 
ihn für sein „rechtes Tun" nach ihren Wünschen mit diesem oder 
jenem Glückseligkeitszustande in dieser oder einer andern Welt zu 
belohnen oder ihn für einen „unrechten" Lebenswandel mit Unglück 
und Leiden in diesem oder jenem Leben zu bestrafen. Von einem 
solchen Gedanken findet sich nichts in der Lehre des Buddha. Wenn 
ein Anhänger des Erleuchteten diese befolgt und sich rechter Rede 
und rechten Tuns befleißigt, so soll er dies selbstverständlich ohne 
irgend eine Hoffnung auf Belohnung durch etwa außer ihm existierende 
höhere Wesen tun. Er übt sich in rechter Rede nur wegen der Folgen 
für sich selbst und für andere, die sich gleich ihm eines ähnlichen 
Lebenswandels befleißigen, und daher ergeben sich diese Folgen 
niemals aus irgend einer launenhaften oder eigenmächtigen An- 
ordnung einer höheren Gewalt außerhalb seines eigenen Lebens. 

Der Anhänger des Buddha, welcher die von dem Meister ver- 
kündeten Moralvorschriften befolgen will, hat in seinem Reden und 
Betragen jener Ordnung zu folgen, die mit allen Grundgesetzen 
der Wirklichkeit übereinstimmt sowohl des sichtbaren wie unsicht- 
baren Lebens, wie diese Ordnung durch den Erleuchteten bestimmt 
und verkündet worden ist. Wenn seine Handlungen mit diesen 
Gesetzen der Wirklichkeit übereinstimmen, wird sich als natürliche 
Folge ein Zustand inneren Glückes einstellen, ohne jedes Eingreifen 
einer unbekannten, höheren Macht; und zwar wird diese Folge 
eines richtigen Lebens so bestimmt und unvermeidlich eintreten 
wie die Tatsache, daß sein eigener Schatten ihn niemals verläßt. 



Von Thero Silacara 



97 



Verstoßen seine Handlungen gegen diese Gesetze, so wird ihm 
innere Unruhe und Unzufriedenheit so sicher beschieden sein, 
wie das Wagenrad den Füßen des Ochsen folgt, der den Wagen 
zieht. Nur des Menschen eignes Wirken kann ihm Glück oder 
Unglück bringen, die Möglichkeit und Notwendigkeit für das Ein- 
greifen einer fremden Macht besteht nicht. 

In der Sprache, in der die buddhistischen Schriften abgefaßt 
sind, gibt es bezeichnenderweise keine Ausdrücke, die ganz den 
Sinn unserer Worte „recht" und „unrecht" wiedergäben. Die Worte 
haben im Urtext mehr den Sinn von „geschickt", „nützlich", „un- 
geschickt", „unnütz", als den der losen, schwankenden, unbestimmten 
Vorstellungen, die die Worte „recht" und „unrecht" in vielen Ohren 
zu erzeugen pflegen. Sich einer Rede voller Lügen, Schimpfworte 
und inhaltsleeren Geschwätzes enthalten, heißt also für einen 
Buddhisten dem Sinne nach nur solche Dinge zu reden, welche 
ihm und anderen angenehm und fördernd sind. Dagegen wäre die 
Unwahrheit sagen. Übles von jemandem sprechen, ein frivoles oder 
beschimpfendes Gespräch führen, im buddhistischen Sinne unan- 
gebracht und schadenstiftend. 

Was also diesen Teil des edlen achtfachen Pfades, der rechte 
Rede heißt, betrifft, so können wir annehmen, daß ein Mensch, der 
sich lügenhafter und rauher Worte enthält, leichtfertiges Geschwätz 
vermeidet, dagegen eine höfliche, wahrhafte und angemessene Sprache 
führt, auf dem Pfade vorwärts kommt, der zu jenem Gemütszustand 
führt, in dem er die wahre Natur aller Dinge erkennen und durch 
diese höchste Erkenntnis die Erlösung aus der Leidenswelt finden soll. 







m 

























Ceylon 



Ceylon, die Insel des Buddha 

Von Christian Böhringer, Stuttgart 
(Schluß.) 

Der Tod Mahindos war ein Ereignis von weittragender Bedeutung. 
Die Mahawansa berichtet darüber: 

Als der König Uttiya den Tod des Heiligen erfuhr, begab er sich 
nach Mihintale, und ließ die Leiche einbalsamieren und in einen 
goldenen Sarg legen. Die Verehrer Mahindos strömten von der 
ganzen Insel herbei und nahmen an dem Leichenbegängnis teil, das 
unter Vorantritt des Königs und bei Beteiligung aller Würdenträger 
des Reiches, sowie der Staatselefanten stattfand. Dann folgten die 
Mönche und andere Leidtragende dem Zug durch die reichgeschmückten 
Straßen der Stadt Anaradapüra. Auf einem großen freien Platz wurde 
der Sarg auf einen Scheiterhaufen gestellt, den der König selbst 
in Brand steckte. Zu gleicher Zeit wurden auf der ganzen Insel 
vom Staate Leichenfeiern veranstaltet. Die Überreste des großen 
Reformators wurden in Mihintale beigesetzt. Aus dem Mahawansa 
ergibt sich ferner, daß die Könige von Anaradapüra mitunter auch 
trotz des Buddhismus recht grausam sein konnten. So erzählt die 
Chronik, daß der Rajah eines schönen Tages den Entschluß faßte, 
die von Indien eingewanderten Damilas, welche in politischer wie 
in religiöser Beziehung als die größten Feinde der Singalesen 
betrachtet wurden, zu bestrafen und ihnen den Aufenthalt so un- 
angenehm wie möglich zu machen. Der König sicherte sich zu 
diesem Zweck die Dienste der stärksten Männer der Insel und gab 
ihnen Auftrag, die armen Damilas auf grausame Weise umzubringen. 
Sie warfen nämlich die Damilas zu Boden, setzten den linken Fuß 
auf die Hüfte des Opfers und rissen es in zwei Stücke, indem sie 
den oberen Teil des Körpers vollständig vom unteren trennten. 
Wenn nun diese Erzählung nicht wörtlich zu nehmen ist, so zeigt 
sie doch, wie verhaßt die Damilas waren. Dies hatte auch seinen 
natürlichen Grund darin, daß die Könige von Anaradapüra unter 
den eingewanderten Damilas immer schwerer zu leiden hatten, denn 



Von Christian Böhringer 99 

diese nahmen schließlich an Zahl so zu, daß sie nur mit Waffen- 
gewalt zurückgedrängt werden konnten. In ihren Kämpfen gegen 
die Damilas sind eben doch, wie bereits erwähnt, die Singalesen 
schließlich unterlegen. Aber auch durch Werke der Wohltätigkeit 
suchten die Könige von Anaradapüra ihre Dynastie zu stärken. 

Auch wurden Kämpfe um das Recht der Thronfolge geführt. Die 
Beschreibung dieser Kämpfe und die ritterliche Art der Haupt- 
beteiligten erinnert lebhaft an Homer. Die Verfasser haben hier 
wie einst von der dichterischen Freiheit sehr ausgiebigen Gebrauch 
gemacht, indem sie ihre Helden die unglaublichsten Taten verrichten 
lassen. Hier das Beispiel eines Zweikampfs, welcher zeigen mag, 
wie nachsichtige Herrscher nicht nur durch Bluttaten Furcht und 
Schrecken verbreiten, sondern auch bereit waren ihr eigenes Leben 
aufs Spiel zu setzen. 

Nach dem Tod des Königs Sulakale nämlich, der 3 Söhne hinter- 
ließ, ergriff der Zweitälteste Sohn Dalhapude die Zügel der Regierung, 
nachdem er den alleinberechtigten älteren Bruder hatte ermorden 
lassen. Der jüngere Bruder Mogallana beschloß, den Tod seines 
Bruders zu rächen und zog gegen den König ins Feld. Als die 
beiden feindlichen Armeen bei den Karmakabergen einander 
gegenüberstanden, sandte Mogallana einen Boten an seinen könig- 
lichen Bruder und ließ diesem sagen: Die Bewohner dieser Insel 
haben sich weder gegen Dich, noch gegen mich vergangen. Wenn 
einer von uns stirbt, so wird es nicht nötig sein, das Reich zu 
teilen. Ich schlage vor, daß wir persönlich den Kampf ausfechten, 
jeder auf seinem Kriegselefanten in Gegenwart der versammelten 
Heere. Der König nahm diese Forderung an, bewaffnete sich, bestieg 
seinen Elefanten und ritt bewaffnet auf den Kampfplatz. Mogallana 
erschien ebenfalls auf seinem Elefanten und stellte sich dem Bruder 
gegenüber. Die gewaltigen Tiere stürzten sofort aufeinander los und 
als sie mit ihren mächtigen Schädeln gegeneinander rannten und 
in ihrer Kampfeswut Feuer spieen, da glaubte man wie bei einem 
Gewitter, den Blitz zu sehen und den Donner zu hören. Die beiden 
Tiere, mit Blut bedeckt, glichen zwei Wolken im Rot der unter- 
gehenden Sonne. Endlich überwältigte Mogallanas Elefant den des 
Königs und als dieser sein Tier besiegt sah, zog er ein scharfes 



100 Ceylon 

Schwert und machte Anstalt, sich selbst das Leben zu nehmen. 
Als Mogallana dies sah, flehte er den Bruder an, sein Leben zu 
schonen. Dieser aber, zu stolz, dem Wunsch des Bruders zu will- 
fahren, schnitt sich die Kehle durch. So wurde der mächtige Mogallana 
König von Lanka. Wie diese wenigen Beispiele zeigen, liegt gerade 
in der bilderreichen Sprache und in der poetischen Übertreibung 
ein Zug, der zum Vergleich mit den alten klassischen Dichtern 
geradezu herausfordert. 

Wir verlassen den Sagenreichen Boden von Anaradapüra und fahren 
weiter nach Norden auf der Poststraße nach Jaffna. Diese Strecke 
bietet nicht viel Interessantes, und da die Hitze immer unerträglicher 
wird, so durcheilen wir das große, fieberreiche Gebiet der Nord- 
provinz, welche durch Wasser und durch die Eisenbahn der Kultur 
erschlossen worden ist. Die Wiederherstellung der Wasserwerke 
mußte naturgemäß dem Bau der Eisenbahn vorausgehen. Jaffna 
war eine holländische Niederlassung, an der Nordspitze Ceylons 
gelegen und ein stark befestigter Platz. Die Festung ist noch sehr 
gut erhalten und genau in demselben Zustand, wie sie vor über 
100 Jahren den Engländern übergeben worden war. Im inneren 
Hofraum der Festung sind noch die Wohnungen des Gouverneurs 
und der Beamten sehr gut erhalten und in einem Zustand, als seien 
die Gebäude von ihren Insassen erst gestern geräumt worden. Auf 
den Tischen liegen noch holländische Briefe und Schriften, in der 
Kirche Gebet- und Gesangbücher. Das Klima von Jaffna ist überaus 
trocken und ähnlich dem Ägyptens. Dies ist auch der Grund, warum 
alles so gut erhalten ist. Im feuchten Süden wären die Bücher 
längst vermodert und die Mauern verwittert. Als besondere Merk- 
würdigkeit fiel mir in der Kirche eine Gedenktafel mit folgender 
Inschrift auf: Hier ruht Freiherr von Roeder, Kommandant von Jaffna- 
pattana, gebürtig aus Goldberg in Schlesien, gestorben im Jahr 1795. 
Nicht weniger interessant ist eine Gedenktafel in der alten hollän- 
dischen Kirche in Point de Galle mit der Inschrift: Hier ruht Frei- 
herr von Hügel, Oberst und Kommandant des herzoglich Württem- 
bergischen Regiments, Ritter des Ordens pour le m6rite, geboren 
zu Straßburg 20. April 1739, gestorben zu Galle 3. Juni 1800. 
Jaffna war von Alters her der Ort für Salzgewinnung aus Seewassser. 



Von CHristian Böhringer 101 

Große Bassins wurden durch ein Pumpwerk mit Seewasser gefüllt. 
Die Verdunstung des Wassers überließ man der lieben Sonne. 

Von Jaffna ging es weiter im Küstendampfer durch den Golf 
von Marmar und die Adamsbrücke nach der Ostküste von Ceylon, 
immer dicht am Ufer entlang, das dort wenig Abwechslung bietet. 
Der nahe Strand ist bewachsen mit Palmyrapalmen, unter deren 
Schatten die kleinen Hütten der Eingeborenen zerstreut umherliegen. 
Nach zweitägiger Fahrt erreichen wir Trincomale, den Kriegshafen 
für das ostindische Geschwader. Der Hafen ist ein natürliches, 
großes Bassin mit einer sehr engen malerischen Einfahrt. Zu beiden 
Seiten auf den Hügeln sind die Forts Friedrich und Oldenburg, 
ebenfalls Namen aus holländischer Zeit. Auf dem Kirchhof findet 
man neben Gräbern holländischer auch solche deutscher Soldaten, 
die in der holländischen Kolonialarmee dienten. Von Trincomale 
geht die Fahrt weiter über Batticaloa nach Dondrahead, der Süd- 
spitze von Ceylon. Von hier aus hat man einen hübschen Blick auf 
das Zentralgebirge und in einem halben Tag den Hafen von Point 
de Galle. Diese Stadt liegt malerisch gruppiert auf Hügeln, die den 
natürlichen Hafen umschließen, aber vergeblich sucht man nach 
Schiffen. Gewöhnlich liegen nur 2 oder 3 Schiffe vor Anker, die 
in dem geräumigen Hafen dem Blick entgehen. Die Einfahrt ist 
sehr gefährlich, da im Kielwasser verschiedene unsichtbare Felsen 
sich befinden, die schon mehreren Schiffen Schaden gebracht haben. 
An verschiedenen Stellen sieht man die Wracks gestrandeter Dampfer 
aus dem Wasser emporragen. Dies ist auch der Grund, warum der 
Hafen nach Colombo verlegt wurde. 

Etwa 20 Kilometer südöstlich von Point de Galle liegt eine ein- 
same Bucht, die Häckel ihre Berühmtheit verdankt, die Bay von 
Weligama. Es gibt drei Wege, dahin zu gelangen. Die Eisenbahn, 
die Fahrstraße oder ein Fischerboot, in dem man die Küste entlang 
fährt. Wenn Zeit keine Rolle spielt und das Wetter gut ist, empfiehlt 
sich die Segelfahrt. Mit überraschender Gewandtheit und Sicherheit 
bedienen die flinken Singalesen ihr Fahrzeug. 

Am Eingang zur Bay, mit dem Blick nach dem Meer, liegt das 
schöne Rasthaus. Von hier zieht sich ein dichter Wald von 
Cokospalmen rings um die Bucht mit ihren flachen, sandigen Ufern. 



102 Ceylon. — Von Christian Böhringer 

Wenn man kurz vor Sonnenuntergang in die Bucht hinausfährt 
und in das Wasser schaut, sieht man Korallen, Seesterne, Fische 
aller Art und Größe, kurz eine ganze unterseeische Welt, wie man 
sie sonst nur in einem Aquarium zu sehen bekommt. Weligama 
wirkt bezaubernd durch seine idyllische Einsamkeit und durch 
seine ruhige, majestätische Umgebung. Eine fünfstündige Bahnfahrt 
führt zurück nach Colombo. Links das rauschende Meer, rechts 
der unvermeidliche Cokoswald. Je näher man der Hauptstadt kommt, 
desto lebhafter und gedrängter wird der Verkehr, so daß man mit 
Sehnsucht sich zurückwünscht an die einsamen Ufer der Bay von 
Weligama : 

„Träumend hab' ich manche Stunde 

An deinen Ufern zugebracht. 

Es liegt auf tiefem Meeresgrunde 

Verborgen deines Zaubers Pracht." 




Worte Buddhas 

Glaube nichts auf bloßes Hörensagen hin; glaube nicht an Über- 
lieferungen, weil sie alt und durch viele Generationen bis auf uns 
gekommen sind; glaube nichts auf Grund von Gerüchten oder weil 
die Leute viel davon reden; glaube nicht, bloß weil man dir das 
geschriebene Zeugnis irgend eines alten Weisen vorlegt; glaube 
nie etwas, weil Mutmaßungen dafür sprechen oder weil langjährige 
Gewohnheit dich verleitet, es für wahr zu halten: glaube nichts 
auf die bloße Autorität deiner Lehrer und Priester hin. Was 
nach eigener Erfahrung und Untersuchung mit deiner Vernunft 
übereinstimmt und zu deinem eigenem Wohle und Heile, wie zu 
dem aller anderen lebenden Wesen dient, das nimm als Wahrheit 
an und lebe danach. Anguttara-Nikayo. 



Im Buddhaland. — Von Alice Schalek 



103 




Im Buddhaland 

Bilder aus Birma 

Von Alice Schalek (Wien) 
L 

ange vor der Ankunft in der Hafenstadt Rangoon, 
dem Handelszentrum Birmas schon erblickt man 
das Wahrzeichen des Landes, weithin sichtbar steht 
die weltberühmte Shwe-Dagon-Pagode auf einem 
bewaldeten Hügel und ihre goldene Spitze zeichnet 
sich klar vom Horizont ab. Noch bedeutet das Bild 
mir nichts. Aber zwei Stunden später weiß ich, 
warum dieser Buddhatempel der berühmteste auf Erden ist. 

Ich stelle mir einen Europäer vor, der mit geschlossenen Augen 
aus einer Großstadt hierherüber flöge. Und ich bedaure es tief, 
daß keiner diesen zerschmetternden Anprall erlebt, weil jedem 
auf seinem Reisewege durch andere Seltsamkeiten die Unmittel- 
barkeit des Eindrucks vorweggenommen wird. 

Doch auch jenem, dem der Orient vertraut ist, auch mir, die 
ich zahlreiche exotische Fabeldinge ähnlicher Art in dem Birma 
verwandten Siam gesehen, ist Rangoons Shwe-Dagon-Pagode etwas 
Unfaßbares, eine Grenzenlosigkeit, die zu erfinden keine europäische 
Phantasie ausgereicht hätte, deren Anblick kein westliches Auge 
lange standzuhalten vermag. 

Auf dem abgeflachten Gipfel eines künstlichen Erdsockels steht 
sie da, fast hundert Meter hoch und über und über vergoldet. Die 
riesige, oben spitze, unten ausgeweitete Glocke mißt an ihrer 
Basis fünfhundert Meter im Umfang, viele tausend Quadratmeter 
die Plattform, auf der sie ruht. Dennoch wirkt sie schlank und 
lieblich. Aber nicht sie allein ist es, diese allerheiligste aller Pa- 
goden, die acht Haupthaare Buddhas umschließt, und auch nicht 
ihr goldener, vom König Mindun gespendeter Ti, (der kostbare 
Schirm auf ihrer Spitze, dessen Edelsteinschmuck einem Gerücht 



104 Im Buddhaland 



zufolge von den Engländern beschlagnahmt worden sein soll), die 
den Hauptanteil an dem erschütternden Eindruck haben. Fällt er 
den zahllosen Kapellen zu, den weit kleineren, aber auch Ti-ge- 
krönten Pagödchen, aus denen die Shwe-Dagon wie eine Königin 
ragt? Alles zusammen ist es wohl, was den Rausch hervorbringt, 
wohl auch sind es die aus dem Meere von goldenen Ti's wie Inseln 
ragenden überlebensgroßen Fabeltiere, Elefanten, Löwen, Schlangen 
und Drachen, die menschenähnlichen Groteskfiguren aus buntem 
Glasmosaik, aus feinster Holzschnitzerei oder bloß aus ordinärem 
Gips oder aus mit Mörtel überstrichenen Ziegeln. Nicht wie in 
Südindien, dem schrecklichen Reiche des Brahmakults, in düsterem 
Dunkel eines Tempelinnern als Greuel wirkend, sondern frei unter 
sonniger Luft als Ausstattung und lustiger Zierrat umstehen alle 
diese Abnormitäten die Shwe-Dagon. 

Ein Kreisring bleibt als Straße frei und an die Pagode schließen 
sich hunderte von offenen Buden, voll von wertlosen Opferdingen, 
meist Blumen aus Draht, und Goldflittern, Kerzen, Papierschirm- 
chen und bedruckten Fähnchen, Tierfiguren aus bemaltem Wachs 
und grauenhaften Öldrucken, die offenbar in Europa fabriziert 
werden. Dieses alles findet man kreuz und quer hingelegt oder 
aufgesteckt in den Kapellchen und Schreinen und es macht das 
Absonderliche noch toller. Dazwischen stehen Flaggenstangen, an 
denen wulstartige seidene Fahnen flattern, heilige Bäume wachsen 
aus riesigen Erdhügeln, die ganz von Grotten durchbrochen sind. 
In jeder dieser Nischen, aber auch in jedem der größeren Schreine 
wie in den Kapellen sitzt ein Buddha aus billigstem Material, 
manchmal sogar eine ganze Gesellschaft, frischgestrichen oder in 
allen Stadien des Verfalls. Außer dem Gold der Shwe-Dagon und 
der^ßronze der zahllosen Riesenglocken, die je zwischen zwei 
Pfosten hängen und alle Tonleitern, lyrische oder tiefe, dunkle 
oder schrille Töne geben, ist jedes Ding Talmi, Kitsch und Plunder. 
Doch nur ganz vorübergehend beeinträchtigt diese Erkenntnis, die 
etwa beim zweiten oder dritten Besuche aufsteigt, den Reiz des 
Ganzen. Man erfaßt bald wieder die künstlerische Note, insbeson- 
dere weil trotz all des Bunten und Auffallenden noch etwas anderes, 
das Volk nämlich, das diese Pagode mit seiner Gläubigkeit belebt, 



Von Alice Schalek 105 



erfüllt, zur Wirklichkeit macht, das eigentlich Unwiderstehliche, 
Hinreißende, Unvergleichliche ist. 

Stundenlang, tagelang könnte man selbstvergessen, atemlos schauen 
und schauen. Wo immer man sich aufstellt, das Ausstattungsstück 
verliert nirgends seine sprudelnde Fülle. Wenn auch die Akteure 
wechseln und keine Szene sich je wiederholt, einheitlich bleibt die 
spannende Handlung. 

Vier Treppenaufgänge führen von den vier Weltrichtungen 
empor, nur die untersten Stufen sind ohne Dach. Zu den oberen, 
gedeckten, kommt man durch eine Säulenvorhalle. In Absätzen, 
gleich einem Passionsweg, leiten sie zum Heiligtume. Schlechte, 
tiefausgewitterte Steinstufen sinds, auf denen ein schnell Empor- 
steigender wohl in Gefahr käme, aber es heißt, daß kein Buddhist 
leichtfertig und zerstreut, sondern daß jeder gesammelt und feier- 
lich zu seinem Tempel schreitet. Hier unten beginnt die glänzende 
Inszenierung. Was orientalischer Geschmack und Gedankenreichtum, 
was asiatische Phantasie und Farbfreudigkeit an Harmonie im Ab- 
strusen, an Wohllaut im Grellen zu ersinnen vermag, davon ahnen 
westländische Künstler nichts. Jede Linie hier ist Vollendung, jede 
Bewegung Grazie, jeder Faltenwurf Kunst. Leider ist der Segantini 
des Ostens noch nicht gekommen, hier harrt Neuland der Ent- 
deckung durch Maleraugen. 

Wer die jungen Birmaninnen aus dem Wagen steigen sieht, 
gehüllt in unerhört prangende Farben, deren Nuancen förmlich in 
Wollust schwelgen, die man geradezu klingen zu hören vermeint, 
so tief und froh und kühn sind diese lila, rosa, gelben Töne, der 
muß mit Europäerhochmut wohlgepanzert sein, um eine Tiroler 
Kuhdirn, eine westfälische Gutsherrin noch weiterhin für die Blüte 
der Kultur zu halten. Anmutig steigen sie die Treppe hinauf, die 
wie jeder Tempelaufgang im ganzen Land von zwei ungeheuren, 
sphinxartigen Löwen flankiert wird (zur Erinnerung an eine Legende, 
nach welcher, ähnlich der römischen, ein Königssohn einst von 
einer Löwin gerettet und gesäugt ward). Wie iichte Elfen leuchten 
die Frauen zwischen den ungefügen, weißgetünchten und goldbe- 
malten Ziegelkolossen. Schlank sind sie wie ein Porzellanfigürchen, 
die Hüfte rundet sich gerade nur, um weiblich zu wirken. Ein 



106 Im Buddhaland 



seidenes Tuch, das stets wie neu aussieht, liegt prall um den 
nackten Leib, die Enden werden vorn zu raschem Knoten ge- 
schlungen und fallen über die Schenkel in geschmeidigen Falten. 
Keiner weißen Frau gelänge es so, in so engem Gewand so kokett 
zu schreiten, die Hüften so rhythmisch zu wiegen, den Faltenwurf 
so tadellos zu bewahren. Über das europäisch geschnittene, lose 
weiße Batistjäckchen, das leider aus portugiesischen Zeiten ge- 
blieben ist, wallt ein seidenes Nackentüchlein, gelb zu roten 
Röcken, etwa hellgrün zu kardinal oder mattrosa zu purpur. Nie 
sieht man Farben, die nicht glücklich ineinander tönen. Höchst- 
selten, an der Frau ebenso wenig wie in der Natur, findet man 
Blau — allenfalls ein Tüchlein in lichter Himmelstinte. 

Die sinnlich rotbraunen Töne der birmanischen Landschaft, das 
grelle Gelbrot der Sonnenuntergänge und das süße Rosa der Sonnen- 
auferstehungen finden sich in der Tracht der Mädchen wieder. Es 
gibt keine noch so arme Frau, die nicht wenigstens ein amarant- 
farbiges Seidentuch um ihre Schultern schlingt. Birma wird ja nicht 
umsonst der „seidene Osten" genannt. 

Die schwarzen, glattgeleimten Haare liegen als Krone hochauf- 
gebaut über dem Scheitel; unordentliche Strähne sieht man nie; 
schief unter der Flechte steckt ein Röslein oder ein Zweiglein voll 
Bananenblüten, graziös und schmachtend fällt es bis zu den ge- 
puderten Schläfen hinab. Immer lächelt der Mund, der verführerisch 
ist, so lange er halb geschlossen bleibt. Doch das strahlende Bild 
wird grotesk, wenn das zierliche Püppchen eine ihrer heißgeliebten 
„Cheerots" zwischen die Zähne steckt, eine der gut dreißig Zen- 
timeter langen und mindestens ebensoviel Millimeter breiten Zi- 
garren, die überall, in den Bazars und Tempelbuden, zum Verkauf 
ausliegen. Dann sieht man zu viel von ihren kurzen schlechten 
Zähnen, von dem bei allen Asiatinnen unschönen Oberkiefer. 
Anders als vorher, erheiternd und erfrischend, paßt sich dann die 
noch immer fesselnde Erscheinung in den schimmernden Rahmen. 

Auf dem untersten Treppenabsatz bleiben sie stehen, handeln 
hier die frischen, duftenden Blumen um Opfer ein, gelbe Anemonen, 
tiefedle Rosen, langstielige Lilien, die in hochgeschichteten Körben 
von jungen Mädchen feilgeboten werden. Auch diese stecken in 



Von Alice Schalek 107 

Seide, auch sie dampfen die riesigen Cheerots, auch sie tragen 
freundliche Knösplein im hochfrisierten Haar. 

Die Vorhalle ist von Licht durchflutet; zwischen ihren roten 
Säulen leuchtet vergoldetes Schnitzwerk, die Blumen, die Mädchen, 
die Stoffe füllen sie mit sattem Glanz, mit unsäglicher Farbenpracht. 

In all diese Buntheit: welch eherne Note! Über die Treppe, die 
sich in dunkle Weiten mit meisterhaften perspektivischen Durch- 
blicken verliert, zwischen den Buden, bellenden Hunden, lärmen- 
den Raben und liebebebenden Verkäuferinnen schreitet ein Mönch. 
Pathetisch, unbewegt, feierlichen Schrittes, mit abgeklärten strengem, 
tief in den Höhlen liegenden Augen und in unnachahmlicher Hal- 
tung steigt er zur Shwe-Dagon empor. Die eine bronzene Schulter 
ist nackt, die andere umwallt die gelbe Robe. Ein Dunkelorange 
fällt über die Farbe der Butterblume; ein auf Erden einziger 
Akkord. 

Zwei große, heller oder dunkler gelb gefärbte Tücher bilden die 
Tracht des Buddhamönchs. Keines römischen Kaisers Toga, keiner 
griechischen Statue Gewand fiel edler, faltete sich malerischer. 
Der kahlgeschorene, ohne Schutz der vernichtenden Sonne preis- 
gegebene Mönch sieht mit seiner Bettelurne im Arm wie aus Mar- 
mor gemeißelt aus. Oben kniet er nieder, faltet die Hände vor der 
Stirn, und beugt sich nieder vor der Shwe-Dagon. 

Shwe-Dagon! Mit einem Namen kann man es benennen, dieses 
Vielfache, dieses Unausschöpfbare, diese Welt von Ekstase, er- 
habenen Kunstwerken, süßeste Romantik! 

Was will dieses Weib, das hier kniet? Im nächsten Leben ein 
Mann sein I Aber es betet nicht, kein Buddhist betet. Jeder weiß, 
daß es keinen gibt, zu dem man beten könnte. Keinerlei Gott 
kennt dieses Volk, und es weiß, daß sein Lehrer Buddha seinem 
Flehen weit, weit entrückt ist. Diese Frau wiederholt nur, um 
Verdienst zu erwerben, das heilige Gesetz. Diese tiefe, philoso- 
phische Weisheit wird indessen nur ganz ausnahmsweise wirklich 
begriffen. 

Auf Schritt und Tritt mahnt der buddhistische Kult an den 
katholischen. Was ist der Kalvarienberg anders als dieser hohe 
Tempelaufgang, in dessen Stationen unter ineinandergeschachtelten 



108 Im Buddhaland 



Dachbaldachinen Bilder stehen, von denen man für hundert Rupies 
ein einzelnes kaufen kann. Die Priester, die auch hier das Ge- 
lübde der Armut ablegen, sammeln das Geld in Opferbüchsen, und 
wie auf die Kirchenfenster, kann der Spender auf die Dachtraversen 
seinen Namen schreiben. Das Umkränzen der Steinbilder der Altäre 
mit Opferkerzen, die Darbringung wächserner Symbole, das Be- 
sprengen mit Weihwasser, das Niederknien und Händefälten sind 
erstaunliche Parallelen. Die Geste ist nahezu dieselbe, nur der 
Sinn ist ein ganz, ganz verschiedener. 

Welcher Glaube höher steht? Vielfache Diskussionen hört man 
hier. Missionäre schelten das Volk ohne lebendigen Gott ein heid- 
nisches, wollen es der alleinseligmachenden Taufe zuführen. Der 
Buddhist findet hingegen, er stehe auf einer höheren Stufe der 
Erkenntnis, weil er ohne Gott, ohne Belohnung im Jenseits aus- 
zukommen vermag. 

Jedes Individuum hat sozusagen ein Kassabuch des Lebens, in 
dem ohne Nachsicht und Erbarmen Verbrechen und Verdienste 
verzeichnet sind. Dem Saldo entspricht die nächste Inkarnation. 
Nirwana kann nur durch viele fleckenlose „Soll"-Seiten erreicht 
werden. Keine Beichte löscht dort den Vermerk eines Fehltrittes 
aus. Keines Priesters Gebet, keine letzte Absolution hilft dem 
Reuigen zu bequemer Tilgung. Es gibt keinen Zwang zum Kirch- 
gang, keine gemeinsame Messe, kein Glockenläuten eines ange- 
stellten Mesners, hier muß jeder selbst auf die Glocke schlagen, 
allein sein Seelenheil erwerben, durch einwandfreies Leben, aus 
eigener Kraft sein Konto auf der Seite des „Haben" vermehren. 
Der Priester kann nichts für den Nebenmenschen tun, als höch- 
stens ihm Gelegenheit geben, Verdienst zu erwerben. Darum 
bettelt jeder der 25000 Mönche Birmas allmorgendlich vor der 
Nachbarn Haus. Das heißt, er wartet stumm mit seiner Schale, 
bittet nie, dankt nie. Der Gebende dankt, denn ihm ist ja die 
Wohltat erwiesen worden. 

Tausende und Abertausende, Millionen vielleicht stecken in diesen 
unzählbaren Ziegelhaufen. Was immer einer an Geld ersparen kann, 
wird für Pagodenbau ausgegeben, Besitz bringt ja nur Sorgen. Ent- 
weder fügt der Opfernde eine neue Kapelle zu den zahlreichen, 



Von Alice Schalek 109 

die jeden der Riesendome auf den heiligen Stätten zu Rangoon, 
Frome, Pegu oder Mandaley uipgeben, oder er errichtet eine Ziegel- 
pagode auf freiem Feld. Fast mehr Verdienst bringt es noch, heilige 
Reliquienschreine zu restaurieren. Eines andern Mannes Werk zu 
erhalten, ist aber gänzlich wertlos. Jedes von ihnen, die daher meist 
aus leichtem Material bestehen, soll zerfallen. Was ist Stein, was 
Bronze? Was ihre Dauer gegenüber der Ewigkeit? 

Der Buddhist vermißt sich nicht. Unvergängliches schaffen zu 
wollen. Irdisch ist sein Leben, entspringt Irdischem, zeugt Irdi- 
sches. Dem Irdischen entrückt zu sein, nicht es zu verleugnen, ist 
sein einziger Wunsch. Was er baut, soll zerstieben in nichts — 
wie er selbst. So erklärt sichs, warum dieses seltsame Land von 
Ziegelbauten, von zerfallenden Trümmerhaufen starrt. 

Pagoden, Klöster, Mönche — das ist Birmas Note. Jeder Mann 
im ganzen Land muß ja mindestens sieben Tage lang das gelbe 
Gewand tragen. Bis zu dieser Zeit, die indessen meist auf Monate 
ausgedehnt wird, zählt aus seinem Leben nur das, was unter „Soll" 
vermerkt wird, erst durch das Klosterleben wird er überhaupt fähig 
Verdienst zu erwerben. Vorher war er wie ein verantwortungsloses 
Tier, „beinahe so niedrig wie Engländer". 

Bis zum Eintritt ins Kloster, wo er geschoren wird, trägt der 
Knabe sein Haar hoch auf dem Scheitel festgebunden, erst nach 
dem Austritt kämmt er das wieder langgewachsene, auf das er sehr 
stolz ist, im Nacken zusammen und windet ein farbiges Seidentuch 
darüber. Dann läßt er sich vom Oberschenkel bis zur Hüfte täto- 
wieren, nach welcher Operation er durch eine Familienfeier als 
mannbar erklärt wird. Ein Fest gibts auch beim Ohrdurchlöchem 
des Mädchens, das von nun an schwere Ohrringe aus Gold und 
Edelsteinen trägt und als heiratsfähig gilt. 

Die Birmanin, Mädchen oder Frau, ist beinahe freier als die 
Europäerin. Sie sitzt im Laden, im Gemüsestand, im Basar, sie 
geht zur Fabrik, zum Geschäftsfreund, sie studiert und sie handelt. 
Der Mann ist zu all dem zu faul. Er liebt es, Beamter zu sein 
und andere seine Arbeit tun zu lassen. Bewegung, Leistung, Tat- 
kraft, Unternehmung — das ist seine Sache nicht. Als Soldat ist 
er unbrauchbar, keine Strafe der Welt lehrt ihn Disziplin. Ja, mit- 



110 Im Buddhaland 



unter lassen Taglöhner ihren typischen Arbeitsgesang erschallen, 
damit der Aufseher ihn um die Ecke höre, — sie tun hierbei 
jedoch nichts. 

Es paßt seltsam gut zu dieser Trägheit des Birmanen, daß 
ihm die Religion grenzenloses Versenken in Meditation als höchste 
Tugend vorschreibt. Dies hat indessen für das Land zwei un- 
absehbare Folgen. Einerseits brechen von Süden unaufhaltsam 
die Inder herein, reißen mit ihrer Zähigkeit und Arbeitsfähig- 
keit die Verdienstmöglichkeiten an sich, andererseits geben immer 
häufiger die Frauen es auf, ihre Männer zu füttern und anzustacheln. 
Immer mehr Birmaninnen heiraten die rassenverwandten von Norden 
einwandernden Chinesen. Der Chinese gilt überall in Asien als 
unwandelbarer, wenn auch schlauer Ehrenmann. Er ist ebenso ge- 
rieben wie zuverlässig, geschickt und fleißig. Sein Wort wiegt schwer 
im Handelsverkehr. Die Frauen Birmas lieben das. Sie selbst sind 
flink und sauber und in ihrem Laden, in ihrem Basarstand ist alles 
hübsch geschichtet und tadellos verbucht. Ein Obstmarkt sieht aus 
wie ein Puppenspiel; im seidenen Röckchen, mit ihrer Zigarre 
hockt die Händlerin genau so appetitlich neben den Körben wie 
die Käuferin. Nie gibt es Zank, Geschrei, Durcheinander, nie Ab- 
fälle oder Gerüche, in der letzten, kleinsten Viktualienbude sieht 
es aus wie im feinsten Seidenbazar. 

Der Chinese, der außer Landes geht, ist ganz verschieden von 
dem im Schmutz erstickten seiner Heimat. Er ist auch viel zärt- 
licher im fremden Land zu der fremden Frau als daheim zu der 
angestammten. Und grade das lockt die Birmanin, die von Kind- 
heit an gar sehr zum Liebesspiel neigt. Sie möchte allabendlich, 
daß ein Bursch bei ihr „fensterlt", allein erwartet sie ihn auf der 
Veranda zum Flirt. Doch das junge Pärchen weiß ganz genau, 
daß durch ein Loch in der Wand das Mutterauge wacht. Eine 
Dämmerstunde ohne Liebesgeflüster erscheint der Birmanin so sehr 
als widersinnig, daß es in birmanischer Sprache — so sagt man 
mir — nur ein einziges Wort für Nachteinbruch und Stunde 
der Liebe gibt. 

Nur in reichen Familien vermittelt ein dritter die Ehe, die 
Töchter des Volkes wählen frei. Und siehe, aus ihrer Neigung zu 



Von Alice Schalek 111 

den Chinesen, deren es in Birma derzeit schon 150000 gibt, er- 
wächst eine tüchtige, wohlgestaltete neue Rasse, lerngierig, talent- 
voll, tatkräftig tritt sie überall in den Vordergrund, lenkt in allen 
Schulen die Aufmerksamkeit der Lehrer auf sich. 

In der höheren Töchterschule zu Rangoon suche ich mir die 
hübschesten jungen Damen zum Photographieren aus. Die Missio- 
närin, die den Unterricht leitet, lacht dazu, denn lauter Chinesen- 
halbblut habe ich gewählt. 

Um halb sechs Uhr spielt die Hindu-„band" im Viktoriapark. 
Im Teich spiegeln sich Palmen und Bambus, englische Ladies lenken 
ihre Dogcarts vorbei, glattrasierte Jünglinge ihre Pha6tons. Ein 
europäischer Galawagen trägt einen dicken Inder aus Madras und 
in offenen Equipagen sieht man weißgekleidete Kinder« Junge Bir- 
manen lauschen andächtig der armseligen Blechmusik, die sie weit 
schöner finden als den Sonnenuntergang, der ihnen nichts Neues 
ist. Mir aber brennen seine Farben tief in die Seele, alle Fibern 
des Körpers erzittern im Rausch dieser Stimmung des Orients, 
keinerlei Sehnsucht fliegt mehr heim nach der Kälte und Finsternis, 
nach Städten, die von Farbe nichts wissen und nach Menschen, 
die grauen Stein für das Weltzentrum halten. Und an die Novem- 
bernebel Europas denke ich mitleidsvoll, da ich abends bei Mond- 
schein die Shwe-Dagon erschaue. Das dunkle Gold der kleinen 
Kapellen und Schreine frißt das auf . sie fallende Licht und wird 
zum Rot des Rubins. Der hehren Fürstin hellgoldenes Kleid aber 
schimmert wie Schnee, von tausend Reflexen umzittert, wird ihr 
lichtes Gelb zu heiligem Weiß. Wie die Königsspitze sieht sie aus, 
hehr, überirdisch ragt sie dem Mond entgegen. 

Und horch — sie singt ihm ein Lied! Was ist das für ein 
Klingen? Gibts wirklich Aeolsharfen, musiziert hier die Luft? 

Nein, die silbernen Glöcklein sinds, die von den Ti's herabhängen, 
und deren zarte Stimmchen der Tageslärm überbrauste. 

Jetzt läuten sie ihren frommen Gesang in die mondstille Nacht, 
hell und leise,, hinreißend und betörend, und es ist, als wenn ein 
Engelschor die leuchtende Göttin umschwebte und die Zünglein 
verklärt zu ihrem Lob sich regten. Unvergeßliches Bild: Shwe-Dagon, 

im Mondlicht, umzittert vom Glöckchengetön 

(Fortsetzung folgt.) 



112 Die Rede vom Krieg. — Sangama Sutta des Samyutta Nikaya 



Die Rede vom Krieg 

(Sangama Sutta des Samyutta Nikaya) 

Zu einer Zeit, als der Erhabene im Jetavanakloster in der Stadt 
Savatti weilte, marschierte der König Ajasatta von Magadha an der 
Spitze seines großen viergeteilten Heeres (Caturangini) bestehend 
aus Elephanten mit Mannschaft, Berittenen zu Pferde, Bewaffneten 
auf Wagen und Fußvolk, gegen den König Kosala Pasenadi von 
Kasi. Als dies der König Kosala Pasenadi gehört hatte, sammelte 
auch er ein mächtiges Heer und begab sich damit auf den Marsch^ 
den Feind zu treffen. In der großen Schlacht aber, die sich ent- 
spann, wurde König Pasenadi geschlagen und kehrte entehrt und 
niedergeschlagen in seine Heimat zurück. 

Als die Mönche diese Botschaft vernommen hatten, begaben sie 
sich zum Erhabenen und erzählten ihm, was sich zugetragen. Der 
Erleuchtete aber belehrte sie folgendermaßen: „Ihr Mönche, "sagte er, 
„König Ajasatta hatte schlechte Freunde und ließ sich durch üble 
Ratgeber beeinflussen. König Pasenadi Kosala dagegen hat gute 
Freunde und gibt seinen guten Ratgebern Gehör. Nun freilich 
lebt der geschlagene König Kosala enttäuscht und in Sorgen. 

Japan veran pasavathi — dukkan sethi parajitho 
Upasantho sukhan sethi — hitva jaya parajayan. 

Durch den Krieg schafft der Sieger sich Feinde und der Ge- 
schlagene wartet auf eine Gelegenheit der Rache in der Zukuiift, 
beide aber sind unbefriedigt und sorgenvoll. Der nur allein, der 
nimmer gewann, noch je geschlagen wurde, und verachtet Ruhm 
und Hochmut (mäna) und die Sucht nach Besitz (tanha), ist zufrieden 
und glücklich für immer. 

Nach der Übersetzung des Anagarika Dharmapala deutsch von L. A. 



Trommelfeuer. — Von Dr, Wolfgang Bohn 113 



Trommelfeuer 

(Cagnicourt 1916) 
Glutrot fluten die Wolken, blutrot schäumet der Himmel, 
Loderndes Feuer zuckt im Takt der Minuten, 
Donnergrollen wühlt in der Luft und knallende Schläge 
Strecken mit eiserner Faust die Zeit ins Grab. 

Zitternd schwanken die Häuser, Steine heulen im Fallen 
Rote Ziegel sterben röchelnd am Boden, 
Auf den Tischen wanken und rücken furchtsam wie Espen 
Gläser und Teller und Messer, beben und wimmern. 

Unsere Lippen erblassen, blau und kalt wird das Antlitz, 
Kaum daß die Muskeln dem Nerv noch gehorchen. 
Vor dem Tore scharren und schlagen keuchend die Pferde, 
Zerren am Riemen und werfen die Köpfe rückwärts. 

In dem blassen Würgen, das Stunden, Minuten zerschmettert, 
Das was war und was ist und was wird zernichtet. 
Liegt ein rohes, gellendes Urbekenntnis des Leidens, 
Todesschrei an der Wiege des Augenblicks. 

Was da bleibt ist Leiden, was erscheint ist Vergehen, 
Grollen, Donnern, Schreien, Brennen und Blitzen, 
Wirr hinstarrende Augen, geweitet, schwarz wie ein Torweg, 
Dumpf und glanzlos, drin das Licht gestorben. 

Augen die nicht mehr sehen, denen das Feuer erloschen, 
Deren Leben nach innen gewendet, verglommen; 
Deren Spiegel von den Dingen abgewendet 
In sich selbst den ruhenden Pol belichtet. 



114 Trommelfeuer. — Das große Erkennen 



Leben, des Sehnsucht geschwunden, das kein Land mehr sucht, 

Keine Flucht auf liebliche Sonnenfelder, 

Kein Erwachen auf grüner Au und Friedenspalmen. 

Allhin streckt ja den Arm die Vergänglichkeit! 

Ewige Ruhe sucht es, reine Lautlosigkeiten 
Frei von aller Erscheinung, von sich selbst frei. 
Sein nicht, Nichtsein nicht, kein Etwas, kein Nichts, 
Nur ein Erlöschen des Ich und der Welt: Nibbanam. 

Wolfgang Bohn. 



Das große Erkennen 

Mein Leben hab ich vor mir ausgebreitet. 

Und wie es forschend nun der Fuß durchschreitet. 

Prall ich zurück und will den Blick verhüllen. 

Um das Entsetzen, um die Furcht zu stillen 

Denn aus der Tage Gliederkette steigen 
Gestalten auf in buntbewegtem Reigen; 
Sie dringen in mich ein wie strenge Mahnung 
Und wecken des Bewußtseins bange Ahnung: 

Leben ist Leiden! O entsetzlich Klingen! 

Ich flieh zurück und möchte niederringen. 
Was sich dem Geist erkennend offenbarte. — 
Doch wie ich meine Sinne auch verwahrte, 
Die Blicke mir verhüllte; es frißt weiter 
In der Erkenntnis und wird mein Begleiter, 
Es will sich nackt und klar vor mir entkleiden: 
Leben ist Leiden; löse dich vom Leiden! — 



Das große Erkennen. — Weltentrückt 115 



Seit ich den wahren Sinn des Lebens kenne, 

Das neu sich bildet jeden Augenblick, 

Ist alles eitel, was bisher ich tat. 

Nichts bleibt als das Bewußtsein mir zurück, 

Daß alles Leiden war, von mir gewollt. 

Was ich versuchte, kämpfend zu erreichen. — ^ 

Nun siegt die Wahrheit und ich stehe nackt. 

Entwaffnet, schutzberaubt von ihren Streichen. 
Nur wenn ich der Erkenntnis mich vermähle. 
Verliere ich, womit ich noch mich quäle 
Und meine Tage ohne Wert belaste. 
Wenn ich im Schatten des Bewußtseins raste. 
Daß alles, was im Wirbel um mich kreist, 
Sich letzten Endes nur als Trug erweist. 
Find ich den- Weg zu meiner eignen Klarheit, 
Zum Sinne meines Lebens und der Wahrheit. 



Weltentrückt 



Oft mitten im Werk, in des Lebens Streit 
Ist mir, als war' ich unendlich weit, 
Weit draußen im Weltenraume, 
ümleuchtet von strahlendem Sonnenlicht 
Das hemmend kein Schattendunkel bricht. 
Wie aus leichtem, flockigem Schaume, 
Zieh'n in der Ferne Wölkchen dahin ; 
Es schweigt die Leere, in der ich bin, 
Und wiegt mich in lieblichem Traume. — 



116 Meditation 



Meditation 

Von den Bergen sah ich einst 
Abendlich die Sonne sinken 
Und des Tages Stundenlauf 
In der ^Dämmerung ertrinken. 
Fernab quollen langsam auf 
Grauen Nebels schwere Wogen, 
Die wie eine Wasserflut 
Über alle Lande zogen; * 

Und es starb der helle Tag. — 

Damals hätt' icji wandern mögen 
Dorthin, wo das Licht entschwand. 
Wo aus unergründ'gen Tiefen 
Wogend stieg die Nebelwand. — 
Hin zu dem Geheimnisvollen 
Trieb es mich mit aller Macht. 
Wie ich ging, da hat es höhnisch 
Hinter mir des Wegs gelacht: 
Wandre ! Nimmer kommst Du hin. 

Von den Bergen sah ich einst. 
Wie die dunkle Nacht enteilte. 
Wie der Dämm'rung Schleiermeer 
Sich im Morgenrot zerteilte. 
Wie der Sonne Strahlenglanz 
Rosig alle Himmel hauchte 
Und das tauerfrischte Land 
In ein Meer von Farbe tauchte. — 
Langsam, langsam ward es Tag! — 



Von W. T. 117 



Gehen wollt' ich in die Weite 
Damals, wo das Licht entstand, 
Wo in hellem Morgenscheine 
Teilte sich des Nebels Wand. — 
Hin zu dem Geheimnisvollen 
Trieb es mich mit aller Macht. — 
Wie ich ging, da hat es höhnisch 
Hinter mir des Wegs gelacht: 
Wand're! Nimmer kommst du hin. — 

Auf den Bergen steh' ich gern, 
Wenn des Tages Schimmer schwindet. 
Wenn der Morgenröte Strahl 
Weckend neues Leben kündet — 
Sinnend blick ich in die Flut 
Jener Abenddämmerwogen* 
Sinnend bad' ich mich im Licht, 
Wenn der Morgen kommt gezogen, 
Und erkennend seh' ich heut: 

Bin ich deshalb nur ein Mensch, 

Irrend auf der schönen Erde, 

Daß ich, weit noch von dem Ziel 

Sterbend, ihr vereinigt werde? — 

Nein! — Zum Ursprung allen Seins, 

Zu der Wahrheit Quellen dringen. 

Muß mir einst bei rechtem Fleiß 

Durch mein Wirken doch gelingen — 

Und vollendet ist das Tun ! — 

(3 Gedichte aus der Folge: 
„Zum andern Ufer" von W. T.) 



Mitteilungen 
des Bundes für buddhistisches Leben 



Zistig-Abend. Am 26. Februar las Herr Karl Zistig vom Frankfurter Neuen 
Theater auf Veranlassung unserer Gesellschaft im Steinickesaal zu München 
nachstehende Dichtungen und Reden vor: 1. Aus dem Dhammapada. 2. Hymnen 
des RigvedaX, 129, Hymnen des Rigveda X, 121. 3. Aus der Brihad-Aranyakä- 
Upanishad. 4. Die Predigt von Benares (Mahävagga). 5. Aus den Liedern der 
Mönche und Nonnen (Theragatha undTherigata). 6. Die letzten Tage Gotamo Bud- 
dhos (Mahaparinibbanasuttam). 7. Vom Lohn der Asketenschaft (Dighanikäyo). 

Herr Zistig trug mit viel Innerlichkeit und ohne jedes Pathos vor, sodaß 
das Publikum von der gebotenen seltenen, weltabgekehrten Kunst und be- 
sonders von den mächtigen Lehrreden des Buddha sichtlich ergriffen war. 
U. a. berichteten die „Münchener Neuesten Nachrichten'* über diesen Abend : 
Vortragsabend. Eine Veranstaltung stark werbenden Charakters im Sinne 
des in München seit einiger Zeit bestehenden „Bundes für buddhistisches 
Leben" war der Vortrag vedischer und buddhistischer Dichtungen von Karl 
Zistig vom Neuen Theater in Frankfurt a. M. Der Vortragende hatte sich 
eine Sprechweise zurecht gelegt, mit der das Religiöse der Dichtung betont 
und erhoben wurde. Er ließ seine Stimme psalmodierend klingen, so war 
alles gewissermaßen musikalisch moduliert, Säman, Hymne, Gebet, Predigt. 
Der Stimmungsgehalt der Dichtungen ward sichtbar, sichtbar auch Asketen- 
strenge und Sehertum. Die Bedeutung dieser Dichtungen der Weisheit und 
Göttlichkeit liegt im Religiösen und aller Bewegung, die davon ausgeht, so 
uralte Quelle der Dichtung und jeder Technik diese Literatur auch ist. Manche 
Schönheit lyrischer Naturbetrachtung kam auch dem Nichteingeweihten nahe, 
aber der „Pfad der Lehre" ist steil und mühsam zu wandeln, und nur im 
engen Kreise der Jünger wird man tiefer eindringen in die Schöpfungs- und 
Götterhymnen des Rigveda, in die Liturgie, in die heiligen Texte, die von 
Lehre und Leben des Erhabenen handeln. 

Gründungsabend der Hauptortsgruppe München des B. f. b. L. Der 
von uns am 11. März abends 7V> veranstaltete Buddhistische Vortragsabend 
hatte zahlreiche Interessenten angelockt, so daß der große Steinickesaal bis 
auf den letzten Stehplatz überfüllt war. Einleitend sprach Dr. Hans Taub 
über „Buddhismus als Weltanschauung" und schilderte in beredten Worten, 
wie durch die fünf schrecklichen Kriegsjahre und die nachfolgende Revolution 
für jeden Denkenden und Sehenden der klägliche Zusammenbruch der 
sogenannten europäischen Kultur offenbar geworden sei. Er wies darauf hin. 



Mitteilungen des Bundes für buddhistisches Leben 119 

daß man ohne geistige und religiöse Anleihe vom Osten her kaum an einen 
ideellen Aufbau denken könne. Sei doch Indien in Wirklichkeit nicht nur 
unsere geistige Geburtsstätte, sondern auch unsere wahre Heimat. Dr. Taub 
führte weiter aus, daß nicht nur Schopenhauer echt indischen und bud" 
dhistischen Geist besessen habe, sondern daß auch Kants Lehre indischem 
Denken verwandt sei. Nicht nur die Mystik eines Ekkehard, Tauler, Suso 
u. a. weise große Ähnlichkeit mit der Lehre Buddhas auf, sondern auch 
die reine, unverfälschte Religion Christi atme oft denselben milden und 
liebevollen Geist wie der Buddhismus. Der Redner forderte zum Schlüsse 
die Anwesenden zu einer näheren Beschäftigung mit der Lehre Buddhas 
auf, die das Leben jedes einzelnen nur vertiefen und bereichern könne. 

Hatte Dr. Taub über den Buddhismus gesprochen, so führte Herr Forster- 
Larrinaga von den Münchener Kammerspielen, der für den verhinderten 
Herrn Zistig liebenswürdigerweise eingesprungen war, durch seinen Vortrag 
trefflich gewählter Lieder aus der Sammlung Theragatha und Therigata (Lieder 
der Mönche und Nonnen Gotamo Buddhos, übersetzt von Karl Eugen Neu- 
mann), sowie durch Vorlesung der unter dem Namen „das Haarsträuben" be- 
rühmten Lehrrede Buddhas die Zuhörer mitten in buddhistische Gedanken- 
gänge hinein. 

Zum Schlüsse sprach Ludwig Ankenbrand-Stuttgart über die „Welt 
des Buddha." An Hand von 60 prachtvollen Lichtbildern führte er die ge- 
spannt lauschenden Zuhörer durch die Länder und heiligen Stätten, die die 
Lehre des Königssohnes aus dem Sakyerstamm auf ihrem Siegeszuge durch 
Asien erobert hatte. Ausgehend von Benares, wo der Erhabene das „Rad des 
Gesetzes" zum ersten Male in Bewegung gesetzt, und vom heiligen Bobaum 
in Anaradapüra, unter dem er die große Erleuchtung gewonnen, zog Bild an 
Bild vorüber; so manche der uns vertrauten Plätze und Denkmäler stiegen 
vor unseren Augen und Sinnen auf: Benares, der heilige Bobaum, Shwe 
Dagon, Kandy, Dodanduwa mit der von Herrn Bergier dem Bhikkhu Nya- 
natiloka geschenkten Insel Polgasduwa und so vieles andere. In packen- 
dem Vortrag begleitete der Redner die Bilder und erzählte von dem Leben 
und der Lehre Buddhas, von seinen großen Jüngern, von König Asoka, der 
in seinem ganzen großen Reiche den Buddhismus eingeführt und in zahl- 
reichen mächtigen Felsenedikten die Hauptlehren desselben verewigt hat. 
Nur ein kurzer, flüchtiger Ausflug führte in das Reich des Mahayana-Bud- 
dhismus, nach Korea, Tibet, Japan. Besonderes Interesse schienen die Zu- 
hörer für die einzigartigen Kunstbauten, Tempel und Pagoden zu haben 
jeder ahnte, daß in diesen ehrwürdigen Stätten buddhistische Kunst eine 
Schönheit offenbart hatte, wie sie kaum jemals wieder erreicht worden ist 

Anschließend an diese drei Vorträge fand die Gründung der Hauptorts- 
gruppe München des „Bundes für buddhistisches Leben" statt. Wegen der 
schon vorgeschrittenen Zeit hatten die in entfernteren Stadtteilen wohnenden 
und auswärtigen Mitglieder nicht mehr beiwohnen können. Liebenswürdiger 



120 Mitteilungen des Bundes für buddhistisches Leben 

weise stellte Herr Dr. W. aus Weimar, der mit zwei Herren zum Gründungs- 
abend nach München gekommen war, seine prachtvolle japanische Buddha- 
statue auf. Zum Vorsitzenden der Münchener Gruppe wurde unser Schrift- 
führer, Herr F. J. Bauer gewählt. Über die in jeder Woche einmal stattfinden- 
den Zusammenkünfte werden die Münchener Mitglieder benachrichtigt werden. 

Ortsgruppe Lemberg. In Lemberg (Polen) wurde eine Ortsgruppe 
unserer Gesellschaft gegründet. Vorsitzender ist Herr Ingenieur Oswald 
Wandel in Lemberg, Bartosza Itowackigasse 20, von welchem Interessenten 
nähere Auskunft erhalten. 

In Schlesien sind einige Mitglieder damit beschäftigt, durch Zeitungs- 
inserate und umfangreiche Propagandatätigkeit den Boden für eine schlesische 
Ortsgruppe vorzubereiten. 

Die Gründung von Ortsgruppen in Berlin und Hamburg ist von uns 

ins Auge gefaßt. Wir bitten nochmals alle Mitglieder in diesen beiden Städten 
und in deren weiterer Umgebung in tatkräftiger Weise uns dabei zu unter- 
stützen und sich mit Vorschlägen an uns zu wenden. Unser Geschäftsleiter 
ist durch die Arbeiten für den B. f. b. L. sowie für die Zeitschrift zu sehr 
gebunden, um, wie früher beabsichtigt, persönlich nach Berlin und Hamburg 
zur Vorbereitung und Gründung der Ortsgruppen reisen zu können, ganz 
abgesehen von den heute beinahe unerschwinglichen Kosten für Reise und 
Aufenthalt. Wir stehen mit einzelnen Herren im lebhaften Gedankenaustausch 
über die Angelegenheit, und hoffen in einer der nächsten Nummern ein 
greifbares Resultat mitteilen zu können. 

Dänemark. Ein außerordentlich tätiges Mitglied, Oberarzt Dr. M., hat für 
uns in großzügiger Weise in den sechs angesehensten dänischen Zeitungen ein 
umfangreiches Inserat über den B. f. b. L. und unsere Zeitschrift veröffentlicht, 
woraufhin nicht nur zahlreiche Anfragen einliefen, sondern auch eine größere 
Anzahl Mitgliedsanmeldungen und Zeitschriftbestellungen bei uns erfolgten. 

Übriges Ausland. Auch in dem übrigen Skandinavien, in Holland, Italien, 
in der Schweiz, ganz besonders aber in Österreich und den früher zu Öster- 
reich gehörenden Ländern gewinnt unsere Bewegung immer mehr Boden; die 
Beziehungen zwischen uns und unseren ausländischen Brüdern fangen an, 
immer herzlicher und ausgedehnter zu werden. Wir richten heute an sie 
alle die Bitte, ihren Beitrag nicht nach deutscher Valuta, also mit Mk. 15. — 
oder für die Zeitschrift Mk. 12.— zu bezahlen, da diese Beträge ja nur knapp 
z. B. einem Franc oder einer Krone entsprechen würden. Der Leipziger 
Börsenverein deutscher Buchhändler, von dem auch unser Verlag abhängig 
ist, hat strenge Vorschriften bezüglich der Valutazuschläge für das gesamte 
Ausland außer Deutschösterreich erlassen, an die wir natürlich auch gebun- 
den sind. Diese Zuschläge sind von jedem Buchhändler im Ausland zu er- 
fahren und werden in Zukunft jedem neu angemeldeten Mitglied durch 
unsere Gesellschaft mitgeteilt werden. Wir bitten unsere verehrlichen Freunde 



Mitteilungen des Bundes für buddhistisches Leben 121 

und Mitglieder im Ausland herzlichst, nachdem sie gerade jetzt durch günstige 
Umstände in der Lage sind, unsere Arbeiten und Bestrebungen für die er- 
habene Sache des Buddhismus ohne große Opfer unterstützen zu können, 
dies nach Kräften zu tun. Sie fördern hierdurch auch insbesondere das edle 
Werk der Annäherung und Verbrüderung zwischen den Völkern. 

England und die buddhistischen Länder Asiens. Auch mit unseren 
früheren englischen Freunden und denen in Siam, Birma, Ceylon etc. knüpfen 
sich die früheren herzlichen Beziehungen langsam nach und nach wieder 
an. Von verschiedensten Seiten wurde uns Unterstützung und Mitarbeit 
zugesagt, die regelmäßige Zusendung von Manuskripten, Zeitschriften, Büchern 
in Aussicht gestellt. Vor einigen Tagen erhielten wir auch von unserem 
Ehrenvorsitzenden Bhikkhu Silacara nach über 5-jähriger Pause wieder 
den ersten ausführlichen Brief mit zwei Beiträgen für unsere Zeitschrift. Er 
drückt uns seine lebhafte Freude aus, wieder mit uns in Verbindung zu sein 
und uns so tätig für die erhabene Sache zu sehn. Wir danken hiermit noch- 
mals allen, die im fernen Osten brüderlich unserer gedenken und grüßen 
sie herzlichst. 

Bhiklchu Nyanatilolca, unser verehrter Freund, ist mit Bhikkhu Vappo 
wieder nach Asien abgereist; nähere Mitteilung später. 

Ingenieur R. A. Bergier aus Lausanne, unser altes, treues Mitglied, 
einer der verdienstvollsten abendländischen Buddhisten, ist am 4. Februar 
dieses Jahres gestorben. Bekanntlich hat Herr Bergier im Jahre 1910 für 
seinen deutschen Lehrer und Freund, Bhikkhu Nyanatiloka, in Lausanne den 
Caritas Viharo erbaut und später für denselben die Insel Polgasduwa bei 
Dodanduwa (Ceylon) käuflich erworben und Bhante Nyanatiloka zum Geschenk 
gemacht. Wir werden Herrn Bergier ein treues Angedenken bewahren. 

Der Buddhistische Weltspiegel. Wir haben keinerlei Grund uns durch 
irgendwelche Angriffe dieser Zeitschrift von unseren Prinzipien und von un- 
serem Standpunkt buddhistischer Toleranz abdrängen zu lassen, und überlassen 
dem Weltspiegel gerne das Vergnügen, zum ersten Mal seit dem Erscheinen deut- 
scher buddhistischer Zeitschriften eine derart gehässige und unvornehme 
Tonart und Polemik in die buddhistische Bewegung hineingetragen zu haben. 
Es liegt uns ferne, ihm auf dies Gebiet zu folgen, wir versagen uns auch 
ein sachliches Eingehen auf seine Anwürfe; denn wir wissen, daß mit Bud- 
dhisten, die als den Kern der Buddhalehre ein „ewiges, beharrendes Ich jen- 
seits der Welt" als unser wahres Wesen verkünden, nicht zu rechten ist. 
Wir überlassen ruhig jedem Denkenden die Wahl und die Entscheidung 
zwischen den beiden Zeitschriften und ihren buddhistischen Anschauungen. 
Mögen alle diejenigen, bei denen noch soviel „Ich" Sucht und Lebens- 
durst vorliegt, daß sie als endgültige Erlösung ihr wahres Wesen sich nur 
als ewig in höchster Transcendenz jenseits der Welt vorstellen können, im 
modernen Atta — und Transcendental — Buddhismus des Weltspiegels ihr 



122 Mitteilungen des Bundes für buddhistisches Leben 

Heil suchen und finden. Da es in Deutschland unendlich mehr Spiritisten, 
Theosophen, Pantheisten und transcendent veranlagte buddhistische Inter- 
essenten gibt als Versteher des reinen, unverfälschten Pali-Buddhis- 
mus, so wird naturgemäß die größere Mehrzahl bei denen um den 
Weltspiegel sein, zumal diesen noch außer den sechs Sinnesorganen, durch 
die wir nach dem Buddha allein mit der Welt in Kontakt treten können, 
ein siebenter Sinn gegeben zu sein scheint, um positiv aussagen zu 
können, daß „unser wahres Wesen ewig jenseits der Welt" sei. Was der 
Buddha in größerer Bescheidenheit bekanntlich niemals und nirgends gesagt 
hat. Aber man läßt ihn auf Seite 269 im Weltspiegel sogar von sich selbst 
künden: „Er ruht in seines Selbstes eigener Herrlichkeit." 

Wer den Meister wirklich verstanden hat, wer die drei Grundbegriffe des 
Buddhismus, dukkha, anicca und anatta tiefinnerlich erfaßt und erlebt hat, 
wer die ganze Leidensfülle alles Bestehenden an sich selbst und durch seine 
Fähigkeit zum Mit-Leiden auch an allen andern Lebewesen täglich neu er- 
fährt, den drängt es wahrlich nicht nach Leben, auch nicht nach dem Leben 
seines „wahren Wesens jenseits der Welt in ewiger höchster Seligkeit". Ihn 
drängt es nur nach Erlösung aus dieser Welt des Leidens, der Qual, des 
Wahnes, nach Nirwana, dem Ende seines Samsara. Was Nirwana ist, 
weiß er nicht, er sucht es auch nicht zu ergründen; genug, daß er weiß, daß 
es ihm endgültige, restlose Erlösung seiner Qualen und Leiden verheißt. 
Dem auf dem Pfade Fortgeschrittenen sagt seine Intuition, daß alles Sprechen 
über das Nirwana eitel ist und daß er unermüdlich bestrebt sein muß, ihm 
immer näher zu kommen. Nur derjenige, der dicht davor angelangt ist, wird 
wissen, was Nirwana bedeutet. Wir anderen wollen uns bemühen, trotz den 
liebenswürdigen Anrempelungen des Weltspiegels die fünf Sila (Ratschläge) 
getreulich zu befolgen. Lebten alle Menschen dieselben, würde die ganze 
Welt reicher und besser und das meiste Elend und Leiden daraus ver- 
schwunden sein. 

Unsere Ziele und Absichten, die u.a. die Gründung von Ortsgruppen 
in den Großstädten Deutschlands und wichtigen Gebieten des Auslands, die 
Ankündigung unseres Bundes sowie der Zeitschrift in den hauptsächlichen 
Zeitungen und Zeitschriften des In- und Auslandes, die Abhaltung von Vor- 
trägen, die rasche Herausgabe weiterer Bände unserer Taschenbibliothek und 
noch manches andere erstrebten, stoßen leider infolge der sich sprunghaft 
steigernden Preise aufwachsende und ganz unvorhergesehene Schwierigkeiten. 
So entfielen z. B. auf die Kasse des B. f. b. L. über Mk. 1000.— Defizit für 
die beiden Vortragsabende in München, trotzdem sie außerordentlich gut 
besucht und die Eintrittspreise hoch bemessen waren. Die Ausgaben für 
Saalmiete, Beleuchtung, Inserate, P^akatierung, Honorare, Reisen etc. für solche 
Abende sind heute derartig hohe, daß man leider nur mit größter Vorsicht 
diese für den Buddhismus vorzüglich werbenden Veranstaltungen unter- 
nehmen kann. 



Mitteilungen des Bundes für buddhistisches Leben 123 

Probeweise gaben wir in drei LeipzigerZeitungen ein Inserat, betreffend 
unsere Gesellschaft und Zeitschrift auf; dasselbe hatte überraschenden Erfolg, 
über 200 Anfragen und Briefe liefen bei unserer Geschäftsstelle ein, aber... 
Inseratenunkosten ungefähr 600 Mark. Leider kann man also vorläufig diese 
kostspielige Propaganda in den heutigen Zeiten auch nicht weiter fortsetzen. 
Die Ausgaben für die Zeitschrift sind solch ungeheure, — dazu tritt ab l. April 
durch den neuen Buchdruckertarif noch eine bedeutende Erhöhung ein — 
und betragen z. B. für das Jahr 1920 einschließlich Honorare, Gehälter etc. 
über 30000 Mark, sodaß wir alle Kräfte und Mittel hiefür anspannen müssen. 
Wir hatten erwartet, daß bei der heutigen Wertlosigkeit des Papiergeldes und 
besonders bei dem enormen Mehrwert der ausländischen Valuta unsere ver- 
ehrlichen Mitglieder, denen ihre Verhältnisse es gestatten, bedeutend höhere 
Beiträge wie die festgesetzten zahlen würden. Wir müssen gestehen, daß wir 
enttäuscht sind, entrichten doch die meisten Mitglieder und seltsamerweise 
fast sämtliche ausländischen nur den normalen Beitrag von Mk. 15. — . Wir 
richten heute nochmals an unsere vermögenderen Freunde im Inland und 
ganz besonders im Ausland die herzliche Bitte, unsere gute Arbeit für die 
Ausbreitung der Lehre des Erhabenen mit allen Kräften zu unterstützen. 
Nur dann kann es uns möglich sein, unsere Ziele zu verwirklichen. Und es 
harrt noch so manches notwendige Vorhaben der Ausführung: so z.B. ist 
schon seit längerer Zeit Arnolds wundervolle Dichtung: „Die Leuchte 
Asiens" vergriffen. Welcher Freund und Anhänger des Buddhismus wird 
nicht mit größter Wehmut dies vernehmen, denn uns alle hat dieses herr- 
liche Kunstwerk Im Banne gehabt, und wi© mancher von uns verdankt die- 
sem Büchlein seine erste Bekanntschaft mit der Lehre! Aber der Verleger 
(Reclam) hat auf unsere mehrmalige Anfrage nach der Neuauflage geant- 
wortet, daß er sie nur vornehmen könne, wenn wir ihm eine Mindest- 
auflage von 2000 Exemplaren abnehmen. Und dabei kostet das Werkchen heute 
Mk.2. — anstatt 40 Pfg. Friedenspreis. Aber ebenso unerträglich ist der Gedanke, 
daß diese vielleicht wichtigste buddhistische Dichtung, von der unser B. f. b. L. 
in den Jahren vor dem Weltkrieg viele Hunderte Exemplare gratis ausgab, 
nicht mehr zu haben ist. Werden uns genügend Geldmittel zur Verfügung 
gestellt, so übernehmen wir gerne die 2000 Exemplare der Neuauflage, da uns 
der Verleger entgegenkommend einen sehr hohen Rabatt gewähren will. 

Wir haben schon in Heft 1 und 2 dieser Zeitschrift ausgeführt, daß 
unsere Arbeiten rüstig voranschreiten und überall auf Verständnis stoßen, 
und daß dank der Opferwilligkeit einiger Mitglieder die Einnahmen recht 
gute waren; aber sie genügen leider nicht, um unter den heutigen 
Verhältnissen die wichtigsten und notwendigsten Propagandaarbeiten durch- 
führen zu können. Wir gestatten uns daher unseren Freunden folgende 
Bitte ans Herz zu legen: Es mögen sich in jeder größeren Stadt oder in 
einem bestimmten Bezirk unsere Mitglieder und andere Freunde des Buddhis- 
mus zusammentun und gemeinsam in den wesentlichsten Zeitungen und Zeit- 



124 Mitteilungen des Bundes für buddhistisches Leben 

Schriften dieses Rayons auf ihre Kosten Inserate über unsere Gesellschaft 
und Zeitschrift aufgeben. Es werden sich dann sicherlich immer Interessenten 
melden, sodaß die Gründung einer Ortsgruppe in die "Wege geleitet werden 
kann. Wir stehen mit größter Bereitwilligkeit mit jeder Hilfe und mit Rat- 
schlägen zur Verfügung und erwarten gerne Vorschläge von Persönlich- 
keiten, welche an dem Werke mitarbeiten wollen. Wem eine finanzielle 
Unterstützung nicht möglich ist, stehe deswegen nicht beiseite sondern 
helfe uns dadurch, daß er unsere Werbetätigkeit so unterstützt; denn 
nur durch eine ausgedehnte, überallhin dringende Propagandaarbeit kann 
es ermöglicht werden, die wesentlichste Bestrebung unseres Bundes in die 
Praxis umzusetzen, nämlich alle diejenigen herauszufinden, die für die Auf- 
nahme der Lehre befähigt sind. 

Professor Hermann Oldenberg gestorben. Soeben vor Redaktionsschluß 
wird uns von dem Sohne des Verstorbenen mitgeteilt, daß sein Vater am 
18. März nach kurzer Krankheit entschlafen sei. Wir werden in der nächsten 
Nummer einen ausführlichen Nachruf auf den berühmten, um den Buddhis- 
mus hochverdienten Göttinger Gelehrten bringen. O. S. 



Jagd und Krieg. (Dsanglun oder der Weise und der Thor. Aus dem 
Tibetanischen übersetzt von Prof. Schmidt, Petersburg, 1845. IV, IE. S.123.:) 

Der Gelong fragte weiter: »Wer war der Mensch, den viele Menschen- 
gestalten umzingelten und mit Pfeilen durchbohrten, davon sein Körper ganz 
in Flammen stand?" Der Sohn des Maudgal antwortete: „Es war ein Jäger, 
der auf der Jagd viel Wild getötet hat und nun solche Qualen an sich selbst 
erdulden muß. Wenn dieser später das Leben wechselt, wird er in den großen 
Höllenregionen geboren werden, von wo es äußert schwer ist, erlöst zu 
werden." 

Ferner fragte der Gelong: „Wer aber war derjenige, der den hohen Berg 
hinab über Schwerter und scharfe Waffen bis zum Tode laufen mußte?" 
Der Sohn des Maudgal erwiderte: „es war ein tapfrer Kriegsbeamter des 
Königs; er läuft nun über scharfe Waffen, über Schwerter, Spieße und Drei- 
zacke. Darnach wenn er das Leben wechselt, wird er in den großen Höllen- 
regionen lange Zeit hindurch Qualen erdulden müssen." (W. B.) 



Weltschau 



Leopold von Schroeder gestorben. Der treffliche Übersetzer des 
„Dhammapadam" ist am 7. Februar im Alter von 68 Jahren verschieden. 
„Seine bekannten Vorlesungen über „Indiens Literatur und Kultur in histo- 
rischer Entwicklung" (1887) sind", so schreibt das „Buchhändler-Börsenblatt" 
^Leipzig 12. 2.) „seit langer Zeit vergriffen und gesucht. Seine „Reden und 
Aufsätze, vornehmlich über Indiens Literatur und Kultur" erschienen 1913. 
Die Kenntnis des Buddhismus hat Seh. durch eine mustergültige Übersetzung 
des „Dhammapadam", der wichtigsten zum buddhistischen Kanon gehörigen 
Spruchsammlung, gefördert. Mit den Anfängendes indischen Dramas beschäftigt 
sich seine tiefgründige Arbeit „Mysterium und Mimus im Rigveda" (1908). Seine 
Bühnenbearbeitungen von Kalidasas „Sakuntala" und anderen indischen 
Dramen sind von hohem ästhetischen und theatergeschichtlichem Interesse. 
Von der letzten großen auf drei Bände berechneten Arbeit des Gelehrten, 
der unlängst noch durch den Titel eines theologischen Ehrendoktors aus- 
gezeichnet wurde, seiner „Arischen Religion", liegen die beiden ersten Bände 
(1914 und 1916) vor." — 

Joseph Stolzing gibt uns in einem in der Berliner „Post" und im ^.Deutschen 
Courier" erschienenen Artikel ein getreues Lebensbild Schroeders, dem wir 
nur einige Sätze entnehmen wollen. Er schreibt dort u.a.: „Wieder ist einer 
der großen deutschen Indologen dahingeschieden: Nach Paul Deußen der 
am 12. Dezember 1851 in Dorpat geborene Leopold von Schroeder ... In 
der Hauptsache war es die aroindische Welt, in die sich L. v. Schroeder 
versenkte und die er unserem Verständnisse wesentlich näher rückte durch 

seine Übertragungen aus dem Sanskrit, das er meisterhaft beherrschte 

Die eingehende Beschäftigung mit der aroindischen Weltanschauung, dem 
Brahmanismus und Buddhaismus, die vor reichlich hundert Jahren 
begann, und wobei englische und deutsche Gelehrte um die Palme rangen, 
bis die letzteren den Sieg davon trugen, wird unzweifelhaft für unser inneres 
Leben noch gute Früchte tragen, denn wir tauchen damit wieder in den Ur- 
grund unseres arischen Wesens hinab und erhalten eine scharfe Waffe im 
Kampfe gegen jenen Materialismus, der auf unser Volk sittlich so verheerend 
einwirkte Außer der „Baghavadgita" (Eugen Diederichs, Jena) über- 
setzte Schroeder mehrere indische Dramen, wie die „Sakuntala", „Prinz Zofe", 
ferner gab er eine Sammlung indischer Lieder und Sprüche „Mangoblüten" 



126 Buddhistische Weltschau 

heraus; dann verdanken wir seiner Feder „Worte der Wahrheit*, »Dhamma- 
padam*, eine zum buddhistischen Kanon gebürtige Spruchsammlung. 1900 
erschien „Kathakam", „D. Samhita der Kathacakha" und noch manches andere. 
Sehr bedeutend sind auch seine Abhandlungen „Über die Poesie des indischen 
Mittelalters", „Das Mysterium und Mimus in Rigveda" und „Buddhismus und 
Christentum*. Aber er war nicht nur einer unserer größten Indologen, sondern 
sein gestaltender und schaffender Geist umfaßte auch die ganze Welt, die 
sich an Wagner und Bayreuth knüpft. Sein Buch „Die Vollendung des 
arischen Mysteriums in Bayreuth" ist unbedingt eine der tiefsinnigsten Be- 
trachtungen, die über die Musikdramen Wagners geschrieben wurden. Als 
es sich darum handelte, das Aufführungsrecht des „Parsival" auch über 
1913 hinaus ausschließlich Bayreuth zu erhalten, wie es sein Schöpfer un- 
zweideutig verlangte, da stand Schroeder mit an der Spitze unserer Parsival- 
Schutzbewegung, und sein feuriges Gemüt war es auch, das der großen 
Jahrhundertfeier des Geburtstages Wagners an der Wiener Universität das 
Gepräge des Außerordentlichen gab. ... 

. . . Nun ist auch er, einer der besten und ältesten Freunde Houston 
Stewart Chamberlains, über den er einen ebenso liebevollen als in seiner 
Knappheit erschöpfenden Lebensumriß schrieb, von uns geschieden. . . . 

Di*. V. A. Smith gestorben. Am 6. Februar starb zu Oxford Vincent 
Arthur Smith, C. I. E., D. Litt., L C. S., geboren 1848 und erzogen im 
Trinity College zu Dublin, späterhin im englisch-indischen Dienst. Die 
Londoner „Times" bringen in ihrer Nummer vom 7. Februar einen aus- 
führlichen Artikel über den verdienten Forscher, dem wir kurz das Folgende 
entnehmen. „Er schrieb u. a. Aufsätze über die Altertümer von Mathura; 
die Münzen der ersten Zeit der Guptaherrschaft; Griechisch-Römischer Ein- 
fluß auf die Zivilisation im alten Indien; die Geschichte und Siege Samundra 
Guptas; das Leben und die Edikte Asokas, des großen buddhistischen Kaisers. 
Er lieferte viele indische Beiträge zu den führenden orientalischen Blättern, 
englischen, indischen und deutschen, behandelnd die ersten Münzen, archä- 
ologische Reste und Gegenstände, alte Könige, Chronologie, und Alexanders 
Zug nach Indien." Eingehend wird dann seine 1904 erschienene „Indische 
Geschichte von 600 vor Christus bis zum Einfall der Mohammedaner" (Early 
History of India from 600 B. C. to the Muhammadan Conquest) geschildert. 
Fernerhin: „Smith schrieb die „Oxford Student's History of India", die 7 
Auflagen erlebte, einen Katalog von Münzen im Indischen Museum zu Cal- 
cutta 1906 und eine „Oxford History of England for Indian Students" 1912. 
Auf dem Gebiete der Kunst erschien von ihm „History of Eine Art in India 
and Ceylon" 1911, eine wichtige und zusammenfassende Arbeit von allgemeiner 
Bedeutung . . . usw." 

Vorträge. Christof Schrempf hielt in Stuttgart eine Vortragsreihe 
über die verschiedenen Weltanschauungen, wobei er einen Abend auch dem 
Buddhismus widmete. Das „Stuttgarter Neue Tagblatt" vom 4. März schreibt 



Buddhistische Weltschau 127 

darüber: „Schrempf setzte sich am Sonntag , . . mit dem Buddhismus aus- 
einander. Wer die Grundvoraussetzung des positiven Christentums, nach der 
in dem zeitlichen Leben die endgültige Entscheidung über das ewige Leben 
falle, aufgegeben hat, nähert sich damit dem Buddhismus, nach dessen Grund- 
anschauung sich dieses Leben als eine kurze Strecke Weges auf der langen 
Wanderung durch eine Reihe von Existenzen darstellt. Aber die Gründe, die 
Buddha für diesen richtigen Gedanken anführt, lehnt Schrempf ab. Was 
Schrempf zum Gedanken des ewigen Lebens drängt, ist das Verlangen nach 
Erkenntnis. Was den Menschen nicht sterben läßt, ist dieses fortdauernde 
Interesse an der Lebensaufgabe. Der Pessimist Buddha kennt die schlimmste 
Art von Leiden nicht. Worin besteht aber für B. die Lebensaufgabe? Daß 
man „die Tugend übe", um dadurch günstige Vorbedingungen für die nächste 
Existenz zu schaffen. Aber auch diese Auffassung entspricht nicht dem wirk- 
lichen Charakter des Lebens. Für B. gibt es im eigentlichen Sinn keine Er- 
kenntnis. Denn die buddhistische Meditation besteht in einer immer stärker 
werdenden Entleerung des Bewußtseins, nicht in einer fortschreitenden Be- 
reicherung des Geistes: die Meditation endet im absoluten Sichvergessen. 
Schrempf will aber nicht eine Entleerung des Lebens, sondern dessen Reich- 
tum und Steigerung, und sei es auch um den Preis des Leidens. Denn ge- 
steigertes Leben schafft gesteigertes Leiden. Mit dieser Bejahung des Leidens 
als einer Steigerung des Lebens schloß Schrempf seine interessanten Aus- 
führungen . . . ". 

Dr. Karl Wolff hielt eine Vortragsreihe über „Die großen Dulder" in 
Dresden. Sein Zweiter Vortrag galt dem Buddha und seiner Lehre. Die 
Dresdener Blätter bringen ausführliche Besprechungen. So schreibt der 
Dresdener „Anzeiger" u. a. in seiner Nummer vom 15. Februar: „Nicht 
durch philosophisches Denken, sondern durch reine Anschauung ist Buddha 
zu innerer Erleuchtung und Umwandlung gelangt; er besaß jene ethische 
Genialität, die aus einzelnen, aber mit der größten Intensität geschauten 
Fällen das zur Tat treibende Erlebnis gewinnt. Nicht persönliche Leiden 
und Prüfungen haben ihn zu einer vollkommen neuen Einstellung den 
menschlichen Dingen gegenüber gelangen lassen, sondern die intuitive Er- 
kenntnis der Vergänglichkeit alles dessen, was nicht reines Ich, reines 
ewiges Sein ist. Um zu diesem Sein zu gelangen, geht er den Weg der Ver- 
senkung und des stufenweisen Abstreifens alles irdischen Wahns. Er gründet 
keine Philosophie, arbeitet nicht mit den uns* gewohnten Denkprozessen, 
sondern sucht die unmittelbare Anschauung zu einem Dauerzustand werden 
zu lassen, der dann instinktiv auf den Weg zur Erlösung führt. Dieser Weg 
ist allerdings nur aus der indischen Lehre von der Wiedergeburt zu ver- 
stehen, die den Tod als Umwandlung in ein neues Dasein auffaßt. Leben ist 
ein ewig leidenschaftlicher Durst, sich stetig aufs neue in den Irrwahn des 
Daseins zu verstricken, der mit dem Tode nicht gelöscht wird; das Ein- 
gehen in das Nirwana erst befreit von diesem quälenden Lebensleid. Nirwana 



128 ^ Buddhistische Weltschau 

Auslöschen) ist aber keineswegs identisch mit dem Nichts; es bedeutet nur 
das Erlöschen der leidenbringenden Lebensflamme, das Hingelangen zu 
einem reinen, ewigen Sein, was dem Gesetz der Vergänglichkeit nicht mehr 
unterworfen ist. Denn tiefstes Leid quillt aus allem, was vergänglich ist, auch 
aus dem Glück, selbst aus dem Glückszustand der Götter, weil er kein 
Dauerzustand ist. Buddha lehrt die Erlösung des einzelnen, aus sich selbst 
heraus und lehnt alles Fragen nach Gott ab. Was bedeutet — so fragte der 
Redner zum Schluß — die Lehre Buddhas für uns heutige Menschen? Wer 
durch sie Erlösung finden will, muß unbedingt in sich Verwandtschaft mit 
der indischen Denkweise fühlen. Uns fällt heute die ungeheure Aufgabe zu, 
eine neue Kultur aufzubauen; Buddha jedoch stellt sich in unversöhnlichen 
Gegensatz zu aller Kultur; seine Lehre ist durchtränkt von Kulturmüdigkeit, 
ist der letzte Akt der sterbenden alten Kultur Indiens. In einer Zeit, wo 
sich wieder ein lebendiges gewaltiges Ringen um Gott offenbart, kann eine 

Lehre, die die Frage nach Gott völlig ablehnt, nicht fördernd sein. — 

Siebzigster Geburtstag. Prof. Dr. Hermann Georg Jacobi, der berühmte 
Indologe und Sanskritist der Bonner Universität, feierte am 12. Februar seinen 
70. Geburtstag. „Der Gelehrte," schreibt die „Vossische Zeitung", Berlin, 
.,promovierte 1872 in Bonn mit einer lateinischen Abhandlung über den Ur- 
sprung der indischen Astrologie und unternahm dann nach einjährigem Auf- 
enthalt in England, zu seiner weiteren Ausbildung eine Reise nach Britisch- 
indien. Nach seiner Rückkehr habilitierte er sich 1875 in Bonn, wurde 1876 
Professor in Münster, 1885 in Kiel und 1889, als Nachfolger Th. Aufrechts, 
Ordinarius für Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft in Bonn. Sein 
bevorzugtes Arbeitsgebiet ist die Erforschung des Schrifttums der Jainas, 
jener weit verbreiteten, dem Buddhismus verwandten Sekte, deren älteste 
Literatur in einem eigenen Prakrit verfaßt ist, während sie sich später auch 
des Sanskrits bedienten. Nach mehreren Vorarbeiten veröffentlichte er „The 
Kalpasutra of Bhadrababa* mit Einleitung, Noten und einem Prakrit-Sanskrit- 
Glossar: die erste kritische Ausgabe eines Jaina-Textes in Prakrit. Die Auf- 
klärungen, die Jacobi in seiner Einleitung über die Beziehungen zwischen 
Jainas und Buddhisten gab, verleihen seiner Publikation besonderen Wert. 
Hieran schlössen sich die nicht minder wichtige Ausgabe von „The Aya- 
ramga sutra of the Cvetambara Jaina" (1882) und die „Ausgewählten Erzäh- 
lungen in Maharashtri", die zur Einführung in das Studium des Prakrit be- 
stimmt sind. Wertvoll ist auch Jacobis Übersetzung des Werkes des Hol- 
länders Kern über den Buddhismus und seine Geschichte in Indien. In 
seinem Buche „Das Ramayana, Geschichte und Inhalt" (1893), dem er später 
ein gleichartiges über das Mahabharata folgen ließ, hat Jacobi über das Alter 
der altindischen Religionspoesie und Heldendichtung Ansichten aufgestellt, 
die ihn in Gegensatz zu anderen Sanskritisten, namentlich zu seinem Lehrer 
Albr. Weber brachten. Auch seine, auf astronomische Berechnungen gestützte 
Annahme über das hohe Alter des Rigveda, das er in die Zeit von 4000 bis 



Buddhistische Weltschau 129 



2500 V. Chr. setzt, ist von anderen Forschern (Whitney, Oldenberg u. a.) 
bestritten worden. Auf dem Gebiete der vergleichenden Sprachforschung ist 
Jacobis Werk „Kompositum und Nebensatz; Studien über die indogermanische 
Sprachentwicklung" von vielseitig förderndem Einfluß gewesen. Im Winter 
1913-14, kurz vor Ausbruch des Weltkrieges, unternahm J. eine zweite Reise 
nach Indien, um dort auf Einladung der Universität Kalkutta Vorträge in 
englischer Sprache über altindische Literatur zu halten." 

* * 

Schriftsteller A. Hartmann, Dresden, hielt nachstehende vier öffent- 
liche Vorträge über das Evangelium Buddhas in der Torwirtschaft, Dresden, 
Großer Garten, Lenn6straße: Freitag e.Februar: Der Buddhismus als Religion der 
Freiheit. Freitag 13. Februar: Der Buddhismus als Religion der Gerechtigkeit. 
Freitag 20. Februar: Der Buddhismus als Religion der Liebe. Freitag 27. Februar: 
Der Buddhismus als Religion der Erkenntnis. 

* * 
# 

Volkshochschule Ratibor. Cand. phil. Kustos nimmt seine Tätigkeit an 
der Volkshochschule nunmehr wieder auf, und zwar findet die Vorlesung über 
Buddhismus statt. — Der Kursus für im Polnischen Fortgeschrittene beginnt 
Freitag um 7 Uhr im Zeichensaal des Realgymnasiums. Hörerkarten sind 
im Bureau zu haben, das jedoch nur noch von 5—6 Uhr wochentags geöffnet ist. 

(Oberschles. Volkszeitung Ratibor, 19. II. 20.) 

Die Indisierung Europas. Universitätsprofessor Ernst Bergmann wendet 
sich in einem Artikel' „Die Indisierung Europas* im „Tag" (Berlin 12. Februar) 
gegen eine „Indisierung Deutschlands"! Er schreibt u. a.: „Gierig greift das 
Deutschland von 1920 nach dem Reisetagebuch des Philosophen Keyserling 
und wandert mit ihm im Geist durch die Teiifelshallen von Madura und 
Benares, durch dieses ungeheure, bis zum Himalaja hin von Glocken klingende 
Land, das ein Deutscher so bald nicht in Wirklichkeit wieder betreten wird. 
Und nicht nur Deutschland, das ganze Abendland, angeblich im Begriff 

unterzugehen, lauscht den Schritten der östlichen Heilande Und von drüben 

gesehen? Jahrhundertelang ging der Strom der christlichen Missionare nach 
Indien, das Neue Testament zu verkünden. Der Erfolg war erschütternd 
gering. Nach der letzten Volkszählung im Jahre 1911 gab es in Indien voh 
315 Millionen Einwohnern 3,57 Millionen eingeborene Christen. . . . 

. . . Der Ceylonese Ramanadhan veröffentlicht ein Buch: „The culture 
of the Soul among Western Nations". Er gibt der Christenheit darin den 
guten Rat, sich Lehrer aus Indien kommen zu lassen, um sich von ihnen 
in das Verständnis des Neuen Testaments einführen zu lassen. Der fromme 
Inder verehrt nämlich den Nazarener. Das Neue Testament ist ihm ein 
teures Buch. Ja, er ist von seiner Wahrheit überzeugt. Aber Europa versteht 
es falsch. Es hat das Evangelium dogmatisiert. Es hat den ewigen Christus 
mit dem Buchstaben totgeschlagen. Daher starb Christus kurz nach dem 
Mittelalter aus. Darum haben wir Heutigen kein lebendiges Christentum 



130 Buddhistische Weltschau 

mehr. Ramanadhan möchte Christus wieder auferwecken, wie schon Novalis 
wollte. Es gilt dort anzuknüpfen, wo die Gnostiker stehen geblieben waren. 
Er will das Neue Testament auslegen, d. h. bei ihm indisieren. Er kann das, 
denn er ist undogmatisch, freiphilosophisch wie alle Inder, ein wenig Syn- 
kretist. So deutet er den Karmagedanken, die Seelenwanderungslehre hinein, 
die es im Neuen Testament nicht gibt, wie Schomerus zeigt. Mir scheint 
diese Umdeutung unstatthaft, weil sie das Neue Testament um seine Eigen- 
art bringt; ebenso unstatthaft wie der Versuch, dem Volk der Inder eine 
fertige Religion aufzuzwingen, die nicht bei ihm gewachsen ist, und die 
niemals dort gedeihen kann. Als hätten die Religionen kein Klima! Paßt 
denn der Buddhismus nach Europa? So wenig wie das Neue Testament 
nach Indien. ... So wird alle indische Lehre Erlösungslehre, Lehre von 
den Mitteln und Wegen endgültiger Befreiung der Seele vom Leib. So am 
deutlichsten im achtgliedrigen Yogaweg, den Buddha übernimmt. Durch 
körperliche Übungen soll die Macht des Körpers über die Seele gebrochen 
werden. Gehe in die Einsamkeit und setze dich unter den heiligen Baum, 
damit die Welt nicht mehr an deiner Seele vorüberwandern kann. Setze dich 
nach den Regeln des Systems, damit der Körper recht und die Seele frei 
wird. Atme nach den Regeln des Systems ein und aus, ziehe die Sinnes- 
organe ein, wende sie gleichsam nach innen, weg von der Welt. Blende die 
Welt ab durch Beseitigung der Sinneswahrnehmung. Beginne dich zu ver- 
senken, indem du sprichst: „Om bhuh; om bhuvah; om svah; om mahad; 
om janahl om tapah; om satyam" usw. . . . Wir Abendländer glauben nicht 
an die Seelenwanderung. Wir leben nur einmal. Und wir wollen möglichst 
lange leben, möglichst viel Welt ergreifen, materiell und geistig. Ein Blumen- 
dasein können wir nicht führen. Wir sind keine Vegetabilien wie der Inder. . . . 
. . Aber nicht in ihrer Passivität, ihrer Willenlosigkeit, ihrem Sich-treiben- 
Lassen. Im Buddhismus ist diese Passivität am schlimmsten. Unter dem 
Tropengürtel, in Ceylon, Birma, wo der Buddhismus blüht — denn Indien 
selbst ist brahmanisch geblieben — wird der Mensch ganz Pflanze, Träumen, 
mitwachsende Welt. Entschluß ist dort Verhängnis, Zwecktätigkeit tötet. Kultur 
konnte nur in gemäßigten Breiten entstehen. Ihr Ursprung ist der Wille. 
Was also kann uns der Buddha frommen? Nur umgeformt wäre er bei uns 
möglich. Dann aber bleibt er nicht, was er ist. Er ist Feind der Kultur, 
Untergehenwollen, verblassende Abendsonne, Glück der letzten, feiernden 
Stunde. Wir aber sind das Morgenrot. 

Wir glauben an die Welt und ihren Wert. Der Inder betrachtet die Welt- 
schöpfung als ein kosmisches Unglück, als eine Art Fehl- oder Frühgeburt. 
Es hat einer herumdilettiert. Was er wollte, war gut. Die Idee der Welt ist 
vielleicht großartig. Aber zu früh öffnete sich der Schoß der Ewigen Mutter. 
Die Welt ist eine Entgleisung. Welch ein Abgrund von Pessimismus! Und 
Brahmann-Atman ist an die Materie gefesselt, zu der er so wenig paßt wie 
Feuer zum Wasser. Was für eine Verrücktheit! Was für ein Haß gegen die 



Buddhistische Weltschau 131 

Welt in der indischen Seele! Welt ist Leiden, Unwert, Fluch. Tat ist Ver- 
brechen. Los vom Karma, der Tat. Aber wir sind machtlos, gefesselt. Unser 
Wollen ist Weltwollen, kein eigenes, freies, eben Karma. Wo ist da Erlösung? . . .** 
Die unheimliche Buddha -Statue. Der Ausgabe vom 12. Februar des 
, Neuen Wiener Journals" entnehmen wir folgende Zeilen, die sicherlich 
manchen „Okkultisten* zum „Nachdenken" veranlassen dürften: „In der 
indischen Abteilung des Londoner Viktoria und Albert Museums befindet 
sich eine sieben Fuß hohe, aus Teakholz geschnitzte Buddhafigur, der nach 
äer Behauptung der früheren Besitzerin, von der sie das Museum erworben, 
die Macht eines unheilbringenden Verhängnisses anhaftet. Seit sie die Dame, 
die Tochter eines Schiffskapitäns, im Haus hatte, machte sich allerlei un- 
heimlicher Spuk in der Wohnung bemerkbar, und die Dinge waren allmählich 
so unerträglich geworden, daß sich die Besitzerin des greulichen Götterbildes 
um jeden Preis entledigen wollte. Ihr Vater hatte den Buddha im Jahre 1835 
in Birma erstanden und segelte mit ihm nach England. Kurz vor der Ankunft 
in Liverpool brach auf dem Schiff Feuer aus, und die abergläubische Be- 
satzung warf die unheimliche Figur über Bord. Das Schiff war dann, nach- 
dem das Feuer gelöscht worden, glücklich in den Hafen eingelaufen. Drei 
Wochen später wurde der Buddha an der Küste von Wales aus dem Wasser 
gefischt und gelangte wieder in den Besitz des Kapitäns, der ihn nach seinem 
Tode der Tochter hinterließ. Von diesem Augenblick stand das Haus im 
Banne spukhafter Vorgänge, die unter den Bewohnern zum Anlaß dauernden 
Schreckens wurden. Nach Aussage der Dienerschaft erhob sich der Buddha 
allnächtlich von seinem Postament und schritt zum Hause hinaus und die 
im Hause der Dame verkehrenden Freunde behaupteten steif und fest, daß 
seine bösen Augeri sie ständig verfolgten und daß er sich von Zeit zu Zeit 
zu bewegen scheine. Da auch ihre Kinder vor Grauen und Todesangst ihres 
Lebens nicht mehr froh wurden, sah sich die Dame schließlich genötigt, die 
fatale Figur dem Museum käuflich zu überlassen, wo sich besagter Buddha 
seither eines musterhaften Benehmens befleißigt." 

Wissenschaft, Papierknappheit und Geldnot. „Die Mitteilungen des 
Seminars für orientalische Sprachen" in Berlin, eine hochangesehene 
Zeitschrift, die seit zwei Jahrzehnten jährlich einmal in drei Abteilungen — 
„Ostasiatische Studien", „Westasiatische Studien", „Afrikanische Studien" — 
erschien und in der die hervorragendsten Lehrer des Seminars und viele 
andere Orientalisten die Ergebnisse ihrer Forschungen veröffentlichten, können, 
wie der Herausgeber Prof. Dr. S ach au mitteilt, infolge der hohen Kosten 
für Papier und Drucklegung nicht weiter erscheinen. Bei günstigerer Finanz- 
lage sollen sie wieder herauskommen." (Vossische Ztg., 3. März.) — Die 
„Schlesische Zeitung" (Breslau, 7. Februar) berichtet: »Deutsche Museen 
veräußern jetzt, wo die Kauflust auf dem Kunstmarkte immer noch un- 
gewöhnlich groß ist und jede Versteigerung klingenden Gewinn verspricht, 
ihre Dubletten, um Raum und nicht zuletzt Mittel zu schaffen, da die eigenen 



132 Buddhistische Weltschau 

nicht groß genug sind und Mäcene naturgemäß immer seltener werden. Auf 
die Versteigerung von Porzellanen und Waffen aus den Dresdener Samm- 
lungen und dem freihändigen Verkauf von magazinierten Bildern der Kunst- 
halle in Hamburg folgt jetzt — vom 16. bis 18. März — bei Lepke in Berlin 
die Auktion von Dubletten ostasiatischer Kunst aus den staatlichen 
Museen in Berlin, d. h. dem Kunstgewerbe-Museum und der Abteilung 
für ostasiatische Kunst. Der Versteigerungs-Katalog zählt 1144 Nummern 
auf, von Gemälden nur eine kleine Zahl, aber chinesische und japanische 
in einer Qualität, wie sie zum ersten Male auf einer Versteigerung in Deutsch- 
land erscheinen." 

Die Eröffnung des staatlichen Asiatischen Museums in Dahlem steht 
trotz aller Schwierigkeiten bevor — freilich bei der allgemeinen Not der 
Zeit nicht so, wie seinerzeit geplant. Immerhin ist gerade die indische Ab- 
teilung recht reichhaltig. Sie ist im hohen Erdgeschoß untergebracht. Hier 
werden, laut der „Vossischen Zeitung" vom 3. März, „vor allem die reichen 
Freskenfunde aus den verschiedenen Turfanexpeditionen Platz finden, deren 
wunderbare Abnahme, Konservierung und Aufstellung dem Konservator 
Bartus zu verdanken ist, der alle vier Expeditionen begleitete. Während diese 
Erzeugnisse der indisch-chinesischen Kunst des frühen Mittelalters die Säle 
des einen Flügels füllen werden, wird der andere Flügel die rein indischen 
und hinterindischen Kulturwerke, darunter die wertvollen Gandara-Bildwerke, 
aufnehmen. Im Oberstock kommen die ethnographischen Sammlungen aus 
Ostasien, vor allem China und Japan, zur Aufstellung, während die Kultur- 
werke der Aboriginer im Dachgeschoß Platz finden sollen." 

Kleinere Nachrichten. Die Ruhe scheint im Norden und Nordwesten 
Indiens noch nicht wieder hergestellt zu sein. Afghanistan und die Bolsche- 
wisten dürften noch auf längere Zeit der englischen Regierung nicht uner- 
hebliche Schwierigkeiten bereiten. Freilich, von einem „Ende Englands in 
Indien", wovon die Blätter reden, ist noch lange nicht die Rede. Trotzdem 
macl^t sich die politische Lage im Nordwesten auch im übrigen Indien nicht 
nur iurch die fallende Valuta, sondern auch durch die zunehmende Knapp- 
heit der Nahrungsmittel bemerkbar. In Ceylon ist eine Reisknappheit ein- 
getreten, wie man sie seither nicht gekannt hat. Die ärmeren Klassen können, 
laut der Londoner „Times", die hohen Lebensmittelpreise nicht mehr er- 
schwingen. Selbst von Slam her ist keine Rettung zu erwarten, da dort nach 
Versicherung der Regierung selbst eine Hungersnot bevorsteht. — Englische 
Blätter berichten, daß der direkte Handel zwischen Indien und Deutschland 
wieder eingesetzt habe. Immerhin dürfen Deutsche die englischen Kolonien 
noch nicht wieder betreten! — 

Zum Apostolischen Delegaten für Indien wurde Monsignore Pietro 
Pisani ernannt, bekannt als eifriger Förderer der Auswandererfürsorge. — 
Die amerikanische Bibelgesellschaft („American Bible Society") hat eine 
neue, vollständige Bibelübersetzung ins Chinesische unter dem Titel 



Buddhistische Weltschau 133 

„Revis'ed Mandarin Bible" herausgegeben. Diese Geseilschaft ist neben der 
„British and Foreign Bible Society" die rührigste in der Übersetzung und 
Verbreitung der Bibel. Letztere hat vor einigen Jahren sogar begonnen, das 
neue Testament — ins Pali zu übersetzen. So wurde das bereits übersetzte 
Johannisevangelium unentgeltlich unter den buddhistischen 
Mönchen Ceylons verbreitet. Ob sich die Sache freilich bezahlt macht, 
ist eine andere Frage. — Neben Berlin, Leipzig und Hamburg hat nunmehr 
seit letzten Sommer auch Heidelberg einen eigenen Lehrstuhl für 
Sinologie. Der Frankfurter Verein für orientalische Sprachen, 
der seit 10 Jahren besteht, betreibt Chinesisch als ständiges Lehrfach. Er 
besitzt sogar einen eigenen „Chinesenfond" zur Dotierung eines chinesischen 
Lektors. — Wie die „Kölnische Zeitung" berichtet, hat der erste Inhaber der 
Hamburgischen Professur für Kultur und Geschichte Indiens, der 
kurz vor dem Kriege aus Christiania hierher berufene Professor Sten 
Konow, Hamburg verlassen, um eine ihm angebotene neue Professur in 
Christiania zu übernehmen. Der Senat hat die durch seinen Weggang frei- 
gewordene Professur dem Bibliothekar an der preußischen Staatsbibliothek 
und Privatdozenten an der Berliner Universität Dr. Walter Sahnbring 
übertragen. — 

Rabindranath Tagore und Europa. Dr. E. Horwicz kommt in der Allg. 
Deutschen Zeitung, Berlin (8. 3. 20) auf Rabindra Nath Tagores neueste Werke, 
besonders auf seinen „Nationalismus" ausführlich zu sprechen, welchen Aus- 
führungen wir hier einige interessante Stellen entnehmen : Horwicz schreibt 
u. a. : „Tagore hat recht, wenn er die tiefste seelische Ursache des politischen 
Elends Europas im Nationalismus und namentlich in dessen „Ausschließlichkeit" 
erblickt. Gerade der indische Philosoph ward zu dieser Erkenntnis berufen, 
denn Indien „suchte seit fünf Jahrtausenden in Frieden zu leben" j es kannte 
in seinem Inneren nicht das Problem der Nation, sondern der Rasse; seine 
erste Bekanntschaft mit dem Nationalismus als organisierte Macht — durch 
die britische Eroberung — zeigte ihm aber gleich die Kehrseiten dieser Er- 
scheinung. 

Dadurch erklärt sich aber auch, daß Tagore die Nation als etwas Mecha- 
nisches, Abstraktes, als ein „Polyp von Abstraktionen" erscheint; er nennt 
sie ja geradezu eine „Organisation von Handel und Politik". Dem Mechanis- 
mus Nation setzt er (gelegentlich einmal) den Organismus Volk entgegen. 
Tagore vertauscht offenbar den Gegensatz von Staat und Volk mit dem von 
Nation und Volk; wenigstens würden wir in Europa hier von dem ersteren 
Gegensatz sprechen. Er übersieht die lebendigen, erhaltenden und auch ihrem 
Wert nach positiven Kräfte der Nation, sowie daß der Nationalismus (im 
Tagoreschen Sinne) ein Auswuchs, eine Überspannung dieses Gesunden und 
Lebendigen ist. In diesem letzteren Verstände ist es aber richtig, wenn er 
das folgende Bild Europas entwirft: „Im Westen wird durch den nationalen 
Mechanismus von Handel und Politik die Menschheit schön ordentlich in 



/ 



134 Buddhistische Weltschau 

Ballen zusammengepreßt, die ihren Nutzen und hohen Marktwert haben; sie 
sind mit eisernen Reifen umspannt, mit Aufschrift versehen und mit wissen- 
schaftlicher Sorgfalt und Genauigkeit sortiert." 

Und woher soll nun Abhilfe kommen? Vom Osten, sagt Tagore. Ach wie 
oft hören wir heute diese Antwort! Nach Spengler werden die Russen 
Europas Rettung bringen; Keyserling suchte sie noch weiter im Orient und 
seiner Weisheit und geht im Ernst daran, in Deutschland eine „Weisheits- 
schule" zu gründen (also auch die Weisheit soll organisiert werden?). Und 
ebenso ruft auch Tagore pathetisch aus: „Wenn dieser Brand (d. h. der Welt- 
krieg) sich verzehrt hat und erlischt und einen Aschenhaufen als Denkzeichen 
zurückläßt, wird das ewige Licht wieder im Osten leuchten . . . Und wer 
weiß, ob nicht dieser Tag schon dämmert, ob nicht am östlichen Horizont 
Asiens die Sonne schon aufgegangen ist? Dann begrüße ich wie die Sänger 
meiner Vorfahren das Morgenrot dieser östlichen Sonne, die bestimmt ist, 
noch einmal die ganze Welt zu erleuchten." 

Gewiß soll und muß Europa manches vom Osten lernen. Vor allem seine 
geringere Schätzung der äußeren Güter und seine unendlich größere Frie- 
densliebe Und auf welche Muster im Orient weist denn uns Tagore 

hin? Auf Indien und Japan. Auf Indien, weil es keinen Nationalismus, keine 
Nationen überhaupt, sondern nur Rassen kennt, deren einträchtiges Beiein- 
anderwohnen die uralte indische Aufgabe ist " 

Nachstehend bringen wir drei Berichte Frankfurter Zeitungen über einen Vortrags- 
abend des Herrn Karl Zistig vom Frankfurter Neuen Theater. Herr Zistig hat sich, 
wie schon an anderer Stelle berichtet, liebenswürdigerweise mit seiner Kunst in den 
Dienst unserer Sache gestellt und an dem am 26. Februar durch den „Bund für bud- 
dhistisches Leben" in München veranstalteten Vortragsabend buddhistische Dichtungea 
und Lehrreden des Buddha vorgelesen: 

Karl Zistig vom Frankfurter Neuen Theater hatte in den kleinen Saalbau zu 
einem Vortragsabend buddhistischer Dichtungen geladen. Kulturhistorisch und reli- 
gionsphilosophisch ein eigenartiges Unterfangen. Für unser Zeitempfinden, das An- 
spannung aller Kräfte, höchste Aktivität fordert, ein gar seltsamer Abend mit seinen 
auf Beschaulichkeit, Weitabgewandtheit und Passivität gerichteten Lehren. Ohne in 
uns Widerhall zu finden, schweben die melancholischen Weisen buddhistischer Mönche 
und Nonnen durch den Raum, tönen die Lehren der Upanishads und des Rigveda, 
die immer wieder die letzten Fragen stellen und sehnsüchtig seufzen: „Wer ist der 
Gott, daß wir ihm opfernd dienen?" Und aus jeder Zeile dröhnt jenes alle Energie 
brechende: „Geh an der Welt vorüber, es ist nichts." Es flutet auf in wuchtiger 
Welle, ebbt ab in rieselndem Rauschen. Sentenzen springen hoch, aus denen Kraft 
zu holen wäre: „Auf mich allein sei mein Verlaß!" Doch sie ersticken bald, denn 
Geborenwerden bedeutet Leid, Altern ist Leid, Krankheit ist Leid, mit Unliebem 
vereint sein ist Leid. Doch nicht wehren dem Leid — hinnehmen: „Bann' aus dem 
Herzen jede Lust!" Herr Zistig predigte mit Innerlichkeit und Vergeistigung. Und 
doch — ein Abend, der den Willen brach, oder ihn erst recht im Gegensatz zu der 
Forderung des Erlöschens — hoch auftrieb! „Frankfurter Zeitung.* 

Karl Zistig vom „Neuen Theater" veranstaltete im kleinen Saalbau am Diens- 



Buddhistische Weltschau 135 

tag einen Vortragsabend buddhistischer Dichtungen. Im verdunkelten Saal, unter der 
gelbbeschirmten Lampe wirkte der Schädel des Künstlers mit seinen tiefliegenden 
Augen fast wie der eines buddhistischen Mönchs. Der Vortragende las mit inbrün- 
stigem Ausdruck die gottessehnsOchtigen und weitabgewandten Lieder buddhistischer 
Nonnen und Mönche, die weltverneinenden Lehren des Rigveda, den Sang am Be- 
nares. Fast verführerisch, zur Passivität lockend klangen die uralten Religionsklänge 
an unser Ohr. Seltsame Forderungen in unserer Zeit, die aus jeder Broschüre, aus 
jeder Zeitung uns zuruft: schafft, arbeitet, wirkt, lebt!! So sehr der Abend vom lite- 
rarhistorischen Standpunkt aus anregte, so reizte er zu innerem Widerspruch gegen 
diese verführerische, alle Energie einlullende Lehre. Als Darbietung war, was Zistig 
bot, im Vortrag und sprachtechnischer Ausarbeitung ausgezeichnet, was auch der 
reiche Beifall, den er erntete, bewies. Doch für unser Zeitempfinden sind diese bud- 
dhistischen Klänge nicht am Platze. Für uns heißt es sich aufraffen, nicht einschlafen, 
sei auch das Schlafen in dieser Leidenszeit noch so verlockend. „Frankf. Mittagsbl.* 
Auf den zur Leidensvernichtung führenden Pfad wies Herr Zistig den Weg mit 
dem Lesen buddhistischer Weisheit. Er zeigte das Land, in dem weder Sein noch 
Nichtsein, jenes traumhafte eigentliche Utopien, das leidenschaftslose Nirgendwo, zu 
dem durch alle Stürme des Seins alle zehntausend Jahre ein Buddha, ein Vollendeter 
wandert. Erlösung vom Leid durch Erlösung von Liebe, Erlösung in kontemplativer 
Entsagung, das klang immer wieder auf, bald im sanften Sang des rauschenden 
Regens, bald im donnernden Kreisen kosmischer Sterne. Die letzten Tage Gotamo 
Buddhas zogen vorüber, und es kam die große Stille der Erlösung. Herr Zistig las 
Lied, Hymne und Predigt mit ungemein musikalischem Empfinden und letzter Ver- 
senkung. Aber er gab schließlich zu viel so schwerer Weisheit und der ungeheizte 
Saalbausaal trug zur Aufnahmefähigkeit nicht bei. »Frankf. Nachrichten." 

Die Bibel als' metaphysisches Dokument. Von Arno Nadel. Das 
alles ist leider: logische Wort- und Gedankenverknüpfung. Denn in Wahr- 
heit (Ja, was ist Wahrheit? ruft jeder aus, und dennoch gibt es eine nähere 
und eine fernere, eine bessere und eine schlechtere Wahrheit, sonst hörte 
jedes Denken, jeder Schluß überhaupt auf. Wir sind eben beim Erkenntnis- 
Suchen auf einem höchst gefährlichen schmalen Pfad, auf dem nur die besten, 
geübtesten, letzten Endes „begnadetsten" Artisten sich bewegen können) — 
in Wahrheit können wir ebenso bei Dahlke voller Zweifel fragen: was ist 
das: individuelle Tendenz? Was ist das: Strebung? was: Charakter, was Be- 
wußtsein? was endlich: „potentielle Energie" und „Ichprozeß im Zerfall"? 
Und das, was Dahlke tadelnd gegen andere „Wissenschaftler" vorbringt, 
das gilt auch zuletzt für ihn selber: „Die Sprache ist nichts als Diener. Sie 
dient einem Herrn so gut wie dem andern." 

Weil eben Wissenschaft etwas grundsätzlich anderes ist als Religion. 

Wissenschaft ist logische Folgerung, Religion: überlogische Folgerung. 
Das ist auch dem ernsten Buddhisten klar, und er verwahrt sich mit Recht 
dagegen, daß man seine Lehre eine Religion nenne, da er der Meinung ist, 
diese Lehre, diese Wissenschaft allein sei Religion und keine andere. 

Ich habe kurz gesagt und betone es von neuem, daß die Annahme eines 
Karma eben nurAnnahmebleibt: — wir wissen nicht, ob wir mehrere Leben leben. 



136 Buddhistische Weltschau 

Schon der englische Forscher und Verherrlicher des Buddhismus T. W. 
Rhys Davids hat die Lehre vom Karma „denverzweifelten Ausweg eines 
Mysteriums" genannt, und die individualisierte und individualisierende Kraft 
des Karma, das Bindeglied zwischen dem einen Leben und dem andern: 
nichts als ein Wort, eine wunderbare Hypothese, ein luftiges Nichts, eine 
imaginäre Ursache, welche außerhalb des Bereiches der Vernunft liegt. 

VIL 

Ebenso verhält es sich mit der Idee des Nirvana. Nirvana ist: Ausge- 
löschtsein des Ichs für alle Zeiten, — für Zeit und Raum, für Ursache und 
Wirkung, — das Ich, das endet, ist nicht mehr, — das Ich, dfs untergehen 
kann, weil es besteht, weil es zusammengesetzt ist, ist nicht mehr. 

Die Lehre von der „Erlösung" von Ich, Geburt und Leiden, die schon in 
alten brahmanischen Texten eine wichtige Rolle spielt, hat in Buddha den 
konsequentesten Lehrer und Vertreter gefunden. So daß man fast jetzt erst 
von Nirvana als von einer einzigartigen, unendlich originellen religiösen Idee 
reden kann. 

Noch einmal, daß man es recht erfasse: Das Karma hört auf, die Kette 
der Leben reißt — ins Nichts. Also, einfältig und einfach gesehen, ist 
Nirvana nur und nur folgendes: Das Ich, das als Bestehendes, als Existenz, 
immer leiden muß, hört gänzlich und vollkommen auf. 

Das allerdings ist eine wichtige, im Laufe der Zeiten in mannigfachster 
Gestalt wiederkehrende Idee. Aber wie unendlich groß und rätselhaft erhebt 
sich vor uns das Wunder der Erkenntnis, das der ebenso rätselhaften Mensch- 
heit zugedacht ist! — Das Karma, die Idee der vielen Leben als der Wirkung 
des Vergeltungsprinzips, welches dem natürlichen Denken innewohnt, soll 
uns deutlich eingeschärft werden, — ferner: die Idee des völligen Aufhörens 
unserer Existenz, die Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit dieses Aufhörens, 
oder gar der innige Wunsch nach ihm, — um dies, dieses hohe Element der 
Wahrheit im Räume der Allwahrheit, des großen, tiefen, ungebrochenen All- 
oder Gottgefühls, — um dieses edle Element uns Menschen ins ewige Ge- 
dächtnis einzuprägen: mußte der Buddha in die Welt kommen. L. A. 



Berichtigungen. In Heft 1 lies: — p. 9^ tthänäni; p. 10^^ 
ajjhattam; p. IO2 das (statt: da); p. 12*° attaniya; zu finden (statt: 
vorhanden); p. ISg mit (statt: von). 

Hauptschriftleiter Dr.Wolfg.Bohn, Dölau b.Halle. Schriftleiter Ludw.Ankenbrand,Stuttgart. 

Herausgeber: „Bund für buddhistisches Leben«, Verlag der Zeitschrift für Buddhismus, 

Oskar Schloß, München-Neubiberg. Druck von Knorr & Hirth in München. 




ZEITSCHRIFT 
FÜR BUDDHISMUS 




2. Jahrg. / Heft 5/6 Mai/Juni 1920 Buddha-Jahr 2463/64 



We sa k 




wischen der Lagune und dem Meer ist das Dörflein 
hingeschmiegt, von rauschenden Palmen überschat- 
tet und von einem alten Tempel auf felsiger Höhe 
überragt. Auf des Felsen Gipfel erhebt sich rein- 
weiss wie Alabaster eine Dagoba, und eine Pap- 
pelfeige spendet dem frischgekehrten Klosterhof 
Schatten. Bald steht die Sonne im Zenith. Aber 
während sonst die gelbgewandeten Mönche längst ins Dorf gegangen 
waren, Almosenspeise zu holen, ist heute noch keiner aufgebrochen, 
denn reichlich ist der Tisch gedeckt. Kaum hatte sich heute der 
Sonnenball erhoben und den Gipfel des Sripada scharf am Hori- 
zont abgezeichnet, da waren schon die ersten Klosterbesucher ge- 
kommen und hatten bald in der kleinen Klosterküche das Frühstück 
für Mönche und Klosterschüler zurechtgemacht. Und dann riss das 
Heer der Besucher nicht mehr ab. Scharenweise strömten sie herbei, 
nicht, wie sonst, in bunten Röcken — nein, alle waren in reines 
Weiss gekleidet, eine Schärpe um die Schulter, die anzeigte, dass 
sie heute zu Ehren der Geburtstagsfeier und der Feier der Er- 
leuchtung des Meisters von Gaya gewillt waren, nicht nur die fünf 



138 Wesak 



sondern die acht heiligen Gelübde zu halten. So kam Schar um 
Schar; unter frohem Gesang und Heilsruf: Sadhu, sadhu, sah . . . 
zogen sie zur Klosterpforte herein, verbeugten sich tief vor den 
Mönchen, spendeten ihre Gaben, Nahrungsmittel, Kerzen, ein Ge- 
wand — und dann baten sie — meist dorfschaftenweise, dass der 
Mönch ihnen die Formel der Zuflucht und die acht Gelübde vor- 
spreche. Singend, nach Art der Responsorien der Messe beim ka- 
tholischen Gottesdienst, sprachen sie sie nach, die fünf: nicht zu 
töten, nicht zu stehlen, keusch zu leben, nicht zu lügen und sich 
berauschender Getränke zu enthalten — und zu Ehren des Tages 
noch besonders: vom Mittag ab, gleichwie die Mönche jeden Tag 
es tun, nichts mehr zu geniessen bis zum nächsten Morgen. 

Alles still und feierlich hier im Kloster und im Klosterhof, nur 
unterbrochen von dem gleichmässigen Responsorialgesang des Sila- 
gebens und-nehmens — und vom Rauschen des wogenden Meeres, 
das sich in schwerer Brandung unten am Felsgestade bricht. 

Aber am Nachmittag ist Jahrmarkttreiben im Dorf, Festzug um 
Festzug, Musik! Alle Häuser, alle Gartenzäune sind mit buntem 
Papier geschmückt und Wimpel in den buddhistischen Farben wehen 
im sanften Windhauch zwischen den mächtigen Stämmen der Ko- 
kospalmen. — 

Am Abend aber, wenn der Mond in silberner Glut über den Wipfeln 
steht und die Palmschatten zitternd über die Wege fallen, wenn 
die Sterne aufgegangen und das Meer erglänzt, wie eine strahlende 
Silberfläche, da werden Fackeln und bunte Lichter überall ange- 
zündet und der schönste Teil des Festes beginnt. Der Hauptlehrer 
zieht mit einer Schar von Jungen durchs Dorf, die in Gewänder 
gehüllt sind, wie sie die Prinzen zur Zeit des Buddha in Indien 
trugen, das Gesicht gepudert, den hohen Turban auf dem Haupt, 
mit Schmuck überladen. Vor jedem Haus hält die Schar, und 
zur Melodie, die der Lehrer mit der Geige angibt, singen sie die 
uralte Legende von Maja, der lieblichen Königin, vom Prinzen 
Siddharta; vom Weg, den er ging, und vom erhabenen Pfad, den 
er uns gezeigt, ergreifend und schön! Und reichbeschenkt ziehen 
sie zum nächsten Haus, durchs ganze Dorf. Inzwischen aber ist 
inmitten des Dörfleiris die offene Halle zum Predigtsaal hergerichtet: 



Von Ludwig Ankenbrand 139 

ein erhöhter Sitz für den Mönch, der die Festrede hält, ist bereit; 
Matten, auf die sich die Zuhörer niederlassen, sind auf dem Boden 
ausgebreitet, und Kerzen erhellen freundlich den Raum. Und da 
naht er schon, der Redner des Abends, der alte Mahathero, unter 
dem Baldachin, dessen vier Stangen von Knaben getragen werden, 
deren Haupt einem leuchtenden Feuermeer gleicht: auf ihrem Kopf 
tragen sie, entsprechend isoliert, einen brennenden Pechkuchen — 
gewiss eine einzigartige stimmungsvolle Beleuchtung. 

Alles verbeugt sich und begrüsst den alten Mönch ehrerbietig, 
der alsbald, nachdem er seinen Mantel abgelegt hat, seine feier- 
liche Rede beginnt. Still und wie gebannt lauscht ihm die Menge 
— und nur selten unterbricht sie seine Ausführungen durch ein 
zustimmendes „gut" oder „sehr gut". Er aber erzählt aus dem 
Leben des Meisters, er erzählt von der Bedeutung des Vollmond- 
tages im Monat der Visakha, ^und er würzt seine trefflichen Aus- 
führungen mit mancherlei Beispielen aus der Geschichte, aus dem 
Leben der alten Könige, und aus dem Schatze der Jatakas, der 
herrlichen Wiedergeburtslegenden. Stunden vergehen — nicht eine, 
nicht zwei — aber andächtig lauscht die weissgekleidete Schar, und 
die Spannung steht auf ihren Gesichtern geschrieben, und nur zu 
gerne hören sie immer wieder die schönen Geschichten aus den 
Tagen, da der Meister mitten unter den Stammverwandten an den 
Gestaden der Ganga und unter den Hängen des Himawat lebte. 

Aber bevor der Mönch wieder zurückkehrt zu seiner stillen 
Klause, da beugen noch einmal alle das Haupt und falten die 
Hände — und wieder sprechen sie die Worte der Zuflucht und 
geloben, den Satzungen des Meisters zu folgen. Still ziehen sie 
gegen Mitternacht ihren Hütten zu . . . 

Und die Palmen rauschen ihr altes Lied. 

Wie lang ists her . . . ! 

Mein letztes Wesakfest habe ich hinter Stacheldraht verlebt. Aber 
es war uns eine Freude, damals — im Mai 1915 — im Lager 
Diyatalawa eine öffentliche Wesakfeier veranstalten zu können. 
Über vierhundert deutsche Kriegsgefangene lauschten gespannt den 
Ausführungen der Festredner. Wir leiteten den Abend ein durch 
Vortrag des Metta- und des Mangalasutta. Dann sprach der Schreiber 



140 Wesak. — Buddhistische Grenzfragen. — Von Dr. Wolfg. Bohn. 

dieser Zeilen über das „Leben des Buddha und die Ausbreitung 
seiner Lehre", während Bhikkhu Nyanatiloka „Die Quintessenz der 
Lehre Buddhas" zum Vortrag brachte. Einige passende Lieder 
schlössen unsere letzte Wesakfeier auf Ceylon. Bald darauf ver- 
liessen wir die Perle des Indischen Ozeans, um sie mit der Sand- 
wüste Australiens zu vertauschen! 

Mondnacht im Mai! Wieder gehen meine Gedanken ins ferne 
Land der Palmen, wo liebe braune Menschen wohnen, die uns 
durch die Stürme der Zeit die Worte des Erhabenen gerettet. 
Derselbe Mond versilbert hier die rauschende Linde, dort den säu- 
selnden Bodhibaum, und derselbe Mond sieht heute wieder die 
frohe Menge zum Kloster pilgern, und hört wieder und wieder die 
Worte der Zuflucht .... 

Derselbe Mond, der einst über den Wäldern von Uruwela er- 
glänzte, als unter der mächtigen Pappelfeige der Meister sass, der 
uns den Weg erschloss, der zum Nibbanam führt. 

Und zu dessen Gedächtnis wir heute Wesak feiern! — 

L. Ankenbrand. 



Buddhistische Grenzfragen 

Von Dr. Wolfgang Bohn 

Wenn auch heute noch die europäische Geschichtschreibung, 
deren Ergebnisse uns in der Schule vorgetragen werden, von jener 
gewaltigen Kultur, die jenseits liegt vom Ural, Kaukasus und vom 
Fünfstromland, bis wohin ja Alexander der Große gekommen war, 
keine Kenntnis nimmt, so ist es doch für alle hellhörigen Menschen 
jenseits der Griechen und Römer, der Kreuzzüge und der Türken- 
kriege längst kein Geheimnis mehr, daß unsere Kulturen des Wes- 
tens nur blasse Schatten gegenüber jener gewaltigen Geisteskultur 
und wahren Zivilisation vorstellen, die dem zertrümmerten, abge- 
kämpften und verzweifelnden Europa inmitten seiner Verwilderung 
plötzlich und überall starke tiefe Lichter aufstrahlen läßt, die den 



Von Dr. Wolfgang Bohn 141 

Eingang zu einem Friedenspfad beleuchten und eine Oase mitten in 
den Stürmen eines rückfälligen Raubtierzeitalters aufzeigen. Die 
Indisierung Europas, der europäischen Seele beginnt, raunt man 
sich in den Winkeln der Wissenschaft und des Lebens zu, die 
einen flüstern es mit leuchtenden hoffenden Augen, die anderen mit 
tiefem Entsetzen. 

Die Zeit versank, wo die gepanzerte Faust sich ballte, um Europas 
heilige, nein — unheilige Güter gegen die allen Haß zerschmelzende 
Sonne des Ostens zu wahren. Gerade der, den man als den Träger 
der Kulturverödung hinstellen wollte, zeigt sich mehr und mehr 
als der Gründer und Hort einer Kultur, an deren Verwirklichung 
bisher aur die besten Geister in ihren besten Stunden mitzuwirken 
sich scheu zu vermessen glaubten. 

Mit dem Auftreten des Buddha beginnt ein neuer Abschnitt in 
der Weltgeschichte, tritt eine neue Geisteskultur auf, die selbst 
den Untergang des Abendlandes überdauern und das Aussehen der 
nächsten Kulturwelle mitbestimmen wird. 

Mit der Person des Siegreichvollendeten tritt das indische Geistes- 
leben in das Stadium der Geschichte. Bis dahin die Arbeit einer 
ungenannten Zahl ungenannter Geistesriesen, die im Zendavesta 
und im Weda die tiefsten Geheimnisse einer Gedankenwelt bargen, 
die wahrlich nicht von einem Urzustände der Unvollkommenheit 
sondern der Vollkommenheit zeugen, die sich in Kunstbauten ent- 
luden, an denen Generationen arbeiteten, ungelohnt und ungerufen, 
im Vollgefühl der Heiligkeit ihres Tuns, wendet diese ganze Kul- 
tur plötzlich ihr Gesicht nach der einen Erscheinung hin oder von 
ihr fort, orientiert, gruppiert sich um die Erinnerung an das Lebens- 
werk dieses einen, mit dem nunmehr im arischen Osten die wirk- 
liche Geschichte beginnt. 

Und diese ganze Welt der Erscheinung wird erfüllt von dem 
Andenken an den einen, der die Wesenlosigkeit, Vergänglichkeit, 
Halt- und Inhaltlosigkeit dieser Welt des Leidens lehrt, der mit 
einer großen Geste über diese Weh- und Wütenswelt hinstreicht 
und mit einem „es lohnt sich nicht" sich abwendet und das Tor 
zu einem Jenseits alles Seins und Nichtseins öffnet, in dem zwar 
die Welt nicht unterzugehen vermag, in dem aber die sehnende 



142 Buddhistische Grenzfragen 

und leidende Seele, der Ausdruck jedes Ichs, endlich zur Ruhe kommt. 

Allen Wesen in den fünf Reichen, den Engeln, Teufeln, Ge- 
spenstern, Menschen und Tieren ist nicht nur die ganze Vergäng- 
lichkeit einer jeden Einzelerscheinung gewiß, sondern auch die 
Möglichkeit aus diesem endlosen Kreislauf der Wiedergeburten, der 
Wandlung und des Umwerdens wieder herauszukommen, endlich 
einmal und endgültig herauszukommen, um das Reich jenseits alles 
Erkennbaren und Bestimmbaren zu erreichen, in ihm zu verlöschen 
wie die zuckende Flamme der Lampe, wenn der letzte öltropfen 
verbraucht ist. Aber bis dahin ist ein weiter Weg, voll Elend und 
voll Herzeleid, voll Dürftigkeit und Bedürftigkeit, voll Not und Tod. 

Das weiß der Buddha und, erfüllt von Mitgefühl, Mitleid, be- 
fiehlt er seinen Schülern eine große universelle Hilfsbereitschaft, 
die alles übersteigt, was irgend wie als Gebot einer geistvollen 
Philosophie oder herzenstiefen Religion bisher und noch heute be- 
kannt wurde. 

Geben, unablässiges Geben, das ist der Schlüssel zum ersten Tore 
der Höhenstraße. 

Jeder gibt, was er hat, jeder, was er kann. 

Der besitzlose Mönch gibt seine Gedankenwelt, er verinnerlicht 
sich auf das große Mitleid und die große Mitfreude, er läßt seine 
Liebe nach allen Richtungen des Raumes und nach allen fünf Rei- 
chen der Ichwerdung, der Individuation ausstrahlen. 

Der Besitzende gibt reiche Gaben den Heiligen, der Gemeinde; 
in Rasthäusern, unter fruchttragenden Bäumen, an Brunnen labt 
er müde und hungernde Menschen und Tiere. 

In den fünf evangelischen Räten lehrt der Buddha: nicht töten, 
nicht ehebrechen, nicht lügen, nicht verleumden, nicht stehlen, 
nicht berauschen, sich nicht, andere nicht — und alle diese Räte 
gelten universell nicht nur für Menschen gegen Menschen, son- 
dern auch gegen Tiere und andre Wesenseinheiten, die den Men- 
schen nahe kommen. Schlachthäuser, Jagden, Kriege — der Buddha 
verwirft alles Töten. Duldsamkeit üben, jeden nach seiner Reli- 
gion selig werden lassen, und geduldig seine Schwächen ansehen 
und tragen — Buddhas großer Schüler Asoka gräbt seine Befehle 
in Erz und Stein. 



Von Dr. Wolfgang Bohn 143 

Alles, was unsere zersplitterten Selbstreformer und Lebenserneuerei 
als neue Weisheiten und Wahrheiten der Mitwelt aufzwingen möch- 
ten — irgendwo lesen wir in des Buddha Unterredungen von die- 
sen Problemen. 

So hat der Mann, der die Weltverneinung gepredigt hat wie kein 
andrer zuvor, gründlicher, tiefer und endgültiger als sein Zeitge- 
nosse Niganthaputto, der Reformator des Ordens der Jaina- Asketen, 
gerade diese tatsächliche Welt gestaltet und beeinflußt wie kein 
andrer und Gesetze aufgestellt, deren Befolgung die Lösung aller 
Schwierigkeiten der menschlichen, sozialen und politischen Fragen 
bedeuten könnte. 

Und doch : im Grunde ist das alles gar nicht so wichtig. Die 
ganze Lebenswelt der Menschen untereinander ist ja im Grunde nur 
eine Gelegenheit einander Gutes zu tun, um durch Überwindung 
der Ichsucht, durch Selbstentäußerung den Weg zur eignen Vollen- 
dung frei zu bekommen. Alle Lebensreform, alle äußere Ethik 
ist ja nur ein Haufen Bausteine, den man zusammenbringt, um sich 
eine Treppe zum Himmel und weiter hinauf zur Befreiung von 
Erde, Himmel und Hölle zur vollkommenen Erlösung, Nibbanam 
zu bauen. Die^ Reformer aller Arten und Schichtungen sind drauf 
und dran, an eine Verwirklichung eines Himmelreiches auf Erden 
zu glauben nach ihrem Rezepte. „Unsre Lehren sind uralt, schon 
der Buddha usw." Die Möglichkeiten erscheinen unbegrenzt, aus 
der Menschenwelt schweift der Blick in übersinnliche Ebenen. 

„Der Glaube an ein Leben jenseits des Grabes ist uralt, schon 
der Buddha usw." 

Man will jene Zwischenreiche erobern, rückt zusammen und sucht 
Leitstraßen zu und auf jenen Zwischenwelten. „Magie ist uralt, 
schon der Buddha usw." 

Das also ist das Reich jener Grenzfragen, wo sich der Buddha- 
Dhammo mit den Bestrebungen der Reformer, der Spiritisten, der 
Theosophen begegnet. Die Grenze ist fein, ein Gedanke nur: „Das 
alles kann ja das Leiden nicht aufheben, hält an der Vergänglich- 
keit fest, führt nicht zur Erlösung." 

Je mehr die reformerische Wirkung der Buddhalehren hervor- 
gekehrt wird, um so größer ist die Gefahr, an den Verbesserungs- 



144 Buddhistische Grenzfragen 

bestrebungen hängen zu bleiben und sie als das Wesentliche und 
Wichtige zu betrachten. 

Und genau so geht es mit jenem Grenzgebiet, auf welchem die 
Okkultisten und Theosophen den Buddha als zu ihnen gehörig fest- 
halten möchten. 

Daß der Buddha die Realität außersinnlicher Welten, Himmel, 
Höllen und Zwischenwelten angenommen hat, scheint mir über 
jeden Zweifel erhaben und gewiß zu sein. Aber in der Beschäf- 
tigung mit ihnen erblickt er nicht den Weg zur Vollkommenheit, 
sondern warnt im Gegenteil vor allen magischen Versuchen. Wo 
sie im Verlaufe des Yoga-Trainings auftauchen, da läßt er sie gel- 
ten, beobachtet der lieben Wesen Verschwinden und Wiedererschei- 
nen in den fünf Reichen, besucht im Yoga die außersinnlichen 
Welten; aber damit ist's genug, nie sucht er Menschen auf ihnen 
anzusiedeln und heimisch zu machen. 

Hermann Keyserlingk hat den Unterschied der Theosophie und 
des Buddhismus glänzend erfaßt, als er die Erkenntnis prägte : den 
Theosophen (und allen Reformern und Okkultisten) wäre es ledig- 
lich um Erfolge, Machterweiterung zu tun, der Buddhalehre, wie 

jeder echten Mystik, aber um persönliche Vollkommenheit. 

In einem tiefen Brunnen steht ein Mensch. Er ist hinunterge- 
fallen. Der Raum ist eng, feucht, voll Schlangen und Kröten. 
Was wird der Mensch zunächst wollen? 

Darüber Gewißheit suchen, wie er dorthin gekommen ist und was 
jenseits des Brunnens ist : dann ist er ein Theologe ; seine Umge- 
bung genau kennen lernen und durchforschen bis auf den letzten 
Winkel: dann ist er ein Mann der Wissenschaft; sich mit seiner 
Umwelt verständigen, sie ordnen, organisieren zwecks gemeinschaft- 
licher Gemütlichkeit: dann ist er ein Politiker; herauswollen und 
einzig darüber sinnen, wie er aus dem Brunnen herauskommt: 
dann ist er ein Buddhist. 

Heraus aus dem Elend dieses Samsara : das war Buddhas Lebens- 
arbeit. Er kam heraus und zeigte uns andern, wie's gemacht 
wird. Und die Lebensreform und der Spiritismus? Sie bleiben 
diesseits der Grenze. 



Aus dem Fünferbuch. — Von Bhikkhu Nyanatiloka 145 



Aus dem Fünferbuch des Anguttara Nikayo*) 

übersetzt von Bhikkhu Nyanatiloka 

Der Einfluss des guten Menschen 

Der in edler Familie wiedergeborene gute Mensch, ihr Mönche, 
gereicht vielen Menschen zum Heil, Segen und Wohle. Vater und 
Mutter, Weib und Kind, Dienern und Knechten, Freunden und 
Genossen, Asketen und Priestern: allen gereicht er zum Heil, 
Segen und Wohle. 

Gleichwie ein mächtiger Regen dadurch, daß er das ganze Ge- 
treide zur Reife bringt, vielen zum Heil, Segen und Wohle gereicht: 
ebenso auch, ihr Mönche, gereicht der in edler Familie wiederge- 
borene Mensch vielen Menschen zum Heil, Segen und Wohle. 

Wer aus Liebe vielen Wesen Gaben spendet, 
Engel wachen über diesen Tugendhüter, 
Diesen Wissensreichen, rein in Sitt' und Wandel; 
Und den Tugendhaften nie der gute Ruf verläßt. 

Den gerechten, sittenreinen, 
Wahren und bescheidenen Menschen, 
Der da lauter ist wie Gold: 
Wer vermag wohl den zu tadeln? 

Die Himmelswesen preisen ihn. 
Selbst Brahma kündet ihm sein Lob. 



Die fünf erwünschten Dinge 

Der Erhabene sprach zu Anathapindiko dem Hausvater: 
„Folgende fünf erwünschten, begehrten, angenehmen Dinge, o 
Hausvater, sind schwer in der Welt zu erlangen: welche fünf? 
Langes Leben, Anmut, Wohlsein, Ehre und himmlische Wieder- 
geburt. Und ich sage, o Hausvater: nicht erlangt man durch Bitten 



*) Erscheint demnächst im Verlag von Hugo Vollrath, Leipzig. 



146 Aus dem Fünferbuch 

und Wünschen diese fünf erwünschten, begehrten, angenehpien, in 
der Welt so schwer erlangbaren Dinge. Denn könnte man diese 
durch Bitten und Wünschen erlangen, wer möchte da wohl auf sie 
verzichten? 

Nicht ziemt es sich, o Hausvater, für den edlen Jünger, der 
langes Leben wünscht, daß er darum fleht, daran Entzücken findet 
oder danach giert. Zur Erlangung eines langen Lebens, o Haus- 
vater, sollte der ein langes Leben wünschende edle Jünger eben 
den zu langem Leben führenden Pfad beschreiten. Denn den zu 
langem Leben führenden Pfad wandelnd wird er ein hohes Alter 
erreichen, und langes Leben wird ihm beschieden sein, sei's himm- 
lisches sei's menschliches. 

Nicht ziemt es sich, o Hausvater, für den edlen Jünger, der An- 
mut wünscht, — Wohlsein wünscht, — Ehre wünscht, — eine himm- 
lische Wiedergeburt wünscht, daß er darum fleht, daran Entzücken 
findet oder danach giert. Zur Erlangung himmlischer Wiedergeburt, 
Hausvater, sollte der eine himmlische Wiedergeburt wünschende 
edle Jünger eben den zu himmlischer Wiedergeburt führenden Pfad 
beschreiten. Denn den zu himmlischer Wiedergeburt führenden 
Pfad wandelnd, wird er den Himmel erreichen, und himmlische 
Wiedergeburt wird ihm beschieden sein. 

Auf Alter, Anmut, Ehr' und Ruhm, 
Auf Himmelsglück und hohen Stand, 
Auf hehre Freuden wohl bedacht. 
Erwartend immer höh'res Glück. 

Der weise Mann die Strebsamkeit 
In allen guten Werken lobt. 
Denn nur durch Strebsamkeit erringt 
Der Einsichtsvolle zweifach' Heil. 

Sei's hier das Heil, in dieser Welt, 
Sei dort das Heil, in nächster Welt,: 
Den Starken, der sein Heil erschaut. 
Den nennt man einen weisen Mann." 



Von Bhikkhu Nyanatiloka 147 

Wer schenkt, wird beschenkt 

Einst weilte der Erhabene im Großen Walde bei Vesali, in der 
Halle des Giebelhauses. Und der Erhabene kleidete sich in der 
Frühe an und begab sich, mit Gewand und Schale versehen, zur 
Wohnung des Vesalier Hausvaters Uggo. Dort angelangt, nahm er 
auf dem angewiesenen Sitze Platz« Uggo, der Vesalier Hausvater 
aber trat zum Erhabenen heran und setzte sich zur Seite, und zur 
Seite sitzend sprach er zum Erhabenen: 

„Aus dem Munde des Erhabenen, o Ehrwürdiger, habe ich es 
vernommen, von ihm erfahren, daß, wer etwas Gutes verschenkt, 
Gutes zurück erhält. Etwas Gutes aber, o Ehrwürdiger, ist meine 
Reisblumenspeise.*) Möge diese der Erhabene von mir annehmen, 
von Mitleid bewogen!" 

Und der Erhabene nahm dieselbe an, von Mitleid bewogen. 

„Aus dem Munde des Erhabenen, o Ehrwürdiger, habe ich es 
vernommen, von ihm erfahren, daß wer etwas Gutes verschenkt, 
Gutes zurück erhält. Etwas Gutes aber, o Ehrwürdiger, ist mein 
Schweinefleisch mit süßen Brustbeeren;**) etwas Gutes mein mit 
öl zubereitetes Stielgemüse, — etwas Gutes mein Reisgericht, zu- 
bereitet aus dem von schwarzen Körnern gereinigten Hügelreis, mit 
mancherlei Brühen und Gemüsen, — etwas Gutes sind meine kost- 
baren Benaresgewänder. Möge diese der Erhabene von mir an- 
nehmen, von Mitleid bewogen." 

Und der Erhabene nahm dieselben an, von Mitleid bewogen. 

„Aus dem Munde des Erhabenen, o Ehrwürdiger, habe ich es 
vernommen, von ihm erfahren, daß wer etwas Gutes verschenkt, 
Gutes zurück erhält. Etwas Gutes aber, o Ehrwürdiger, ist mein 



*) So heißt eine gewisse aus Reismehl hergestellte Speise. 

**) „Ein Jahr altes Schweinefleisch, das zusammen mit süßen Brustbeeren 
gekocht und mit Kümmel und anderen Zutaten gewürzt ist. Hier sagt der 
Kommentar: „Erst wird dasselbe zusammen mit Reismehl klein gestampft» 
dann in Butteröl, das man mit Kümmel etc. versetzt hat, gekocht, darauf mit 
den vier „Süßen Zutaten** (d. i. Butter, Honig, Öl und Zucker) vermengt und 
vor dem Anrichten parfümiert." Offenbar sind hier die Lotosstengel gemeint, 
die als äußerst gesunde Nahrung gelten. — Buddha hat also keineswegs den 
Fleischgenuß an sich als verwerflich bezeichnet. 



148 Aus dem Fünferbuch 



Ruhebett, belegt mit einer Ziegenhaardecke, einer weißen Wolldecke, 
einer Decke aus feinstem Antilopenfell und versehen mit einer 
Überdecke und purpurnen Kissen an beiden Enden. Ich weiß in- 
dessen, o Ehrwürdiger, daß solches für den Erhabenen nicht an- 
nehmbar ist.*) Doch diese Bank aus Ebenholz, die über ein Tausend 
wert ist, möge der Erhabene von mir annehmen, von Mitleid be- 
wogen!" 

Und der Erhabene nahm dieselbe an, von Mitleid bewogen. Und 
der Erhabene sprach dem Vesalier Hausvater Uggo seine Aner- 
kennung aus, in den Worten: 

„Wer Gutes spendet, kriegt zurück das Gute; 
Wer gern den aufrichtigen Menschen Gaben gibt, 
Gewand und Lager, sowie Trank und Speise 
Und manche andere Bedarfsartikel. 

Der gute Mann, der, was zu geben schwer ist, 
Vergibt, verschenkt, verwirft und fahren läßt, 
— Die Heiligen als besten Boden achtend — 
Erhält zurück das Gute, das er schenkt.* 

Nachdem nun der Erhabene dem Vesalier Hausvater Uggo in 
diesen Worten seine Anerkennung ausgesprochen hatte, erhob er 
sich von seinem Platze und ging davon. Uggo, der Vesalier Haus- 
vater aber starb kurze Zeit darauf und erschien nach seinem Tode 
in einer geistgezeugten Welt wieder.**) Zu jener Zeit weilte der 
Erhabene im Jetahaine bei Savatthi, im Kloster des Anathapindiko. 
Und Uggo der Himmelssohn kam zu vorgerückter Nachtstunde, mit 
seinem herrlichen Glänze den ganzen Jetahain erleuchtend, zum 
Erhabenen heran, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und stellte sich zur 
Seite hin. Als er aber zur Seite dastand, sprach der Erhabene 
also zu ihm: 

„Geht es dir, Uggo, wohl nach deinem Wunsche?" 



*) Es ist nämlich dem Mönche nicht gestattet, hohe und üppige Lager- 
stätten zu benutzen. 

**)„d. i. in einer durch dasSelbstvertiefungs-Bewußtsein erwirkten Himmels- 
welt in den > Gefilden der Reinen« (suddhävasa)." (Komm.) 



Von Bhikkhu Nyanatiloka 149 

Ja, o Ehrwürdiger, es geht mir nach meinem Wunsche." 
Und der Erhabene sprach zu Uggo dem Himmelssohne in folgen- 
den Versen: 

„Wer Gutes schenkt, erwirbt sich selber Gutes; 
Das Höchste spendend. Höchstes man erringt; 
Erhabenes erlangt, wer solches spendet; 
Wer's Beste gibt, gelangt zum besten Ort. 

Der Mann, der Hohes, Edles spendet. 
Erhabenes als Gabe gibt. 
Erlanget Ruhm und langes Leben, 
Wo immer er ins Dasein tritt." 



Die fünf Ströme des Verdienstes 
„Fünf Ströme des Verdienstes, Ströme des Guten, gibt es, ihr 
Jünger, segenbringende, himmlische, glückerzeugende, himmelwärts- 
leitende, die zu Erwünschtem, Erfreulichem, Angenehmem führen, 
zu Heil und Segen: welche fünf? 

Demjenigen, ihr Jünger, dessen Gewand, Almosenspeise, Bett, 
Stuhl oder Arzneimittel gebrauchend der Mönch in der unbe- 
schränkten Glückssammlung verweilt, dem gehört ein unermeßlich 
großer Strom des Verdienstes, ein Strom des Guten, ein segen- 
bringender, himmlischer, glückerzeugender, himmelwärtsleitender, 
der zu Erwünschtem, Angenehmem führt, zu Heil und Segen." 



Die fünf Gewinne 
„Fünf Gewinne gibt es, ihr Mönche: welche fünf? Gewinh an 
Vertrauen, Gewinn an Sittlichkeit, Gewinn an Wissen, Gewinn an 
Freigebigkeit und Gewinn an Einsicht: dies, ihr Mönche, sind die 
fünf Gewinne." 

Das eiserne Gesetz der Natur 
Einst weilte der Erhabene im Jetahaine bei Savatthi, im Kloster 
des Anathapindiko. Da begab sich der Kosaler König Pas6nadi 
zum Erhabenen. Dort angelangt begrüßte er ehrfurchtsvoll den Er- 
habenen und setzte sich zur Seite. Gerade aber an jenem Tage 



150 Aus dem Fünferbuch 

starb Mallika die Königin. Und ein Mann trat zum Könige und 
flüsterte ihm ins Ohr: „Herr, die Königin Mallika ist gestorben." 
Diese Worte aber erfüllten den Kosaler König Pasenadi mit 
Schmerz und Gram; und mit gebeugtem Körper und gesenktem 
Haupte, vor sich hinbrütend und ohne ein Wort zu sprechen saß 
er da. Als dies aber der Erhabene erblickte, sprach* er: 

„Fünf Dinge, o König, kann kein Asket oder Priester erreichen, 
kein Engel, Teufel oder Gott, noch irgend einer in der Welt: 
welche fünf? 

Daß, was dem Altern unterworfen ist, nicht altem möge; daß, 
was der Krankheit unterworfen ist, nicht erkranken möge; daß, 
was dem Tode unterworfen ist, nicht sterben möge; daß, was dem 
Verfalle unterworfen ist, nicht verfallen möge; daß, was dem Unter- 
gange unterworfen ist, nicht untergehen möge: das, o König, kann 
kein Asket oder Priester erreichen, kein Engel, Teufel oder Gott, 
noch irgend einer in der Welt." 



Das Herausreißen des Leidensstachels 

Einst weilte der ehrwürdige Narado im Kukkutakloster bei Pa- 
taliputta. Damals gerade war dem Könige Mundo seine geliebte 
und teure Königin Bhadda gestorben; und infolge ihres Todes 
badete er sich nicht mehr, noch .salbte er sich, noch nahm er Nah- 
rung zu sich, noch erledigte er seine Geschäfte» Tag und Nacht 
lag er ganz verstört neben der Leiche der Königin Bhadda. Und 
der König Mundo sprach zu Piyako seinem Schatzmeister: 

„So lege denn, lieber Piyako, den Leichnam der Königin Bhadda 
in einen eisernen, mit öl angefüllten Sarg und bedecke ihn mit 
einem anderen eisernen Sarg, damit wir den Leichnam der Köni- 
gin Bhadda noch länger zu sehen bekommen I" 

„Ja, o Herr," erwiderte Piyako der Schatzmeister dem Könige 
Mundo und tat, wie befohlen. 

Und Piyako der Schatzmeister dachte: „Diesem Könige Mundo 
ist seine geliebte, teure Königin Bhadda gestorben; und wegen 
ihres Todes badet er sich weder, noch salbt er sich, noch nimmt 
er Nahrung zu sich, noch erledigt er seine Geschäfte. Tag und 
Nacht liegt er ganz verstört neben der Leiche der Königin Bhadda. 



Von Bhikkhu Nyanatiloka 151 

Wie wäre es nun, wenn der König Mundo sich zu einem Asketen 
oder Priester begeben wollte, damit er nach dem Vernehmen des 
Gesetzes diesen Stachel der Pein los werde?" Und Piyako dem 
Schatzmeister kam der Gedanke : „Dieser ehrwürdige Narado weilt 
da bei Pataliputta im Kukkutakloster. Über den ehrwürdigen Narado 
aber hat sich der gute Ruf verbreitet, daß er weise und erfahren 
sei, einsichtsvoll, von großem Wissen, ein trefflicher Redner von 
edler Schlagfertigkeit, dabei in vorgerücktem Alter und ein Heiliger. 
Wenn der König Mundo den ehrwürdigen Narado aufsucht, mag 
er vielleicht, nachdem er vom ehrwürdigen Narado das Gesetz 
vernommen hat, den Stachel der Pein los werden." Und Piyako 
der Schatzmeister trat vor den König Mundo und teilte ihm dies mit. 
„Gut, Piyako! " sprach der König. „Verständige den ehrwürdigen 
Narado hiervon; denn wie dürfte wohl einer wie ich daran denken, 
ohne vorherige Ankündigung einen Asketen oder Priester, der noch 
am Leben ist, aufzusuchen?" 

„Gut, Herr!" erwiderte Piyako der Schatzmeister dem Könige 
Mundo und begab sich zum ehrwürdigen Narado. Dort angelangt, 
begrüßte er ehrfurchtsvoll den ehrwürdigen Narado und setzte sich 
zur Seite nieder. Zur Seite aber sitzend sprach Piyako der Schatz- 
meister also zum ehrwürdigen Narado: „Diesem Könige Mundo, o 
Ehrwürdiger, ist seine geliebte, teure Königin Bhadda gestorben, 
und infolge ihres Todes badet er sich weder, noch salbt er sich, 
noch nimmt er Nahrung zu sich, noch erledigt er seine Geschäfte, 
Tag und Nacht liegt er ganz verstört neben der Leiche der Königin 
Bhadda. Gut wäre es, o Ehrwürdiger, daß der ehrwürdige Narado 
dem Könige Mundo das Gesetz wiese, auf daß der König Mundo 
vom ehrwürdigen Narado belehrt, den Stachel der Pein los werde." 
„Wie es denn, Piyako, dem Könige belieben mag." 
Und Piyako der Schatzmeister stand von seinem Sitze auf, be- 
grüßte ehrfurchtsvoll den ehrwürdigen Narado, ging rechts herum 
und begab sich zum Könige Mundo. Dort angelangt sprach er zu 
ihm: „Der ehrwürdige Narado, o Herr, hat seine Zustimmung 
gegeben. Möge es nun dem Herrn gefällig sein!" 

„So lasse also, lieber Piyako, recht stattliche Wagen bespannen!" 
„Gut, o Herr!" erwiderte Piyako der Schatzmeister dem Könige 



152 Aus dem Fünferbuch 



Mundo und ließ recht stattliche Wagen bespannen. Darauf sprach 
er zum König Mundo: „Bespannt, o Herr, sind deine stattlichen 
Wagen. Möge es dem Herrn nun gefällig sein!" 

Und der König Mundo bestieg seinen Staatswagen und begab sich, 
von vielen stattlichen Wagen begleitet, in voller Königspracht, zum 
Kukkutakloster, um den ehrwürdigen Narado zu besuchen. Als er 
soweit gefahren war, wie man fahren konnte, stieg er vom Wagen 
und ging zu Fuße ins Kloster. Und der König Mundo begab sich 
zum ehrwürdigen Narado. Dort angelangt begrüßte er ehrfurchtsvoll 
den ehrwürdigen Narado und setzte sich zur Seite nieder. Als er 
sich aber gesetzt hatte, sprach der ehrwürdige Narado also zu ihm : 

»Fünf Dinge, o König, kann kein Asket oder Priester erreichen, kein 
Engel, Teufel oder Gott, noch irgend einer in der Welt: welche fünf? 

Daß, was dem Altern unterworfen ist, nicht altern möge; daß, 
was der Krankheit unterworfen ist, nicht erkranken möge; daß, 
was dem Tode unterworfen ist, nicht sterben möge; daß, was dem 
Verfalle unterworfen ist, nicht verfallen möge; daß, was dem Unter- 
gange unterworfen ist, nicht untergehen möge; das, o König, kann 
kein Asket oder Priester erreichen, kein Engel, Teufel oder Gott, 
noch irgend einer in der Welt. 

Da, o König, beginnt bei dem unwissenden Weitlinge, was dem 
Altern unterworfen ist, zu altern, — was der Krankheit unterworfen 
ist, zu erkranken, — was dem Tode unterworfen ist, zu sterben, — 
was dem Verfalle unterworfen ist, zu verfallen, — was dem Unter- 
gange unterworfen ist, unterzugehen. Dabei klagt, stöhnt und jam- 
mert er, schlägt sich weinend an die Brust, gerät in Verzweiflung. 
Von diesem unwissenden Weitlinge, o König, heißt es, daß er, ge- 
troffen vom giftigen Pfeile des Kummers, sich nur selber Qualen bereitet. 

Da aber, o König, beginnt bei dem wissenden, edlen Jünger, 
was dem Altern unterworfen ist, zu altern, — was der Krankheit 
unterworfen ist, zu erkranken, — was dem Tode unterworfen ist, 
zu sterben, — was dem Verfalle unterworfen ist, zu verfallen, — 
was dem Untergange unterworfen ist, unterzugehen. Während aber 
das dem Untergang Unterworfene untergeht, da sagt er sich: „Ich 
bin ja nicht der Einzige, bei dem das dem Untergang Unterworfene 
untergeht. Soweit es eben Wesen gibt, die da kommen und gehen, 



Von Bhikkhu Nyanatiloka 153 

sterben und geboren werden: bei allen Wesen geht eben unter, 
was dem Untergange unterworfen ist. Würde ich nun, wo das dem 
Untergange Unterworfene untergeht, klagen, stöhnen, jammern, 
mir weinend an die Brust schlagen und in Verzweiflung geraten, 
so möchte mir die Nahrung nicht bekommen, der Körper elendes 
Aussehen erlangen, die Arbeiten nicht voranschreiten, die Feinde 
aber würden erfreut und die Freunde bedrückt sein. Während 
also das dem Untergang Unterworfene untergeht, klagt, stöhnt und 
jammert er nicht, schlägt sich nicht weinend an die Brust, gerät 
nicht in Verzweiflung. Von diesem wissenden, edlen Jünger aber, 
König, heißt es, daß er entfernt hat den giftigen Pfeil des Kummers, 
durch den getroffen der unwissende Weitling sich nur selber Qualen 
bereitet. Befreit vom Kummer, befreit vom Pfeile des Leidens, führt 
der wissende, edle Jünger sein eigenes Selbst zur Wahnerlöschung. 
Diese fünf Dinge, o König, kann kein Asket oder Priester er- 
reichen, kein Engel, Teufel oder Gott, noch irgend einer in der Welt." 

„Nicht durch Kummer, auch durch Klagen nimmermehr, 
Wird auch nur der allerkleinste Zweck erreicht; 
Ja, beim Anblicke des Kummers und der Klagen 
Sind die Feinde alle sogar hocherfreut. 

Doch, wenn der Weise nicht im Unglück mehr erzittert. 
Da alle Dinge abzuwägen er versteht, 
Dann wird der Feind erfüllt von großem Kummer, 
Da er sein früh'res Antlitz unverändert sieht. 

Ob durch Gespräch, durch Rat, durch edle Rede, 
' Durch Gabe oder durch Familienbrauch: 
Wodurch und wo man immer 's Heil erringen kann. 
Da ist es recht, daß man sich drum bemühe. 

Sobald man weiß, daß dieses oder jenes Ding, 
Man selbst nicht, auch kein andrer je erreichen kann, 
Soll, ohne Klagen duldend, man sich selber fragen, 
Ob man's Geschick*) denn immer fester fügen soll." 



*) genauer: das auf Verblendung und Begehren beruhende und zu immer 
erneuter Geburt führende daseinsbejahende Wirken (kamma). 



154 Fünferbuch. — Von Bhikkhu Nyanatiloka. — Buddha u. seine Legende. 

Auf diese Worte sprach der König Mundo also zum ehrwür- 
digen Narado: 

„Was ist wohl, o Ehrwürdiger, der Name dieser Gesetzesdar- 
legung?« 

„Das Herausreißen des Leidensstachels«: das, o König, ist der 
Name dieses Gesetzesvortrages. " 

„Wahrlich, o Ehrwürdiger, ein Herausreißen des Leidensstachels 
war es; denn nach dem Anhören dieses Gesetzesvortrages, o Ehr- 
würdiger, ist mir der Leidensstachel geschwunden." 

Und der König Mundo gebot Piyako seinem Schatzmeister: „So 
verbrenne denn, lieber Piyako, den Leichnam der Königin Bhadda 
und lasse einen Grabhügel darüber errichten I Von heute ab will 
ich mich wieder baden, salben, Nahrung zu mir nehmen und meinen 
Geschäften nachgehen.* 



Buddha und seine Legende 

von Eduard Schur6 

ins Deutsche übertragen von Robert Laurency 

(Fortsetzung) 

Das Wunder des Ortes war das • hochzeitliche Gemach. Durch 
eine von grünlichem Licht erhellte Vorhalle trat man ein in dies 
Heiligtum. 

Das Licht der Räucherfeuer schimmerte hinter den netzartigen 
Perlmuttergittern und beschien sanft die Pracht der Behänge des 
üppigen Lagers. — Hier ist's, wo der Prinz die langen Stunden 
der Liebe mit der schönen Yasödhara verlebte. Dürstete ihn, so 
brachten ihm Diener schneegekühlte, erfrischende Getränke. Über- 
kam ihn die Müdigkeit, so erschien eine Schar auserwählter Baja- 
deren, die einen traumhaften Tanz vor ihm unter dem Klange 
silberner Glöckchen tanzten. Und der Anblick ihrer anmutigen 
Glieder, vom bläulichen Dunste verbrannter Duftkräuter umhüllt, 
belebten seine betäubten Sinne. Sobald ihn ein Anflug von Trauer 



Von Eduard Schürt 155 



zu berühren schien, lud ihn die Musik ein, in den Armen Yasöd- 
hara's Vergessen zu suchen. — Auf Befehl des Königs war es 
verboten, auch nur den Namen des Todes an diesem Ort der Wonne 
zu erwähnen. Der Schmerz hatte keine Rechte dieses Asyl zu be- 
treten. Alle düsteren Mienen waren verbannt, Traurigkeit galt als 
Verbrechen. Die hohen Wälle des Gartens schlössen den Prinzen 
ab von der Außenwelt. Jeder Ausgang hatte drei eherne Türen und 
hundert Krieger als Hüter. — So floß in diesem Paradiese das 
betrogene Leben dahin wie ein Fluß zwischen blühenden Ufern. 
Doch selbst inmitten des Taumels der Liebe war Siddhartha nicht 
glücklich. Seine Freuden erstickten ihn ; eine früher ihm unbekannte 
Unruhe fiel wie ein Schatten auf seine Freuden, gleich wie ein 
Wolkenschatten über die silberne See. Während der Körper des 
künftigen Buddha am schwellenden Busen seines Weibes ruhte, 
schweifte sein Geist in weite Fernen. Manchmal mitten im Schlafe, 
glaubte er erstickte Klagen, entfernte Schreie zu hören. Waren es 
die zerstreuten Stimmen der Welt, seines Königreichs, die ihn 
riefen? Waren es Unglückliche, die ihre Arme hilfesuchend nach 
ihm ausstreckten? Dann erwachte er plötzlich und schrie: — »Ich 
höre, ich weiß,, ich komme!" — Als aber die schöne Yasodhara 
nicht mehr das geliebte Haupt auf ihrer Brust spürte, erwachte 
sie und fragte: — „Was fehlt meinem Herrn?" — „Ich weiß es 
nicht,* erwiderte der Prinz. Aber das Erbarmen, das aus seinen 
Blicken sprach, hatte etwas Erschreckendes, und sein Gesicht war 
verklärt wie das eines Gottes. Manchmal verlangte es Siddhartha 
nach dem Klange der Musik, um seine innere Angst los zu werden. 
Aber die Musik schien zu ihm zu sprechen: — „Das menschliche 
Leben ist wie der Wind: ein Seufzer, ein Schluchzen; hörst Du 
es? Es ist wie ein Hauch, der vorüberzieht." — Oft, nach Sonnen- 
untergang, rief er die schön gekleideten Frauen Yasodhara's, die, 
alsbald mit lächelnden Lippen auf den Ruf ihres Herrn herbeieilten. 
Man ließ sich auf den Terrassen des Pavillons nieder, Siddhartha 
und Yasodhara in der Mitte, die Frauen im Halbkreis, in lässiger 
Haltung gruppiert : eine, halb auf den Kissen liegend, berührte die 
silbernen Saiten der Laute, die Augen gegen Himmel gerichtet, eine 
andere lächelte über den ausgelassenen Einfall ihrer Gefährtin; 



156 Buddha und seine Legende 

eine dritte verbarg unter den niedergeschlagenen Augenwimpern 
ihre wachgewordene Sinnenlust. Eines Abends wandte sich der Prinz 
zu einer der Sängerinnen: — „Berichte mir," sprach er, „von dieser 
unermeßlichen Welt, von der ich noch nichts weiß!" — Die Sängerin 
begann nun die Abenteuer des Rama zu erzählen. Doch Siddhartha 
hörte nur zerstreut zu. Nach einiger Zeit sprach er: — „Weißt 
Du nichts von den zahllosen Wesen, die hinter diesen Wällen sind 
und die vielleicht unserer Hilfe bedürfen?" — »Herr, man hat mir 
nichts von ihnen erzählt," sagte die Schöne. — „So gebe man mir 
ein Roß, damit ich die ganze Welt durchstreife!" — Und er streckte 
seine Arme gegen Westen aus-, wo der Tag wie in einer großen 
feurigen Esse dahinschmolz. 

Der Prinz befahl nun seinem Wagenlenker Channo, einen Wagen 
herzurichten, um am andern Morgen eine Spazierfahrt in die Stadt 
zu unternehmen. Er war seiner Gefangenschaft müde; er wollte 
sehen, was in der Welt vor sich geht. König Suddhodana, der von 
diesem Vorhaben unterrichtet wurde, befahl daher, daß alle Ein- 
wohner sich festlich zu schmücken hätten, um so seinen Sohn zu 
begrüßen. Andern Tags durchzog Siddhartha feierlich die Stadt auf 
einem von prächtigen Ochsen gezogenen Wagen; das Volk um jubelte 
ihn ; alle Gesichter waren voll Freude. Aber an einer Straßenecke be- 
merkte der Prinz in der Menschenmenge ein wankendes Wesen, alt 
und elend. Es war nichts als Haut und Knochen. Und mit schlot- 
ternden Knien sich ihm nähernd, bat es mit keuchender Stimme 
um ein Almosen. „Was ist das für ein Wesen, das kaum einem 
Menschen gleicht?" fragte Siddhartha seinen Wagenlenker. — „Edler 
Prinz," sagte Channo, „das ist ein alter Mann. Ehemals ging er 
aufrecht, war stark und schön wie Du. Die Jahre aber haben ihn 
nach und nach aufgerieben. Jetzt gleicht sein Leben einem schwa- 
chen Funken, der bald erlischt." „Aber was macht Dich, erlauchter 
Prinz, so nachdenklich?" — „Ist das etwa die Bestimmung aller 
Menschen?" fragte der Prinz; „ja aller," sagte Channo, „wenn 
sie lange genug leben." — „Fahre denn zurück zum Palaste!" 

Siddhartha kehrte ganz in Gedanken versunken und traurig in 
seine Gemächer zurück. Und Yasodhara warf sich ihm schluchzend 
zu Füßen und sprach : „An was denkst Du ?" Nach einigem Schwei- 



Von Eduard S c h u r 6 157 



gen erwiderte er: „Deine Lippen schwellen und duften, aber bald 
werden sie dahinwelken. Deine Arme sind blühend, aber bald werden 
sie vertrocknen. An was ich denke? Ich frage mich, wie die Liebe 
ihrem Mörder, der Zeit, entgehen könnte." 

Die folgende Nacht hatte der König Suddhodana furchtbare Träume. 
Er sah im Traume seinen Sohn auf einem blitzenden Wagen sitzen, 
den vier feurige Rosse zogen, und der sein Königreich in Windes- 
eile durchfuhr, alles unter sich zermalmend. Dann wieder erschien 
ihm ein unermeßliches Rad, das beim Dahinrollen von Feuer und 
Musik begleitet war. Dann sah er im Traume, wie sein Sohn eine 
große Trommel schlug; und dadurch entstand ein furchtbares Don- 
nergetöse, das die halbe Welt durchdröhnte. Als er erwachte, stand 
ein Bote vor seinem Lager: „Erlauchter Fürst!" sprach er, „Dein 
Sohn verlangt die Stadt zu sehen, doch nicht in Prinzentracht, 
sondern wie ein Unbekannter, ein Fremder, um so seine zukünftigen 
Untertanen besser kennen zu lernen. — „Gut," erwiderte der König, 
„er mag gehen." 

Und Siddhartha begab sich, von Channo begleitet, zu Fuße in die 
Stadt. Beide waren als Händler verkleidet, und niemand erkannte 
sie deshalb. 

In einer Gasse hörte er plötzlich, wie jemand mit herzzerreißen- 
der Stimme schrie: „Helft mir, o Herr! Habt Mitleid mit mir!" 
Es war ein Unglücklicher, der von einer unheilbaren Krankheit 
befallen war und sich vor Schmerzen auf dem Boden wälzte, die 
Haut voll roter Flecken, die Stirne mit Schweiß bedeckt, den Mund 
zusammengepreßt; und die stieren Augen verzehrten sich vor in- 
nerer Verzweiflung. Krampfhaft suchte er sich aufzurichten, aber 
jedesmal fiel er kraftlos wieder zurück, fahl vor Todesangst. Sid- 
dhartha aber sprang hinzu und legte das Haupt des Unglücklichen 
auf seinen Schoß: „Was hast Du für ein Leiden?" fragte er voll 
Mitleid. Doch der Unglückliche, von einem schrecklichen Krampf 
gepackt, hatte keine Kraft mehr zu antworten. Da nahm der Wagen- 
lenker das Wort: „Prinz," sprach er, „das ist ein kranker Mann, 
von der Pest befallen. Berühre ihn nicht, das Leiden könnte sich 
an Dich heften." Der Prinz, ohne sich stören zu lassen, fragte : „Wie 
entsteht ein solches Leiden?" — „Wie die Schlange, die beißt, ohne 



158 Buddha und seine Legende 

gesehen zu werden, wie ein Tiger, der mit einem Sprung aus dem 
Dschungel tritt, oder wie ein Blitz, der den einen trifft und den 
andern verschont." — „Also leben alle Menschen in der Angst?" 

— „Sie leben also, Prinz." — „Aber wenn sie ihre Schmerzen 
nicht ertragen können?" — „Dann sterben sie." — „Sie sterben?" 

— ,Ja, am Ende kommt der Tod, gleichviel wo, gleichviel wie. 
Sieh! da ist er!" 

In diesem Augenblick ging ein Leichenzug vorüber. Die Leute 
weinten und schrieen: — „O Rama, Rama, höre! Brüder, ruft Rama 
an I" Der schon halb in Verwesung übergegangene Tote lag auf einer 
Bahre, dürr und welk; seine verzogenen Lippen ließen die Zähne 
sehen. Man brachte ihn auf einen Scheiterhaufen, und bald züngel- 
ten die Flammen um den Leichnam. Siddhartha sah die Haut 
rösten, die Knochen aus ihrem Gefüge springen und sah, wie alles 
zu einem Haufen grauer Asche zusammenfiel; hier und da ein 
weißer Knochen, — der armselige Überrest eines Menschen. „Und," 
sagte der Prinz, „ist das da das Ende aller, die leben?" — „Das 
ist das Ende aller, das ist das allgemeine Los alles Fleisches, der 
Großen und der Kleinen, der Guten und der Bösen. Und hierauf, 
sagt man, fangen sie von neuem an, zu leben, irgendwo, auf irgend- 
eine Weise, — wer weiß es? Und dann beginnt abermals der 
Kreislauf: Geburt, Leiden, der Abschied, der Scheiterhaufen. Das 
ist das Leben des Menschen." Da erhob Siddhartha seine Augen, 
glänzend von Tränen, gen Himmel ; dann richtete er sie voll himm- 
lischen Erbarmens zur Erde. Strahlend von einem glühenden Wun- 
sche, von einer unaussprechlichen Liebe, von einer grenzenlosen 
Hoffnung, schrie er auf: „O leidende Welt ! O ihr bekannten und 
unbekannten Brüder, eingezwängt in das Netz des Leidens und des 
Todes durch die unentwirrbaren Bande des Lebens! Ich sehe, ich 
fühle die Unermeßlichkeit der irdischen Todesqual, die Eitelkeit 
aller Wünsche, die Sinnlosigkeit und die Qual alles Lebens. Denn 
die Freuden endigen im Leid, die Jugend im Alter, die Liebe in 
Trennung, das Leben im widerwärtigen Tod ; der Tod in neues un- 
bekanntes Leben, das den Menschen von neuem an das Rad des Da- 
seins fesselt. Auch ich wurde betört durch Sinnenreize. Aber der 
Schleier ist zerrissen. Und wer könnte diesen Schmerz der Welt 



Von Eduard Schure 159 



mit ansehen, ohne ihr zu Hilfe zu eilen? Wenn es Branma nicht 
kann, werde ich es dürfen, ich? Ich werde die Zuflucht, die Rettung 
finden. Wie? Noch weiß ich sie nicht. Aber es muß sein, sollte ich 
sieben Mal die sieben Welten durchwandern, sollte ich die Leiden 
jedes Lebens durchkosten müssen, sollten alle Qualen der Hölle 
auf mich fallen, wenn nur die Welt gerettet wird ! 

„Channo I kehren wir nach Hause zurück. Ich habe genug. Meine 
Augen haben das gesehen, was ich zu sehen wünschte." 

In der folgenden Nacht träumte Yasodhara, daß die Jasminblüten 
ihres Kranzes welk geworden seien und daß ihr eheliches Lager 
in ein Grab sänke. Sie erwachte und sah den Prinzen neben sich 
liegen, den Kopf gestützt auf seinen Arm, die Augen weit geöffnet, 
bekleidet mit seinem seidenen Kleid, das von Juwelen leuchtete, 
Sie erzählte ihren Traum und bat ihn um Aufklärung desselben. „Was 
auch komme," erwiderte ihr Siddhartha, „sei versichert, daß meine 
Liebe zu Dir treu und unwandelbar ist". Nachdem sie wieder ein- 
geschlafen war, erhob sich Siddhartha. Eine innere Stimme sagte 
ihm: „Die Zeit ist gekommen" und in dem leuchtenden Sternen- 
himmel glaubte er zu lesen: „Die Stunde des Entschlusses ist da! 
Wähle die Straße der Größe oder den Weg der Wahrheit: zu 
regieren als König der Könige oder allein zu gehen ohne Krone, 
ohne Vaterland, um die Welt zu erlösen." Er antwortete : „Ich will 
nicht die Krone, die man mir bestimmt hat. Ich will nicht, daß 
die Räder meines Wagens blutig rollen von Sieg zu Sieg, damit 
die Menschen sich meines Namens erinnern. Ich werde die ein- 
samen Pfade dieser Erde gehen, duldsam und liebevoll, aus ihrem 
Staub mein Lager bereiten, in ihren Wüsten wohnen, und in allen 
Wesen meine Brüder lieben. Denn meine ganze Seele ist voll von 
Barmherzigkeit für die Leiden der Welt. Ich habe ein Königreich 
zu verlieren; ich werde dieses Königreich aufgeben aus Liebe zu 
den Millionen geängstigter Herzen, die eines Tages mir gehören 
sollen, gerettet durch das Opfer, das ich zu dieser Stunde bringe ! 

Er beugte sich über Yasodhara, sah sie lange und liebevoll an 
und sagte : „Niemals wieder werde ich hier schlafen." Die Tränen, 
die er auf ihr Gesicht herabfallen ließ, erweckten sie nicht. Sie 
schlief glücklich unter dem Versprechen einer ewigen Liebe ! Aber 



160 Buddha und seine Legende 

r 

sie verstand sie noch nicht, diese Liebe, die in der Entsagung größer 
ist, als im Besitz. Siddhartha dachte an all das, was sie leiden würde, 
und fühlte sein Herz beklommen. Drei Mal beugte er sich über sie, 
um sie zu wecken, und drei Mal hielt er sich zurück. Endlich be- 
deckte er das Gesicht mit seinem Mantel und wandte sich ab. 

Dann ging er festen Schrittes Channo zu wecken und befahl, 
ihm sein Pferd zu satteln. Der treue Diener versuchte, seinen Herrn 
von seinem Vorhaben abzubringen, aber Siddhartha legte ihm 
Schweigen auf und bat ihn, ihn auf seiner Flucht zu begleiten. 
Die Wachen schliefen. Die beiden Reiter eilten durch die Tore und 
galoppierten die ganze Nacht hindurch. Beim ersten Tagesschirfimer 
stieg der Prinz vom Pferde und sagte zu Channo : , Jetzt reite zu- 
rück und bringe mein Pferd in den Palast, denn ich will meinen 
Weg zu Fuß fortsetzen und von heute an einsam leben." Dann 
legte er seinen perlengeschmückten Turban ab und sagte zu Channo : 
„Übergib diesen Turban dem König, meinem Vater, und erzähle 
ihm, was Du gesehen hast.*' Und mit dem Schwert, das er zog, 
schnitt er sich sein langes Haar, das Zeichen der Kriegerkaste, ab. 
„Ich bin von heute ab weder König, noch Prinz oder Krieger. Man 
wird mich nicht mehr Siddhartha (der Segenspendende) nennen, 
sondern Sakia-Muni (der Asket aus dem Sakiageschlecht). Ich will 
nicht durch das Schwert herrschen, aber durch das Gesetz der 
Vernunft. Geh, bringe dem König, meinem Vater*, dieses Schwert 
und diese meine Haare. Das ist alles, was ihm von seinem Sohne 
bleibt. Er wird mich erst wieder sehen, wenn ich die Wahrheit ge- 
funden habe. Lebe wohl, Channo. Erinnere Dich meiner Worte, und 
dafür, daß Du mich aus meiner früheren Heimat hierher begleitet 
hast, sei gesegnet." 

Der treue Diener kniete vor dem Prinzen nieder mit einer letzten, 
stummen, inständigen Bitte. Aber sein Herr sah ihn mit einem 
solchen Blick an, daß Channo glaubte, zwei Strahlen aus seinen 
Augen hervorbrechen zu sehen. Er warf sich nochmals zu Boden 
nieder, dann schwang er sich auf sein Pferd und ritt zurück, um 
dem König die traurige Botschaft zu überbringen. 

in. 

So schritt denn der Prinz seines Weges ohne sich umzusehen. 



Von Eduard Schur6 161 



Als sich der Galopp der Pferde hinter ihm verloren hatte und all- 
mählich der bleiche Tag über einer elenden Stadt an einem steini- 
gen Hügel anbrach, atmete er tief auf wie nie zuvor. Nichts mehr 
besitzend fühlte er sich vollständig frei. Nichts wird mehr zwischen 
ihn und die Wahrheit treten, der er mit unerschütterlicher Ent- 
schlossenheit auf dem steinigen Pfad der Entsagung folgen will. Er 
trat bei einem Händler ein, tauschte sein fürstliches Gewand gegen 
das gelbe eines Asketen ein und griff zum Napf des Bettlers, ent- 
schlossen, nur noch von Almosen zu leben. 

Nachdem er die Gastfreundschaft mehrerer Brahmanen genossen 
hatte, ging er zu dem berühmtesten unter ihnen; Arata Kalama, 
der dreihundert Schüler hatte. Als Sakia-Muni zum ersten Mal in 
dieser Versammlung erschien, wendeten sich alle Augen zu ihm 
hin, und ein Murmeln der Bewunderung lief durch die Reihen der 
Zuhörer, so schön war er und so viel Licht verbreitete er um 
sich. Doch, ohne jemanden zu beachten, ganz in Gedanken, folgte 
er dem Unterricht der Lehrsätze. Nach einiger Zeit sagte der Prinz : 
„Diese Lehrsätze sind nicht wahrhaft befreiend. Die Anwendungen, 
die dieser Brahmane lehrt, beschönigen nur das Elend des Lebens. 
Das Glück, das ^er sucht, ist noch das des Fleisches und sein Gott 
ist ein Gott des Fleisches. Er erhebt den Menschen nur für einen 
Augenblick über das Leben und schleudert ihn wieder zurück in 
den Strudel der Leiden. Ich suche die höchste Wahrheit, den Sieg 
über Zeit und Raum." 

Nachdem er bei dem Brahmanen nicht gefunden hatte, was er 
suchte, kam er zu dem Entschluß, sich der völligen Einsamkeit und 
der Askese zu weihen. Er zog sich auf den Berg Pandava zurück, im 
Lande Magadha und richtete sich in einer von wilden Feigenbäumen 
überdachten Höhle ein, auf Laub schlafend, wo er sich der Kälte 
der Nächte und der Feuchtigkeit des Morgens aussetzte, von den 
wenigen Speiseresten lebend, die ihm die armen Bauern brachten. 
Des Nachts hörte er den Schrei des Schakals und das Brüllen des 
Tigers; dann dachte er an die menschlichen Leiden und an die 
Möglichkeit, sie zu stillen. Wenn er dann von der Höhe des Hügels 
aus die Erde eingeschlafen und im Dunkel sah, umfing sein Ge- 
danke alle lebenden Wesen mit unendlicher Liebe und tiefem Mit- 



162 Buddha und seine Legende 

gefühl, da sie selbst ihre Sorgen vergessen hatten. Manchmal blieb 
er so in Betrachtung, bis die Morgenröte sich in ihrem Flammen- 
kleid erhob. Wenn er sich dann vor dem Wiederaufleben ihres 
Kreislaufes verneigte, erflehte er innere Erleuchtung; aber noch 
war er nicht reif dafür. 

Eines Tages, auf halbem Wege der Stadt, begegnete er einigen 
Büßern, die sich selbst qualvolle Torturen auferlegt hatten; der 
eine hatte einen verdorrten und vollständig erstarrten Arm dadurch, 
daß er ihn ständig unbeweglich über sich hielt; ein anderer hatte 
sich ein scharfes Eisen quer durch die Sehne gestoßen, der dritte 
eine von der Sonne verbrannte Haut und erblindete Augen. Die 
Unglücklichen glaubten den Geist lebendig zu machen durch Ver- 
stümmelung des Körpers. Siddhartha sah sie mit Schmerz und Mit- 
leid an und sagte zu ihnen: „Meine Brüder, antwortet mir, ich bin 
der, der die Wahrheit sucht. Warum fügt ihr dem Leiden des Lebens 
noch andere hinzu?" Sie erwiderten: „Es geschieht deshalb, daß 
unsere Seelen die glorreichen Sphären erreichen und einen Glanz, 
der alle Vorstellungen hinter sich läßt. Wir nehmen diese Schmerzen 
auf uns, um Götter zu werden." — „Also befreit von Euren Kör- 
pern, werdet Ihr ewig glücklich sein?" — „Nein, ewig währt allein 
der große Brahma. Wir sind noch im Kreislauf und müssen unser 
Leben von neuem beginnen." — „Warum dann zerstört Ihr Euren 
Körper für Freuden, die an ihrer Stelle von selbst eintreten müssen 
und die doch nichts als Träume sind?" — „Wenn du einen bes- 
seren Weg weißt, sag' ihn, wenn nicht, so gehe und der Friede sei 
mit dir!" Daraufhin ging der Prinz traurig fort und dachte bei sich: 
„Diese Menschen wünschen zu leben und wagen nicht, das Leben 
zu lieben, aber foltern sich mit den blutigsten Martern. Sie ver- 
stümmeln ihren Körper und wissen nichts anders, als ihre Wünsche 
zum Schweigen zu bringen. Nein, diese zwecklose Askese ist nicht 
der Weg zum Heil. Ich muß ihn an einem neuen Zufluchtsort suchen 
durch Besonnenheit und durch innigste Betrachtung." 

(Fortsetzung folgt.) 



Was ist Buddhismus? — Von Professor P. Lakshmi Narasu 163 



Was ist Buddhismus?*) 

von Professor P. Lakshmi Narasu in Madras, Autorisierte Übersetzung von 
Dr. Ferdinand Hornung in Leipzig-KZ. 

Buddhismus, oder als was er bei seinen Anhängern bekannt ist, 
Saddharma^) ist die von den Buddhas gepredigte Religion. Ein 
Buddha ist jemand, der Bodhi erlangt hat. Bodhi bedeutet einen 
idealischen Zustand geistiger und sittlicher Vollkommenheit, welcher 
vom Menschen durch rein menschliche Mittel erreicht werden kann. 
Von den vielen, welche Bodhi erlangt haben, ist geschichtlich am 
besten bekannt Gautama Sakyamuni. ^) 

Allgemein wird Gautama Sakyamuni als der Stifter des Saddharma 
angesprochen. Aber der Sakyamuni selber bezieht sich in seinen 
Vorträgen auf Buddhas, welche die gleiche Lehre vor ihm verkündigt 
hatten. Gautama Sakyamuni ist keine Menschwerdung Gottes oder 
einer von dessen Verwandten oder Dienern, noch ist er ein bevor- 
rechtigtes menschliches Wesen, auserwählt als das besondere Mittel 
zur Mitteilung einer übernatürlichen Offenbarung an die Mensch- 
heit. Nirgends beansprucht er, irgend etwas mehr zu sein, als ein 
menschliches Wesen. Er bekennt sich zu nichts mehr, als daß er 
Menschen den Weg zeige, auf welchem sie sich selber ebenso von 
Kummer und Leid befreien könnten, wie er sich selbst davon be- 

^) Das Original, welches dieser Übersetzung zu Grunde liegt, ist ein im 
Jahre 1916 in Madras erschienenes Werkchen des schon seit einer Reihe 
von Jahren in buddhistischen Kreisen bestens bekannten Verfassers. Sein 
ursprünglich alleiniger Zweck war die Verkündigung und Ausbreitung der 
Buddhalehre in Indien. — Inzwischen hat es nicht nur dort so viel Beifall 
gefunden, daß eine Neuauflage nötig geworden ist, sondern auch außerhalb 
Indiens hat man seinen Wert erkannt. Außer der hier vorliegenden deutschen 
wird zur Zeit auch eine Übersetzung ins Japanische herausgegeben. — Zum 
Inhalt haben wir nichts zu bemerken; er wird für sich selber sprechen. 
Einige Bemerkungen des Übersetzers dienen vielleicht dazu, auch denjenigen 
Lesern, die noch nicht mit der buddhistischen Denk- und Ausdrucksweise 
vertraut sind, ein volles Verständnis zu sichern. — 

") Pali: saddhammo, „Die erhabene Lehre". — 

*) »Der Weise aus dem Stamme der Sakyas." Ein anderer Ehrentitel des 
Buddha ist Sakyasimha, „der Löwe aus dem Sakyastamme"; siehe weiter unten. — 



164 Was ist Buddhismus? 

freit habe. Er sagt uns klar und deutlich, daß jeder Mensch seine 
Erlösung selber zu bewirken hat. Ermahnt hat er seine Anhänger, 
seiner individuellen Persönlichkeit durchaus keine Wichtigkeit bei- 
zulegen, sondern jederzeit seiner Lehren eingedenk zu sein. Er 
sagte: „Die ihr sagt, ihr sehet mich, und habt doch gegen die 
Lehre gehandelt, ihr werdet von mir nicht gesehen; aber auch 
wenn ihr zehntausend Meilen fern seid, selbst dort weilt der Mann, der 
die Lehre befolgt, immer vor meinen Augen." Gleichwohl ist die 
Persönlichkeit des großen Lehrers nicht ohne Bedeutung. Inso- 
fern nämlich, als diese Persönlichkeit die praktische Verkörperung 
seiner Lehren ist, dient sie dem Schüler als ein Vorbild, welches 
er nachahmen und dem er nachfolgen kann. Nicht nur der Enthüller 
der von ihm .gefundenen Wahrheiten ist er, sondern zugleich auch 
das Vorbild des Erleuchtungsvorganges, und so der Erlöser, dessen 
in seine Tat übersetzte persönliche Erfahrung die sittlichen und 
geistigen Verhältnisse der Menschen ändert. 

Bringt man alle sagenhaften Ausschmückungen davon in Abzug, 
so sind die Hauptereignisse in Gautama^) Buddhas Leben bald 
mitgeteilt. Geboren war er um die Mitte des sechsten Jahrhunderts 
vor der christlichen Zeitrechnung (563 v. Chr.) in der Nachbar- 
schaft von Kapilavastu, jetzt Padeira, im Norden des Distriktes 
von Gorakhpur. Zu Kapilavastu^) wohnten die Oberhäupter des 
Sakyastammes. Gautamas Vater, Suddhodana, und seine Mutter, 
Maya Devi, gehörten diesem Stamme an. Die Mutter des Prinzen 
Siddhartha^) starb sieben Tage nach seiner Geburt. Seine ersten 
Lebensjahre verbrachte Siddhartha in Behaglichkeit, Luxus und 
Pflege unter der gütigen Fürsorge seiner Tante von mütterlicher 
Seite, Prajapati Gautami. ^) Keine Mühe wurde gespart, ihm seinen 
Lebensweg zu ebnen. Im Alter von sechzehn Jahren wurde er 
mit seiner Base Yasodhara vermählt, und sie hatten einen Sohn 
namens Rahula. Fünfundzwanzig Jahre lang sah Siddhartha nur 
das Schöne und Angenehme. Um diese Zeit aber berührten ihn 



^) Pali: Gotamo, des Buddha Familienname. 

2) Pa: Kapilavatthu. 

^) Pa: Siddhattho, der persönliche Name des Buddha. 

*) Pa: Pajapati Gotami. 



Von Professor P. Lakshmi Narasu 165 

die Sorgen und Leiden der Menschheit aufs tiefste und ließen ihn 
nun über das Lebensproblem nachdenken. Unter dem Antriebe 
eines mächtigen Verlangens, den Ursprung von Kummer und Leid 
aufzudecken und das Mittel, sie auszurotten, entsagte er, neunund- 
zwanzig Jahre alt, allen Banden des Familienlebens und zog sich 
in die Wälder zurück, wie das zu seiner Zeit üblich war. 

Nach dieser Entsagung stellte sich Sakyasimha unter die geistige 
Führung zweier berühmter Brahmanen, Arada Kalama und Udraka 
Ramaputra^). Ersterer war offenbar ein Anhänger des Kapila, des 
berühmten Begründers des Sankhyasystemes ; er legte großes Ge- 
wicht auf das Glauben an einen Atman.^) Er lehrte, die Seele er- 
lange vollkommene Befreiung, wenn sie von den Beschränkungen, 
die der Stoff auf sie ausübt, befreit werde. Diese Lehre befriedigte 
jedoch' Sakyasimha nicht, und so verließ er Arada Kalama und 
begab sich in den Unterricht Udraka Ramaputras. Letzterer, wahr- 
scheinlich ein Anhänger des Vaiseshikasystems, verbreitete sich 
ebenfalls weitläufig über die Frage des „Ich", doch legte er mehr 
Gewicht auf die Wirkung des Karma und auf die Seelenwanderung. 
Obgleich Sakyasimha nun wohl die Wahrheit in der Karmalehre 
erkannte, vermochte er nicht, sich zum Glauben an das Vorhanden- 
sein einer Seele oder an deren Wanderung zu bekehren. Daher 
verließ er Udraka ebenfalls und ging zu den Priestern, die den 
Tempeldienst versahen, um zu versuchen, ob er vielleicht von 
diesen den Weg, dem Kummer und dem Leiden zu entrinnen, er- 
fahren könnte. Aber die unnötigen, grausamen Opfer auf den Al- 
tären der Götter empörten des Sakyasimha edles Naturell, und so 
zeigte er den Priestern die Vergeblichkeit, böse Taten durch Zer- 
störung von Leben sühnen zu wollen, und die Unmöglichkeit, durch 
die Vernachlässigung sittlicher Lebensführung Religion zu betätigen. 

Auf seiner Wanderung im Suchen nach einem besseren System 
kam dann Sakyasimha zu einer Ansiedelung von fünf Schülern 
des Udraka und sah dort, wie diese strenge Buße übten. Er be- 
wunderte ihren Eifer und Ernst und legte sich nun ebenfalls auf 
Kasteiung. Sechs Jahre lang verrichtete er die allerstrengsten aske- 



^) Pali: Alaro Kalamo und Uddako Ramaputto. 

2) Pali : atta, ein unvergängliches „Selbst", „Ich", oder eine „unsterbliche Seele". 



166 Was ist Buddhismus? 

tischen Bußübungen bis sein Körper eingeschrumpft war wie ein 
verdorrter Zweig. Als er nun eines Tages im Flusse gebadet hatte 
und sich anstrengte, das Wasser zu verlassen, konnte er wegen 
seiner Schwäche nicht in die Höhe. Doch mit Hilfe eines herab- 
hängenden Zweiges richtete er sich endlich auf und verließ den 
Fluß. Aber wie er nun zu seinem Wohnplatze zurückkehrte, wankte 
er wiederum und fiel zu Boden, und vielleicht wäre er dort um- 
gekommen, hätte ihn nicht ein Hirtenmädchen, welches zurällig 
gerade dort, wo er ohnmächtig geworden war, vorbei kam, etwas 
Reismilch gegeben. Nachdem er sich so erfrischt hatte, merkte er, 
daß Asketik, statt zur Erlösung zu führen, nur eine Schwächung 
des Körpers sowohl, wie des Geistes herbeiführt. Demgemäß gab 
er alle Asketenübungen auf. 

Nun begann er einen Lehrgang des Nachdenkens und der Selbst- 
prüfung, nur seiner eigenen Vernunft und Einsicht vertrauend. 
Als er eines Nachts in tiefem Nachdenken dasaß, bemächtigte sich 
seiner das Bewusstsein richtiger Einsicht. Die Lösung der Lebens- 
probleme, über die so lange nachgedacht war und die wie schlafend 
dagelegen hatte, trat einer Eingebung vergleichbar plötzlich vor sein 
Bewusstsein. So also erlangte er die Sambodhi^) und wurde ein 
Buddha. Da diese Sambodhi ohne äußeren Beistand eines Lehrers 
oder eines Gottes, sondern nur durch eigene Kraft erlangt war, 
wird sie auch Svabodhanam genannt. 

Da ein Mensch, der die Buddhaschaft erlangt hat, keinen anderen 
Beruf hat, als für andere zu leben, indem er ihnen den Weg zeigt, 
auf dem die Erlösung zu erreichen ist, ging der Buddha nach Be- 
nares, um dort das Evangelium der Erlösung zu verkünden. Dort 
traf er die fünf Schüler des Udraka, deren Asketenübungen ihn 
veranlasst hatten, sich auf die Selbstkasteiung zu legen. An sie 
richtete er seine erste große Lehrrede, das Dhammacakkappavatana- 
suttam, ^) in welcher er die vier großen Wahrheiten auslegte und 



*) Die vollkommene Erleuchtung, Weisheit. 

^) Dhammacakkappavatanam heißt wörtlich übersetzt: „Das Umdrehen des 
Rades der Lehre.** Suttam = Lehrrede. — Wir bedienen uns noch heute 
unter entsprechenden Verhältnissen eines ganz ähnlichen Bildes. Denn „Agi- 
tationsrede" bedeutet, wörtlich übersetzt, eine „In-Bewegung-setze-Rede." — 



Von Professor P. Lakshmi Narasu 167 

den Edlen Achtfachen Pfad, und bekehrte sie. Sie empfingen die 
Ordination und bildeten den ersten Kern der heiligen Brüderschaft 
der Jünger, die als der Sangha bekannt ist. Eines Abends bald nachher 
bekehrte der Buddha den Yasa, den jugendlichen Sohn eines reichen 
Bankiers zu Benares, der von den Leiden dieser Welt sehr be- 
kümmert wie ein Irrsinniger umherging. Auch die ehemaligen vier- 
undfünfzig frohsinnigen Genossen Yasas schlössen sich gleichfalls 
dem Sangha an. "Diese sechzig sandte der Buddha als Missionare 
in verschiedene Richtungen aus, daß sie seine Gute Lehre ver- 
künden sollten, und ermahnte sie mit diesen Worten: „Gehet nun, 
o Bhikkhus, zur Wohltat für die vielen, zum Wohle der Mensch- 
heit, aus Mitleid für die Welt. Prediget die Lehre, die da herrlich 
ist im Anfange, herrlich in der Mitte und herrlich am Schlüsse, 
im Geiste sowohl wie im Wortlaut. Es gibt Wesen, deren Augen 
nur wenig mit Staub bedeckt sind, aber wenn ihnen die Lehre 
nicht verkündigt wird, so können sie die Erlösung nicht erlangen. 
Verkündet ihnen ein Leben der Heiligkeit. Diese werden die Lehre 
verstehen und sie annehmen." 

Während seines rührigen Lebens als Lehrer bekehrte der Buddha 
viele, hoch un4 niedrig, reich und arm, gelehrt und ungelehrt, 
Brahmanen und Chandalas, Jainas und Ajivakas, Familienväter und 
Asketen, Männer und Frauen. Alle Klassen und Stände der Menschen 
lieferten ihm Anhänger in großer Zahl, Ordinierte ebenso wie 
Laien. Unter seinen Bekehrten befand sich der König Bimbisara 
von Magadha, König Prasenajit*) von Kosala, König Udayana von 
Kausambi. Alle ohne Unterschied der Kaste oder Klasse wurden 
zum Sangha zugelassen. Unter den in den Theragatha^) erwähnten 
Ältesten finden wir Angulimala, den gefürchteten Räuber von 
Kosala; Sunita, den Straßenkehrer; Svapaka, den Hundeesser; Svati, 
den Fischer; Nanda, den Kuhhirten; Upali, den Barbier. Unter 
den Bhikkhunis^) war Ambapali, die Buhlerin von Vaisali; Vimala, 
die Tochter einer Prostituierten; Purna, die Tochter einer Sklavin; 
und Chapa, die Tochter eines Jägers. Die Geschichte der Bekehrung 



*) Pali: Pasenadi. 

*) Theragatha, von Bhikkhus verfasste Gedichte. 

*) Bhikkhuni, buddhistische „Nonne". 



168 Was ist Buddhismus? 

Sunitas, wie sie von ihm selber zum besten gegeben ist, zeigt, wie 
leicht es für die Zugehörigen der sogenannten unteren Klassen 
war, dem Sangha beizutreten. Zu Sunita sagte der Buddha: „Nimm 
deine Zuflucht zu meiner Lehre. Tritt eifrig das religiöse Leben an. 
Durch Einsicht geschieht es, daß man die Erlösung erlangt, und 
nicht dadurch, daß man von einer bestimmten Kaste ist. Erlösung 
ist nicht das Vorrecht irgendwelcher Kaste. Gerade wie die Luft 
allen Kasten gemeinsam ist, so auch können alle gleichmäßig die 
Frucht des Pfades erlangen." Während der neun Monate der schönen 
Witterung ging Sakyamuni predigend von Ort zu Ort. Oft besuchte 
er die Kranken und die Beraubten und machte seine Tour in die 
Gebiete, die von der Pest heimgesucht waren. 

Die Darlegungsmethode des Buddha unterschied sich von der 
der Brahminen vollständig. Statt seine Gedanken in jener kurzen, 
bündigen Form darzubieten, die so charakteristisch für die Brahminen 
ist, teilte er seine Lehren in der Form von Reden mit. Statt dunkeler 
Lehren, die fast im Geheimen nur einer kleinen Zahl anvertraut 
werden, sprach er zu großen Hörerkreisen, die aus allen jenen 
bestanden, die ihn zu hören wünschten. Er sprach in einer Weise, 
die allen verständlich war, und versuchte dabei durch häufige 
Wiederholungen seine Gedanken selbst den wenigst aufmerksamen 
Köpfen und den widerspenstigsten Gedächtnissen einzuprägen. Er 
paßte sich der Auffassungsfähigkeit seiner Hörer an. Zuerst sprach 
er über die Verdienstlichkeit des Almosengebens, über die Pflichten 
der Sittlichkeit, über zukünftige Glückseligkeit, über die Gefahren, 
die Nichtigkeit, das Beschmutzende der Lüste und über die Segnungen 
des Aufgebens des Gelüstes. Sah er dann, daß der Geist seines 
Zuhörers vorbereitet war, unvoreingenommen, eindrucksfähig, frei 
von Hindernissen des Verständnisses der Wahrheit, erhoben und 
glaubend, dann trug er die besondere Buddhalehre vor, nämlich 
das Leiden, die Ursache des Leidens, des Leidens Aufhören und 
den Pfad. Allgemein griff er zu Gleichnissen und Parabeln, Fabeln 
und Volkssagen, geschichtlichen Anekdoten und Episoden, Sprich- 
wörtern und volkstümlichen Reden. Wünschte er eine Moral hin- 
zustellen oder einen Tadel anzubringen, so erzählte er eine Anekdote 
oder eine Fabel, die deren besondere Merkmale in der Darstellung 



Von Professor P. Lakshmi Narasu 169 

vormaliger Existenzen des Buddha selber, wie der anderrf in Betracht 
kommenden Personen behandelte. Derartige Anekdoten sind als 
die Jatakas bekannt. 

Zu Sakyamunis Zeit befand sich Indien in einem Zustande 
geistiger Gärung. Noch viele andere religiöse Lehrer gab es da, 
die weniger bekannt und berühmt sind, als Gautama der Buddha. 
Sechs Erzketzer erwähnen die buddhistischen Bücher im besonderen. 
Aus Eifersucht auf des Buddha große Beliebtheit verschworen sich 
die Ketzer, seinen guten Ruf zu beflecken und ihn in den Augen 
des Volkes zu Grunde zu richten. Doch alle ihre Versuche waren 
vergeblich. Auch ihn ums Leben zu bringen versuchten sie, aber 
sie hatten keinen Erfolg. 

Auf seiner letzten Predigttour kam der Buddha nach der Stadt 
Patna. Dort wurde er krank. Von diesem Orte ging er nach Kusinagara, 
im östlichen Teile von Nepal, und dort starb er im hohen Alter 
von achtzig Jahren, um 483 v. Chr. Noch in den letzten Stunden 
seines Lebens erklärte er einem Fremden den Edlen Achtteiligen 
Pfad und bekehrte ihn zur wahren Lehre. Seine letzten, an seine 
Anhänger gerichteten Worte waren: „Verfall ist allen zusammen- 
gesetzten Dingen eigen. Strebet nach Weisheit und bewirkt mit 
Eifer euere Erlösung." — 

Die Überreste des Buddha wurden von den Mallas von Kusinagara 
mit alle den Ehrungen und dem Prunk, die einem König der 
Könige zustehen, eingeäschert. Nach der Verbrennung wurden die 
Überbleibsel unter acht verschiedene Plätze verteilt und in hierzu 
besonders errichteten Dagobas aufbewahrt. Es heißt, der Kaiser 
Asoka habe diese alten Dagobas geöffnet und die darin enthaltenen 
Reliquien über sein ganzes großes Reich hin verteilt und mehr als 
achtzigtausend Stupas ^) und Dagobas zu ihrer Aufbewahrung gebaut. 

Das ist das Leben des Gautama Sakyamuni, befreit von den 
phantastischen Zutaten einer frommen späteren Zeit. Daß dieser 
unter den Religionsstiftern eine hervorragende Stelle einnimmt, ist 



^) Ein Stupa, m., Pali: thupa, ist ein Denkmal aus Steinen und Erde in 
Gestalt eines Hügels. Werden Reliquien in ihm aufbewahrt, so heißt der 
dieselben umschließende Raum und hiermit auch wohl der ganze Hügel 
dhatugarbha, Pali dhatugabbha, Singhalesisch dagaba oder Dagoba. 



170 Was ist Buddhismus? 

keine Frage. Sein würdevolles Betragen, seine hohen Verstandes- 
gaben, sein durchdringender Blick, seine Redegewalt, die Festigkeit 
seiner Überzeugungen, seine Leutseligkeit, Freundlichkeit und Bie- 
derkeit und das Anziehende seines Charakters — alles dieses legt 
Zeugnis ab für seine Größe. Für Barth61emy Saint-Hilaire, einen 
gegnerischen Kritiker des Buddhismus, gibt es, mit der einzigen 
Ausnahme Christi, keine lauterere, keine rührendere Gestalt unter 
den Religionsstiftern, als den Buddha. Jedoch in des unparteiischen 
Beurteilers Augen ragt Gautama Sakyamuni über den Gründern 
aller anderen Religionen durch sein Leben, seinen persönlichen 
Charakter, durch die von ihm in Anwendung gebrachten Methoden 
der Propaganda und seinen schließlichen Erfolg weit hervor. In 
ihm waren Eigenschaften echtester Fürstlichkeit mit der Einsicht 
eines Weisen und der leidenschaftlichen Hingebung eines Märtyrers 
vereinigt. Er gab eine Probe zu den Glaubensbekenntnissen seiner 
Vorfahren, aber zuletzt schuf er sich einen edleren Glauben. Seine 
Lehre War vollendet, aber niemals beanspruchte sie, eine über- 
natürliche Offenbarung zu sein. Richtig beurteilte er die innerliche 
Stärke der Fähigkeit eines Menschen, seine Erlösung ohne äußere 
Hilfe zu bewirken. In der Tat, der Tathagata*) ist das Licht der 
Welt. Kein Wunder ist's, daß selbst diejenigen, welche seine Lehre 
anfangs verwarfen, ihn schließlich in ihr Pantheon aufnehmen 
mussten, indem sie ihn zu einem Avatara^) gerade eines derjenigen 
Götter machten, die er verabschiedet hatte. 

Der Buddhismus erkennt die Erfahrung und das folgernde Ur- 
teilen als die einzigen Quellen des Wissens an und verwirft jedes 
Zurückgreifen auf Autorität oder Offenbarung als wertlos. Zu den 
Kalamern sagte der Buddha: „Glaubt nicht an Überlieferungen, 
bloß weil sie viele Generationen hindurch und an vielen Orten 



*) Tathagata, wörtlich: Der „So-Gekommene." Dieses ist der Beiname, 
welchen der Buddha gebraucht zu haben scheint, wenn er von sich selber 
sprach. — 

') Avatara ist die Verkörperung eines Gottes in einem Menschen, oder 
auch in Tieren. — Die Hindus lassen den Buddha eine Verkörperung des 
Siva sein. Hiermit begründen sie ihre Ansprüche auf den alleinigen Besitz 
des Tempels zu Buddha-Gaya. Einstweilen auch vor den englischen Gerichten 
mit Erfolg I 



Von Professor P. Lakshmi Narasu 171 

überliefert sind; glaubt nicht an etwas, weil das Gerücht davon 
geht und von vielen davon gesprochen wird ; glaubt nicht, weil der 
schriftliche Bericht irgend eines alten Weisen davon beigebracht 
wird; glaubt nicht an etwas, was ihr euch eingebildet habt und ihr 
nun denkt, weil es außerordentlich ist, müsse es auch durch einen 
Gott oder ein wunderbares Wesen eingeflößt sein. Stimmt es jedoch 
nach sorgfältiger Beobachtung und Zerlegung mit der Vernunft 
überein und dient es dem Wohle und dem Vorteile von all und 
jedem, dann nehmt es an und lebet darnach." — Ebenso lehrte er: 
„Ihr sollt meine Lehre nicht aus Ehrerbietung annehmen, sondern 
sie erst prüfen, wie man Gold durch Feuer probiert." Er sagte 
seinen Jüngern, öffentlich lehren sollten sie nicht dasjenige, was 
sie nur aus Achtung vor ihrem Lehrer glaubten, sondern das, wo- 
von sie wüssten, daß es begründet und richtig sei ; jene Grundsätze, 
welche ihre Vernunft nach freimütiger Untersuchung angenommen habe. 
Der Buddha beansprucht keinerlei Vorzug oder Vorrang kraft 
irgend welcher transzendenten Besonderheit seiner Natur, die über 
alles Irdische und Menschliche hinausragt. Er selbst hat uns ja 
klar und deutlich dargelegt, wie jedermann durch einen Kursus 
intellektueller ijnd sittlicher Vorbereitung Bodhi ebenso erlangen 
kann wie er. Sunakkhata, ein Fürst der Lichchavi, ging in Vesali 
herum und sagte: „Dieser Sramana Gautama hat von den Dingen, 
die jenseits des Gesichtskreises gewöhnlicher Sterblicher liegen, 
keine Kenntnis; er besitzt nicht den Vorrang, welcher zum vollen 
Besitztum hoher Kenntnis und Einsicht gehört. Die Lehre, die er 
verkündigt, ist ein Erzeugnis bloß des Bildens von Folgerungen 
und Schlüssen, etwas, was er mit seinem eigenen Verstände er- 
dacht hat, und der Inbegriff und Wesenskern davon ist, daß es 
einen Menschen, der nachdenkt und urteilt, schließlich zur Be- 
endigung des Leidens führt." — Als diese Herabsetzung dem 
Buddha hinterbracht wurde, sagte er: „Eine Empfehlung des Er- 
leuchteten ist es, wenn jemand bekanntmacht: „Der Kern der vom 
Sramana^) Gautama verkündeten Lehre ist der, daß ein Mensch, 
wenn er nur nachdenkt und hinreichend überlegt, schließlich dem 

^) Pali: samano, der Einsiedler. Einer, der nach höherer, edler Geistes- 
ausbildung strebt. 



172 Was ist Buddhismus? 

Ende aller Leiden zugeführt wird." — Er hat seine Anhänger ge- 
beten, sich auf sich selbst zu verlassen. Noch in seinen letzten 
Augenblicken sprach er zu Ananda: „Seid euere eigenen Leuchten. 
Seid selber euere Zuflucht. Haltet fest an der Lehre als an einer 
Zuflucht. Schaut nicht nach Zuflucht aus auf irgend jemand außer 
auf euch selbst." 

Bekehrungen durch Wunder und Mirakel zu bewirken, hatte der 
Buddha seinen Anhängern verboten, denn durch solche Sachen 
würden sie nicht in anderer Leute Achtung erhöht werden. Er 
sagte: „Drei Arten von Wundern gibt es. Das erste ist das Macht- 
wunder; in diesem wird außerordentliche Macht offenbart, wie Gehen 
auf dem Wasser, Austreiben von Teufeln, Erwecken von Toten 
und so weiter. Sieht der Gläubige derartiges, so mag wohl sein 
Glaube stärker werden; den Ungläubigen jedoch überzeugt es nicht. 
Der möchte denken, daß diese Dinge mit Hilfe von Zauberei zu- 
stande gebracht seien. Daher sehe ich in solchen Wundern Gefahr 
und halte sie für schimpflich und abstoßend. Das zweite ist das 
Wunder des Prophezeiens, wie Gedankenlesen, Vorhersagen, Wahr- 
sagen etc. Auch hier würde Enttäuschung erfolgen, denn auch dieses 
würde in den Augen des Ungläubigen nichts Besseres sein, als 
außerordentliche Zauberei. Das letzte ist das Wunder der Belehrung. 
Bringt einer meiner Anhänger einen Menschen durch Belehrung 
dahin, daß er seine Verstandes- und sittlichen Kräfte richtig an- 
wendet: Das ist das richtige, wirkliche Wunder." — Die Möglich- 
keit von Bekehrung durch zufällige Ereignisse wird nicht verneint, 
aber Bekehrte auf jede andere Weise zu machen, als durch Be- 
weisgrund und Belehrung, ist verpönt. 

Die Buddhisten besitzen Bücher, genannt das Tipitakam, die aus 
drei Abteilungen bestehen, welche ihrerseits Sutta-Pitakam, Vinaya- 
Pitakam. und Abhidhamma-Pitakam heißen. Das erste enthält die 
Gespräche des Buddha mit irgend jemandem aus seiner Zuhörer- 
schaft. Das zweite die von ihm für seine ordinierten Jünger fest- 
gesetzte Ordnung. Das letzte Erörterungen philosophischer Gegen- 
stände durch bekannte Autoren. Die leitende Grundregel für das 
Studium dieser Bücher ist jedoch : Alles, was wohlgesprochen und 
frei von Irrtum ist, das ist die Lehre des Buddha. Nichts kann 



Von Professor P. Lakshmi Narasu 173 

des Buddha Lehre sein, was sich nicht nach der Vernunft und der 
Erfahrung richtet. Und kein Buddhist liest diese Bücher unter dem 
Zwange, glauben zu müssen, und ohne die Freiheit seines Urteils. 
Er gründet seinen Glauben nicht auf tote Bücher, sondern auf 
lebendige Tatsachen. Wie schon Lotsu, der chinesische buddhistische 
Reformator gesagt hat: „Das wahre ungeschriebene Buch befindet 
sich immer in Umdrehung. Der ganze Himmel und die ganze Erde 
sagen Wahrheitsworte her. Das wahre Buch ist nicht außerhalb 
des Menschenlebens. Der Dharma^), der unsichtbar ist, offenbart 
sich von selbst und hat kein Buch nötig." 

Der Buddhismus geht von Tatsachen aus und nicht von An- 
nahmen. Deshalb sind in ihm keine Glaubensartikel enthalten, 
welche nicht das Ergebnis des' Wissens sind. Um unauflösbare 
Probleme bekümmert er sich nicht. Ist die Welt ewig, oder ist sie 
nicht ewig? Ist die Welt begrenzt, oder ist sie es nicht? Ist die 
Seele das selbige wie der Körper, oder ist sie verschieden von 
ihm? „Diese Untersuchungen", sagt der Buddha, „haben mit den 
Dingen, wie sie sind, mit den Wirklichkeiten, die wir kennen, nichts 
zu tun; sie befassen sich nicht mit dem Gesetze des Lebens; sie 
dienen nicht rechter Lebensführung; sie führen nicht zur Abwesen- 
heit des Gelüstens, zum Freisein von Leidenschaft, zu rechtem 
Streben, zu höherer Einsicht, zu innerem Frieden." „Das Dickicht, 
die Wüste, das Puppentheater, das Krümmen unti Winden, das 
Wirrsal der Spekulation, der Theorien — begleitet sind sie von 
Leiden, von Zank und Streit, von Verdruß, vom Fieber der Auf- ( 

regung; sie führen nicht zur Losmachung von der Neigung, noch 
zum Freisein von Gelüsten, noch zur Ruhe, zum Frieden, noch 
zur Weisheit." Der Buddha gibt nicht vor. Verborgenes und Ge- 
heimnisse zu enthüllen. Im Gegenteil, bekannt gemacht hat er das 
Leiden, des Leidens Ursache und den Weg, dem Leiden zu ent- 
rinnen. Er sagt: „Wie das weite, unermessliche Weltmeer nur von 
einem Geschmacke, dem Geschmacke des Salzes durchdrungen 
ist, so, meine Jünger, ist auch dieser Dharma, diese Lehre, durch- 
drungen von dem einen Geschmacke, dem Geschmacke der Erlösung." 



*) Pali: Dhammo, die Lehre des Buddha; die Wahrheit; das die Welt re- 
gierende Gesetz; das Sittengesetz; die Naturgesetzlichkeit alles Geschehens. 



174 Was ist Buddhismus? 

Als er seinen Weg zur Erlösung von Kummer und Leiden bekannt 
gab, hatte er nichts Esoterisches oder Mystisches geschaffen. Noch 
in seinen letzten Augenblicken sagte der Buddha zu Ananda: „Ich 
habe die Wahrheit verkündet ohne einen Unterschied zwischen 
Öffentlicher und geheimer Lehre zu machen; denn hinsichtlich des 
Dharma, Ananda, hat der Tathagata nicht so etwas wie die geschlossene 
Faust eines Lehrers, der etwas zurückhält." Bei einer anderen Gelegen- 
heit sagte der Buddha einmal: „Heimlichkeit ist charakteristisch für 
drei Arten von Wesen: verliebte Weiber trachten nach Heimlichkeit 
und scheuen Offenkundigkeit; ebenso machen es Priester, welche 
den Anspruch erheben, im Besitze besonderer Offenbarungen zu 
sein, und alle jene, welche vom Pfade der Wahrheit abschweifen. 
Drei Dinge scheinen vor der Welt und können nicht verborgen 
werden. Das ist der Mond, die Sonne und die vom Tathagata ver- 
kündete Wahrheit. Bei diesen gibt es keine Heimlichkeit." Mit 
religiösem Mystizismus oder mit Träumen und Verzückungen, 
Visionen und Erstarrungszuständen, welche andere Religionen für 
etwas halten, was übernatürliche Kräfte ermöglicht, hat der Buddhis- 
mus nichts zu schaffen. „Kein Mitglied unserer Gemeinschaft," 
sagte der Buddha, „möge sich jemals außerordentliche Begabungen 
oder übernatürliche Vollkommenheit anmaßen, aus Großsprecherei 
sich für einen heiligen Mann ausgeben; so, zum Beispiel, daß er 
sich in einsame Plätze zurückzieht, unter dem Vorwand, er genieße 
Verzückungen, und sich hinterher herausnimmt, anderen den Weg 
zu ungewöhnlichen geistigen Befähigungen zu weisen. Eher könnte 
der hochragende Palmbaum, wenn er niedergehauen ist, wieder grün 
werden, als daß ein Auserwählter, der solchen Übermutes schuldig 
ist, seinem heiligen Stande wiedergegeben wird. Hütet euch wohl, 
daß ihr einer solchen Ausschweifung nicht nachgebt." — 

Des Menschen instinktiver Antrieb zur Selbsterhaltung hat in 
ihm ein Verlangen erzeugt, frei zu sein von Krankheit, Alter und 
Tod. Das Erlangen dessen, was hier gewünscht wird, ist allerwärts 
das Religionsproblem. Bei seinen Versuchen, ein von Elend und 
Tod freies Leben zu finden, ist nun der Mensch durch Unwissen- 
heit den Schöpfungen seiner eigenen Einbildungskraft zum Opfer 
gefallen. Um seinem Verlangen nach einem todlosen Leben Genüge 



Von Professor P. Lakshmi Narasu 175 

zu tun, erfand er unsterbliche Seelen, welche den Tod des Leibes 
zu überleben vermochten. Indem er das Unbekannte, von welchem 
er sich für die Erfüllung seiner Wünsche hoffnungslos abhängig 
sah, im Lichte dessen beurteilte, was er sich bezüglich seiner 
eigenen Natur einbildete, bevölkerte der Mensch das Universum 
mit Göttern, Seelen gleich ihm selbst, aber mächtiger, und fähig, 
ihm Gutes oder Böses zu tun. Um nun die Gunst der Götter zu 
gewinnen oder ihren Zorn abzuwenden, erfand der Mensch allerlei 
Gebete, Zauber, Zauberformeln und blutige Opfer. Der Buddha 
jedoch sah, daß diese Dinge für die Erlösung unwesentlich seien. 
Darum machte er ein Ende mit allen blutigen Opfern, verwarf die 
Anwendung von Zauber und Zauberformeln und legte die Albern- 
heit von Göttern dar, die die Menschheit erlösen sollten. Er lehrte, 
daß Elend und Leiden nicht das Ergebnis des Zornes von Göttern, 
sondern der unvollkommenen Entwickelung des Menschen und seiner 
Unwissenheit bezüglich seiner eigenen Beschaffenheit und derjenigen 
seiner Umgebung seien: daß Leben und Tod untrennbar sind. „Alles 
was lebt, was es auch sein mag," sagte der Buddha, „ist dem Gesetze 
der Zerstörung unterworfen; das Gesetz des Zusammengesetzten ist 
das Sichtrennenmüssen." 

Der Buddhismus lehrt, daß der Glaube an ein unvergängliches 
Selbst, oder eine Seele, der verderblichste der Irrtümer ist, die 
täuschendste Verblendung, welche ihre Opfer rettungslos in den 
tiefsten Pfuhl des Elends und des Leidens irreführt. Der Glaube 
an ein dauerndes Selbst muss ja natürlicher Weise Anhänglichkeit 
an dasselbe erzeugen, und diese Anhänglichkeit an sein Selbst 
muss dann mit Notwendigkeit Selbstsucht und Gier nach Vergnügen 
erzeugen, nach Vergnügen hier auf Erden und dann jenseits, im 
Himmel. Zum Könige Bimbisara sprach der Buddha: „Wer die Be- 
schaffenheit seines Selbst kennt und die Wirkungsweise seiner Sinne 
begreift, findet keinen Raum für das „Ich*, sogar noch nicht einmal 
einen Grund für die Voraussetzung desselben. Die Welt hält es mit dem 
„Ich" -Gedanken, und aus diesem entsteht falsche Auffassung. Manche 
sagen, das „Ich" bestehe nach dem Tode, andere sagen, es gehe zu 
Grunde. Sie sind beide in einen schweren Irrtum verfallen. Denn 
wenn das „Ich" hinfällig ist, so wird auch die Frucht, nach der die 



176 Was ist Buddhismus? 

Menschen streben, ebenfalls vergehen, und dann würde die Erlösung 
ohne Wert sein. Wenn aber das „Ich", wie die anderen sagen, nicht 
zu nichte wird, so muss es auch jederzeit identisch und unver- 
änderlich sein. Dann würden aber sittliche Ziele und Erlösung un- 
nötig sein, denn dann wäre kein Nutzen dabei, den Versuch zu 
machen, das Unveränderliche zu verändern. Aber da nun doch 
überall Anzeichen von Freude und Leid vorhanden sind, wie können 
wir da von einem unwandelbaren Sein reden?" 

Der unrichtige Glaube an ein dauerndes Selbst hat seinen Ursprung 
in einer irrigen Vorstellung der Einheit zusammengesetzter Dinge. 
Können die Eigenschaften eines Dinges wirklich fortgenommen 
werden, und kann dann das Ding dennoch unberührt übrig bleiben? 
Wenn die Hitze vom Feuer fortgenommen wäre, würde da noch so 
etwas wie Feuer vorhanden sein? Kein Zweifel, im Wege des Denkens 
vermögen wir die Wärme vom Feuer zu trennen und darüber zu 
disputieren, aber können wir das auch in der Wirklichkeit? Man 
setze den Fall, die Mauern, das Dach und die Grundsteine eines 
Hauses wären beseitigt, würde da noch irgend ein Selbst oder eine 
Seele des Hauses zurückgelassen sein? Gerade wie ein Haus die 
besondere Vereinigung aller seiner Teile ist, so ist auch die Persön- 
lichkeit jene eigentümliche Wirksamkeit, welche sich als eine Vereini- 
gung von Sinnes- und Bewegungsorganen, Wahrnehmungen, Vor- 
stellungen und Wollen zu erkennen gibt. In seinem Visuddhi Magga 
sagt Buddhaghosa^): „Gerade so, wie das Wort „Wagen" bloß eine 
Ausdrucksform ist für Achse, Räder, Deichsel und andere Bestand- 
teile, die zueinander in eine gewisse Beziehung gebracht sind, wir 
aber, wenn wir darangehen, die Einzelteile einen nach dem anderen 
zu untersuchen, entdecken, daß im absoluten Sinne kein Wagen 
vorhanden ist, ebenso in genau der gleichen Art und Weise sind 
die Worte „Lebewesen" und „Ich" nur eine Ausdrucksform für 
die fünf Gruppen des Haftens; aber kommen wir nun dazu, die 
Daseinselemente eins nach dem anderen genau anzusehen, so ent- 
decken wir, daß im absoluten Sinne kein Lebewesen vorhanden 
ist, um eine Grundlage für derlei Erdichtungen wie „Ich bin" oder 



*) Ein berühmter buddhistischer Exeget. Er lebte um 400 n. Chr. Visud 
dhimaggo, „Der Weg zur Reinheit", ist der Titel seines Hauptwerkes. — 



Von Professor P. Lakshmi Narasu 177 

„Ich** zu schaffen; mit anderen Worten, daß im absoluten Sinne 
nur Name und Form') da ist." Der Mensch ist ein Organismus, 
aufgebaut aus den fünf Skandhas^), nämlich rupam, vedana, vinnanam, 
safifia und samkhara. Jeder dieser Skandhas ist eine Gruppe psychischer 
Vorgänge. Rupa stellt die Gesamtheit der Sinneseindrücke vor, die 
jemandes Körper betreffen^); Vedana die augenblicklichen Gefühls- 
zustände; Vinnana die Gedanken; Saflna die Vorstellungen und Be- 
griffe; Sankhara die Anlagen, Neigungen und Willensäußerungen. 
Dasjenige, was das Ego genannt wird, was da sagt „Ich bin", ist 
bloß ein Aggregat von Skandhas, ein Zusammengesetztes von Emp- 
findungen, Vorstellungen, Gedanken, Erregungen und Wollen. Kei- 
nerlei ewige, unveränderliche Wesenheit steckt dahinter. Das Wort 
„Ich" bleibt das selbige, aber seine Bedeutung verändert sich fort- 
dauernd, ununterbrochen. Es entsteht im Kinde mit der Entwickelung 
des Selbst-Bewusstseins und bezeichnet zuerst einen Knaben, dann 
einen Jüngling, darauf einen Mann und endlich einen kindischen 
Greis. Identität besteht hier nur in einem gewissen Sinne. Die 
Einerleiheit wird durch die Stetigkeit, durch einen Zusammenhang 
hergestellt, gerade so, wie wir von der Identität eines Flusses oder 
einer Quelle reden, obgleich doch das Wasser fortwährend ein 
anderes ist; oder von der Identität einer Lampenflamme im einen 
Augenblick und der in einem anderen, obwohl doch immer andere 
Teilchen des Dochtes und des Öles nacheinander verzehrt werden, 
und die Flamme selbst inzwischen einige Zeit hindurch ausgelöscht 
gewesen sein könnte. Wie Buddhaghosa in seinem Visuddhimagga 
sagt: „Genau gesprochen ist die Dauer des Lebens eines bewussten 
Wesens überaus kurz, indem es nur so lange währt, wie ein Ge- 
danke währt. Gerade so, wie ein Wagenrad nur auf einem Punkte 
des Radkranzes rollt und, wenn es ruht, nur auf einem Punkte 
ruht, in genau derselben Weise währt das Leben eines Lebewesens 
nur für den Zeitraum eines Gedankens. Sobald der Gedanke auf- 



*) ,Name und Form*, nama-rupam, d. i. das Geistige und das Körperliche, 
woraus ein Lebewesen besteht. 

^) Pali: khandha, d. i. Gruppen. — 

^) Also dasjenige eines anderen, wovon ich durch meine Sinne Kenntnis 
bekomme: seine ganze Körperlichkeit. 



178 Was ist Buddhismus? 

gehört hat, sagt man, habe das Weseq aufgehört. Wie es gesagt 
wurde: Das Wesen eines vergangenen Augenblickes des Denkens 
hat gelebt, aber lebt nicht, noch wird es leben. Das Wesen eines 
zukünftigen Augenblickes des Denkens wird leben, aber es hat 
nicht gelebt, noch lebt es. Das Wesen des gegenwärtigen Denk- 
moments lebt, aber hat nicht gelebt, noch wird es leben." 

So lange die Skandhas vereinigt sind, haben wir ein Wesen; 
trennen sich die Skandhas, so verschwindet das Wesen und wir 
haben Tod. Gerade so wie Feuer durch Reibung entsteht, obgleich 
es in den beiden gegen einander geriebenen Stäben nicht verborgen 
liegt, auf die gleiche Art und Weise, lehrt der Buddha, erscheint 
das Bewusstsein unter gewissen Bedingungen, und verschwindet, 
wenn diese Bedingungen aufhören, vorhanden zu sein. Ist das Holz 
verbrannt, so verschwindet das Feuer. Gerade so verschwindet das 
Bewusstsein, wenn die Bedingungen des Bewusstseins aufhören. Der 
Buddha lehrte: „Besser wäre es, wenn der Unwissende den aus 
den vier Elementen zusammengesetzten Leib als das „Ich" ansähe, 
statt den Geist. Und warum sage ich das? Weil dieser Leib ein 
Jahr, zehn Jahre, hundert Jahre lang und länger noch ausdauern 
könnte. Aber was Geist genannt wird, Kenntnis, Bewusstsein, das 
findet man Tag und Nacht in ruheloser Veränderung." Im Bharahara- 
Sutta ist gesagt, daß das Niederlegen des Trägers das Gleiche und 
gleichzeitig sei mit dem Niederlegen der Bürde, nämlich der 
Skandhas. Noch klarer ist die Wahrheit im Begräbnisgesange der 
Buddhisten zum Ausdruck gebracht: „Alle empfindenden Wesen 
sind bestimmt zu sterben, weil Leben in der Tat im Tode endigen 
muss; selbst nach dem Erreichen des Alters kommt der Tod; sol- 
cherart ist die Beschaffenheit der empfindenden Wesen. Ob jung 
oder alt, ob unwissend oder weise, alle fallen sie unter der Hand 
des Todes, alle sind sie dem Tode unterworfen. Gerade so, wie die 
Saat im Felde keimt und wächst wegen der Feuchtigkeit im Boden 
sowohl, als auch zufolge der Lebensfähigkeit des Keimes, so ent- 
stehen die einfachen und die zusammengesetzten Formen des or- 
ganisierten Wesens und die sechs Sinnesorgane aus einer Ursache, 
und aus einer Ursache werden sie aufgelöst und vergehen. Wie 
die Vereinigung der Bestandteile das bildet, was man einen „Wagen" 



Von Professor P. Lakshmi Narasu 179 

nennt, so bildet die Vereinigung der Skandhas, der Merkmale der 
Wesen, das, was ein „empfindendes Wesen" genannt wird. Sobald 
Leben, Wärme und Bewusstsein den Leib verlassen, dann ist der 
Leib leblos und nutzlos. Je tiefer man über diesen Leib nachdenkt 
und Betrachtungen darüber anstellt, desto mehr wird man überzeugt 
davon, daß er nur ein nichtiges und wesenloses Ding ist. Denn 
fürwahr, in ihm entsteht das Leiden und in ihm hat das Leiden 
seine Dauer und seinen Vergang; nichts anderes sonst als Leiden 
wird mit ihm hervorgebracht, und nichts anderes sonst als Leiden 
geht mit ihm zu Grunde. Alle zusammengesetzten Dinge sind 
aniccam^): wer dieses weiss und begreift, wird vom Leiden befreit; 
dies ist der Weg, der zur Reinheit führt. Alle zusammengesetzten 
Dinge sind dukkham'^): wer dieses weiss und begreift, wird vom 
Leiden befreit; dies ist der Weg, der zur Reinheit führt. Alle vor- 
handenen Dinge sind: anatta^): wer dieses weiss und begreift, wird 
vom Leiden befreit; dies ist der Pfad, der zur Reinheit führt. Daher 
lasst jeden, der die Worte des Heiligen gehört hat, seine Tränen 
zurückhalten; lasst ihn, wenn er sieht, daß jemand dahingegangen 
und tot ist, schließen: „Niemals mehr wird er von mir gefunden 
werden." - Fortsetzung folgt. 

*) aniccam = Veränderlichkeit, Unbeständigkeit, Vergänglichkeit. — 
^) dukkham = Leiden, Betrübnis, Kummer. — 

^) anatta = ohne ein Selbst, ohne einen beständigen, unveränderlichen 
Wesenskem. 




180 Im Buddhaland 



Im Buddhaland 

Bilder aus Birma 

Von Alice Schalek (Wien) 
i (Fortsetzung) 

IL Up country. 

Die Eisenbahnfahrten ins Innere ihrer Kolonien haben sich die 
Engländer so bequem wie möglich gemacht. Mehr als drei Plätze 
gibt es in keinem Kupee erster Klasse, und diese können abends 
ohne Aufzahlung als Betten benützt werden, für fünfzehn Pfennige 
bekommt man sogar ein Moskitonetz. Gratis telegraphiert jeder Bahn- 
vorstand an den Kollegen von der nächsten Abendstation, der das 
Lager reserviert, und so gibt es nirgends das Hasten und Sorgen, 
das Bestechen und Bitten, das europäische Bahnhöfe charakterisiert, 
und so souverän erscheint der weiße Reisende dem braunen Kon- 
dukteur, daß man fast nie um den Fahrschein gefragt wird. 

Heute Abend ist die Voransage überflüssig gewesen, ich bin der 
einzige weiße Passagier. Die Reisezeit ist jetzt, Ende Januar, noch 
keineswegs vorbei, das große Hotel in Rangoon überfüllt, so muß 
ich also vermuten, daß alle, die Birma noch über Rangoon hinaus 
zu sehen begehren — viele sind ihrer nicht — , mit dem Flußdampfer 
nordwärts fahren. 

Der Länge nach, von Nord nach Süd, durchfließt der Irrawaddy 
das schmale, zwischen Siam und Indien eingekeilte Land. Früher 
bot er die einzige Verkehrsmöglichkeit, jetzt läuft der Eisenbaha- 
strang ihm nahezu parallel. Westöstliche Zweiglinien verbinden die 
beiden Verkehrswege. 

In Rangoon kam mir die Warnung zu, nicht mit dem Wasserweg 
zu rechnen. Bei dem geringen Wasserstand des Flusses stecken die 
großen Dampfer alle Augenblicke auf Grund und können ihre 
Fahrzeiten nicht einhalten. Nicht vor der Schneeschmelze in den 
chinesischen Bergen könne der Irrawaddy auf reichlichere Nahrung 
aus seinen zahlreichen Quellen rechnen, erst während der Regen- 
zeit schwelle er zum gewaltigen Strome an. 



Von Alice Schalek 181 



Ich wähle daher die Eisenbahnroute; Pegu ist meine erste Station. 
Hier gibts den ungeheuren, 55 Meter langen liegenden Buddha zu 
bestaunen, der keine Geschichte hat, weil er erst vor dreißig Jahren 
beim Trassieren der Strecke unter einem Dschungelhügel entdeckt 
wurde. Seine Monstrosität wird durch einen funkelnagelneuen weißen 
Anstrich verstärkt. 

Um ein gut Teil romantischer ist der Kyakpun, der fast dreißig 
Meter hohe Ziegelwürfel, an dessen vier Seiten je ein ebensohoher 
Buddha sitzt, Rücken gegen Rücken, so daß man von jedem Punkt 
mindestens einen von ihnen, von manchem gleichzeitig ihrer drei 
sehen kann. Tünche und Bemalung sind verwittert, Dschungel um- 
wuchert das frei zum Himmel emporragende Riesengebilde, und so 
gibt es für die Kamera das unvergleichlichste Modell. 

Die große heilige Pegupagode ist der Shew Dagon ähnlich. 

Die Überwölbung des Treppenaufganges zur Plattform, ihre Glok- 
kengestalt, ihre Kapellen zeigen dasselbe Schema, und der rasch ab- 
gestumpfte Gaumen des gierigen Raubtieres, Tourist genannt, labt 
sich lieber an frischer Kost. Die Löwen sind nicht so ungeheuer- 
lich, die Schreine weniger reich geschnitzt, die Pagoden nicht ver- 
goldet, die Fahnen, Figuren, Glocken, Tiergestalten und Buden 
weniger bunt und üppig. Freilich, eines hat sie der Shwe Dagon 
voraus: während der Großstadtlärm dort das Glöckchenläuten zer- 
drückt, so daß es nur nachts vernehmbar ist, erklingt hier der 
süße Ton durch die Stille der Provinz auch bei Tage. 

Zahllos sind die Pagoden Birmas, das ganze Unterland ist voll 
davon. Die größeren sind alle im gleichen Stil errichtet. Schließlich 
hebt man kaum mehr den Blick, auch den allergrößten gegenüber 
nicht, wie etwa der Shwe Sando in Prome mit ihren achtzig Schrei- 
nen, oder der Arrakan in Mandalay, deren heiliger Bronzebuddha 
stets von Wallfahrern umlagert ist. An den kleineren fährt man 
stumpfsinnig vorbei, weist doch das geringste Dorf ihrer zwanzig 
und mehr auf, ja, es heißt, die ganze Welt zusammen habe nicht 
so viel Tempel als Birma allein. Später wendet sich das Interesse 
hauptsächlich der reizvollen Landschaft zu, in der die Pagode steht, 
oder der exotischen Umgebung, und so hoch sich auch in dieser 



182 Im Buddhaland 



Hinsicht die Ansprüche steigern, immer wieder findet sich ein noch 
fesselnderes, ein noch entzückenderes Bild. 

Ursprünglich mag Birma ein an Naturschönheiten armes Land 
gewesen sein. Urwald, Dschungel, Flußläufe, Sand und Palmen 
ließen es wohl abenteuerlich, doch nicht hinreißend erscheinen. Die 
Birmanen indessen mit ihrem einzigartigen Dekorationstalent, mit 
ihrer Künstlerseele, machten es zu einem Schönheitstraum, füllten 
es mit farbentrunkenen Bildern. Bilder zeigen sich auf Schritt und 
Tritt, von jedem Punkt, nach allen Windrichtungen. Kein zweites 
Land auf Erden kann für den Maler so ergiebig sein, für jenen 
allerdings nur, der ihm ebenbürtig ist. Jede Linie am Menschen 
und am Ding, jeder Baum oder Strauch, jedes Brückchen oder 
Hüttlein, jeder Wagen, Karren, Waldweg oder Tempelteich, jeder 
Ausschnitt Birmas ist ein Bild. 

Und erst die Klöster! Alle sind nach derselben Vorschrift er- 
baut, und doch gleicht keines dem andern. Das schönste ist wohl das 
goldene Kloster in Mandalay, der einstigen Residenz der ein- 
geborenen Könige, deren letzter Thebaw im Jahre 1885 von den 
Engländern entthront und nach Indien verbannt wurde. Die Klöster 
sind aus Holz, und zwar zumeist aus dem berühmten Teak, das 
Oberbirma so reich macht. Wie alle Wohnhäuser stehen sie auf 
hohen Piloten und sind von einer Veranda umgeben, deren Brüstung 
ebenso wie die überhängenden Dachenden, wie jede Türe und jeder 
Pfosten wunderbar geschnitzt ist. Diese Blumenarabesken, mensch- 
liche Figuren, Schlangenornamente von bewunderungswürdiger Fein- 
heit und Phantastik, sind oft viele Jahrhunderte alt, jene in Man- 
dalay außerdem noch über und über vergoldet. Doch der sinnver- 
wirrende Effekt verringert sich nicht, wenn sie braun bleiben, an- 
genagt und verfallen, denn das verwitterte Weiß der Steintreppe 
gibt einen berauschenden Zweiklang zu dem dunklen Holz, über 
das die Schatten hoher Palmen fallen. 

Diese domartige Heimstätte stiller Mönche, die nach Nirwana 
streben, macht durch die vielfachen Dächer in der gebrochenen 
Fassade einen mehrstöckigen Eindruck, enthält jedoch nur einen 
einzigen Saal und die Säulen, die seine Decke tragen, gilt es doch 
als eines Buddhisten, eines Mönchs vor allem unwürdig, jemanden 



Von Alice Schalek 183 



über dem Kopfe zu haben. Niedrige, verschiebbare Holzgestelle teilen 
ihn in winzige Zellen, die Wohnungen der Philosophen. Die dünne 
Matte, die als Bett dient, wird morgens aufgerollt, dasselbe gelbe Tuch 
dient als Tageskleidung und als Nachtgewand. Meist verengt noch 
eine der Säulen den verfügbaren Raum, der nur zwei Meter im 
Geviert mißt und ein winziges Guckloch als Fenster hat. Bücher, 
Schriften und Urkunden liegen auf einem Gestell, dem einzigen 
Möbel. Jeder Zollbreit Boden innerhalb der schweren Holzumfrie- 
dung, die den Klostergarten einschließt, ist heilig. Der Buddhist 
zieht hier die Schuhe aus, und sei er ein Prinz. So reich, so weltlich, 
so alt ist kein Mann im ganzen Lande, daß ihn hier nicht die Er- 
innerung an seine Jugend romantisch durchschauerte, daß er nicht 
voll Rührung der Zeit dächte, da er selbst ein junger Mönch ge- 
wesen. 

Schon als Kind sind dem Birmanen die Klöster vertraut, lernt 
doch jeder Knabe im Kloster unentgeltlich Lesen und Schreiben. Im 
ganzen Lande Birma gibt es keinen Analphabeten, denn kein Dorf, 
sei es noch so arm und entlegen, entbehrt eines Klosters. Solange 
die Mönche die Schulen in Händen halten und die biegsamen, 
empfindsamen jungen Seelen mit ihrer Romantik füllen, solange 
birmanische Sehnsucht nach Stil und Schönheit im prangenden 
Klosterfrieden gehegt wird — solange bleibt Buddha siegreich gegen 
Mission und Kirche! 

Wenige Kilometer nördlich von Mandalay, unterbricht ein scharfes 
Knie des Flusses, der bisher dem Längegrad entlang lief, die Bahn- 
strecke. An dieser Überfuhrstelle kulminiert Birmas landschaftlicher 
und bildhafter Reiz. 

Jeder der zahllosen Hügel hüben und drüben trägt eine spitz in 
den Himmel stechende Pagode. Weiß, rot, braun, schwarz, rund 
und eckig, in allen Formen krönen sie jenseits, in Sagaing, die 
Scheitelpunkte des Geländes. Diesseits, in Amarapura, wendet 
eine größere Anhöhe dem Ufer ihre Flanke zu und parallel dem 
Wasserlauf baut sich auf dem langen, sanftansteigenden Kamm in 
fünf Terrassen die uralte Patowdawgyi auf. Mit ihren zahllosen 
spitzen Kapellen, den Torlöwen und der Brüstung spiegelt sie sich 
im Fluß. 



184 Im Buddhaland 



In langer Prozession strömen die Eingeborenen vom Zuge der 
Fähre zu. Graziös trägt jede Frau ihr Gepäck auf dem Kopf, bunt, 
lustig und anmutig ist die Szene. 

Nordwärts von Sagaing trägt die Bahn- ganz den Charakter einer 
Lokalstrecke, es gibt nur zwei Züge täglich, die beide in jeder 
Station halten, die Wagen sind alt und schmutzig und die Beleuchtung 
so armselig, daß man nach Sonnenuntergang nicht mehr lesen kann. 
Glücklicherweise finde ich nebenan im Herrenkupee Gesellschaft, 
einen kanadischen Missionär und einen englischen Reverend, dieser 
ein jovialer Militärgeistlicher im civil service, der in Tennisdreß 
mit Racket und Gummisohlen eine Dienstfahrt mit einer Matchein- 
ladung verquickt, jener ein salbungsvoller Proselytenmacher, der 
mit schlecht verhehltem Zorn von den Buddhisten spricht, hingegen 
mit hoher Befriedigung von den Katschins, dem wilden Bergvolk 
des Nordens, das sich dörferweise taufen ließ. Es ist zwar geistig 
so arm, daß der erste Missionär vor 100 Jahren den Leuten eine 
Schrift erst schaffen mußte, aber mit gerührter Stimme berichtet 
der Prediger von der überlieferten Legende dieses Volkes, das kein 
^inziges Buch besitzt: „Wenn je unser jüngerer Bruder, der mit 
Gott zusammenblieb und das Buch besitzt, zu uns käme, und zwar 
nicht über die Lande, sondern auf weißen Flügeln, dann wird er 
von den älteren Brüdern freudig empfangen werden, die einst 
Gottes Lieblinge gewesen, aber sündig wurden und zu Sklaven der 
Birmanen herabsanken." 

Nicht alle Katschins — vermute ich — sind auf so lyrische Weise 
Christen geworden. Auch ist es nicht ganz klar, welcher Gott ge- 
meint ist, denn das Volk kennt nur Nats, das sind böse Geister, 
Teufel. Sie sind alle wie die Kinder, die weinen, wenn sie ge- 
scholten werden, und die mit einem um den Hals zu tragenden 
Heiligenbildchen leicht gewonnen werden können. Von den 33000 
Bekehrten Birmas waren nur 6000 vorher Buddhisten, und da es 
nahezu tausend Kirchen gibt, entfallen auf jede nur sechs Birmanen 
von neun Millionen, zirka einer unter 117 Seminaristen, die sich 
vorbereiten, Diener Gottes zu werden. Das Werk der Missionäre 
entspricht wohl kaum den ungeheuren Summen, die es kostet. 
Auch sind die Herren von keinem gern gesehen. Wer hat das 



Von Alice Schalek 185 



beste Haus im Dorf? Der Missionär. Wer reitet den schönsten 
Pony? Wer versteht es noch besser als ein Birmane, für sich an- 
derer Arme sich regen zu lassen ? Der Missionär, der gar oft das 
Land als wohlhabender Mann verläßt. So heißt es allerorten. Nur 
die katholischen Franzosen nimmt die böse Nachrede aus. Die 
leisten Arbeit. 

Wir fahren durch Reisäcker, Paddyland, das vor kurzem noch 
Urwaldgebiet gewesen ist und von der Regierung unter großen 
Kosten gerodet und bewässert wurde. Jetzt parzelliert sie den Grund 
und verpachtet ihn an Birmanen. Hindus läßt sie nicht zu, um die 
angestammte Rasse zu schützen, aber der Herr des Bauernhauses 
ist träge und der Anbau wirft lange nicht das ab, was er tragen 
könnte. Immerhin produziert Birma, das größte Reisland der Tropen, 
einen jährlichen Export von viereinhalb Millionen Tonnen, und der 
Regierungsgeistliche, der mir die Ziffer aus seinem Notizbuch vor- 
liest, fügt hinzu, daß England von diesem Distrikt mehr als acht 
Prozent vom investierten Kapital an Pachtzinsen einhebe; die seien 
aber durchaus nicht, so betont er, als Landsteuer aufzufassen, wie 
dies böswillige Berichterstatter öfters behaupten. 

Vor Sonnenaufgang kommen wir in Naba an, von wo aus ich 
eine Seitenlinie benützen will, die mich an den Fluß führt. Vor 
dem Aussteigen macht mich der Reverend noch mit dem Gemeinde- 
arzt von Katha, dem Ort, wo ich hinfahre, bekannt, einem gutge- 
wachsenen halfcast, der nun mit mir in der Station auf und ab 
geht und mir die neuen Volkstypen erklärt, die hier im Norden 
sich durch Gesichter, Gestalten und Kleider vollständig von den 
mir lieb gewordenen des Südens unterscheiden. 

Die bitterkalten Nächte dieser Breitenzone äußern sich vor allem 
in der Tracht. Keine seidenen Röckchen, weißen Batistjäckchen, 
schleierartigen Tüchlein gibt es mehr, die weit derberen, plumpen 
Gestalten der Bergvölker sind aufs drastischste in europäische Er- 
zeugnisse eingemummt. Die Hauptrolle spielen weiße Frottierhand- 
tücher mit roten Randstreifen ; da muß ein Commis voyageur dieser 
Branche einmal glänzende Geschäfte gemacht haben. Doch man 
sieht auch alle Arten von schottischen Plaids, billigen gewebten 
Tischdecken, sogar Bettvorleger und Stücke von Teppichläufern, 



186 Im Buddhaland 



die in kühnen Falten um Kopf und Schultern geschlungen sind 
und in denen die Männer wie spanische Granden aussehen. 

Es ist Frühstückszeit und ganze Reihen von Verkäufern halten 
längs des Bahnsteigs allerlei Gebackenes und Gekochtes feil, Pa- 
prika, Curry, wilden Spargel, Zwiebeln, saftige Stengel von Wasser- 
pflanzen, Bananenschößlinge mit Knoblauch, Taubeneier und eine 
Art von roten Ameisen, Fischschwänze und Pfeffer, meist aber un- 
definierbare Gemengsei, die vom Kunden direkt aus der Schüssel 
mit den schmutzigen Fingern in den ungewaschenen Mund be- 
fördert werden. Dabei ist dieses fliegende Frühstück gar nicht 
billig, ich sehe, wie einer 40 Pfennig für wenige Bissen Schweine- 
pörkelt bezahlt, dafür verlangt er aber auch eine Porzellanschale 
und verschmäht ein Stück, das auf den Boden gefallen ist. Daß 
der Verkäuter ihm das Gefäß mit seiner Hand auffüllt, geniert 
ihn weiter nicht. 

Auch für Zigarren, Zigaretten, Tabak und Betel wird viel Geld 
ausgegeben. Ohne Betel kann kein Native reisen. Sagt doch sogar 
ein Scherzwort, daß der Birmane zwei Sprachen habe, eine die 
mit vollem und eine andere, die mit leerem Maul gesprochen wird. 
Die riesigen Zigarren der Frauen kosten fünf Pfennige und bestehen 
aus Tabakblättern und -Stengeln und aus Baumrinde, die in Palm- 
zucker gekocht wird. Sie sind in Bambusfasern und in rote Seiden- 
bändchen gewickelt und gehen reißend ab. Von den Frauen heißt 
es ja, daß sie schon als Brustkinder rauchen. 

Fast jeder Mann hat große Blatternarben an der Hand. Mein 
ärztlicher Cicerone erzählt mir, daß seit Jahrhunderten die Impfung 
hier geübt wird, doch da der Krankheitsstoff direkt dem Pocken- 
kranken entnommen wird, erzeugt er oft erst die Epidemie, tötet 
manchmal sogar den Geimpften. Auch die Sitte des Tätowierens 
kostet viele Opfer, insbesondere, da der Arzt den ungeheuren Di- 
strikt nur mangelhaft betreuen kann. Seine eingeborenen Assisten- 
ten, die vier Jahre College und alle Prüfungen hinter sich haben, 
sind doch meist nur Handlanger, die dementsprechend nur 100 Mark 
Monatsgehalt beziehen. (Fortsetzung folgt.) 



Wie König Asoka seinen Minister belehrte. — Von E. Burnouf 187 

Wie König Asoka seinen Minister belehrte 

Aus E. BurnouPs „L'introduction ä Thistoire du Buddhisme Indien* 
Ins Deutsche übertragen von Friedrich Jonas-Schachtitz 

Kurze Zeit nachdem König Asoka die Lehre Buddho's angenom- 
men hatte, ward es ihm Gewohnheit, wann immer er einem der 
Mönche des Erhabenen begegnete, ob sie nun allein oder zu mehreren 
waren, sie durch dreimalige Verneigung bis zur Erde zu begrüßen. 
Auch des Königs Minister Yasas war ein treuer Anhänger der Lehre 
des Erhabenen. Trotzdem sprach er einstmals zum König: „O Herr, es 
ist für dich nicht schicklich, sich so vor allen Bettelmönchen ohne 
Wahl niederzuwerfen; denn aus allen Kasten kommen die Asketen 
des Säkyers, die ein heiliges Leben zu führen gedenken." 

Der König antwortete nichts; aber einige Zeit darauf berief er 
eine Versammlung seiner Räte und sprach zu ihnen: „Ich will den 
Wert der Köpfe verschiedener Tiere kennen lernen. Bringe mir 
jeder den Kopf eines anderen Tieres." Zu Yasas, dem Minister, 
aber sprach er? „Du bringe mir den Kopf eines Menschen."* 

Als die Köpfe alle gebracht waren, befahl der König: „Geht und 
verkauft die Köpfe!" Da wurden alle Köpfe verkauft außer dem 
Kopf des Menschen, den niemand brauchen konnte. 

Da sagte der König zu seinem Minister: „Wenn du kein Geld 
dafür bekommen kannst, so schenke ihn irgend jemandem, der ihn 
haben will." Aber Yasas konnte niemanden finden, der den Menschen- 
kopf genommen hätte. 

Beschämt durch seinen Mißerfolg, kam der Minister zum König 
und berichtete, was geschehen. „Die Köpfe von Kühen, Eseln, Wid- 
dern, Gazellen und Vögeln," sprach er, „wurden von einem oder 
dem andern um Geld erstanden ; nur dieser Menschenkopf ist ein 



* Wir veröffentlichen die uns von einem Mitarbeiter eingesandte Über- 
setzung eines Artikels des hochberühmten Gelehrten und indischen Forschers 
Burnouf, wenngleich es bei König Asoka ausgeschlossen erscheint, daß er 
nach der Annahme der Lehre Buddho's selbst die Köpfe von toten Tieren 
und Menschen verlangt haben könnte. Der Herausgeber 



188 Wie König Asoka seinen Minister belehrte 

wertloses Ding, das keiner auch umsonst nehmen will." Da fragte 
ihn der König; „Warum wollte niemand den Kopf des Menschen?" 
„Weil er ein ekelerregendes Ding ist," antwortete der Minister. 

„Ist dieser Kopf allein ekelerregend," fragte der König weiter, 
„oder gilt das Gleiche von allen Menschenköpfen?" 

„Es gilt das Gleiche von allen Menschenköpfen," erwiderte Yasas. 
„Wie," rief Asoka aus, „ist mein Kopf vielleicht ebenso ekelerregend?" 

Da wagte der Minister erschrocken nicht die Wahrheit zu äußern. 

„Sprich' aus, was du denkst," ermunterte ihn der König. 

Also ermutigt sagte der Minister: „Ja." 

Als der König so den Minister zum Bekennen der Wahrheit ver- 
anlaßt hatte, sprach er folgende Verse: 

„Ein dünkelhaft Gefühl von Stolz und Wahn, 

— Genährt durch Schönheit und durch Macht — 
Läßt dich mißraten mir, die Wissenden 

Zu ehren mit demütig'm Gruß. 
Und wenn mein Haupt, 

— Dies wertlos Ding, das niemand will, 
Sogar wenn es umsonst, — 
Gelegenheit zur Läuterung faßt 

Und sich Verdienst dadurch erwirbt. 

Was sollt' dabei Verbot'nes sein? 

Du siehst in den Asketen Buddho's noch die Kaste, 

Doch ihre Tugenden ersiehst du nicht; 

Daher vergaßest du, geschwellt von Adelsstolz, 

In deinem Irrtum dich sowohl als andere. 

Auf Kastenunterschiede nimmt man Rücksicht 
Im Fair die Ehe einer denkt zu schließen. 
Und auch wenn einer einen andern einlädt. 
Nicht aber kennt man Stolz beim Buddho, 
Mit Tugend nur beschäftigt sich die Lehre 
Und Tugend kümmert nimmer sich um Kaste. 
Verfällt ein Hochgeborener dem Laster, 
Wird er von aller Welt getadelt. 
Weshalb soll nicht ein Mann aus niedrer Kaste, 



Von E. Burnouf 189 



Der Tugend hat, Verehrung finden können? 
Auf Grund des Geistes werden Menschen 
Verachtet einmal, andresmal verehrt. 
Der Geist der Säkyermönche wird verehrt. 
Weil sie vom Buddho selbst geläutert wurden." 

Und der König fuhr fort: 

„Hörtest du nie die Worte des mitleidvollen Erhabenen? ,Der 
weise Mann erkennt den Schatz in einem Ding, welches für andere 
wertlos ist?* So sind die Worte des Wahrheitkünders, und auch ein 
Mann aus niedriger Kaste kann sie verstehn. Will ich nun diese 
Gebote befolgen, dann ist derjenige nicht mein Freund, der mich 
davon abzubringen sucht. 

Wenn mein Körper, gleich Stücken Zuckerrohres, abgestorben 
auf dem Erdboden liegen wird, dann wird er nicht mehr imstande 
sein zu grüßen, wird sich nicht erheben oder die Hände zum Zeichen 
der Ehrfurcht falten können. 

Welcher edlen Tat wird dann dieser Körper fähig sein? Was 
nützt es also, einem Körper Wert beizulegen, der im Staub enden 
muß? Er ist nicht mehr wert als ein brennendes Haus oder ins 
Meer geworfene Edelsteine. 

Diejenigen, die in diesem vergänglichen Körper das Wertvolle 
nicht unterscheiden können, weil sie das Wesen dieser Dinge nicht 
erkannten, zittern, wenn sie dem Tode verfallen. 

Wird einem Gefäße sein ganzer Inhalt, sei es Quark, Molken, 
Milch, geschmolzene oder frische Butter, genommen, bleibt nichts 
übrig mehr als Schaum. Wenn also dieses Gefäß zerbricht, wäre wenig 
Grund zur Klage. Ebenso ist es mit dem Körper: sind einmal die 
guten Taten, welche ihm den Wert gaben, hinweggenommen, so ist 
bei seinem Verfall nur wenig Ursache zur Trauer mehr vorhanden. 

Wenn aber in dieser Welt der Tod die Leibesform eines stolzen 
Mannes, dem gute Taten fremd waren, zerbricht, verzehrt sein 
Herz Leid und Sorge; und es ist, wie wenn jemand ein Gefäß mit 
köstlichem Inhalt zerbricht. 

Darum sei nicht ärgerlich, mein Lieber, wenn ich mich vor den 
Heiligen beuge; denn wer sich selbst nicht kennt und spricht: ,Ich 
bin der Edelste,* ist in der Finsternis des Irrtums befangen. 



190 König Asoka von E. Burnouf. — Herrn. Oldenberg u. seine Werke 

Nur wer den Körper mit der Fackel des Wissenden untersucht 
und die zehn Kräfte besitzt, der ist weise ; für ihn gibt es keinen 
Unterschied mehr zwischen dem Körper eines Prinzen und dem 
eines Sklaven. 

Haut, Fleisch, Knochen, Kopf, Leber und die anderen Organe 
sind bei allen Menschen gleich. Kleider und Schmuck allein erzeugen 
den Vorrang eines Menschen gegenüber dem andern. Das Wesent- 
liche aber in dieser Welt kann man auch im Körper eines Nied- 
rigen finden, und der weise Mann tut wohl daran, es zu ehren und 
zu grüßen." 

So erklärte König Asoka seinem Minister, daß der Körper nicht 
wertvoller sei als Eierschalen, angefüllt mit Sand und Schlamm. 
Und also befestigte er in ihm, daß das Gute, welches aus den Ehr- 
furchtsbezeigungen vor Heiligen entsteht, den nur eingebildeten 
Wert uralten Adelsstolzes überragt. 



Hermann Oldenberg und seine Werke 

(Ein Nachruf) 

Nun ist wieder einer dahingegangen, einer von den Großen, die 
mithalfen, das Verständnis für indische Art und indischen Geist in 
Europa zu verbreiten, einer von denen, die nicht nur in der Stille 
der Studierstube gearbeitet, sondern die selbst im Osten waren und 
sich dort Begeisterung, Verständnis, Einsicht und Tiefe für ihr Werk 
geholt haben. Nachdem uns der Weltkrieg schon so manchen treuen 
Freund und Verbreiter der Lehre entrissen hat, hat der Tod wie- 
derum in den letzten Monaten aus unseren Reihen die besten hin- 
weggenommen — ich nenne nur Leopold von Schroeder, V. A. 
Smith und Ingenieur Bergier. Und da trifft die Hiobsbotschaft vom 
Tode Hermann Oldenbergs ein. 

Professor Dr. Hermann Oldenberg wurde zu Hamburg im Jahre 1854 
geboren, wo sein Vater die Stelle eines Seelsorgers und Inspektors 
am Rauhen Hause einnahm. Durch seine auf gründlichen Studien 
beruhenden Arbeiten, die die weiteste Verbreitung nicht nur in 



Von L. Ankenbrand 191 



Fachkreisen fanden, ist er schnell bekannt und berühmt geworden. 
Aber erst, nachdem er an der Schwelle der Sechziger stand, war 
es ihm vergönnt, das Land zu betreten, dem seine ganze Lebens- 
arbeit gegolten hatte, Indien, „unglücklicherweise gerade, als schweres 
häusliches Leid ihn ins Herz getroffen hatte. Die Reiselust,* so 
schreibt Prof. H. Lommel, Frankfurt, in der „Frankfurter Zeitung", 
„war erstorben, die Fahrt war, wie seine Studien überhaupt, ent- 
sagungsvolle wissenschaftliche Pflicht. So hat er, heimgekehrt, in 
alter Weise, den ganzen Krieg hindurch bis jetzt unermüdlich ge- 
arbeitet und uns noch mit einer Fülle neuer Arbeiten beschenkt." 

Sein erstes bedeutendes Werk war eine Arbeit über „Die Hym- 
nen des Rigveda", ein Buch von über 500 Seiten, eine uner- 
schöpfliche Fundgrube für Forscher auf religionsphilosophischem 
und philologischem Gebiet.^) 

Ihm folgte 1891 sein weltberühmtes Werk „Buddha, sein Leben, 
seine Lehre, seine Gemeinde"^), das zwar augenblicklich im 
Buchhandel vergriffen ist, dessen 7. Auflage aber bald erscheinen 
dürfte. In das weitverzweigte Gebiet der vedischen Anschauungen 
führt uns sein Werk „Die Religion des Veda". Zuerst 1894 er- 
schienen, hat es' im Weltkrieg (1916) eine zweite Auflage erlebt. 
Eine ungeheure Fülle von Material ist hier zusammengetragen, ge- 
sichtet und übersichtlich dargestellt worden. Nachdem wir eingehend 
die Quellen — Rigveda, Yagurveda und Atharvaveda — und ihr 
Verhältnis zur Awesta kennen gelernt haben, werden die vedi- 
schen Götter und Dämonen, der Kultus, Seelenglaube und Toten- 
kultus klar und übersichtlich dargestellt. Dabei ist die Sprache 
und Ausarbeitung, ohne doch der Wissenschaft irgendwie Abbruch 
zu tun, so gehalten, daß auch der mit indischer Art, Schreibweise 
und Religionsphilosophie einigermaßen vertraute Laie bei der Lektüre 
vollständig auf seine Rechnung kommt. *) 

^) „Die Hymnen des Rigveda*. Herausgegeben von Hermann Oldenberg. 
Metrische und textgeschichtliche Prolegomena. Berlin 1888. Jetzt J. G. Cot- 
ta'sche Buchhandlung Nachfolger, Preis Mk. 14. — 

*) Cotta, Stuttgart. 

8) flDie Religion des Veda", von H. Oldenberg, 2. Auflage, Mk. 11.— ,J. G. 
Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart. 



192 Hermann Oldenberg und seineWerke 

Eine prächtige Sammlung von Aufsätzen stellt der Band „Aus 
Indien und Iran", erschienen 1899, dar^). Wir heben nur die 
Kapitel „Der Satan des Buddhismus," „Buddhistische Kunst in 
Indien" und „Taine's Essai über den Buddhismus" hervor. Gerade 
die buddhistische Kunst ist ja neuerdings wieder mitten in unseren 
Betrachtungskreis durch die zahlreichen Ausgrabungen gerückt wor- 
den, die in den letzten Jahrzehnten von Turkestan und Innerasien 
bis hinunter nach Anaradapüra und Polloneruwa auf Ceylon ge- 
macht wurden, — haben sie uns doch ein Jahrtausend buddhisti- 
schen Lebens noch viel deutlicher illustriert, als es uns die Lite- 
ratur allein hätte tun können. Daß Oldenberg Alb. Grünwedels 
„Buddhistische Kunst in Indien" (in den „Handbüchern der 
königlichen Museen zu Berlin"), das den ersten wirklich in Be- 
tracht kommenden Versuch darstellt, „Die Geschichte der bud- 
dhistischen Kunst Indiens in vollem Zusammenhang zu schreiben," 
besonders eingehend bespricht, macht gerade diese Arbeit außer- 
ordentlich wertvoll. Auch „Taine*s Essai über den Buddhis- 
mus" ist bemerkenswert, umsomehr, als Oldenberg erwähnt, daß 
ihm diese wichtige Arbeit so lange entgangen sei und daß er da- 
bei die Bemerkung machte, daß sie vor ihm nur einem Deutschen 
bekannt war — „und zwar keinem Orientalisten!" — und „dieser 
eine ist Friedrich Nietzsche." — 

In einem 1903 erschienenen Werk „Die Literatur des alten 
Indien"^) ist besonders ein gründliches Eingehen auf Buddhas 
Vorgeburtslegenden bemerkenswert. Welch breiten Raum er diesen 
zumißt, geht deutlich aus den für die Upanishaden und den Bud- 
dhismus bestimmten Überschriften hervor — an 70 Seiten nimmt 
dies Kapitel in vorliegendem Buche ein. Diese Überschriften lauten: 
1. Die Zeit der Upanishaden und des ältesten Buddhismus. Wan- 
del gegenüber der altvedischen Zeit. 2. Die Upanishaden. Die Idee 
des All-Einen und ihre literarische Darstellung. Die Dichtung der 
Katha Upanishad. 3. Das Shramanatum. Dschainas und Buddhisten. 



^) „Aus Indien und Iran", Gesammelte Aufsätze von Hermann Oldenberg, 
1899, Preis Mk. 4.—, J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart. 

2) „Die Literatur des alten Indien." Von Hermann Oldenberg, Stuttgart 
und Berlin, 1903, J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachf., Preis Mk. 5.—. 



Von L. Ankenbrand 193 



4. Die heilige Literatur des Buddhismus. Die Predigten Buddhas. 
Didaktisches und Lyrisches. 5. Die Dschataka-Erzählungen : ihr lehr- 
haftes Wesen. 6. Die Dschataka-Erzählungen: Tierfabeln. 7. Die 
Dschataka-Erzählungen: Geschichten aus dem Menschenleben. Höllen- 
und Himmelfahrt. 8. Die Dschataka-Erzählungen: ihre künstlerische 
Form. 

Scharf sind die Gegensätze zwischen Brahmanen und Shramanas 
herausgemeißelt, deutlich tritt uns Nataputta und Gotama entgegen, 
und die Verwandtschaft buddhistischer und christlicher Ideen und 
Texte wird immer wieder betont und vergleichend gezeigt. Un- 
möglich, diese buddhistischen Evangelien, wenn ein solcher Aus- 
druck gestattet ist, zu lesen, ohne an die christlichen zu denken. 
Hier wie dort das Bild eines Meisters und des sich um ihn scharenden 
Jüngerkreises. Hier wie dort Predigten, Sprüche, Gleichnisse, Wunder- 
tun, vor allem die Verkündigung eines ewigen Reiches, das sich in 
der Welt der Zeitlichkeit aufgetan hat und 'dessen Stunde eben 
jetzt gekommen ist. 

Von solchen Ähnlichkeiten aber heben sich nun die Kontraste 
— wir haben es hier mit den literarischen, nicht mit den eigent- 
lich religiösen Kontrasten zu tun — umso schärfer ab. 

Zunächst der äußerliche und doch im Grunde nicht nur äußer- 
liche Unterschied des Umfangs der Texte. Im Neuen Testament 
auf engem Raum in wenigen Exemplaren das vollständige, einfache 
Bild jenes Lebens und Lehrens. Bei den Buddhisten anderseits 
zwar auch meist nur verhältnismäßig kurze Texte: im ganzen be- 
günstigten hier äußere Bedingungen die Entstehung umfangreicher 
Kompositionen nicht. Aber diese Sutra, d. h. Predigten Buddhas, 
diese in engen Rahmen geschlossenen Dichtungen waren schon früh- 
zeitig dank der Tätigkeit ungezählter Mitarbeiter in geradezu end- 
losen Massen vorhanden. Hier war es ausgeschlossen, daß es eine 
einheitliche, in einen Rahmen gefügte Darstellung hätte geben können, 
die alles umfaßte. Vielmehr entstand eine Reihe von Sammlungen, 
in deren jeder die gleichartigen Materialien irgend einer bestimmten 
Gattung zusammengestellt wurden .... An solche Verschieden- 
heiten aber der Dimensionen dieser indischen Evangelien von den 
unsrigen schließen sich tiefere Gegensätze. Vor allem dieser, daß. 



194 Hermann Oldenberg und seine Werke 

wenn es sich auf beiden Seiten zugleich um das persönliche Bild 
eines Meisters und um dessen Lehre handelt, für die christlichen 
Evangelien doch durchaus die Person im Vordergrund steht, für 
die buddhistischen Texte die Lehre, das Wissen, das die letzte Ur- 
sache des Weltleidens, das „Nichtwissen" überwindet . . ." ^) 

Bei Übertragung poetischer Stellen und Sutten wendet Oldenberg 
unter ständiger Anlehnung an das indische Original stets den Shloka, 
die charakteristische Versform der alten Texte an: Jede der beiden 
Zeilen des Distichons zerfällt in zwei Hälften zu acht Silben. Von 
diesen schließt die zweite, also die ganze Zeile, mit Jamben. Die 
erste Hälfte (in ihrem häufigsten Typus) gibt sich den Schein, gleich- 
falls jambischem Ausgang zuzustreben, aber dann wird dieser Ryth- 

mus recht geflissentlich in sein Gegenteil umgebrochen (^ — ). 

So entsteht der eigentümlich „hemmende Gang" des Shloka, wie 
ihn Hegel genannt hat. Zum Beispiel: 

Wer aller argen Lust Herr wird, der Gewinner des schwersten Siegs, 
Jegliches Leid von ihm abfällt wie der Tropfen vom Lotusblatt. *) 

Im Jahre 1905 erschien ein kleineres Werk über „Vedafor- 
schung"^), während uns das Jahr 1906 zwei Vorträge brachte: 
„Die Erforschung der altindischen Religionen im Gesamtzusammen- 
hang der Religionswissenschaft" und „Göttergnade und Menschen- 
kraft in den indischen Religionen", die beide unter dem Titel 
„Indien und die Religionswissenschaft"*) erschienen sind. 
Der erste der beiden Vorträge ist für uns von ganz besonderem 
Interesse, denn hier zeigt uns Oldenberg nicht nur wiederum das 
Verhältnis des Dhammo zum Christentum, sondern er legt auch 
recht deutlich seine Verwandtschaft mit den Ideen der bedeutendsten 
griechischen philosophischen Systeme dar (Plato!). Es würde den 
mir zugemessenen engen Raum zu sehr überschreiten, wollte ich hier 
auch nur die markantesten Stellen aus dem Buche anführen I 



^) Kapitel „Die Literatur des Buddhismus", aus der „Literatur des alten 
Indien", S. 92 und 93. 

^ Desgl., S. 99. 

4 Vedaforschung. Von Hermann Oldenberg, Stuttgart 1905, J. G. Cotta'sche 
Buchhandlung Nachf., Mk. 2.50. 

*) „Indien und die Religionswissenschaft", von Hermann Oldenberg. Stutt- 
gart 1906. Cotta, Mk. 1.60. 



Buddhistische Mönchslieder. — Von Revato. 195 

Leider hat uns der Tod diesen Meister indischer Literatur und 
Religionswissenschaft mitten in voller Arbeitskraft entrissen. Aber 
was er geschaffen, ist so bedeutend und wertvoll, daß sein Name 
nie ungenannt bleiben wird, wenn es sich um eine Aufzählung der 
größten Forscher handelt, die uns die Gedankenwelt unserer fernen 
arischen Vettern an den Ufern des Indus und der heiligen Ganga 
aufs neue erschlossen haben. Dabei sind, wie schon gesagt, abge- 
sehen von der rein wissenschaftlichen Arbeit über „Die Hymnen 
des Rigveda", seine sämtlichen Werke auch dem Laien und Neu- 
ling auf dem Gebiete indischer Religionswissenschaft verständlich, 
ohne daß ihr Verfasser den Boden reiner Wissenschaft verlassen 
hat oder gar, wie es leider heute bei den allzuvielen Dilettanten 
auf diesem Gebiete so gern geschieht, in sog. occultistisches oder 
theosophisches Fahrwasser geraten ist. Partei oder Tendenz sind 
bei allen Werken Oldenbergs ausgeschlossen — sie sind sachlich 
und wissenschaftlich und der ganze Stoff ist stets äußerst über- 
sichtlich und klar behandelt. 

Möge Oldenbergs Andenken uns besonders gewahrt bleiben durch 
das Studium seiner Schriften, deren für uns wichtigste, der „Buddha" 
hoffentlich bald .wieder erscheinen wird. Ludwig Ankenbrand 



Buddhistische Mönchslieder 

Von Revato-Breslau 
L 
Der Weltenpilger 
Gleich Wolken hat das Nebelmeer tief unter meinem Felsensitz 
Auf höchstem Sprung vom Gipfeljoch mich losgelöst vom Erdensein. 

Die linde Neumondnacht enthüllt den Kreiselgang der Sternenwelt; 
In tiefe Schauung ganz versenkt, weit weil ich bei dem Firmament. 

Aus des Vergessens Grunde auf taucht längst verwehte Kinderzeit, 
Als ich, in Leid gebannt und Schmerz, hin zu den Lichtern mich gesehnt. 



196 Buddhistische Mönchslieder 



Warum — so forscht es nun und fragt — hing meine Seele dort im All? 
Was bin ich denn; wo kam ich her; wo werd' ich nach dem Tode sein?— 

Und weit und weiter schweif ich aus in stiller Nacht, in tiefer Schau: 
Da seh' ich mich im Weltenraum, mein Sinnen erdenwärts gewandt.— 

Ein ander' Land liegt nun im Schlaf um mich, und anders flammt das All ; 
Ich wache in die Nacht hinaus und träume von dem Lichterkranz. — 

Ich träume von dem Lichterkranz: ragt dort ein Wald, so dicht als hier? 
Rauscht donnergleich von Fels zu Fels des Wassers heller Riesenleib ? 

Ist Leben dort, wo Feuer flammt? Brennt nur allein um mich die Welt? 
O war ich mächtig, hinzugehn auf diesen und auf jenen Stern! — 

Ich träume: mordet dort und raubt ein Wesen, wie es hier geschieht? 
Ist Alter, Krankheit, Not und Leid in jener Lichterwelt gesäht?— 

Doch nimmer je! Denn strahlte sonst so unbefleckt das Licht zu mir, 
Der nach den Sternen sich empor vom Wirbel des Vergehens sehnt? — 

Und weit und weiter schweif ich aus in stiller Nacht, in tiefer Schau: 
Von Stern zu Stern in mancher Form seh ich mich auf der Wanderschaft. 

Ein Weltenpilger, schreit ich hin aeonenlang von Licht zu Licht, 
Erlösung suchend aus dem Leid und immer neues Leiden ragt! — 

MeinHeim ist nun derErdenball wer weiß, wie oft vor diesem Sein, 

Das mich, den Ruhesucher heut' so weltverloren wachen läßt. — 

Was sah ich auf der Fahrt im All, was seh ich auf dem Erdenstern? 
Geburt, Verwesung, Haß und Wahn ohn' Ende, Mord und geile Gier! 

Was seh ich auf dem Erdenball, den Weg bedenkend, den ich kam. 
In stiller Nacht, in tiefer Schau? Ein Schreckenbildnis malt sich ausi 

Ach, welch ein sturmgepeitschtes Meer von Not und Elend brandet da, 
Nicht mißt man seine Tiefen aus, erreicht der Ufer Rettungsland! 



Von Revato 197 



Ach, welch ein Lohen frißt um mich ; welch Feuer rast, im Kreis gebannt ; 
Es springt im Wirbeltanz einher; erstickend qualmt der rote Brand! — 

Das ganze All ein Feuermeer! Ein Feuer bin ich selbst im All! 

In heißer Lohe ras* ich mit und suche Nahrung, wunschgepackt! 

Fort, flieh dahin mit aller Kraft! Hinweg aus diesem Flammensud! / 
Erkenntnis heißt das Ruheland; geh hin, ersticke deinen Brand! 

So sah ich in der stillen Nacht, von Erdenschwere ganz befreit. — 
Nun bin ich froh, nun bin ich still; auf steht der Pfad zur Rettungsbucht.— 

FünfTüren schleuß ich hinter mir — ein Abgrund nahm dieSchlüssel auf. 
Dahin zieh ich im Fetzenwams: der Weltenpilger geht nach Haus! 

Die Erde wird das letzte Heim, das letzte Grab nach langer Fahrt. 
Ich hüte eine Flamme fein : ein Weltenpilger, lösch ich aus. — 

Ich freue mich des Lebens nicht, ich freue mich des Sterbens nicht; 
Geduldig trag ich^ab den Leib: gewitzigt, weise, wissensklar! — 

II. 
Katam Karaniyam 
Noch einmal nahm ich Atzung ein 
Am Totenfeld zur rechten Zeit; 
Mein Lager war das Pilgerkleid, 
Der Tisch verwittertes Gebein. — 

Dann wurd' der Bettelnapf zerschellt. 
Zur letzten Sammlung, letzten Wacht 
Bergaufwärts schritt ich, klarbedacht. 
Durch Feld und Waldung, saftgeschwellt. — 

Almosen heischend, Haus an Haus 
Nicht fürder lenke ich den Fuß 
Und wechsle stumm den Pilgergruß. — 
Nun brennt die Lampe völlig aus. — 



198 Buddhistische Mönchslieder 



Heut ward ich frei und trag' als Lohn 
Der Arbeit ungestörte Rast; 
Denn abgezahlt nach harter Fron 
Ist alter Schuldung Zinsenlast. — 

Ich hab gerodet lichten Pfad 
Durch schreckenreichen Urwaldbann. 
Was all zu tun war, ist getan ; 
Nie wieder neues Leben nahtl — 



Die Mahabodhi-Gesellschaft 

Deutscher Zweig, Sitz Leipzig 

hält jetzt ihre Zusammenkünfte im Vegetarischen Speisehaus „Ceres" 
Leipzig, Zeitzerstraße 13/1 ab. Gäste, besonders auch die Mitglieder 
des „B. f. b. L." sind stets willkommen und bedürfen keiner Ein- 
führung. Die nächste Zusammenkunft findet am 7. Juni 1920 statt. 
Da das Vereinsorgan der Mahabodhi-Gesellschaft unter dem Drange 
der Kriegsverhältnisse als letzte unter den buddhistischen Zeit- 
schriften Deutschlands im Jahre 1916 ebenfalls sein Erscheinen 
einstellen mußte und verschiedene inzwischen eingetretene Um- 
stände die Neuherausgabe untunlich erscheinen lassen, hat der 
Vorstand der genannten Gesellschaft in dankbarer Entgegennahme 
eines ihm seitens des Herrn Verlegers und Herausgebers der „Zeit- 
schrift für Buddhismus" gemachten Anerbietens beschlossen, hin- 
fort letztere Zeitschrift für seine Veröffentlichungen zu benützen. 

Nähere Auskunft über die Mahabodhi-Gesellschaft erteilt: 

Der Vorsitzende Dr. F. Hornung, Leipzig K. Z., 
Antonienstraße 3. 



Mitteilungen 
des Bundes für buddhistisches Leben 

Die Mahahodhi-GeseHschaft in Leipzig veröffentlicht auf 
Seite 198 eine Bekanntmachung, auf die wir ganz besonders hin- 
weisen. Die Gesellschaft ist der deutsche Zweig der asiatischen 
und englischen Mahabodhi Society und hat sich seit vielen Jahren 
um die Ausbreitung des echten Pali-Buddhismus in Deutschland 
hohe Verdienste erworben. Nähere Auskunft erteilen die Herren: 
Dr. F. Hornung, Leipzig K, Z., Antonienstr. 3, oder G. A. Dietze 
Leipzig, Gohl. Luisenstr. 12/nL 

Breslau. Hier konnten wir durch hochherzige größere Spenden 
eines seit vielen Jahren um den Buddhismus verdienten Mitgliedes 
in den wichtigeren Breslauer Zeitungen größere Bekanntmachungen 
veröffentlichen. Der Erfolg war insofern ein guter, als wiederum 
aus Breslau und ganz Schlesien eine große Anzahl Briefe und 
Anfragen bei uns einliefen. Es erfolgten im Anschluß daran auch 
mehrere Neuanmeldungen zu unserer Gesellschaft sowie eine größere 
Anzahl Zeitschriftenbestellungen durch den Buchhandel sowie direkt 
bei unserer Geschäftsstelle. Die Gründung der Ortsgruppe 
Breslau ist in Vorbereitung. Nähere Auskunft erteilt die Ge- 
schäftsstelle des Bundes für buddhistisches Leben in 
Breslau III, Berlinerplatz 15/1. 

In den Monaten Februar, März und April wurden über 100 von 
Bhikkhu Nyanatiloka zu diesem Zwecke gestiftete Bände seines 
Werkes „Die Fragen des Milindo" durch den „Bund für buddhis- 
tisches Leben" an alle wichtigen deutschen Bibliotheken (Univer- 
sitäts-, Stadt-, Staats- und öffentliche Büchereien) kostenlos ver- 
sandt. Unsere Zeitschrift wurde einer noch größeren Zahl der wichtig- 
sten deutschen und ausländischen Bibliotheken, die sich auf unsere An- 
frage hin zum ständigen Auslegen und zur Aufnahme in den Katalog 
schriftlich bereit erklärten, ebenfalls vollständig kostenlos zugesandt 
und wird ihnen auch weiterhin regelmäßig zugestellt werden. 

Die Nachfrage nach dem ersten Jahrgang der „Zeitschrift 
für Buddhismus" ist anhaltend eine sehr große; leider ist sowohl 
das Probeheft November/Dezember 1913 sowie Heft 7/8 1914 voll- 
ständig vergriffen. Der Halb Jahrgang 1914 Heft 1 — 6 kann noch 
für Mk. 2.50 geliefert werden, jedoch geht auch hier der Vorrat zurNeige. 



200 Mitteilungen des Bundes für buddhistisches Leben 

Wir haben im April an über 600 wichtige Zeitungen und Zeit- 
schriften Deutschlands sowie des gesamten Auslandes unsere Zeit- 
schrift zur Besprechung eingesandt. Bisher haben schon über 200 
Blätter Besprechungen und Erwähnungen gebracht. 

Wie uns der Vorsitzende unserer Lemberger Ortsgruppe soeben 
kurz vor Redaktionsschluß mitteilt, bereiten sich 5 weitere Orts- 
gruppengründungen unseres B. f. b. L. in Polen vor und zwar vor- 
aussichtlich in: Warschau, Krakau, Przemysl, Lublin und Buczacz. 

Dieser Nummer liegt eine Kunstgabe (Bildnis eines prachtvollen 
japanischen Buddhaschreins) bei, mit der wir unseren Lesern eine 
Freude zu machen hoffen. 

Die „Buddhistische Weltschau" und „Bücherbesprechungen", die 
wir in dieser Wesaknummer nicht mehr bringen konnten, folgen 
im nächsten Hefte. 

Der Bund für radikale Ethik, e. V., (früher: Gesellschaft 
zur Förderung des Tierschutzes uud verwandter Bestrebungen) 
fördert vornehmlich solche Bestrebungen, denen auch der Anhänger 
der buddhistischen Ethik die höchste Bedeutung zuerkennen muß. 

Er sucht das Mitleid mit allem Lebenden, auch das mit 
den Tieren, zu wecken und die Erkenntnis zu verbreiten, daß das, 
den Egoismus brechende Mitleid die Quelle der Sittlichkeit ist. 

Er fördert besonders die radikalen Tierschutz be streb- 
ungen (Vegetarismus, Bekämpfung der Vivisektion und des 
Jagdvergnügens usw.) und den Pazifismus. 

Er arbeitet auch mit an der Schaffung einer gerechteren Ge- 
sellschaftsordnung, tritt aber dem Wahn entgegen, daß das 
Heil der Menschheit hauptsächlich von sozialen und poli- 
tischen Reformen zu erwarten sei, und betrachtet als seine 
Hauptaufgabe die Förderung der Individual -Ethik, das 
heißt: des sittlichen Strebens des einzelnen Menschen, der Ver- 
edelung der individuellen Lebensführung. 

Alle Mitglieder erhalten zahlreiche Broschüren und Flugblätter. 
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versendet der Bund kostenfrei; die Broschüre „Radikalismus und 
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Hauptschriftleiter Dr. Wolfg.Bohn, Dölau b.Halle. Schriftleiter Ludw.Ankenbrand,Stuttgart 

Herausgeber: »Bund für buddhistisches Leben*, Verlag der Zeitschrift für Buddhismus 

Oskar Schloß, München-Neubiberg. Druck von Knorr & Hirth in München. 




2. Jahrg. / Heft 7/9 Juli/Aug./Sept. 1920 Buddha-Jahr 2463/64 



Gedanken über das Nibbanam 

Von BhikkhuSilacarain Rangoon. Autor. Übersetz, aus dem engl. Manuskript 

Ein alter Chinese, der vor langer Zeit starb, hinterließ der Mensch- 
heit als Vermächtnis eine kurze Abhandlung über das, was er Tao 
nannte und woriij er seinen Gegenstand mit folgenden seltsamen 
und einigermaßen mysteriösen Worten einleitete: „Der Tao, den 
man so benennen kann, ist nicht der wahrhaftige Tao; der Tao, 
von dem man sprechen kann, ist nicht der ewige und unvergäng- 
liche Tao." So ähnlich ungefähr würde es einem Versuche ergehen, 
über den buddhistischen Begriff des Nibbanam etwas Bestimmtes in 
Rede oder Schrift auszusagen. Wenn man ganz präzis sprechen und 
niemandem einen falschen Begriff von der Sache geben will, ist 
man gezwungen, vor jeder anderen Äußerung festzustellen, daß Nib- 
banam, das man so nennt und von dem man spricht, niemals den 
Begriff von etwas Feststehendem, Erklärbarem und Ewiggültigem 
haben kann. Denn da Nibbanam ein einzig dastehendes und 
einzigartiges intuitives Erleben darstellt, so ist es eben ganz 
unmöglich, über dasselbe etwas in unserer Sprache und mit posi- 
tiven Worten, die wir in unserem täglichen Verkehr und zur Er- 
klärung der gewöhnlichen alltäglichen Erfahrung gebrauchen, aus- 
zusagen. Immer wird in Wirklichkeit bei allem, was wir bei unseren 
gewagten Versuchen, über das Nibbanam zu sprechen, aussagen 



202 Gedanken über das Nibbanam * 

oder schreiben, nichts anderes sein, als die hinter unseren Worten 
stehende eigene und persönliche Vorstellung, Ansicht oder Auf- 
fassung des Nibbanam, aber eben in Wirklichkeit nicht das echte, 
wahre Nibbanam selbst. 

Demnach würde der Versuch, überhaupt irgend etwas über das 
wahre Wesen des Nibbanam auszusagen, als ziemlich hoffnungs- 
loses Unternehmen erscheinen. Und doch ist es nicht ganz so hoff- 
nungslos wie es scheint. Denn glücklicherweise ist uns Menschen, 
wenigstens einigen wenigen Menschen, eine Erfahrung zugänglich, 
die zu dem inneren Erlebnis des Nibbanam in nächster Beziehung 
steht. Zu der Art von Menschen, denen ein solches Erleben mög- 
lich ist, gehören diejenigen, die wir Künstler nennen. 

Jedem echten Künstler, worunter man nicht jeden zu zählen hat, 
der eine mehr oder weniger große Fertigkeit und Geschicklichkeit 
in dem Gebrauch von Farben, Lehm oder Marmor erworben hat, 
sondern den, der klar und lebendig die tiefe Idee in den Dingen 
wahrnimmt, die ihnen zugrunde liegt und deren sichtbarer Aus- 
druck sie sind — siehe Plato — , jedem solchen wahren Künstler 
kommt das eine oder das andere Mal in seinem Leben — und 
wenn er glücklich ist, vielleicht mehr als einmal, — ein Augen- 
blick, in dem er ganz intuitiv bei der Betrachtung irgend eines 
schönen Gegenstandes ein merkwürdiges Erlebnis hat. Plötzlich 
flammt in ihm ein außergewöhnlich starkes Erleben der Schönheit 
des Objektes auf. Seine Farben glühen, die Linien werden reiz- 
voller und lieblicher. Der Gegenstand oder die Szene nehmen einen 
Ausdruck an, als ob er sie nie früher gesehen hätte und zum 
ersten Male in all ihrer glühenden Pracht und Innerlichkeit er- 
schaute. Und gleichzeitig mit diesem seltsamen Vorgang geht — 
das wunderbarste von allem — noch etwas anderes vor sich: 
Er, der dieses Bild der Schönheit in sich aufnimmt, verschwindet 
hinter dem Objekt, ist nicht mehr da. Nur die Schönheit allein 
ist übrig, durch keine Anwesenheit eines sie genießenden Sub- 
jektes entweiht. Wohl wird ein Objekt voll Schönheit gesehen, 
aber es scheint niemand da zu sein, der es betrachtet. Und dieser 
sonderbare Zustand ist nicht, wie man glauben möchte, von irgend 
einem Gefühle des Unbehagens, der Aufregung oder Furcht be- 



Von Bhikkhu Silacara 203 

gleitet, sondern im Gegenteil löst er ein so tiefes Gefühl einer 
vollkommenen inneren Heiterkeit aus, daß der Erlebende ahnt, es 
könne kein höheres Glück geben als die ewige Fortdauer dieses 
Zustandes. Aber ganz natürlich hält dieser nicht lange an. Das Er- 
lebnis verschwindet, fast eben so plötzlich, wie es gekommen ist 
und der Künstler sieht sich wieder in die Welt des Alltags ver- 
setzt. Aber nachdem er nun einmal diese unbeschreibliche Intuition 
erlebt hat, ist sein ganzes künstlerisches Streben nur noch darauf 
gerichtet, durch seine Kunst ein Werk hervorzubringen, das seinen 
Mitmenschen irgend einen wenn auch nur bescheidenen Begriff von 
dem enthüllen könnte, was er selbst gesehen und erlebt hat und 
was dazu beitragen könnte, sie auf dem Wege, wenn auch nur ein 
kleines Stück weiterzubringen bis zu dem Tage, an dem sie selbst 
ein solches Erlebnis zu haben imstande wären. Dann ist er ein 
Raphael oder ein Turner, ein Phidias oder ein Michelangelo; und 
er schenkt der Menschheit lebendige Zeugnisse seines inneren Er- 
lebnisses, die für alle Zeiten unvergänglich sind und die sie als 
das köstlichste Gut behütet, das ihr anvertraut worden ist. 

In dieser kurzen Andeutung der Ekstase, in der ein Künstler sein 
Objekt schaut, um dann durch sein tiefes Erlebnis dahinter zu ver- 
schwinden, haben wir das in Worten ausgedrückt, was wohl ganz 
seltsam klingen mag, aber tatsächlich so ist. Der Zustand scheint 
unmöglich, aber er findet statt. Jeder echte Künstler weiß es aus 
seinem inneren Erlebnis, mögen auch die anderen zu ihrer Freude 
daran zweifeln und dieses Erlebnis als unwirklich und unmöglich 
hinzustellen versuchen. Cogito, quia impossibile est, wie Tertullian 
nicht sagte. Ganz offensichtlich befinden wir uns bei einem der- 
artigen Erlebnis in einer Welt, in welcher der Verstand sicherlich 
nicht der Herr ist, sondern, wenn er überhaupt in Frage kommen 
kann, als Diener zu untergeordneten Arbeiten benützt wird, wenn 
der Herr ihn wieder braucht. Klarer ausgedrückt: Hier wie über- 
all kommt die Wirklichkeit an erster Stelle, sei sie was sie wolle; 
Logik und Verstand hinken nach und passen sich ihnen an, so gut 
sie es können und — müssen. 

Neben diesen Künstlern gibt es eine weitere Klasse von Menschen, 
die fähig sind, in «einen Erfahrungszustand zu gelangen, in dem 



204 Gedanken über das Nibbanam 

das normale Bewußtsein ausgeschaltet ist; und diese Menschen 
pflegen wir „Heilige" zu nennen, sei es im Osten oder im Westen, 
Zwischen dem Erlebnis des Künstlers und des Heiligen besteht 
aber doch noch ein fundamentaler Unterschied: Da, wo der Künstler 
wie durch einen glücklichen Zufall zu seiner Intuition kommt, über 
die er so gut wie keine Kontrolle besitzt oder die Macht, sie wieder 
herbeizurufen, wenn er will, oder sie zurückzuhalten, da ist das 
Erlebnis des Heiligen oder Jogis das Ergebnis langjähriger und ziel- 
bewußter Überwindung, oder besser ausgedrückt einer Kette von 
vielen zielbewußten Bemühungen. Diese erstrecken sich oft über 
alle Handlungen und Willensregungen seines Lebens und sind auf 
dieses Ziel gerichtet, wenn auch vielleicht im Abendlande der Ein- 
zelne keine ganz klare Vorstellung von dem inneren Vorgang haben 
mag, der sich abspielt, wenn er das erstrebte Ziel erreicht. Und 
ferner noch: Wenn der Heilige oder Jogi durch die nach und nach 
gewonnene Technik, Verstand und Gedanken zu beherrschen, die 
Fähigkeit erlangt hat, die innere Intuition herbeizurufen, so dauert 
solche viel länger an als die des Künstlers; und es steht vor allen 
Dingen in seiner Gewalt, — ist es ja doch die Folge eines ganz 
klar bewußten Strebens — zu einem ihm passenden Augenblick 
sie herbeizuführen. 

Diejenigen Menschen, die in dem buddhistischen System des 
Geistestrainings dieses Erlebnis in seiner vollen, vollkommenen und 
einzigartigen Tiefe erlangen, heißen Arahats, und das volle, voll- 
kommene und einzigartige Erlebnis selbst heißt Nibbanam. Und wie 
der Künstler als Ergebnis seines nur einen kurzen Augenblick 
währenden, fast zufälligen Erlebnisses der Welt unübertreffliche 
Werke der Schönheit in Farben, Linien und Formen zu schenken 
vermag, so geben die Buddhas und Arahans als Auswirkung ihrer 
klar bewußt zur höchsten Vollendung gebrachten und vollkommen 
beherrschten Schauungen der Menschheit Zeugnisse der höchsten 
Heiligkeit oder Vollkommenheit*) — beide Wörter wollen dasselbe 
besagen — und strahlen auf ihre Mitmenschen einen so gewaltigen 



*) Der Verfasser gebraucht hier im englischen Original die beiden Worte 
Holiness und Wholeness, die er auf die gleiche etymologische Wurzel zurück- 
führt. 



Von Bhikkhu Silacara 205 

Einfluß zum Guten aus, wie es uns die geschichtlichen Über- 
lieferungen von dem Auftreten des Buddha und seiner Jünger be- 
richten, wo immer diese auch im Laufe ihrer Wanderungen hin- 
gekommen sind. In diesem Zusammenhang werden sich Kenner 
des Therigatha an das Lied jener Dirne erinnern, die, Buddhas Lehr- 
rede hörend, ein vollkommen veränderter Mensch wurde, sowie an 
andere Beispiele ähnlicher Bedeutung. 

Aber nun wollen wir zur näheren Definierung übergehen, sodaß 
auch der Gegner keinerlei Gelegenheit zum Spotte habe. Dieses 
Erlebnis, Nibbanam, ist jenseits der Sphäre von Vernunft und aller 
Regeln der Logik; das will sagen, es ist jenseits der Sphäre, wo die 
Werkzeuge des vernunftgemäßen Denkens, nämlich die Worte, von 
irgend welcher Bedeutung sind. (Bei unserem Versuche hier, es in 
Worten auszusprechen, haben wir uns schon die Unsinnigkeit und Un- 
möglichkeit zu eigen gemacht, zu behaupten, daß ein Ding gesehen 
werden könne, ohne daß jemand da ist, der es sieht!) Daraus folgt, 
wie früher schon gesagt, daß bei allen Behauptungen, Aussprüchen 
oder Andeutungen oder schon bei jedem Versuch, in irgend welcher 
subtilen oder einfachen Weise über das Nibbanam oder das Nibbanam- 
bewußtsein zu sprechen, (wenn man überhaupt ein Wort wie Be- 
wußtsein in Zusammenhang damit gebrauchen kann) wir in Wirk- 
lichkeit nicht über das wahre, echte Nibbanam reden, sondern nur 
ganz genau soviel darüber sprechen können, als wir imstande sind, 
durch die enge Pforte unseres normal arbeitenden Gehirnbewußt- 
seins zu bringen, und ganz naturnotwendig werden die Begriffe bei 
diesem Prozeß verstümmelt und verzerrt. Von diesem Bruchstück, 
diesem verzerrten und entstellten Teil des wahren Nibbanam, diesem 
Kompromiß zwischen seinem wahren, höchsten Wesen und den 
Möglichkeiten unseres Bewußtseins, das nur mit der äußeren Er- 
scheinungswelt zu arbeiten imstande ist, sowie der Ausdrucksform, 
die dieses Bewußtsein zur Beschreibung seines eigenen Prozeßes 
gebraucht, nur von diesem und von keinem anderen Nibbanam 
reden wir, wenn wir versuchen, überhaupt über das Nibbanam zu 
sprechen. Hierfür sind alle Worte, welche wir auch immer wählen 
mögen, zu leicht. Keinerlei Ausdruck, der durch unser Hirn her- 
vorgebracht wird, kann zutreffen. Wenn wir darauf bestehen wollen 



206 Gedanken über das Nibbanam 

und uns noch so verzweifelt bemühen, den wahren Sinn von Nib- 
banam in Worte zu kleiden, werden und müssen wir einsehen, daß 
wir daran vorbeireden. 

Es bleibt uns in Wirklichkeit nur eines übrig, nämlich nach 
Nibbanam zu streben und es zu erreichen versuchen — oder uns 
durch dieses selbst gewinnen zu lassen. Letzterer Begriff ist viel- 
leicht die richtigere Ausdrucksweise. Denn da ja die eigentliche 
Art des inneren Erlebnisses, so weit wir sie überhaupt In Worte 
kleiden können, gerade das Verschwinden des gewöhnlichen Lebens- 
bewußtseins bedeutet, so ist es kaum richtig, von einem Gewinnen 
durch sich selbst zu sprechen. (Wieder ein Beispiel dafür, wie 
schwierig es ist, über Nibbanam irgend etwas auszusagen, das nicht 
nahe an Unsinn grenzt!) 

Eines müssen wir bestimmt vermeiden. Wir müssen vermeiden, 
dem wahren Nibbanam irgend etwas von den Begriffen, Gedanken 
und Vorstellungen unterzulegen, wie sie in unseren Köpfen leben. 
Wir müssen erkennen, daß alle diese Begriffe, Gedanken und Vor- 
stellungen nur unserer Vorstellung vom Nibbanam entsprechen, 
aber niemals dem Nibbanam selbst. Dieses, das wahre und wirk- 
liche Nibbanam, in strengem Gegensatz zu unserer Vorstellung von 
ihm, die zufällig in irgend einem beliebigen Augenblick in irgend 
einem beliebigen Kopfe leben mag, ist nicht das wirkliche Gegen- 
bild zum Samsara, sondern vollkommen fern und jeiiseits von diesem 
Samsara und allem, was zu ihm gehört. Um die in Burma ge- 
bräuchliche und zutreffende Darstellung zu gebrauchen: Samsara 
und alles, was dazu gehört ohne jede Ausnahme, des Menschen 
Gehirn, Bewußtsein, seine Gedanken und Vorstellungen, und alle 
die Wörter, Ausdrücke und Bilder, in denen diese Gedanken und 
Vorstellungen zum Ausdruck gelangen können, all das zusammen 
ist auf einer Platte und zwar einer nur zweidimensionalen Fläche 
enthalten. Aber Nibbanam, das wahre Nibbanam, ist keineswegs 
auf dieser Platte noch in seinem wahren Wesen irgendein Teil 
davon. Nibbanam ist oben in der Luft, ganz außerhalb der Platte 
in einer anderen Raumdimension und hat keinerlei Berührungs- 
punkt zu irgend einem Teil der Platte. Es gehört nicht dem Zwei- 
dimensionalen an. 



Gedanken über das Nibbanam. — Was ist Buddhismus? 207 

Das ist dasselbe, was wir schon oben angedeutet haben. Alles 
Denken und Sprechen über Nibbanam berührt nicht sein wahres 
Wesen, sondern nur die Vorstellung davon, die gerade in einem 
gegebenen Augenblick im Gehirne des Denkenden oder Sprechen- 
den gegenwärtig ist; und das kann niemals anders sein. »Durch 
Denken ist diesem Dhamma nicht beizukommen," sagt eine alte 
Schrift. Das Losungswort am Schluß ist hier und muß es immer 
sein „solvitur ambulando". 



Was ist Buddhismus? 

Von Professor P. Lakshmi Narasu in Madras. Autorisierte Übersetzung von 

Dr. Ferdinand Hornung in Leipzig- KZ. 

(Fortsetzung.) 

Nicht nur im Menschen^ ist da nichts Dauerndes, sondern auch 
im ganzen Weltall gibt es nichts, was bleibend wäre. Alle Be- 
standteile dessen, was ist, sind vergänglich. Alle Dinge befinden 
sich in einem unaufhörlichen Flusse. Veränderlichkeit ist das 
eigentliche Kennzeichen des Daseins. Der Hauptzug, das Wesent- 
lichste allen Stoffes, des lebenden wie des leblosen, ist seine Un- 
beständigkeit. Alle Energie hat ein Streben, sich auszubreiten und 
sich zu zerteilen. Leben ist nur eine kurze Episode zwischen zwei 
Ewigkeiten des Todes, und in dieser Episode währt der bewusste 
Gedanke nur einen Augenblick. Beständige, unveränderliche Stoffe 
existieren nur als Vorstellungen des Denkens. In Wirklichkeit be- 
steht alles, was es auch geben mag, aus Farben, Tönen, Tempera- 
turen, Strecken, Zeiten, Drucken, Vorstellungen, Erregungen, Wollen 
und so weiter, eins mit dem anderen in mannigfaltigster Weise 
verknüpft. Und sie alle verändern sich fortwährend. Alles ist 
daher schnell vorübergehend. Manches mag wohl verhältnismäßig 
beständiger sein als anderes, aber nichts ist völlig dauerhaft. Was 
unbeständig ist, irriger Weise als etwas Beständiges nehmen, das 
ist es, was die Vergänglichkeit (anicca) zur Quelle des Leidens 
(dukkha) macht. Wovon wir als von Körpern reden, das sind nur 
Verbindungen von verhältnismäßig größerer Beständigkeit, aber 
völlig beständig sind sie nicht. Dahinter und jenseits der Er- 



208 Was ist Buddhismus? 

fahrungselemente (Farben, Räume etc.) gibt es keinerlei prakriti, 
pradhana, brahman oder Dinge-an-sich. Dennoch schließt diese 
Veränderlichkeit nicht in sich, daß die Dinge täuschend, Schein 
sind. Sie sind mindestens ebenso wirklich, wie die Egos, die sie 
wahrnehmen. Gerade wie die Fortdauer des Ego, des Ich, eine 
Schöpfung der Einbildungskraft ist, so auch die der äußeren Welt 
beigelegte Fortdauer. 

Obgleich der Tod die Auflösung von Körper und Geist ist, so 
beendet er doch, nicht alles. Der Buddha hat erklärt, daß er 
weder ein sasvatavadin ^) wie die Brahminen, noch ein ucchedavadin^) 
wie die Charvakas sei. Während die Erhabene Lehre das Vor- 
handensein eines dauernden Selbst, eines atta, welches von Geburt 
zu Geburt fortwandert, abweist, hält sie gleichzeitig die Fortdauer 
des Karma aufrecht. Wer keine klare Vorstellung vom Tode hat 
und die Tatsache nicht beherrscht, daß der Tod allenthalben in der 
Trennung der Skandhas besteht, kommt zu allerlei Schlüssen, wie: 
»eine lebende Wesenheit stirbt und wandert in einen anderen Leib"; 
und ähnlich, wer keine klare Vorstellung von Wiedergeburt hat und 
die Tatsache nicht beherrscht, daß das Erscheinen der Skandhas 

^) Lehrer der Fortdauer. 

^) Lehrer der Vernichtung: daß mit dem Tode alles zu Ende sei. — Andere, 
ebenfalls schon vom Buddha widerlegte Philosophen waren: die ahetukavadin, 
sie negierten das Kausalitätsgesetz, ließen also alles aus Zufall geschehen 
sein; die isvarakaranavadin, die einen Gott-Schöpfer, -Erhalter und -Regierer 
lehrten und diesen für das Menschenschicksal wie für alles Sein und Ge- 
schehen verantwortlich machten; die pubbekatavadin, die alles durch vor- 
geburtliche Taten vorausbestimmt sein ließen; die hattavijjavadin, die alles 
für erlaubt hielten, was dem selbstgesetzten Endzwecke dienlich sein sollte, 
selbst die schwersten Verbrechen. — Wir erkennen hier, wohl mit einiger 
Überraschung, daß gerade alle diese alten, schon vor bald 2500 Jahren vom 
Buddha abgefertigten Irrlehrer das heutige abendländische Denken be- 
herrschen. Selbst die pubbekatavadin nicht ausgenommen. Denn das sind, 
in abendländischer Verkleidung, die Prediger des sogenannten historischen 
Materialismus, der materialistischen Geschichtsauffassung, indem diese für 
die heutigen, bezw. die jeweiligen Zustände und Geschehnisse, nur allein die 
gegebenen Verhältnisse, d. h. die Ergebnisse der Taten früherer Generationen, 
nach unserer buddhistischen Auffassung also die Taten unserer eigenen 
früheren Existenzen, verantwortlich machen, nicht aber auch noch ihr eigenes 
und ihrer Zeitgenossen jetziges Tun. 



Von Professor P. Lakshmi Narasu 209 

allenthalben Geburt ausmacht, kommt zu allerlei Schlüssen, wie: 
„eine lebende Wesenheit wird geboren und hat einen neuen Leib 
bekommen". Es ist kein Wesen da, welches geboren wird, oder 
wirkt und sich freut, oder leidet und stirbt, oder wiedergeboren 
wird um wiederum zu sterben, sondern es finden einfach Geburt, 
Tätigkeit, Freude, Leid und Tod statt. Die Lebenstätigkeiten, 
Gedanken, Worte, Taten allein sind wirklich, und diese bleiben 
erhalten — und sonst nichts. In seinem Visuddhimagga sagt 
Buddhaghosa: „Diese Skandhas, welche in der früheren Existenz 
in Abhängigkeit vom Karma ins Dasein traten, vergingen dann 
und dort. Aber in Abhängigkeit von dem Karma jener Existenz 
sind andere Skandhas in dieser Existenz ins Dasein getreten. Nicht 
ein einziges Daseinselement ist aus einer früheren in diese Exi- 
stenz gekommen. Die Skandhas, welche in Abhängigkeit vom 
Karma in dieser Existenz ins Dasein getreten sind, werden ver- 
gehen, und andere werden in der nächsten Existenz ins Dasein 
treten, aber nicht ein einziges Daseinselement wird von dieser 
Existenz in die nächste hinüberwandern. Überdies, gerade wie die 
Worte des Lehrers nicht in den Mund des Schülers übergehen, 
der sie nichtsdestoweniger wiederholt; gerade wie die Züge des 
Gesichts nicht zur Zurückwerfung im Spiegel und dergleichen 
hinübergehen und dennoch das Bild in Abhängigkeit von ihnen 
erscheint; und gerade wie die Flamme nicht vom Dochte der einen 
Lampe auf den der anderen übergeht, und die Flamme der zweiten 
Lampe nichtsdestoweniger in Abhängigkeit von der der ersten da 
ist: in genau der selbigen Weise geht nicht ein einziges Daseins- 
element von einer früheren Existenz in die gegenwärtige, noch 
von hier in die nächste Existenz über; und dennoch werden in 
Abhängigkeit von den Skandhas, Sinnesorganen, Sinnesgegen- 
ständen und Sinnesbewusstsein der letzten Existenz diejenigen von 
dieser geboren und von den gegenwärtigen Skandhas, Sinnes- 
organen, Sinnesgegenständen und Sinnesbewusstsein werden die Skan- 
dhas, Sinnesorgane, Sinnesgegenstände und Sinnesbewusstsein der 
nächsten Existenz geboren werden." 

Der Mensch ist nichts weiter als die zeitweilige Verbindung der 
fünf Skandhas; der Anfang ihrer Vereinigung ist Geburt und ihr 



210 Was ist Buddhismus? 

Ende ist Tod. Aber so lange die Vereinigung besteht, offenbart 
sich das Ego in jedem Augenblicke als ein rühriger, leidvermeiden- 
der, vergnügensuchender Wille, welcher Beziehungen zu anderen 
Einzelwesen hat. Unter diesem Gesichtspunkte redet man von 
jedem individuellen Leben als von einer Verbindung, einem Kom- 
plex von Karmas. Was wir das Selbst einer Person, oder jeman- 
des Persönlichkeit nennen, das besteht in der Stetigkeit von 
jemandes Veränderungen, und das einzige sichere Erkennungsmittel 
der Identität einer Person in zwei verschiedenen Augenblicken 
hängt einzig und allein von der Möglichkeit des Nachweises ab, 
daß während der Zwischenzeit diese Person beständig existiert 
hat. So lange die Karmas annähernd dieselben bleiben, erkennen 
wir die Person für alle praktischen Zwecke als die gleiche an. 
Aber diese Karmas, welche den Inhalt von jemandes Ego bilden, 
bestehen aus Beziehungen zwischen dieser Person und anderen 
Einzelwesen und sind daher niemals gänzlich auf eine beschränkt; 
das Karma geht zu anderen über und bleibt in diesen selbst nach 
jenes Tode aufbewahrt. Auf diese Art stirbt ein Mensch, aber 
sein Karma ist in anderen Einzelwesen wiedergeboren. Gerade 
wie wenn jemand einen Brief geschrieben hat, das Schreiben auf- 
gehört hat, aber der Brief bleibt, so bleiben die Taten um in der 
Zukunft Frucht zu tragen, wenn sich die Skandhas trennen. Wenn 
eine Lampe an einer brennenden Lampe angezündet wird, so 
findet ein Anzünden des Dochtes statt, aber kein Hinüberwandern 
der Flamme. Die Mangofrucht, die gepflanzt wurde, verrottet im 
Boden, aber sie wird wiedergeboren in den Mangofrüchten des 
Baumes, der aus ihrem Samen wächst.' Vom Samen zur Frucht, 
da gibt es keine Wanderung einer Mangoseele, aber einen Wieder- 
aufbau ihrer Form gibt es, und in den neuen Mangofrüchten ist 
der Typus in allen seinen individuellen Zügen aufbewahrt. So ver- 
körpert sich auch der Mensch von neuem, aber eine Wanderung 
liegt da nicht vor. „Was wiedergeboren wird," heißt es im 
Milindapafiha, „ist Name und Form. Von einem Namen -und -Form 
sind die Taten getan, und durch diese Taten wird ein anderer Name- 
und-Form wiedergeboren. Ein Name -und -Form findet im Tode 
sein Ende, ein anderer aber wird wiedergeboren. Aber der andere 



Von Professor P. Lakshmi Narasu 211 

ist das Ergebnis des ersten und ist daher hierdurch nicht von 
seinen bösen Taten entlastet." Wo auch immer eines Menschen 
Tätigkeiten sich eingeprägt haben, mögen sie nun Gedanken, 
Worte oder Taten sein, dort hat er sich wiederverkörpert. 
Ein jeder hinterlässt dasjenige, was er jemals an Veränderungen 
in seiner Umgebung hervorgebracht hat. Selbst das Kind, wel- 
ches bald nach seiner Geburt stirbt, hinterlässt bei seiner Mutter 
einen Eindruck, der in irgend einer Weise eine Veränderung in 
ihr verursacht. Diese Einflüsse sind durchaus persönlich oder 
individuell und hängen auf der einen Seite vom Charakter der 
Person, die sie hervorgebracht hat, ab; auf der anderen Seite 
sind ihre Wirkungen und ihre Dauer von den Personen und Dingen 
bestimmt, auf welche diese Einflüsse ausgeübt werden. Die Dauer 
dieser Einflüsse mag lang oder kurz sein, aber stets sind sie vor- 
handen, so viel sie auch im Laufe der Zeit abgeschwächt sein 
mögen. Daraus, daß die Menschen körperlich von einander unab- 
hängig sind, folgt nicht, daß sie auch geistig von einander ge- 
trennt sind. Das Geistesleben beharrt über jedes Einzelwesen 
hinaus, weil seine wesentlichen Gegenstände nicht Einzelwesen 
als solche, sondern die Bande sind, welche die Einzelwesen ver- 
knüpfen. Jede Tat, jedes Wort, jeder Gedanke ist ein Teil unseres 
geistigen Lebens, und unser geistiges Leben bleibt unverletzt 
zurück, wie eine erloschene Flamme, welche eine andere an- 
gezündet hatte. 

Die Karmalehre des Buddhismus kann nur im Lichte von dem, 
was der Buddha bezüglich der Natur der Persönlichkeit gelehrt 
hat, klar begriffnen werden. Das Wesentliche in einer Persönlichkeit 
ist nicht das „Ich", sondern der Inhalt. Dieser Inhalt ist niemals 
für zwei Momente der gleiche. Was dazu dient, diesen Inhalt zu 
bewahren, das ist die Stetigkeit, und diese lässt die täuschende Vor- 
stellung der Identität entstehen. Im Bodhicharyavatara heißt es: 
„daß ich eine und die selbige Person bin, das ist das Ergebnis 
einer Täuschung." Genau gesprochen stirbt der Mensch in jedem 
Augenblicke. Aber so lange die Verbindungsweise der das Ego 
ausmachenden Elemente, der Skandhas, im ganzen die gleiche 
bleibt, sprechen wir vom Ego als dem selben. Aber in Wirklichkeit 



J. 



212 Was ist Buddhismus? 

ist es im einen Moment ein Ego und im nächsten Moment ist es 
ein anderes Ego, obgleich durch gewisse Glieder mit dem vorigen 
verbunden. Es ist die Stetigkeit des Denkens, was die Einheit ent- 
stehen lässt. Was die Verknüpfung zwischen dem Täter einer Tat 
und dem, der ihre Frucht genießt, bestimmt, das ist ebenfalls diese 
Stetigkeit der Gedanken. Im Bodhicharyavatara heißt es: „wenn 
sich eine Person von Moment zu Moment verändert, dann besteht 
offenbar kein Grund für die Annahme, daß der Täter einer Tat 
notwendiger Weise ihre Frucht genieße. Nur die aus der Stetigkeit 
des Denkens entstehende Einheit bestimmt die Verbindung zwischen 
dem Täter einer Tat und dem Genießer ihrer Frucht." In ähnlicher 
Weise kommen die Elemente nicht länger in ihrer gewöhnlichen 
Verbindungsform vor, wenn eine Person stirbt, das will sagen, wenn 
ein Ego aufhört, Empfindungen, Wollen etc. zu haben, aber der 
Inhalt des Ego ist nicht verloren. Einige wenige, wertlose persön- 
liche Erinnerungen ausgenommen, bleibt der Inhalt eines Ego im 
anderen aufbewahrt. So wird das Einzelwesen in neuen Formen 
erhalten. Überall, wo eines Menschen Gedanken, Worte oder Taten 
auf andere Menschen Eindruck gemacht haben, dort ist er wieder- 
geboren. 

In der Absicht, die Gefahren des Missverständnisses seiner An- 
sichten zu vermeiden, hat der Buddha oftmals Schweigen beobachtet, 
wenn er von Nichtbuddhisten wie nach dem Vorhandensein einer 
Seele gefragt wurde. Er sah die Irrlehre von der Fortdauer als 
weniger gefahrbringend an, als die Irrlehre von der Vernichtung 
für diejenigen, deren Geisteskräfte für das Verständnis, warum 
Böses zu vermeiden sei, noch nicht entsprechend entwickelt waren. 
Der große buddhistische Lehrer Dewa sagt: „Der Buddha in seiner 
Weisheit hatte auf die Naturen der verschiedenen Personen ein 
wachsames Auge und predigte ihnen die Erhabene Lehre in ver- 
schiedenartiger Weise indem er mitunter die Existenz eines Selbst 
nicht verneinte, zu anderen Zeiten aber es in Abrede stellte. Ohne 
eine angemessene Entwickelung seiner Geisteskräfte kann keiner 
Nirvana erreichen, noch kann einer wissen, warum Böses vermieden 
werden soll. Für Leute, welche diese Stufe nicht erreicht hatten, 
geschah es, daß der Buddha so redete, als ob er das Vorhanden- 



Von Professor P. LakshmiNarasu 213 

sein eines Atman, eines Selbst nicht in Abrede stelle." Aber alle 
Schulen des Buddhismus verneinen das Dasein einer ewigen Indi- 
vidualseele nachdrücklichst. In der nachstehenden Erwiderung Dojen 
Zenji's, eines der Begründer der buddhistischen Zen-Schule in 
Japan, gegenüber einem Opponenten, welcher stritt, die Verwirk- 
lichung der ewigen Einheit der Seele sei der gerade Weg, aus dem 
Kreislauf von Geburt und Tod zu entrinnen, ist diese nachdrück- 
liche Verneinung klar zum Ausdruck gebracht. Dojen Zenji sagt: 
„Die Ansicht, die du eben dargelegt hast, stimmt mit der Lehre 
des Buddha ganz und gar nicht überein; vielmehr ist sie die Lehre 
nichtbuddhistischer Ketzer, welche sagen, es gäbe eine übernatürliche 
Seele, befähigt, zwischen gut und schlecht, recht und unrecht zu 
unterscheiden und Lust und Schmerz, Freude und Leid zu fühlen, 
wenn irgend ein Gegenstand mit ihr in Berührung komme. Sie 
fügen noch hinzu, daß sie wirklich unzerstörbar sei, obgleich sie 
bei der Auflösung des Leibes zugrunde zu gehen scheine; daß sie 
die Fähigkeit besitze, in einem anderen Leibe wiedergeboren zu 
werden, sobald sie den Leib eines, der tot ist, verlässt. So ist die 
Meinung der Ketzer; und wer denkt, daß das mit der Lehre des 
Buddha ganz übereinstimmend sei, der ist törichter als jemand, der 
einen Klumpen Gold für eine Handvoll Lehm austauscht. Es ist 
der Gipfel der Narrheit. Im Buddhismus ist die Seele mit dem 
Leibe identisch, die Gegenstände des Verstandes und die der Sinne 
sind nicht trennbar von einander. Dieses Grundprinzip des Bud- 
dhismus, welches vom Westen (Indien) dem Osten (China) über- 
liefert wurde, dürfen wir nicht missverstehen." 

Die buddhistische Karmalehre ist von sehr weitem Gesichts- 
kreise. Karma wirkt nicht nur im Bereiche des empfindenden Lebens, 
sondern es erstreckt sich über das Ganze des in die Erscheinung 
tretenden Daseins. Jedes Ding befindet sich in fortwährender Um- 
änderung. Die Welt ist ein ununterbrochener Werdevorgang. Kein 
Erschaffen, kein Vernichten gibt es da; weder Anfang noch Ende. 
Dennoch geschieht nichts zufällig, ohne Ursache und ohne Grund 
Nichts gibt es, was unabhängig wäre. Alles hängt von einander 
ab; und das andere, von dem es abhängt, ist wiederum selbst ab- 
hängig. Dieses Hervorbringen von all und jedem in Abhängigkeit 



214 Was ist Buddhismus? 

heißt paticcasamuppado. Eine richtige Einsicht hierin ist im Bud- 
dhismus von der größten Wichtigkeit. - Aber wenn nun jeder Wechsel 
eine Ursache hat und diese Ursache wieder eine Ursache, gibt 
es da nicht eine letzte unveränderliche oder eine erste Ur- 
sache? Der Buddha antwortet : „Würde jemand alle Gräser und 
Kräuter, Zweige und Blätter dieses unermesslich großen Kontinents 
Indien zusammenlesen, sie in Haufen anordnen und sprechen: 
Dies ist meine Mutter, dieses ist die Mutter meiner Mutter und 
so weiter, da würde kein Ende für die Mutter der Mutter dieses 
Mannes gesehen werden, wenn er auch mit allen den Gräsern, 
Kräutern, Zweigen und Blättern dieses Kontinents Indien zu Ende 
käme. Und aus welchem Grunde? Ohne Anfang und Ende ist dieser 
Weltprozeß (samsaro)." Während die Upanishaden^) lehren: „der 
Himmel ruht auf der Luft, die Luft auf der Erde, die Erde auf 
den Gewässern, die Gewässer auf der Wirklichkeit^), die Wirklich- 
keit auf dem Brahman, das Brahman auf der schöpferischen In- 
brunst", sagt die sich auf die Fragen des Brahminen Kasyapa be- 
ziehende buddhistische Lehrrede: „Worauf ruht die Erde?" — 
„Auf dem Wasserkreise." „Und der Wasserkreis?" — »Auf dem 
Winde." „Und der Wind?" — „Auf dem Äther." „Und der „Äther?" 
— „Du gehst zu weit, o Brahmine, der Äther ruht nicht auf irgend 
etwas; er hat keine Stütze." 

Gibt es denn nun keinen Isvara? In einer Unterhaltung mit Su- 
datta, dem Helfer der Waisen ^), legte der Buddha den Gegenstand 
wie folgt dar. Wäre die Welt von Isvara gemacht, dann sollte es 
keine Veränderung noch Zerstörung geben, da sollte so etwas wie 
Kummer und Not, wie Recht oder Unrecht nicht sein, indem ja 
alle Dinge, reine wie unreine, von ihm kommen müssen. Sind aber 
Kummer und Freude, Liebe und Hass, welche in allen mit Be- 
wusstsein erfüllten Wesen aufkommen, das Werk von Isvara, dann 
muss er auch selber für Kummer und Freude, Liebe und Hass emp- 



^) Die U. sind altindische Dichtungen religiös-philosophischen Inhalts. 

^) satya, n. Pali saccam. 

^) oder „Almosenspender", Anathapindiko. Mit diesem Beinamen wird dieser 
berühmte Laienanhänger des Buddha besonders in der abendländischen bud^ 
dhistischen Literatur genannt. 



Von Professor P. LakshmiNarasu 215 

fänglich sein; und wenn er nun diese besitzt, wie könnte man da 
von ihm sagen, er sei vollkommen? Wäre Isvara der Schöpfer, und 
alle Wesen hätten sich stillschweigend der Gewalt ihres Schöpfers 
zu fügen, was würde da der Nutzen sein, Tugend zu üben? Recht 
handeln oder unrecht, das wäre dann einerlei, weil ja dann alle 
Taten sein Werk wären und bei ihrem Täter dasselbe sein müssten. — 
Werden jedoch Kummer und Leid einer anderen Ursache zuge- 
schrieben, dann würde es da noch etwas geben, wovon Isvara 
nicht die Ursache wäre. Warum sollte dann aber nicht überhaupt 
alles, was existiert, auch ursachelos sein? Ferner, ist Isvara der 
Schöpfer, so handelt er mit oder ohne einen Zweck. Handelt er 
mit einem Zwecke, so kann man nicht sagen, daß er ganz voll- 
kommen sei, denn ein Zweck schließt notwendig die Befriedigung 
eines Bedürfnisses in sich. Handelt er aber ohne einen Zweck, 
dann muss er dem Irrsinnigen oder dem Säugling gleich sein. Außer- 
dem, wenn Isvara der Schöpfer wäre, warum sollten sich dann die 
Leute nicht ihm ehrfürchtig unterwerfen, warum sollten sie ihm 
dann noch demütige Bitten darbringen, wenn sie von Not bedrückt 
sind? Und weshalb sollten die Leute mehr Götter anbeten, als 
einen? So ist die Isvaravorstellung durch vernunftgemäße Beweis- 
führung als unrichtig erwiesen, und alle derartigen widersprechen- 
den Behauptungen sollten preisgegeben werden. Wird jedoch Isvara 
dafür in Anspruch genommen, daß er für des Menschen Fassungs- 
kraft zu groß sei, nun, dann können wir eben von Isvara nichts 
wissen; aber warum sollten wir dann dem Isvara die Eigenschaft 
eines Schöpfers beilegen? Daher hat der Ursprung in Abhängig- 
keit^), welcher weder Anfang noch Ende hat, keinen Herrn, der die 
Aufsicht darüber führt, und ist frei von allen Formen des Ani- 
mismus.^) 

Wenn die Welt nun aber nicht von Isvara erschaffen wurde, 
könnte dann nicht alles Sein eine Offenbarung des Absoluten, des 

^) Die Kausalität, das Entstehen aus Ursachen, paticcasamuppado. 

') Animismus nennt man die Weltanschauung, gemäß welcher alle Dinge 
von Geistern bewohnt und letztere die eigentlichen Urheber alles Geschehens 
sein sollen. Der im Abendlande weit verbreitete Glaube an einen allgegen- 
wärtigen, d. h. also die Welt bewohnenden Gott -Schöpfer, -Erhalter und 
-Regierer ist daher ebenfalls Animismus. 



216 Was ist Buddhismus? — Von Professor P. Lakshmi Narasu 

Unbedingten, des Unerkennbaren hinter allen Erscheinungen sein? 
Der Buddha sagte zu Sudatta: „Wenn am Absoluten (Brahman) 
etwas außer jeder Beziehung zu allen bekannten Dingen ist, so 
kann sein Vorhandensein durch irgend welche Beweisführung nicht 
festgestellt werden. Wie können wir wissen, daß etwas, was keine Be- 
ziehung zu anderen Dingen hat, überhaupt vorhanden ist? Denn 
Vorhandensein bedeutet die Fähigkeit, eine Wirkung hervorzubringen. 
Das ganze Weltall, wie wir es kennen, ist ein System von Be- 
ziehungen; wir kennen nichts, was ohne Beziehung ist oder sein 
könnte. Wie könnte dasjenige, welches von nichts abhängt und zu 
nichts in Beziehung steht, Dinge hervorbringen, welche Beziehung 
zu einander haben und zu ihrem Dasein eins vom anderen ab- 
hängen? — Ferner, das Absolute ist ein einziges oder eine Vielheit. 
Ist es nur eins, wie kann es die Ursache der verschiedenen Dinge 
sein, welche, wie wir wissen, aus verschiedenen Ursachen ent- 
stehen? Gibt es aber so viele verschiedene Absolute, wie es Dinge 
gibt, wie können da letztere zu einander in Beziehung stehen? — 
Wenn das Absolute alle Dinge durchdringt und jeden Raum füllt, dann 
könnte es sie nicht auch machen, denn da gibt es nichts zu machen. 
Ferner, wäre das Absolute aller Eigenschaften bar, dann müssten 
alle Dinge, die von ihm entspringen, gleichfalls eigenschaftslos sein. 
In Wirklichkeit jedoch sind alle Dinge auf der Welt durchaus durch 
Eigenschaften umschrieben; daher kann das Absolute nicht ihre 
Ursache sein. Wenn das Absolute so betrachtet wird, daß es von 
den Eigenschaften verschieden sei, wie bringt es ununterbrochen 
die solche Eigenschaften besitzenden Dinge hervor und offenbart 
sich in ihnen? — Ferner, wenn das Absolute unveränderlich ist, 
sollten alle Dinge gleichfalls unveränderlich sein, denn die Wirkung 
kann in ihrer Beschaffenheit von der Ursache nicht verschieden 
sein. Aber alle Dinge in der Welt erleiden Wechsel und Verfall. 
Wie könnte da das Absolute unveränderlich sein? Außerdem, 
wenn das Absolute, welches alles durchdringt, die Ursache von 
allem und jedem ist, warum sollten wir dann Befreiung suchen? 
Denn wir selbst besässen ja dieses Absolute und müssten geduldig 
jedes Leid und jeden Kummer aushalten, die unaufhörlich vom Ab- 
soluten verursacht werden." — (Fortsetzung folgt.) 



Die irdische Erscheinung des Buddha. — Von Vasettho 



217 



Die irdische Erscheinung des Buddha 



Von Vasettho 



D 



'U^ 



P^^^^j as feste Gefüge der altindischen Kastenverfassung 



3 ließ der Persönlichkeit und Erscheinung nur einen 
j geringen Spielraum. Der Einzelne, im Buddhismus 
3 die einzige Realität, tritt im vedischen Gemein- 
wesen völlig zurück, wird nur als Glied der Sippe, 
der Familie, der Kaste von Bedeutung. Die Ge- 
meinschaft wird vom vedischen Menschen zum 
Ideal erhoben. Der Buddhismus, der nur dem Einzelnen Erlösungs- 
möglichkeit zuspricht, stellt diesen auch in den Mittelpunkt des 
Lebens und wird eben dadurch zur Religion der Persönlichkeit. 

Denselben Weg geht natürlich die Kunst. Auf Porträtähnlichkeit 
verzichtet die alte indische Kunst. Als höchstes Schönheitsideal 
hat sie ein Schema von 32 Kennzeichen des großen Mannes auf- 
gestellt, das allein dargestellt wird. Sieht man dieses Schema ge- 
nauer an, so findet man in ihm nichts als ein Bild vergeistigter 
arischer Rassenschönheit. Der 120jährige vedenkundige Brahmayu, 
von dem Erscheinen des Buddha hörend, sandte seinen klügsten 
Schüler, den jungen Uttaro, aus, damit er sich in die Gefolgschaft 
des Buddha begebe und sich Klarheit verschaffe, ob dieser die 32 
Merkzeichen besäße. Uttaro erfüllte getreulich durch 7 Monate sein 
Amt als Beobachter und folgte dem Buddha wie „ein untrennbarer 
Schatten", um dann seinem Lehrer Bericht zu erstatten. Dieser 
Bericht eines Augenzeugen ist erhalten in der 91. Rede des Majj- 
himanikayo (im IL Band der Neumannschen Übersetzung). Liest 
man den Bericht des öfteren durch, so kann man sich in der Tat 
von der Erscheinung des Buddha ein recht klares Bild machen. 
Der Buddha war ein Hindu von hervorragender Schönheit. 
Das rein maskuline, die Männchenschönheit, trat allerdings stark 
zurück, und das bewirkte in Verbindung mit dem glattrasierten Ge- 
sichte, auf dem heitere Sanftmut erstrahlte, eine unsinnliche Heilig- 
keit der Erscheinung, die wohl zur Verehrung, aber nicht zu sinn- 



218 Die irdische Erscheinung des Buddha 

lieber Liebe veranlaßte. Der Buddha war mehr als mittelgroß, 
schlank und aufrecht gewachsen, mit gewölbter breiter Brust und 
von gleichmäßigem, etwas weichem abgerundetem Schulterbau. 

Das milde Gesicht mit tiefschwarzen Augen und langen schwarzen 
Augenwimpern wurde durch ein breites energisches Kinn abge- 
schlossen. Die Zähne waren vollzählig vorhanden, glänzend weiß, 
und standen in fester Reihe ohne Lücken nebeneinander. Zwischen 
den Augenbrauen befand sich eige Flocke hellen Haares. Die Brauen 
waren also nicht zusammengewachsen, was dem Gesichte einen 
düstern Ausdruck verliehen hätte. Das Haupthaar war schwarz, voll 
und lockig, auf dem Scheitel besonders stark und dicht gewachsen, 
wie man das beim Vorhandensein eines mehrfachen Haarwirbels 
öfters findet. Das mag die ursprüngliche Bedeutung des „Kopfvor- 
sprunges" sein. Die Haut war glatt, weich und glänzend; die Füße 
lang und schmal, die Zehen wohlgebildet. Buddha hatte also die 
Füße seiner Rasse, nicht Mongolen- oder Plattfüße. Die Unter- 
schenkel waren lang und kräftig, die Oberschenkel etwas kurz; 
infolgedessen standen die Knie hoch, so daß er, wie die Schil- 
derung besagt, sie stehend mit den Händen berühren konnte. Aller- 
dings hatte der Buddha verhältnismäßig lange Arme, ein bekanntes 
Merkmal arischer Rassenreinheit. Die Hände waren zart und schmal, 
die Finger lang, dünn und weich. Erhabene Würde und ruhige 
Heiterkeit spiegelten sich in des Mannes aristokratischer Erschei- 
nung. Langsam und würdevoll geht er seines Weges. Knöchel, 
Beine oder Füße berühren sich nicht. 

Er geht ohne Stolpern und Schwanken, blickt er sich um, so 
wendet er den ganzen Körper; er läßt den Blick nicht unruhig 
nach allen Himmelsrichtungen gleiten, sondern richtet ihn unter- 
wegs einige Spannen vor sich auf den Boden. Tritt er in ein Haus, 
so setzt er sich auf den dargebotenen Sessel ruhig nieder, ohne 
sich auf die Hand zu stützen und ohne sich heftig niederfallen zu 
lassen. Beim Sitzen hält er den ganzen Körper in ruhiger Lässig- 
keit, ohne die Finger nervös zu bewegen und ohne irgendeine Be- 
wegung zu machen, die nicht nötig ist. Spült er seine Schale, 
wäscht er darin die Hände, so geschieht dies ohne Plätschern und 
Schütteln, indem nur die Hände im Wasser sich ruhig bewegen. 



Von Vasettho 219 



In einiger Entfernung gießt er das Wasser auf den Boden aus. 
Den Reisbrei läßt er sich in gemessener Menge in die Schale 
schütten und von der gewürzten Brühe ^ nur so viel, daß der Bissen 
befeuchtet werden kann. Niemals tadelt er das Mahl, als hätte es 
ihm nicht geschmeckt, niemals verlangt er zum zweiten Male, als 
hätte es ihm besonders gut geschmeckt. Er ißt nicht zum Vergnügen 
und nicht zum Genüsse, sondern um den Körper zu erhalten, sich 
vor Krankheit zu bewahren und damit eine Bedingung zur heiligen 
Lebensführung zu sichern. 

Nach dem Mahle wäscht er die Schale, ruht eine Weile sitzend 
aus und beginnt dann lehrreiche Gespräche. Seine Sprache ist deut- 
lich und verständlich, seine Stimme tief und volltönend. Er wägt 
den Ton so ab, daß man ihn in der ganzen Versammlung ver- 
nehmen kann, aber nicht darüber hinaus. 

Nach der Belehrung erhebt er sich, und ruhig und würdig, 
wie er gekommen, verläßt er das Haus. Im Walde an einem 
Bache spült er dann seine Füße ab und setzt sich mit gekreuzten 
Beinen und geradeaufgerichtetem Körper nieder, um zum Wohle 
aller Wesen zu meditieren. 

Das besagt in unserer Sprache etwa der Bericht des Brahmanen- 
schülers. 

Zu einer Zeit, wo die europäischen Gegner des Buddhismus 
aus dem Buddha gern einen Mongolen, aus seiner Lehre eine na- 
tionalistische Bewegung des Mongolentums gegen Europas heilige 
Güter machen möchten, scheint es angebracht, das Bild dieses 
rassereinen Ariers zu zeichnen, so wie es die alten Schriften uns 
überliefert haben. 



220 Das Kapitel der Hemmungen 



Das Kapitel der Hemmungen 

(Aus dem Fünferbuch) 

Zum ersten Mal ins Deutsche übertragen 

von Bhikkhu Nyanatiloka 

Die fünf Hemmungen (nivarana) [Im Jetahaine bei Savatthi] 

Fünf gibt es, ihr Mönche, der Hindernisse, der Hemmungen, der 
Störungen des Geistes, der Lähmungen der Einsicht: welche fünf? 
Sinnenlust, Groll, Stumpfheit und Mattigkeit, Aufgeregtheit und 
Gewissensunruhe, Zweifelsucht. 

Daß nun, ihr Mönche, ein Mönch, ohne diese fünf Hindernisse, 
diese Hemmungen und Störungen des Geistes, diese Lähmungen 
der Einsicht, überkommen zu haben, das eigene Heil oder das Heil 
der Anderen oder das gemeinsame Heil erkennen und das über- 
menschliche Ziel des vollkommenen Erkenntnisblickes verwirklichen 
wird: das ist nicht möglich. 

Gleichwie, ihr Mönche, wenn da ein Mann an einem weithin 
eilenden, schnell dahinströmenden, reißenden Gebirgsstrome die 
Schleusen auf beiden Ufern öffnet, sich dadurch die Strömung in 
der Mitte teilt, erweitert und zerrissen wird und nicht mehr in 
weite Fernen eilt, noch schnell dahinströmt, noch reißend ist : ebenso 
auch, ihr Mönche, ist es nicht möglich, daß ein Mönch, ohne diese 
fünf Hindernisse überkommen zu haben, das eigene Heil oder das 
Heil der Anderen oder das gemeinsame Heil erkennen und das 
übermenschliche Ziel des vollkommenen Erkenntnisblickes verwirk- 
lichen wird. ^) 

Der Haufen Schuld. 

Will man, ihr Mönche, von einem Haufen Schuld sprechen, dann 
mag man mit Recht die fünf Hemmungen als einen solchen be- 
zeichnen, denn die fünf Hemmungen, ihr Mönche, sind ein voll- 
ständiger Haufen Schuld. 

Die fünf Kampfesglieder. 

Fünf Kampfesglieder gibt es, ihr Mönche: welche fünf? 

Da, ihr Mönche, eignet dem Mönch Vertrauen; er glaubt an die 



*) Über die fünf Hemmungen (nivarana) siehe 1.2. 



Von Bhikkhu Nyanatiloka 221 

Erleuchtung des Vollendeten, nämlich, daß dies der Erhabene ist, 
der Heilige, vollkommen Erleuchtete, der in Wissen und Wandel 
Vollendete, der Gesegnete, der Weltenkenner, der höchste Lenker 
der zu bezähmenden Menschheit, der Meister der Himmelswesen 
und Menschen, der Erleuchtete, der Erhabene. 

Gesund ist er, frei von Siechtum. Seine Säfte ^) bewirken eine 
gleichmäßige Verdauung, sind weder zu kalt noch zu heiß, sondern 
besitzen mittlere Wärme und machen ihn dem Kampfe gewachsen. 

Kein Heuchler ist er, kein Gleisner. Der Wahrheit entsprechend 
bekennt er sich dem Meister oder verständigen Ordensbrüdern. 

Eifrig kämpft er, um die schuldvollen Dinge zu überwinden, die 
verdienstvollen Dinge aber zu erwecken, ist standhaft, von gestählter 
Kraft, nicht nachlässig im Guten. 

Weise ist er; er besitzt Einsicht in das Entstehen und Vergehen, 
edle, durchdringende, zur völligen Leidensvernichtung führende. 

Das, ihr Mönche, sind die fünf Kampfesglieder. 

Günstige und ungünstige Zeiten. 

Fünf ungünstige Zeiten zum Kampfe gibt es, ihr Mönche : welche 
fünf? 

Wenn da, ihr Mönche, der Mönch alt ist, von Alter bedrückt: 
das, ihr Mönche, ist die erste ungünstige Zeit zum Kampfe. Wenn 
da ferner, ihr Mönche, der Mönch siech ist, von Siechtum be- 
drückt: das, ihr Mönche, ist die zweite ungünstige Zeit zum Kampfe. 
Wenn da ferner, ihr Mönche, Nahrungsnot und schlechte Ernte ist 
und Almosen schwer zu erlangen sind und es nicht leicht ist, vom 
Eingesammelten zu leben: das, ihr Mönche, ist die dritte ungünstige 
Zeit zum Kampfe. — Wenn da ferner, ihr Mönche, die Jünger- 
schaft gespalten ist; denn ist, ihr Mönche, die Jüngerschaft ge- 
spalten, so verleumdet einer den anderen, beschimpft einer den 
anderen, umgeht einer den anderen, verjagt einer den anderen; und 
wer da kein Vertrauen besitzt, erlangt es nicht; bei einigen unter 
den Vertrauensvollen aber tritt eine Wandlung ein : das, ihr Mönche 



^) gahani (-Sanskrit: grab an i) erklärt der Kommentar als das dem Ein- 
zelnen angeborene (kamma-ja, das durch vorgeburtliches Wirken hervor- 
gerufene) (tejo-dhatu). 



222 Das Kapitel der Hemmungen 

ist die fünfte ungünstige Zeit zum Kampfe. Diese fünf ungünstigen 
Zeiten zum Kampfe gibt es, ihr Mönche. 

Fünf günstige Zeiten zum Kampfe gibt es, ihr Mönche: welche 
fünf? 

Wenn da, ihr Mönche, der Mönch noch ein Jüngling ist, jung, 
schwarzhaarig, in bester Jugend, im ersten Mannesalter: das, ihr 
Mönche, ist die erste günstige Zeit zum Kampfe. Wenn da ferner, 
ihr Mönche, der Mönch gesund ist, frei von Siechtum und seine 
Säfte eine gleichmäßige Verdauung bewirken, weder zu kalt noch 
zu heiß, sondern mittlere Wärme besitzen und ihn dem Kampfe 
gewachsen machen: das ihr Mönche, ist die zweite günstige Zeit 
zum Kampfe. Wenn da ferner, ihr Mönche, Nahrungsüberfluß ist 
und gute Ernte und es leicht ist, Almosen zu erlangen und durch 
Almosen und Gaben das Leben zu fristen: das, ihr Mönche, ist 
die dritte günstige Zeit zum Kampfe. Wenn da ferner, ihr Mönche, 
die Menschen in Eintracht und Freundschaft leben, ohne Streit, 
ein mildes Wesen haben und einander mit freundlichen Blicken 
begegnen: das, ihr Mönche, ist die vierte günstige Zeit zum Kampfe. 
Wenn da ferner, ihr Mönche, die Jüngerschaft in Frieden lebt, voll 
Eintracht und Liebe, ohne Streit und ein und dieselben Vorschriften 
befolgt; lebt nämlich, ihr Mönche, die Jüngerschaft in Eintracht, 
so verleumdet nicht einer den anderen, beschimpft nicht einer den 
anderen, umgeht nicht einer den anderen, verjagt nicht einer den 
anderen; dadurch aber gewinnen die Vertrauenslosen an Vertrauen, 
und die Vertrauensvollen werden fester: das, ihr Mönche, ist die 
fünfte günstige Zeit zum Kampfe. Diese fünf günstigen Zeiten zum 
Kampfe gibt es, ihr Mönche. 



% 

Buddha und seine Legende 223 



Buddha und seine Legende 

von Eduard Schürt 

ins Deutsche übertragen von Robert Laurency 

(Fortsetzung) 

Im zeitgenössischen Indien sagt man noch heute unter den Hindus, 
wenn ein Mensch seine Umgebung verläßt, um sich der Askese 
oder dem Suchen nach verborgener Weisheit oder Wissenschaft 
hinzugeben: „Er hat sich in die Wälder zurückgezogen." Er ver- 
schwindet, und meist sieht ihn niemand wieder. Ebenso geschah 
es dem künftigen Buddha. Er zog sich in die Einsamkeit des 
Uruvela- Waldes zurück. Da, unter dem dichten Laub der Bäume, 
dachte er weiter über den Gang der Geschicke nach, die Lehrsätze 
der Bücher, die Geheimnisse des Schweigens, aus dem alles stammt, 
über die der Dämmerung, in die alles zurückflutet, und an das 
Leben, das zwischen beiden wie ein Lichtbogen zwischen zwei 
Wolken aufgehängt ist und in den Himmel Luftschlösser baut, aus 
Säulen von Saphir und Chrysopras. Das Auge verliert sich in ihren 
magischen Gewölben: aber fortgesetzt wechseln sie und sind bald 
nicht mehr. Da alles im Menschen wechselt und stirbt, da alles 
um ihn stets wechselt und stirbt, wo ist da das zu finden, was 
ewig währt, das, was niemals wechselt, das, was nicht sterben kann? 
Wo den großen Frieden finden, die Zuflucht, den Hafen im Ozean 
der Dinge? Manchmal kamen zwei Schüler, die an ihn glaubten, 
weil sie ihn mehrmals mit den Brahmanen sprechen hörten, kamen 
ihn zu befragen: „Meister, hast du gefunden?« — „Nein, noch nicht,** 
antwortete Sakia-Muni, „kommt in einem Jahre wieder.** So ver- 
gingen Jahre und der asketische Prinz hatte durch die Stärke der 
Enthaltsamkeit und der Meditation ein fremdes Aussehen angenommen. 
Sein abgemagertes Gesicht wurde von einer fast ätherischen Durch- 
sichtigkeit, und seine größer gewordenen Augen funkelten in über- 
irdischem Glanz. 

In der Umgebung wohnte ein Landmann. Seine Frau, Sujata, 
sah manchmal den Prinzen unbeweglich unter einem Baume 



224 Buddha und seine Legende 

sitzen. Er hatte soviel Licht auf seiner Stirne, er erschien so groß 
und so sanft mit seinen himmlischen Augen, daß sie ihn für 
den Gott der Wälder hielt. Eines Tages, nachdem sie sich ihm 
genähert hatte, kniete sie nieder und bot ihm Milch und Kuchen 
an. Sakia-Muni, der seit drei Tagen nichts mehr genossen hatte, 
nahm die Nahrung an und fühlte sich gestärkt. „Bist Du wirklich 
ein Gott," sagte die Frau mit leiser Stimme, „und hat meine Gegen- 
wart Deine Gunst gefunden?" — „Und warum hast Du sie mir 
geschenkt?" fragte Sakia-Muni. — „Weil ich das Gelübde abgelegt 
habe, daß ich, wenn ich ein Kind bekäme. Dir dieses in meiner 
Freude anbieten würde. Jetzt habe ich meinen Sohn, und mein 
ganzes Leben ist ein Segen." 

Der Weise nahm das Kind in seine Arme, und während er ihm 
die Hand auf den Kopf legte, sagte er: „Meine Schwester, lang 
dauere Dein Segen! Du hast mich dem Leben zurückgegeben. 
Aber findest Du wirklich, daß es süß sei, zu leben? Ist Dir denn 
Leben und Liebe genug?" — „Verehrungswürdiger," antwortete 
Sujata, „mein Herz ist klein. Einige Wassertropfen, die der Feuchtig- 
keit des Waldes nichts sind, füllen den Kelch des Lotos. Es ge- 
nügt mir die Sonne des Lebens in der Gunst meines Gatten, der 
mein Herr ist, und im Lächeln meines Kindes leuchten zu sehen . . . 
Das was die Bücher sagen, nehme ich demütig an, wenn sie auch 
nicht die Weisheit reden der Großen von ehemals, die mit den 
Göttern sprachen, welche die Lobgesänge und die Zaubermittel 
kannten, alle Wege der Tugend und des Friedens. So denke ich, 
daß das Gute vom Guten kommen muß und das Schlechte vom 
Schlechten. Wenn mein Gatte stürbe, würde ich seinen Scheiter- 
haufen besteigen. Denn es steht geschrieben, daß eine indische 
Frau, die so stirbt, der Seele ihres Gatten für jedes Haar seines 
Hauptes hundert glückliche Jahre geben wird. Deshalb habe ich 
keine Angst, deshalb bin ich glücklich. Aber ich vergesse nicht 
an die anderen Lebenden voll Gram und Elend, mögen die Götter 
sich ihrer erbarmen! Was mich betrifft, so suche ich demütig das 
Gute zu tuni wie ich es verstehe und ich gehorche dem Gesetz, 
vertrauensvoll, daß das, was kommen soll, kommen wird und zum 
Guten." 



Von Eduard Schur6 225 



Sakia-Muni antwortete ihr: „O Weib! Du belehrst den Lehrer 
selbst, Weisheit ist in Deinem einfachen Glauben. Sei zufrieden, 
nicht mehr zu wissen, da Du dem Weg des Guten und der Pflicht 
folgst. Wachse heran, o Blume! mit Deinem zarten Kind, in Deiner 
stillen Zurückgezogenheit. Das Licht der Wahrheit, die am höchsten 
steht, ist nicht für die zarten Blätter bestimmt, die sich dereinst 
unter anderen Sonnen ausbreiten und in anderen Leben ihr ge- 
kröntes Haupt zum Himmel erheben werden. Du hast mir Deine 
Verehrung bezeigt, doch jetzt bin ich es, der Dich verehrt. In Dir 
erkennt man, warum es für den Menschen noch Hoffnung gibt und 
wie man nach Belieben das Rad des Lebens zum halten bringen 
kann. Der Friede sei mit Dir und alle Deine Tage. So wie Du 
Deine Fliehten vollendest, will ich die meinige tun. Der, den Du 
für einen Gott hieltest, bittet Dich, ihm das zu wünschen!" 

„Mögest Du sie vollenden!" sagte sie, dabei das Kind wieder in 
ihren Armen zurücknehmend, das seine kleinen Hände zu dem 
erhabenen Gesichte des Prinzen ausstreckte. Sakia-Muni, gestärkt 
durch die Nahrung, die er zu sich genommen hatte, ging einem Ort 
entgegen, wo ihm die Wahrheit endlich aufgehen sollte. 

Er zog sich in eine noch viel einsamere Gegend und fern vom 
Uruvela-Walde zurück, selbst von seinen treuesten Anhängern ver- 
lassen und von Niemandem gestört. Es war ein kleiner Berg, der 
den Urwald beherrschte. Hier sah er die Sonne über dem grünenden 
Meer emporsteigen und in die Sumpfdickichte niedergehen. Das 
Wild, das sich um den kleinen Berg tummelte, aber den Heiligen 
nicht anzugreifen wagte, bewahrte ihn vor der Annäherung der 
Menschen. Nur mit den Winden, der Morgenröte und den Sternen 
sich besprechend, konnte er bis in die Tiefe seiner selbst hinab- 
steigen. Eines Tages, da er unter einem großen Feigenbaume Be- 
trachtungen anstellte, sagte er sich: „Der Tod kommt vom Leben, 
das Leben von der Geburt, und die Geburt vom Wunsch. Wenn 
der Mensch es dahin brächte, den Wunsch seiner Sinne zu unter- 
drücken, würde er sich über alle Mißgeschicke hinweg dahin erheben, 
wo es nichts mehr gibt, nicht Tod, nicht Wechsel. Alles das, was 
vom Wunsch der Sinne stammt, diese ganze sichtbare Welt, ist 
nur ein Gewebe von Illusionen. Der, welcher diese Erkenntnis 




226 Buddha und seine Legende 

verstünde, würde diesen Dingen nicht mehr anhängen, als der Regen- 
tropfen am Blatte der Lotos. Er würde in die unsichtbare Welt 
eindringen, in die Welt der Ursachen und in den höchsten Frieden . . . 
Ja,** rief er, „ich habe den Weg gefunden, der die Irrfahrten des 
Lebens zum Ende bringt, den Weg zum Besitz der allumfassenden 
Erkenntnis, den ruhigen und ungetrübten Pfad, der zum Nibbanan 
führt. Ich werde ihn bis zu Ende gehen und aus Mitleid den 
Menschen weisen." 

Dieser Gedanke entsprang seinem Gehirn wie ein Blitz und er- 
leuchtete für ihn das ganze Weltall. Mit einem einzigen Blick durch- 
schaute er von einem Punkte aus alle drei Welten: die leidens- 
volle der Materie, die wir bewohnen; die Sternenwelt, in der sich 
die Seelen bewegen, die sich in immer größeren Kreisen vom 
Schatten zum Licht hinziehen; die Welt des reinen peistes, der 
Erlösung, welche die beiden anderen mit ihrem Leben und ihren 
Strahlen einhüllt und durchdringt, Mittelpunkt und Umkreis, Ursache 
und Ende von allem. 

Blendende Vision, aber kurz wie der Blitz, dem dichte Dunkel- 
heit folgt. Denn es heißt, daß ein Mensch nicht zum Buddha werden 
kann, das heißt erleuchtet von der höchsten Wahrheit, ohne die 
schwersten Prüfungen zu erdulden. Bevor er den Schritt darüber 
hinauswagt, durch den er Meister über sich selbst und über die 
Andern wird, muß er die allerstärksten Versuchungen überwunden 
haben. 

Die Sonne war untergegangen. Eine fahle Dämmerung überfiel 
den Wald, dessen Gipfel sich zu Häupten des Einsamen bewegten. 
Die Bäume trockneten unter einem verpestenden Hauch ein, ihre 
nackten Arme wanden sich wie in Todesqualen. Der lebenskräftige 
Wald ward zum Tal des Todes. Er füllte sich mit phantastischen 
Gestalten : Brahmanen, Krieger, Parias und Bajaderen, halb Fleisch,^ 
halb Skelett, die sich näherten, als ob sie Leben witterten. Einige 
murmelten Gebete, alles schien in Unruhe, und diese Schatten 
wurden wie vom Fieber geschüttelt. Sie versammelten sich am Fuße 
des kleinen Berges und fingen an zu schreien: „Was machst du 
dort oben, Sakia-Muni? Wir sind die, denen du dein Gesetz ge- 
predigt hast. Sieh, das hast du aus uns gemacht, sieh, wozu die 



Von Eduard Schürt 227 



Weisen und die Buddha's gut sind." Und sie schickten sich an zu 
tanzen, einen frenetischen Tanz mit Hohngelächter, das mit herz- 
beklemmendem Heulen abwechselte. Dann stürzte sich die ganze 
Meute unter die Räder eines Wagens, der ein ungeheures Götzen- 
bild trug, und Priester sangen nach dem trauerverkündenden Schall 
von Begräbnistrompeten. „Wer wohl ist der Meister dieser Seelen?" 
sagte Sakia-Muni, dem der kalte Schweiß herunterrann. Er ver- 
spürte an seinem Gesicht einen eisigen Hauch und hörte neben 
seinem Ohr eine tonlose Stimme: „Ich bin der unzerstörbare 
Zweifel. Wenn man mich auch nicht sieht, fühlt man mich stets 
gewärtig. Ohne daß du es weißt, krieche ich in dein Hirn und 
fließe in deine Adern. Du wirst diese Seelen nicht erretten; ich 
bin ihr Meister und bin der deine." Ein dämonisches Lachen 
kreischte in der Luft. Sakia-Muni fuhr mit beiden Händen auf 
seine brennende Stirne; er sah nach dem sterbenden Lichte über 
dem Tal des Todes und sagte: „Du bist nichts als der König der 
Lüge, der listigste Feind des Menschen. Aber weil ich die Wahr- 
heit liebe, hast du keinerlei Macht über mich." Die Stimme starb 
und die Phantome entschwanden. 

Dann kam die Nacht. Der Wald hatte wieder seine grüne Farbe 
angenommen; berauschende Düfte entschwebten ihm, und ein Er- 
schauern überfiel die Blätter. Sakia-Muni vernahm ein neues La- 
chen, nicht mehr feindlich sondern hell und klangvoll wie ein sil- 
bernes Glöckchen. Ein zweites antwortete, dann noch eines, und 
so entstand in den Lüften ein ununterbrochenes Lachen, das weit- 
her kam. Der ganze Raum füllte sich mit braunem Dunst, durch den 
sich rosenfarbige Wolken schlichen. Unter dem bewegten Schleier 
dieses Gewölkes erschienen und verschwanden reizende Gestalten, 
wie sie die Hindudichter unter dem Namen der Asparas oder 
himmlischen Nymphen beschreiben, deren Aufgabe es ist, die 
Weisen und Klugen in Versuchung zu führen. Menschliche Blumen, 
die lichtvoll in der Nacht glänzten; bald sah er einen rosafarbenen 
Schoß aufblühen, gleich darauf einen geschmeidigen Arm, und also- 
bald eine vollständige Gruppe. Die Bewegungen dieser ätherischen 
Frauengestalten hielten die Mitte zwischen Tanz und Flug. Es 
kamen immer neue Wolken, denen immer neue Gestalten ent- 



228 Buddha und seine Legende 

stiegen, so viele, daß schließlich der ganze Raum von ihnen erfüllt 
wurde. Die reizenden Gestalten kamen dem Einsamen so nahe, 
daß er auf seiner Stirne den Hauch und das Streichen der Haare 
spürte. „Haltet ein!" sagte endlich Sakia-Muni. Der Kreis stand 
still. Tausende von Augen richteten sich auf die seinen und tausend 
Munde atmeten lächelnd auf dem seinen: „Liebe! Liebe! Wir haben 
geliebt! Die Gestalt bezaubert; die Liebkosung verwirrt, ein Herz 
schlägt, ein anderes antwortet ihm; und der Mensch wird Gott. 
Liebe! denn wir schenken die Liebe und die Welt in einem Kusse!" 
Sakia-Muni erwiderte wie im Traume, die Hände auf den Knieen 
gekreuzt und mit unbeweglichem Kopfe: „Frauen, ihr seid nichts 
als Schatten." Sogleich sah er neben sich einen herrlichen jungen 
Mann stehen, nackt, einen Bogen in der Hand, mit glänzenden 
Haaren und schmachtenden Augen. „Man nennt mich Kama", sagte 
er, „oder den Wunsch; ich bin der König des Himmels und der 
Erde und du wirst mir gehorsam sein." — „Du bist der Herr des 
Wunsches, aber nicht der des Lichtes." — „Nun denn, sieh!" sagte 
der Dämon. Sakia-Muni gewahrte vor sich eine Gestalt, Yasod- 
hara's Ebenbild, die ihm sagte: „Bin ich nicht die, welche du ge- 
liebt hast? Ich sterbe vor Verlangen nach dir." Er antwortete: 
„Du bist nicht die Seele Yasodhara's, die ich liebe, du bist nur 
ein unirdisches Scheingebild. Kehre zurück in deine Leere." Da 
verschwanden alle Erscheinungen wie ein Knistern von Feuer- 
flammen und wie ein Streifen von Dunst. 

Die Nacht ward noch finsterer, der Wald unruhig. Seine Ober- 
fläche höhlte sich aus, blähte sich, als wolle die feste Erde zum 
Ozean werden. Der Horizont wühlte sich langsam auf. Eine gigan- 
tische Welle wälzte sich gegen den in Betrachtung versunkenen 
Heiligen, und in diesem Dunst ein verworrener Lärm, vermischt 
mit Schreien. Beim Näherkommen wurde ein Sturm daraus und der 
furchtbare Lärm glich dem einer auf dem Marsch befindlichen 
Armee. Blitze zuckten ringsumher. Bei ihrem Scheine sah Sakia- 
Muni, daß der Sturm von unzählbaren Dämonen gestaltet war. Ein 
einziges Brüllen ging von der Erde und vom Himmel aus. Er fühlte 
sich wie umgestoßen und zertreten unter den Schritten von tausend 
in Raserei verfallenen phantomhaften Pferden und Elefanten, die 




Von Eduard Schur6 229 



über seinen Körper hinweggingen. Gleichzeitig durchbohrte ein 
Hagel von Pfeilen, Äxten und glühenden Eisen seinen Körper. Da 
er die Augen öffnete, stand ein herrlicher Krieger mit funkelnden 
Augen vor ihm. Er sagte: „Ich bin der König alles Grauens und 
ich beherrsche die Erde. Wenn Du mich verachtest, kann ich Dich 
vernichten; aber wenn Du mir folgst, werde ich Dich zum Herrn 
der Menschen machen. Denn ich halte in meiner Hand die Kraft, 
die Macht, und die Zauberkunst, Wunder zu wirken." Sakia-Muni 
erwiderte ihm: „Dein Name ist Hochmut und der meine Mitleid. 
Ich durchschaue Dich, aber Du kannst mich nicht verstehen." Bei 
diesen Worten verschwand der Dämon wie ein Blitz und seine Armee 
verflüchtigte sich unter wildem Geschrei. 

Die Versuchung war vorüber, die Probe beendigt, der Dämon be- 
siegt. Ein tiefer Friede kam über Sakia-Muni. Die Dunkelheit der 
Erde war aus seiner Seele gewichen und ein neues Licht über- 
strahlte ihn. Trotzdem sein Körper unbeweglich unter dem Baume 
blieb, erhob sich sein Geist in einer wunderbaren Ekstase. Er sah 
alle seine bisherigen Leben vorüberziehen, unterbrochen von langen 
Stationen himmlischer Träume. Während er alle seine Inkarnationen 
durchging, von der niedrigsten bis zur höchsten, glaubte er eine 
mühselige Reise, die er ehemals gemacht hatte, im Vogelflug zurück- 
zulegen. Er sah die hügeligen Ebenen, die lachenden Täler, die 
steilen Abhänge, die schaurigen Abgründe, die er durchschritten 
hatte, wieder. Und von all diesen vielen Leben war nicht eine 
Kraftäußerung, nicht der geringste Schmerz oder irgend eine Tat 
der Liebe, die nicht ihre Folgen getragen hatte. Aus alle dem strömte 
wie ein Duft tiefe Erinnerung und eine wunderbare Erkenntnis 
aus. Und von Stufe zu Stufe erreichte er endlich den hohen Gipfel, 
der alle andern überragte, am äußersten Ende der Erde. Da, welche 
Stille, welche Ruhe im ewigen Schnee, unter den Lichtern des 
Firmaments! Ah, welche Höhe, keine Stimme drang hier herauf. 
Alles war verschwunden wie im dichten Nebel. Eine einzige unantast- 
bare Erscheinung blieb gegenwärtig: der Schatten menschlichen 
Leidens, der um den Gipfel flatterte und die Stimme der Menschen- 
liebe, die im Herzen Buddha's weinte. 

Er rief in den Raum einen Schrei der Liebe und des Mitleids 



230 



Buddha und seine Legende — Im Buddhaland 



hinaus. Dieser Schrei erhob ihn in die zweite Ekstase, weit von 
der Erde und von der Sonne, in den unbenannten Sphären. Er 
überschaute System nach System, Welten und Sonnen ohne Zahl, 
die sich nach ehernen Gesetzen bewegten, in tiefer Harmonie; 
silberne Inseln eines saphirnen Meeres, uferlos, unergründlich, nie 
abnehmend, leise bewegt von Ebbe und Flut ohne Ende. 

Während Sakia-Muni im Geiste in diesen unermeßlichen Höhen 
lebte, lehnte er immer noch am Feigenbaume in einer so tiefen 
Versenkung, die dem Tode nahe verwandt war. Nach und nach kam 
er wieder zum Bewußtsein seiner selbst zurück und es überkam 
ihn die alte Liebe zur leidenden Menschheit. Wie eine schmerz- 
liche Vision durchzuckte ihn das Bewußtsein seiner Mission auf 
Erden, und weit öffnete er seine Augen. Ein Blumenregen fiel auf 
sein Gesicht herab; die strahlende Sonne stieg hinter dem Walde 
auf, und der Siegreichvollendete, der neue Buddha erhob sich als 
Meister der erhabensten Weisheit mit dem sich selbst aus Mitleid 
abgerungenen Entschluß, die mit Leid und Qualen beladene Welt 
zu erlösen. 



Im Buddhaland 

Bilder aus Birma 

Von Alice Schalek (Wien) 
(Schluß) 

In Katha liegt das „Ferryboat" vor Anker, das mich nordwärts 
bis an die chinesische Grenze, bis nach Bhamo, bringen soll. Immer 
ist es das Umsteigen der Volksmassen aus dem Zug ins Schiff 
und umgekehrt, das die reizvollsten Bilder bietet. Von dem hell- 
gelben weichen Ufersand des jetzt trockenen Überschwemmungs- 
gebiets heben sich die mannigfaltigen Typen des Völkergemisches 
plastisch ab, wenn sie zum Schiff hasten, um ein gutes Plätzchen 
zu erobern. 

Dasselbe besteht aus zwei offenen übereinandergebauten Decks, 
die nur durch den Schlot verbunden sind, und diese beiden Platt- 



Von Alice Schalek 231 



formen sind von Eingeborenen übersät. Wer nie ein Kuliboot im 
Innern eines indischen Reiches gesehen hat, dessen Phantasie ver- 
mag sich auch nie bis zur Wirklichkeit emporzuschwingen, der kann 
sich das Durcheinanderkriechen lebender Gliedmaßen auf dem 
Fußboden nicht vorstellen, das dem Gewimmel eines aufgestörten 
Schlangennestes verzweifelt ähnelt, nicht das Glitzern all der Hunderte 
von scharf lugenden, umherschießenden Augen, deren Weiß wie 
ein Wetterleuchten aufzuckt, nicht diese Körbe, Truhen, Pakete, 
diese Bündel, Urnen, Gefäße, diese Blechschachteln, Bambuslack- 
waren, Strohgeflechte, Decken, Matratzen, Teppiche, Matten, Pan- 
toffel, Tücher, die da zwischen den menschlichen Häufchen in über- 
wältigendem Mischmasch aufgetürmt sind! 

Hier oben im Norden prallen alle Rassen aufeinander. Siamesen 
kommen von Osten, Hindus von Westen, von Norden die Schans, 
eine Art Chinesen, die das in Unterbirma gänzlich verstoßene Blau 
zu seinem Recht bringen. Sie tragen nicht das zum Rock ge- 
knüpfte Hüfttuch der Birmanen, sondern richtige Hosen und Jacken 
aus blauem, verwaschenem Zwilch, dazu einen ungeheuren runden 
Blechhut, der in der Mitte spitz zuläuft, ^neben wirken die 
Katschins wie zum Kostümball aufgeputzt, in kurzem, buntgestick- 
tem Röckchen, schwarzer Samtjacke mit roten Rändern, hoher gold- 
verzierter Kappe. Um die Schulter hängt ein gestickter Indianer- 
ranzen und in der Scheide steckt das Schwert. Die Frauen tragen 
um den Leib und um Hals und Knöchel zahllose dünne schwarze 
Reifen aus gedrehtem, in Holzöl verdicktem Büffelhaar, denen ein 
Liebeszauber zugeschrieben wird, die aber nach anderer Version 
Wohlhabenheit bedeuten, was indessen eines das andere keineswegs 
ausschließt. 

Breit und flach liegt das Flußtal da, das man indessen kaum so 
nennen darf, denn die Hügel am Rande des Horizonts verschwimmen 
im Sonnenglast, stören den Eindruck der Staubebene nicht. Hitze 
lastet über dem grauen Dschungel und dem trostlosen Steppengras. 
Armselige Dörfer stehen auf dem zusammengebackenen Ufersande, 
und wenn wir landen, rammt einfach das Dampferchen seine scharfe 
Spitze in die Böschung eii;^. Auf dem schmalen, über die Reeling 
geschobenen Brett boxen die Aussteigenden die Einsteigenden nieder; 



V 



m 




232 Im Buddhaland 



warum es die sonst so sorglos im Sande herumlungernden Herr- 
schaften so eilig haben, begreife ich nicht. Für mich ist das die 
einzige Unterhaltung und Unterbrechung, denn wir faliren durch 
tödliches Einerlei. Einzelne HolzflÖße beleben das Wasseü, charakte- 
ristisch für den Irrawaddy, auf dem sie monatelang schwimmen; 
von den Bambushütten auf diesen prekären Fahrzeugen flattern 
bunte Wimpel. Schmale Ruderboote, deren geschwungenes Heck 
äußerst malerisch ist, bringen Ware in Körben, Büffel plätschern 
an seichten Stellen, zahlreiche Kormorans, Flußvögel, die wie 
Wasserenten aussehen, bilden ganze Inselchen, und hie und da 
schreitet schwer und bedächtig ein Elefant aus dem Busch, um sein 
Nachmittagsbad zu nehmen. 

Heute liegt silberner Schein auf dem hohen Felsen, der hier 
dicht ans Ufer tritt, und auf der goldenen Pagode mitten in der 
schroffen Wand, von der die Sage erzählt, sie sei vom Gipfel herab- 
gefallen und habe sich selbsttätig hier aufgestellt. 

In Shwegu legen wir für den Rest der Nacht fest; die be- 
rüchtigten Nacht- und Morgennebel des Irrawaddy dürfen uns keines- 
falls unterwegs überraschen. Im Städtchen schläft schon alles. 
Ueber den totenstillen, phantastischen Pagoden spinnt das Mond- 
licht seinen Schleier, der die Tempel in scheinbare Unzugänglich- 
keit hüllt. 

Der Engländer bleibt an Bord und ich wandere mit dem jungen 
Franzosen schweigend durch den schweigenden Ort. Unsere Schritte 
tönen nicht, weil der Sand den Schall schluckt, und beinahe zweifle 
ich an meiner eigenen Körperlichkeit. Mit der Schmiegsamkeit 
der Romanen gleitet auch mein Begleiter in diese Stimmung, die 
keine Erdenschwere der Dinge kennt. Die Hütten am Ufer des 
funkelnden Flusses stehen ja doppelt da, jene, die unten im Wasser 
auf dem Kopf balancieren, sind genau so klar von scharfen Linien 
umrissen wie die andern, die sich oben in den Horizont einzeichnen. 
Grotesk verlängern sich in der Tiefe die Palmenstämme und die 
weißen Löwengesichter grinsen uns an. 

Mondnacht von Shwegu I Unvergängliche Stunden unvergleich- 
licher Verzauberung — leuchtend hält euch meine Erinnerung fest. 

Das „Ferry" startet vor dem Städtchen Myinghan, das halbwegs 




Von Alice Schaiek 233 



zwischen Mandalay und Pagan liegt und die Kopfstation einer jener 
Sackbahnen ist, die den Fluß mit der Hauptstrecke verbinden. 

Draußen ist es kalt, vielmehr es scheint so, weil sich die Tem- 
peratur der Winternächte im Innern des Landes stark von den 
Gluten des Tages unterscheidet. Nur in Rangoon bleibt es das ganze 
Jahr heiß. 

Dicht eingehüllt in warme Tücher hocken wohl hundert regungs- 
lose Gestalten längs des Geleises, ein eingeborener Polizist spielt 
auf einer Streichzither die primitiven Melodien seines Volkes. 
Manche schlafen, manche lauschen, in absoluter Ruhe und An« 
spruchslosigkeit wartet die Menge auf den Zug. 

Solch ein Bild könnte erzieherisch wirken, aber die Weißen im Osten 
verlangen in ihrer inkonsequenten Art von den Eingeborenen, was sie 
selbst sich nie auferlegen. Ein Weißer erhebt immer Ansprüche, 
braucht stets etwas und hält fortwährend mehrere Kulis in Atem. 

Myingyan liegt im Sommer dicht über dem Fluß auf hoher Küste. 
Jetzt, im Februar, muß man drei Meilen weit durch den Sand bis 
zum Dampfer fahren, und der Gemeindesekretär hat mir Protek- 
tionskind der Regierung einen Privatochsenkarren geschickt, dessen 
Räderpaar eine Holzkiste trägt. Grellrot ist der Baldachin und hell- 
blau die Matratze, ein paar rührend altmodische Kissen in euro- 
päischer Altjungfernstickerei aus der Gartenlaubezeit liegen darauf. 

Wir ziehen mit mächtigem Geschrei los, weil die wohlgenährten 
Büffel sonst nicht von der Stelle zu bringen wären, fahren zuerst 
durch die Stadt mit ihrem noch ganz ursprünglichen Treiben, dann 
über die Uferböschung tief hinab in den weichen, gelben Irrawaddy- 
sand, um den manch fashionables Nordseebad dieses birmanische 
Dorf beneide»- könnte. 

Metertief sinken wir im Flugsand ein, ehe ich das „Ferry"-Boot 
wieder erreiche. Um vier Uhr nachmittags rennt mein Dampferchen 
in Pagan seine Spitze nur für mich in die Böschung, schon bin 
ich über das schmale, rasch hinübergelegte Brett ausgestiegen, mein 
Gepäck liegt neben mir im rieselnden Sand. Ehe ich mich dessen 
recht versehe, ist der Dampfer fort. 

Pagan! Ein Name, mir vor kurzem noch gänzlich fremd, jetzt 
einer der leuchtendsten in meiner Erinnerung. 



234 Im Buddhaland 



Pagan! Ein weltverlorener Ort, fast unzugänglich jedem, der 
einige Strapazen scheut, und den im Jahre höchstens zwei Dutzend 
Menschen sehen. Und dennoch ist seine Gewaltigkeit ebenbürtig 
jedem Wunder der Welt, das ich bisher in Ost und in West ge- 
sehen habe, den Pyramiden, Pompeji, Griechenlands hehren Stätten 
oder der chinesischen Mauer. Indiens vielbesungene Schönheit 
schlägt es beinahe in seiner stimmungsvollen, verschollenen Herr- 
lichkeit! Pagan zu schildern ist vergebliche Mühe! Was nützt es, 
von neuntausend Tempeln zu erzählen, von denen achttausend 
in Trümmern liegen und tausend wunderbar erhalten sind, jeder von 
anderer Gestalt, harmonisch oder bizarr, regelmäßig oder phan- 
tastisch, in verrückten, riesigen Dimensionen oder mit zierlicher 
Silhouette, in grandios einfachen Linien oder geputzt mit mannig- 
faltigem Zierat, in Stockwerke und Terrassen gebrochen, mit Zin- 
nen, Türmchen und Baldachinen_, mit Torbogen und Wandelgängen 
oder kompakt als unzulänglicher Spitzturm. Eine ungeheure Ebene 
zieht sich sandbedeckt vom Fluß ins Land. Ein wenig Dschungel 
und Busch, hie und da Steppengras, einzelne staubgraue Bäume 
mit unsäglich malerischen Kronen. Weit hinten im Osten und weit 
hinten im Westen, als Rahmen zwei niedrige, kahle Bergmauern, 
dazwischen die lichte Wasserlinie und die totenhaft stille, bildhafte 
Landschaft mit ihren neuntausend Pagoden. 

Das ganze Gemälde ist der Titaneneinfall eines längst ausge- 
storbenen Tyrannengeschlechts, das vom elften bis zum dreizehnten 
Jahrhundert dem Lande zwölf Könige gab, die ihre Hauptstadt zur 
heiligsten auf Erden machen wollten. Der Beste allerdings verriet 
den frommen Eifer seiner Väter und ließ in einem verzweifelten 
Krieg gegen China tausende der Tempel zu Verteidigungszwecken 
niederreißen. Doch das Sakrileg geschah nutzlos, sein Geschlecht 
ward vertilgt, seine Hauptstadt liegt in Trümmern, Raben und Geier 
sind die einzigen, die hier hausen. 

Nur die ältesten und meist zerfallenen Tempel zeigen die in 
ünterbirma dominierende Glockenform der Shwe-Dagon. Diese sind 
oft anderthalb Jahrtausende alt und zerbröckelnd liegt ihr rotes 
Ziegelinnere zu Tage. Auf ihnen nistet das Raubvögelzeug, wildes 
Strauchwerk sprießt aus ihren Flanken. 



Von Alice Schalek 235 



Die jüngeren Bauten indessen sind zumeist kuppelgekrönte Riesen- 
schreine im Stile der Tadsch-Mahal oder auf lateinischem kreuz- 
förmigen Grundriß erbaute Kirchen, deren manche vier oder zwei 
vorgeschobene Flügel haben; viele begnügen sich mit einer ein- 
zigen Vorhalle, die von den typischen Löwen flankiert wird. Meist 
verjüngt sich die rundangelegte Kuppel zur scharfen Spitze. 

Wie eine Königin unter ihren Heerscharen wirkt die weiße Ananda. 
Vollständig restauriert, mit Ornamenten geschmückt, die aus Hindu- 
kunst und Renaissance eine glückliche Mischung zeigen, strebt dieser 
Riesendom in reiner, edler Linie himmelan. Wohl wird das ge- 
nießende Auge zuerst von dem neuen, glitzernd grellweißen Anstrich, 
von der prunkenden Vergoldung der Tis auf den Turmspitzen ver- 
letzt, aber von weitem wirkt der hohe, helle Bau kontrastreich zu 
der grauen Farbe des Verfalles und dem Zinnoberrot der zerbrochenen 
Ziegel der anderen. Das Weiß der Ananda macht die dunklen Töne 
der anderen Pagoden wärmer und läßt die eigene Silhouette ein- 
heitlicher erscheinen, leicht beschwingt strebt die Strahlende zum 
Zenith. Die entzückenden Details der Terrassen, die hohen Spitz- 
bogen und die meisterhaften Wölbungen in der inneren Anlage er- 
höhen noch die Gesamtwirkung, mit vollendeter Kunst gibt diese 
Architektur gerade genug der Einzelheiten, um beständig zu inter- 
essieren, und keine zu viel, die den Eindruck des Ganzen zerrisse. 

Obzwar keiner der Tempel dem andern gleicht und alle mit- 
einander an Schönheit zu wetteifern scheinen, beeinträchtigt die 
Wirkung des einzelnen nicht die des Nachbarn. Wahrlich, die 
Schöpfung des Tempelfeldes von Pagan wäre eines Michelangelo 
würdig! Nur ein Kunstgelehrter, ein Archäologe, kann dem ein- 
gehenden Studium aller Denkmäler gerecht werden. 

Da ist die 900 Jahre alte Petleik, erst vor drei Jahren aus- 
gegraben, mit den zartesten Reliefs, die im Innern die 550 ersten, 
an der Fassade die zehn letzten Inkarnationen Buddhas darstellen. 
Da ist die feinziselierte Shinmezu mit Wasserköpfen von lebendigster 
Bildhauerkunst, da ist vor allem die 1700 Jahre alte wunderbare 
Bupaya, deren in Terrassen gebrochener Unterbau von des Hügels 
Spitze bis tief zum Flußufer reicht. 

Des Abends aber, wenn die Sonne über dem Fluß schwimmt und 



236 Im Buddhaland 



langsam hinter die Berge sinkt, vergißt man Namen, Sagen und 
Kunstforschung. Dann scheinen die einzelnen Türme zu wachsen, 
werden sonderbar plastisch. Die Perspektive vertieft sich zu 
grandiosem Effekt, wenn die purpurn erglühenden roten Pagoden 
vor die grau verdämmernden, verwitternden treten und der Ananda 
hehres Weiß kraftvoll die Mitte nimmt. Rosig angehaucht von der 
scheidenden Sonne, liniert jeder Pfeiler sich scharf und klar in 
den Horizotit, durchsichtig scheinen die Bogen. Wie zierliche Feder- 
zeichnungen heben sich vom brennenden Westhimmel die schlanken 
Nadeltürme ab, die jede Spitze des Hügelrückens krönen, der Vorder- 
grund verdunkelt sich rasch und ein geheimnisvolles Lila überzieht 
die heilige Stätte. Gespenstischen Riesenfingern gleich drohen die 
Tempel zu uns herauf, während wir von der höchsten Terrasse 
der Shwekugyi den Visionen nachschauen, die wie die Nachtgebilde 
überhitzter Phantasie an unsern fiebrigen Nerven zerren. 

Erst als der süße, langvibrierende Ton eines birmanischen Kloster- 
gongs uns an die Wirklichkeit mahnt, steigen wir hinab, durch- 
schreiten die armseligen Dörfer, in denen die berühmten Lack- 
waren verfertigt werden. Je ein Dorf erzeugt eine der Phasen 
dieses langwierigen Verfahrens. In dem einen flechten Frauen die 
Formen aus Bambusstroh, die von Männern mit dem schwarzen 
Grundierungslack gehärtet werden, um im nächsten Dorf ihr 
definitives Zinnoberrot zu bekommen. Frauen kritzeln mit Stahl- 
nadeln Muster hinein. Im dritten sehen wir den Künstler, der die 
Zeichnung macht, einen Birmanen, auf nackten Fußsohlen hockend, 
der mitten auf einer Tischplatte mit einem Messer ein Bild aus 
der Buddhageschichte einkerbt. Ohne Vorlage, Einteilung oder 
Hilfslinie folgt er seiner Inspiration, und ist auch die Perspektive 
kindlich und primitiv, der dekorative Zusammenhang aller Szenen 
bleibt überraschend gewahrt. 

Viel zu schnell ist die halbe Woche bis zum nächsten Express- 
dampfer um, eines Nachmittags heißt es scheiden. Da ich um drei 
Uhr morgens in Nyaungu das Schiff zu nehmen habe, muß ich 
dort übernachten; vorsorglich habe ich dem circuithouse unsere 
Ankunft avisiert. Zum letzten Male hält auf dem Wege dahin 
unser Bullockcar vor einer Pagode, diesmal vor der goldenen 



Von Alice Schalek 237 



Shwezigon, der heiligsten, 800 Jahre alten, mit ihren kuriosen, 
bemalten Schnitzereien. 

Und zum letzten Male schreiten wir durch einen Klostergarten, 
ehe der Trubel eines fashionablen Dampfers uns dieser verträumten 
Welt entreißt. Auf den schweigenden Palmen, die dem feinen, 
weichen Sande entwachsen, liegen die letzten Lichter des Tages, 
machen sie zu Marmorsäulen im feierlichsten Saal. Zwischen der 
weißen Steintreppe und dem braunen Pilotenhaus lehnt ein Bananen- 
baum wie ein von Künstlerhänden gewundener Strauß, und dicht an 
die Löwenköpfe geschmiegt steht ein Rosenstrauch. Die duftenden 
Blüten neigen sich zärtlich über das verwitterte Holz, ebenso 
scheint mir dort in der Ecke die rote Bougainville in Liebe zu 
dem zarten weißen Pagodenturm entbrannt. Im Dunkel verliert 
sich ein langer, schmaler Weg, umschattet von dichtbeblätterten 
Ästen. Weiß leuchtet der Sand. Weltentrückt, selbstvergessen 
schreitet auf ihm lautlos ein gelber Mönch, der weder Eile noch 
Sorgen, weder Ehrgeiz noch Enttäuschung kennt. Nichts zu ver- 
lieren, nichts zu ersehnen hat dieser Buddhist, niemand wartet auf 
ihn, er grämt sich um keinen. 

An dem von Bäumen umrahmten, steinernen Brunnenwall läßt 
er sich nieder. Ahnt er, wie wundervoll in diese Symphonie von 
Grün sein faltiges gelbes Gewand sich schmiegt? 

Ein Hund schlägt in der Ferne an. Sonst ist es still. Die Nacht 
bricht an, und Birmas Dämmerungsfrieden, Birmas Abendläuten 
legen sich sanft über das Haus. 

Kloster von Shwezigon, nie vergesse ich deiner 

In tiefschwarzer Nacht fahren unsere Büffel in Nyaungu ein. Den 
Ochsenkarren nehmen wir fürs Gepäck. Zu viel der Dschungel- 
straßen mit ihren Löchern und Hügeln kenne ich nun, um nicht 
des Nachts einen Fußmarsch einer Fahrt durchs Dunkel vorzu- 
zuziehen. Fast anderthalb Stunden schreiten wir mit der Laterne 
durch Dornen und Busch, ehe wir das Ufer erreichen, wo eben 
das riesige Schiff mit Reis beladen wird. 

Über zweitausend schlafende braune Leiber steigt man hinweg 
bis zur ersten Klasse, die zum Bedauern der Unternehmung mit 
sechzig Betten nahezu ein Viertel des Decks einnimmt. Ginge es 



238 Im Buddhaland von Alice Schalek. — Buddhismus und Ehe 

nach ihr, so scherte sie sich den Kuckuck um weiße Passagiere 
und lüde ihr ganzes Schiff voll natives, die fünf Rupien bezahlen, 
und fast gar nichts kosten, während Europäer für den fünffachen 
Preis das fünfzigfache verlangen. 

Mit meinem Gefährten lehne ich an der Reeling, da wir nun 
abwärts gleiten, noch ein letztes Mal an Pagan vorbei. Jetzt erst 
entsinne ich mich, daß ich ja desselben Wegs schon einmal im 
»Ferry" gekommen bin, aber wer Pagan nicht kennt, dem bedeutet 
dieses ferne Pagodengewirr nichts. Wer die Bupaya nicht in der 
Nähe geschaut, für den hebt sie sich kaum vom Ufersand ab, wer 
die Ananda nicht verdämmern gesehen, der findet ihren goldenen 
Ti nicht heraus, der sieht auch nicht, wie sie jetzt eben unter dem 
Kusse der Morgensonne erwacht. Alle lichten Farben aus dem 
Füllhorn des Glückes schüttet die Aufgehende nun über Wasser 
und Land. Alles glüht, doch die Ananda brennt. Tief in die letzten 
Schatten hüllen sich die dunkeln Pagoden, wie schwarze Ritter um- 
stehen sie ihre Herrscherin. 

Ferner und ferner entgleitet das Bild. Keiner vom Schiff macht 
es uns streitig. Aber die Schlafenden haben nicht viel versäumt; 
denn nur jener kann schauen, der weiß, und nur jener urteilen, 
der selbst erlebt hat. 



Buddhismus und Ehe 

Von Dr. Wolfgang Bohn 

„Wie, Sie sind verheiratet, Sie haben Kinder, Sie, ein Buddhist?" 
Wie oft habe ich diese Rede schon gehört. Natürlich nicht von 
Buddhisten, natürlich nicht von Katholiken. Jeder Anhänger einer 
asketischen Religion kennt ja Frage und Antwort zu genau. Es 
waren Freidenker oder Protestanten, recht oft kinderreiche Pastoren, 
die diese Frage stellten. 

Wie kommen sie zu der Frage? 

„Heiraten ist gut, Nichtheiraten ist besser" sagt der Apostel, also, 
folgern gedankenlose Menschen, darf der Christ nicht heiraten. 



Von Dr. Wolfgang Bohn 239 

Allerdings, der wirkliche Christ folgert das nicht, denn er weiß, 
daß Gott die Ehe gestiftet hat, um der Schwachheit der nun ein- 
mal sinnlichen und körperlichen Menschheit zu Hilfe zu kommen, 
um auch die Familie, ohne die ja das ganze Erlösungswerk bald 
überflüssig sein würde, als gewollte und geheiligte Institution in die 
Hand der Kirche legen zu können. 

Die Menschen sind nun einmal ungleich. Jeder bringt seine 
Sankharas in die Erscheinung mit, jedes Ich hat der Besen eines 
anderen Karmam zusammengefegt. Wer neben der klaren Erkenntnis, 
daß jegliches Anhängen und im besondern geschlechtliches Anhängen 
jedes Nachgeben der Sinnlichkeit ein Hindernis auf der Bahn zur 
sofortigen vollen Erlösung ist, auch noch die Fähigkeit geerbt hat, 
mit diesem Körper und seinen dunklen Instinkten leichter oder 
schwerer aber doch endlich fertig werden zu können, wohl ihm. Aber 
hinter einem solchen Ich steckt eine lange harmonische Ahnenreihe, 
die tausendmal gekämpft hat, gefallen und wieder aufgestiegen ist. 

Für die meisten Menschen hätte auch der selbtserzwungene 
Cölibat gar keinen Wert. Sie müssen erst mit anderen Dingen 
fertig werden, mit der wirklichen Selbstsucht, mit Haß, Lieb- 
losigkeit, Neid und Feigheit, ehe sie an diesen großen Kampf gehen. 

Warum heiraten denn heute so viele nicht, warum verabscheuen 
sie die Ehe, Christen und Freidenker, vielleicht aus asketischen 
Gründen? Ach nein, sondern aus Gründen das Bequemlichkeit, 
Lieblosigkeit und Feigheit, aus niederstem Egoismus. 

Wer heiratet, beweist, daß er wenigstens an einer Stelle über 
sich hinaus will, daß er lieben will. Wer Kinder in die Welt 
setzt, zeigt, daß er den Willen und den Mut hat, die schwere Last 
der Sorge und Erziehung für mehr als Jahrzehnte auf sich zu 
nehmen, daß er nicht bloß Egoist ist. Das Recht zum Cölibat hat 
nur der Mensch der Askese, der fest durchdrungen von Liebe und 
Mitleid, nach Überwindung der Ichsucht nun auch den letzten 
Schritt der Selbstverneinung geht und einsam zerrinnen will, ohne 
Liebes und ohne Leides. ^ 

Der Heiligen sind wenige, für sie würde Ehe und Familie ein 
Rückschritt, eine Unmöglichkeit sein; der langsam klimmenden auf 
dem Pfade sind viele. Für tausende ist die Ehe der erste Weg zur 



240 Buddhismus und Ehe 

Selbstüberwindung, vielen geht erst in der Schule des Familienlebens 
der Sinn buddhistischer Liebesarbeit, der Mitfreude, des Mitleidens, 
der Liebe, der Geduld auf. 

„Aber der Buddha hat Weib und Sohn im Stiche gelassen und 
ist in die Hauslosigkeit gezogen." Aber es war eben der Buddha 
mit dem Karma eines Boddhisatva. Auch manch anderer hat ähnlich 
gehandelt: Petrus, Nikolaus von der Flüe, unser Freund Sumano; 
aber das waren Heilige oder sind es geworden. 

Andere sind ehelos geblieben um des Heiles willen: Jesus von 
Nazareth, die Mönche und Nonnen des Buddha und der katholischen 
Kirchen; aber auch hunderte und tausende sind immer nur Aus- 
nahmen unter Menschenmillionen, die willig das Joch der Ehe auf sich 
nehmen und unter ihm wachsen und erstarken, um in einem späteren 
Abschnitte des Samsara unter günstigeren körperlichen und seelischen 
Bedingungen in den Strom der Erlösung einzutreten. 

Die katholische Kirche fordert von allen ihren Gläubigen voll- 
kommene Keuschheit. Nur in der rituell geschlossenen Ehe gilt 
das geschlechtliche Leben als nicht-sündhaft, als geheiligt. Das 
gilt für Laien und Priester. Nur daß aus taktischen Gründen für 
Priester ein Gebot der Ehelosigkeit zeitweise, da und dort, aber 
nicht allemal aufgerichtet wird. 

Der Buddhismus kennt kein Priestertum und keinen Zwang. Aber 
wer das Leben eines geistigen Asketen führen will und sich „von 
den Gaben der Gläubigen" ernährt, der muß natürlich mit dem 
Geschlechtsleben abgeschlossen haben, mit dieser stärksten Fessel 
in der Welt des Daseins. 

Niemals hat der Buddha die Ehe und das Familienleben verdammt 
oder auch nur herabgesetzt. Er weiß aber und spricht es aus, 
daß der Eintritt in den Strom dem Weitling, dem Hausvater, wie 
auch der Frau viel schwerer wird als dem losgelöst lebenden Mönche, 
aber durchaus nicht unmöglich ist. So hat auch die katholische 
Kirche unter ihren Heiligen Verheiratete, Männer und Frauen, 
natürlich, und das versteht jeder Asket, sehr in der Minderzahl. 
Als Lohn rechter Gattenliebe verspricht Buddha — das einzige Mal 
wo er ein Wiedersehen verspricht — (Anguttara N. Viererbuch, 
übers, von Nyanatiloka Sutt. 55 und 56): 



Von Dr. Wolfgang Bohn 241 

»Wünschen zwei Gatten in diesem Leben einander zu sehen, 
sich im nächsten Leben einander zu sehen, so mögen beide rechtes 
Vertrauen pflegen, rechten Sittenwandel, rechte Freigebigkeit, 
rechte Weisheit. Dann sehen sie sich einander in diesem Leben, 
sehen sich einander in jenem Leben.** 

Buddhismus ist keine Zwangsanstalt, nicht der Befehl eines ge- 
oifenbarten Gottes, sondern eine Erkenntnisstufe. Langsam tritt 
die Erkenntnis in das Leben und in den Aufbau des Karma, des 
Einzelwesens ein. Solange die Erkenntnis nicht jede Ehe eines 
Einzelnen kraft eines höheren asketischen, seelischen Gesetzes un- 
möglich gemacht hat, solange wird, und das gilt für die ungezählten 
Millionen der Menschheit, irgend eine Beeinträchtigung der Ehe — 
und Familienstatistik — und nur darum geht es ja den buddhisten- 
feindlichen verheirateten und unverheirateten Ehefreunden, nicht 
festzustellen sein. Wenn aber wirklich die Scharen der Menschen 
einstens spärlicher werden, weil schon allzuviele „erloschen** sind, 
dann um so besser; nach dem Worte des heiligen Augustinus: „dann 
sei ja das Gottesreich um so näher**. 

Bis dahin hat 'die buddhistische Familie ja die ganz besonders 
schöne Aufgabe, für das Karma derjenigen, welche der Erlösung 
einen Schritt näher sind als der große Haufe, bewußt die Wiege 
und die Kinderstube bereitzustellen. 

So sollen Sie sich also nicht weiter wundern, lieber Herr Pastor, 
daß wir auch buddhistische Familien haben, und uns nicht zur 
Kinderlosigkeit verdammen. Ich kann Ihnen sogar verraten, daß 
die meisten führenden Laienbuddhisten in Deutschland Familien- 
väter sind. 

Grade zur rechten Zeit sendet uns unser Breslauer Glaubens- 
genosse und Gabenspender Carl Wolzendorff zwei Bilder des jüngsten 
seiner fünf Knaben ein, und um unsern Lesern eine Freude zu 
machen, stellen wir Ihnen in diesem Hefte diesen jungen Buddhisten 
vor. Der Junge ist jetzt vier Jahre alt, dem Physiognomen Fällt 
der ungewöhnlich geistige Ausdruck des Gesichtes sowohl bei dem 
Ein- wie Vierjährigen auf; das Horoscop, das ein namhafter Astrologe 
ausgerechnet hat, ist außerordentlich günstig inbetrefif der Geistig- 
keit, und der Vater hat die Absicht ebenso wie den anderen Knaben 



242 Buddhismus und Ehe von Dr. WoUgang Bohn 

noch diesem ganz besonders alles bereit zu stellen, was ihn dem 
Buddhismus nahebringt, selbst auf die — entsetzliche — Gefahr 
hin, daß er einmal im gelben Mönchsgewande sein Heil sucht. Er 
hat daher schon jetzt testamentarisch die Bestimmung getroffen, 
daß dieser Junge sofort nach Beendigung seiner Schulzeit in die 
Geburtsländer des Buddhismus soll, um hier an Ort und Stelle 
die Lehre des Buddha zu studieren. 

Wie ja auch tausende katholischer Männer und Frauen ihre 
Kinder für das Priestertum erziehen. 

Ich wünschte, wir könnten unseren um unser Volkswohl so zart 
besorgten Gegnern einmal ein ganzes Blatt mit buddhistischen 
Kinderbildern bedruckt darstellen, damit ihre Sorge benommen wird 
und sie nun mit größerem Eifer der Buddhalehre nahetreten. 

Wenn Freund Dr. S. aus Leipzig seine drei prächtigen Kinder 
beisteuert, die Frau unseres gefallenen Mitgliedes S. in München 
die Bilder ihrer zwei Jungen, unser Gabenspender in Breslau gleich 
ein Fünf-Blatt und ich meine drei usw., dann denke ich, wird so 
langsam ein kleines aber hartnäckiges und unsinniges Vorurteil 
weichen müssen. 



w 



Dieses altehrwürdige Hakenkreuz, das im alten Indien Jahrtausende lang 
Symbol der Brüderlichkeit und Liebe war, ist von unserer alles umstürzenden 
Zeit auch nicht verschont geblieben und als Feldzeichen politischer Parteien 
in gehässige Bruderkämpfe verwickelt worden. Da man uns in letzter Zeit, 
dieses gemeinsamen Abzeichens willen, von verschiedenen Seiten als Ge- 
sinnungsgenossen und Mitkämpfer in der politischen Arena begrüßte, in 
völliger Verkennung unserer Ziele, die nur der Ausbreitung von Buddhas mil- 
der Lehre gelten, fern jedem politischen, wirtschaftlichen oder religiösen 
Streite, und nachdem sich die Stimmen aus unserem Freundeskreise mehren, 
die auf Klärung und Abwehr drängen, sehen wir uns heute zu unserem 
schmerzlichen Bedauern zu der Erklärung veranlaßt, daß wir, solange das 
Hakenkreuz von politischen Parteien als Kampfeszeichen geführt wird, auf 
die weitere Benützung desselben zu verzichten gezwungen sind. Unsere 
Druckschriften- Vorräte mit dem aufgedruckten Swastika-Kreuz werden selbst- 
verständlich aufgebraucht, weitere Auflagen werden ohne dasselbe hergestellt. 

\ Bund für buddhistisches Leben und 

Verlag der Zeitschrift für Buddhismus 



Bücherbesprechungen 



Schon einige Jahre vor Ausbruch des Weltkrieges begann hauptsächlich 
durch die Bemühungen des im Felde gebliebenen Verlegers Markgraf ein 
Anschwellen der buddhistischen Literatur in Deutschland, sowohl der Ver- 
mittlung des Palikanons durch treffliche Übersetzungen, sowie der Literatur 
über buddhistische Lehren, eine fruchtbare religiöse, philosophische und exe- 
getische Literatur. Während der Kriegsjahre mußte naturgemäß die Flut 
etwas eingedämmt erscheinen, es traten andere Verleger auf unserem Ge- 
biete in den Vordergrund, aber verronnen ist sie nicht und mit Schluß des 
Krieges in dem nunmehr so offensichtlichen Elend, nach allen den unend- 
lichen Leiden tausender setzte nicht nur die buddhistische Verlagstätigkeit 
wieder kräftig ein, es fand vielmehr ein tiefes Verlangen nach der erlösenden 
Weisheit aus dem Osten Eingang in die Seelen tiefer Denkender, wie lange nicht. 

Das letzte Verlagswerk Markgrafs, jetzt dem verdienstvollen Verlage von 
Dr. Hugo Vollrath in Leipzig angeschlossen, war Dahlk es tiefgedachtes 
und bahnbrechendesr Werk: Buddhismus als Religion und Moral. Leider 
verschlang das Rollen der Geschütze diesen tiefen Harmonischen Ton, es 
blieb ziemlich unbeachtet und selbst Schreiber dieses Berichtes muß gestehen, 
daß er es erst jetzt gelesen hat. Dahlkes Buch ist zweifelsohne die innerlich 
und gedanklich bedeutendste Erscheinung. Dahlke, der Buddhist, nicht Phi- 
losoph oder Interpret sein will, weist getreu dem Lehrer der Sutten jegliche 
Metaphysik und Transzendenz von vorneherein ab. Die Buddhalehre ist ihm 
reiner Individualismus. Das sich selbst begreifende, erhaltende Ich, der Ich- 
prozeß, wirkt seine Erlösung dadurch, daß er aus tiefstem Ergreifen heraus 
sich selbst aufgibt, ohne weiter zu fragen, ob irgend wie oder irgend wo nach 
dem Verlöschen der Weg weiter führen kann. Das ist ein einfacher, einheit- 
licher Gedanke, aber w i e Dahlke diesen Gedanken als die Erlösungslehre 
des Buddha erweist, wie er Moral begründet, das wahrhaft religiöse Element 
aufzeigt, eben das läßt sich nur im Urwerke nachlesen und nachdenken. 

Ganz im Gegensatz zu Dahlkes Arbeit steht das bedeutende und wahrhaft 
monumentale Werk Grimms: Die Lehre des Buddha (München, Piper 
und Comp.), das im ersten Jahre des Weltkrieges erstmalig erschien und 
Jahr um Jahr in neuer Ausgabe vorgelegt werden konnte. Es ist die gewis- 
senhafte fleißige und mühsame Arbeit eines Gelehrten, der alle Übersetzun- 
gen buddhistischer Religionsbücher gelesen, ausgezogen, systematisch ver- 
wendet hat und jeden Punkt der Lehre durch die Worte der Sutten selbst 
belegt. Das Buch kann geradezu als Quellenwerk angesehen werden und wer 
über Buddhismus schreiben oder reden will, sollte es gelesen haben. Nun 
hat aber leider Grimm eine neue eigenartige Auffassung einer der wichtig- 



244 Bücherschau 



sten Lehren Buddhas, der Anattalehre, gewonnen, auf der wir ihm nicht 
folgen können, ja die geradezu als völlig unbuddhistisch von einer Reihe 
sehr ernster Forscher, im besonderen von der siamesischen Schule abge- 
lehnt wird. Er gründet sie auf dem „heiigen Syllogismus": „Was ich an mir 
vergehen und deshalb — mit dem Eintritt dieser Vergänglichkeit — mir Leiden 
zuführen sehe, das kann nicht mein Wesen sein. Nun sehe ich alles nur 
immer Erkennbare an mir vergehen und mit dem Eintritt dieser Vergäng- 
lichkeit mir Leiden bringen, also ist nicht Erkennbares mein Wesen." Das 
stimmt schon. Aber nun macht Grimm weiter zwei Voraussetzungen; erstens: 
Ich habe aber ein Wesen; zweitens: außer dieser vergänglichen Welt gibt 
es noch eine unvergängliche, leidlose, transzendente und unter Benutzung 
dieser beiden schweigend gemachten Voraussetzungen konstruiert er das 
transzendente Ich als Wesen. Gewiß gibt es in den Sutten-Büchern, die 
annähernd zweitausend Jahre alt sind, deren Sprache Gedankengänge und 
Gedankensymbole wiedergibt, die wir gar nicht ohne weiteres nachprüfen 
können, — Stellen, die die Möglichkeit der Auslegung im Grimmschen Sinne 
erlauben. Dahlke hat sie ausführlich in seinem Buche behandelt, aber der 
ganze Gedankengang erscheint, wenn man sich ohne philosophische Vorein- 
genommenheit einfach in die Lehre versenkt, so absolut unbuddhistisch, daß 
der Irrtum kaum ganz erklärlich ist. Aber aus diesem einen falschen „unhei- 
ligen" Syllogismus fließen nunmehr alle weiteren zweifelhaften Interpreta- 
tionen der Buddhalehre, sodaß man, je öfter man in Grimms Darstellung 
liest, um so öfter das Unhaltbare derselben fühlt. Hier fehlt wirklich, was 
Grimm Dahlke vorwirft, „das Auge der Wahrheit". 

Eine dritte bedeutende Auffassung des Buddhismus bietet Beckh in den 
beiden Bändchen Buddhismus der Sammlung Göschen. Beckh, der zu 
den Schülern Rudolf Steiners gehört, erklärt den Buddhismus aus dem Yoga, 
den Pfad als einen achtfachen Meditationspfad. Die Darstellung ist nicht nur 
äußerst gelehrt und klar, sondern auch durchaus überzeugend. Einzelansich- 
ten sind natürlich sehr bestreitbar. So kann man über das Verhältnis Bud- 
dhas zur Gottesidee, über die Auslegung des Paticcasamuppada andere Mei- 
nungen gewinnen, man spürt etwas vom Hauche Steiners in den warmher- 
zigen Darstellungen, — in seiner meditativen Einseitigkeit aber bildet die Dar- 
stellung und Auffassung Beckhs eine gute Ergänzung zu der rein intellek- 
tuellen Auffassung Dahlkes, bei dem die Meditation etwas zu kurz kommt. 
Den meditativen Standpunkt hat Schreiber dieses in Anlehnung an die Me- 
thoden der buddhistischen und christlichen Mystik in seinem Büchlein: Die 
Selbstheiiung der kranken Seele durch Erkenntnis und Vertiefung 
(Verlag Max Altmann Leipzig) vertreten, aber mit ausdrücklicher Ablehnung 
jedes Atta-Gedankens im vedischen oder theosophischen Sinne; wenn es im 
Ich ein bleibendes Wesen gäbe, dann wäre eine Erlösung nicht möglich. 

Auch Fisch eis Werk im Verlag Natur- und Geisteswelt hat während der 
Kriegsjahre seine neue Auflage nach dem Tode des Verfassers erfahren. Am 
Geiste dieses treflPlichen Werkes, das den Buddhismus als Religion der Liebe 
erstmalig ins rechte Licht setzt, ist glücklicherweise nichts geändert. Nur 
eine so grundgelehrte und bescheidene Natur wie Pischel konnte „Leben 
und Lehre des Buddha*' schreiben. Dafür dürfte es auch einige hundert 
andrer selbst größerer Werke über den Buddhismus überdauern. 



Bücherschau 245 



Den Lesern des Beckhschen Werkes möchte ich mitzuteilen nicht ver- 
fehlen, daß wir von den oft angezogenen Yogasutra des Patancali eine 
Textausgabe mit wörtlicher guter Übersetzung und Anmerkungen aus den 
Kommentaren in der Ausgabe von Oppermann (Leipzig Verlag Dr. Hugo 
Vollrat) besitzen, die man zum Vergleiche stets heranziehen kann. 

Der rührige Verlag von Altmann hat die Auslieferung zweier größerer 
Werke übernommen, die kurz vor Beginn des Krieges gedruckt, doch erst 
in diesem Jahre zur Ausgabe gelangten. Das ist einmal der erste Band von 
Nyanatilokas Übersetzung der Fragen des Milinda, Wir besitzen eine 
auszugsweise Obersetzung von Dr. Schrader, die in jedem Leser geradezu 
das Begehren wachrief, einmal das Ganze zu lesen. Deshalb ist das Erschei- 
nen des Werkes nunmehr von vielen froh begrüßt worden. Die Übersetzung 
ist klar, gut deutsch, die Anmerkungen klären viele Punkte endgültig auf, die 
Buchausstattung musterhaft. 

Dasselbe gilt in höchstem Maße von der Neuerscheinung des Werkes 
unsres verstorbenen Freundes Dr. Carus: Das Evangelium des Buddha. 
Die Übersetzung besorgte Herr Dr. Seidenstücker in bekannt hervor- 
ragender Weise, den Buchschmuck und die Bilder lieferte die Zeichnerin 
Olga Kopetzka. Der Standpunkt Carus' ist nicht der unsrige, nähert sich 
dem Mahayanastandpunkt sehr stark und gibt besonders in manchen von 
Carus selbst verfaßten also mehr als apokryphen Sutten, so besonders über 
den Krieg, japanische, lebenbejahende Mahayanaanschauungen wieder, die mit 
dem Buddhismus Buddhas kaum viel zu tun haben werden. Das Buch will 
also mit Vorsicht gelesen sein. Man möge es als das buddhistische Bibel- 
buch des amerikanisch-japanischen Mahayanabuddhismus nehmen. Aber ein 
schönes und verdienstvolles Werk bleibt es doch. Die prächtige Ausstattung, 
die schöne Darstellung, der erstaunlich billige Preis machen es zu einem 
Geschenkwerke ersten Ranges. 

Gleichfalls im Verlage von Max Altmann erschien: Der Tempel von 
Borobudur, von Dr. Georg Mahn. Die Abbildungen, welche das wichtig- 
ste darstellen, entstammen Aufnahmen, die Mahn in Java selbst gemacht 
hat, der Text Logenvorträgen, die in der Feldloge zu Wilna gehalten wurden. 
Der Tempel von Borobudur stellt ein wahres Wunderwerk indischer Stein- 
baukunst dar, die Abbildungen und Erläuterungen decken uns ein staunens- 
wertes Symbolum auf. Was Herr Dr. Mahn über Buddhismus schreibt, den 
er (außer Religion und Monismus) als Stütze der Moral und Ethik systema- 
tisiert, mutet mehr vedisch und pantheistisch als buddhistisch an. Das Ver- 
wischen von Du und Ich, das Tat twam asi, das restlose Zurücktauchen in 
die Allseele ist gar nicht Lehre des Buddha. Auch hier vergleiche man die 
Darstellung Dahlkes. Herr Dr. Mahn selbst aber will nicht als buddhistische 
Autorität gelten, er bescheidet sich und erhebt dadurch seine Arbeit um so 
mehr. Denn es ist ein schönes und treffliches Buch, auch ein Geschenk- 
werk, das jedem Buddhisten eine große Freude bereiten muß. 

Dhammapadam, dieses unvergleichliche Spruchbuch des Buddhismus, 
von dem wir bereits je eine Versübersetzung von Schröder und von Neu- 
mann nach dem Urtexte und je eine von Schultze und von Markgraf nach 
vorhandenen Übersetzungen besitzen, erfährt gleich zwei neue Ausgaben. 
Eine davon ohne Namensangabe aus dem neubuddhistischen Verlage 



246 Bücherschau 



(Dahlke), eine zweite poetische Bearbeitung von Hans Much, Verlag 
Adolf Saal, Hamburg. Herr Much begründet seine Umdichtung damit, 
daß er im Dhammapadam ein Dichterwerk sieht, das ein Dichter, nicht ein 
Gelehrter herauszugeben habe. Dahlke sucht vor allem den Sinn des Buches 
in möglichst wortgetreuer Strophenübersetzung buddhistisch wiederzu- 
geben. Dahlke ergänzt seine Übersetzung durch eine große Zahl vortreff- 
licher Erläuterungen und Anmerkungen. Dahlkes Übersetzung reiht sich den 
Übersetzungen von Schröder und von Neumann an, Muchs Umdichtung tritt 
in eine Reihe mit der Markgraf sehen. Der Fehler der Markgrafschen Bear- 
beitung bestand in dem Rhythmus der feierlich abzustimmenden ehernen 
Worte der Schrift. Sie war also im wesentlichen mißlungen. Überhaupt kann 
ich der Ansicht, auch Muchs, nicht zustimmen, daß es sich in erster Linie 
bei den Versen aus dem Suttapitakam um künstlerische Arbeiten, Dich- 
tungen in unserm Sinne handelt. Ich halte sie, das heißt die Verseinkleidung, 
mehr für ein Hilfsmittel für das Gedächtnis, das die Worte und Lehren 
durch Jahrtausende weiter zu geben hatte. Das Pali schreitet in feierlichen 
Jamben daher und auch die deutsche Sprache ist durchaus jambisch im 
Gegensatz etwa zur böhmischen. Much übersetzt in Trochäen und verdirbt 
dadurch nach meinem Gefühle von vornherein den Eindruck trotz der An- 
wendung des Reimes, der gewiß für deutsche Leser sehr willkommen wäre. 
Die Trochäen geben etwas leichtes hüpfendes, das sich ganz schön für eine 
Übersetzung aus dem Griechischen machen würde, hier aber keinen rechten 
Platz hat. Den berühmten Vers 166 übersetzt Dahlke: Dein eignes Wohl für 
andrer Wohl, sei*s noch so groß, gib nimmer hin! Hast du dein eignes Wohl 
erkannt, sei diesem eignen Wohl getreu. Much übersetzt: Laß nicht ab vom 
eignen Heile ob des größten Heiles andrer. Hast dein eigen Heim erkannt 
du, streb ihm nach, ein starker Wandrer! Die Ausstattung der Muchschen 
Ausgabe ist eine gute, die des neubuddhistischen Verlages eine vorbildliche 
in Ansicht der Würde buddhistischer Lehrreden. 

Herr Much beschert uns im selben Verlage (Saal, Hamburg) ein präch- 
tiges Büchlein: Die Heimkehr des Vollendeten, eine fortlaufende Kette 
kleiner Einzelbilder aus dem Leben Buddhas, da er als ein Heiliger in seine 
Heimat zurückkehrte, in schöner farbenreicher Sprache glücklich dargestellt, 
im Stile etwas an Rilkesche Prosa erinnernd, tief gefühlt und gedacht, ein 
Büchlein bestimmt von vielen gelesen zu werden und dem Buddha Freunde 
zuzuführen, die weiter über den Dhamma nachzudenken geneigt sein werden. 
Die Lesung ist ein künstlerischer aber auch philosopischer Genuß. Dasselbe 
lässt sich gern von den Gedichten sagen, die Hans Much zu der Schrift: 
Buddhistische Weisheit von Georg Grimm und Hans Much (Hans Sachs 
Verlag, München) beigesteuert hat. Den philosophischen Teil des Heftes, 
den Herr Dr. Grimm bestritten hat, würden wir als eine außerordentlich klare 
Darlegung eigner Weltanschauung gern begrüßen, wenn diese Weltanschauung 
nicht Anspruch darauf machte, gerade der Buddhismus Buddhas sein zu wollen. 

Die Lebenskraft und ihre Beherrschung nach der Lehre des Buddha 
nennt sich ein weiteres Heft (Verlag Lampert, Augsburg) das sicherlich 
auch viele Leser erstmalig überhaupt zum Buddha führen wird. Buddhas 
Name soll so oft und so viel wie möglich ernsthaft genannt werden und 
selbst auf so paradoxen Wegen, wie sie Grimm in der Lebenskraft be- 



Bücherschau 247 



schreitet, mag einer zum Buddha herangeführt werden. Das ist gut und zu 
begrüßen. Wer ernsthaft in die Lehre eindringt, wird schon erfahren, daß 
der Buddha mit dem Lebenswillen lebenshungriger Willensmenschen nichts 
zu tun hat. Ich möchte aber auf eins aufmerksam machen. S. 52 zitiert Herr 
Grimm eine bekannte Stelle aus dem Mahaparinibbanasutta nach der Über- 
setzung von Neumann: wie wenn ich diese Krankheit durch Kraft von mir 
abwende und auf den Lebenswillen gestützt verbliebe? Dann auch noch 
einmal: Lebenswillen. Neumann aber übersetzt in beiden Fällen Lebens- 
gedanken! Die Abänderung wäre zu begründen. Dutoit übersetzt, etwas 
näher an Grimm kommend: Lebensenergie. 

Völlig wertlos im buddhistischen Sinne ist ein Drama Siddharta-Buddha 
von Frieda Rittmann-Ursch (Basel, Max Bauer). Als Dichtung aber 
ist's nicht übel und so mag der gute Wille, den Buddha dramatisch zu ver- 
herrlichen, für das fehlende Verständnis der Lehre angenommen werden. 

Im Verlag von Max Altmann, Leipzig erfolgt die Auslieferung einer 
anderen Schweizer Dichtung: Stefan Navrats: Der unvergleichliche 
Siegeskampf im Geiste Buddhas. Eine Dichtung ist es, Obersetzungen 
und hauptsächlich eigene philosophische Dichtungen, wirklich im Geiste 
Buddhas, ein gutes Buch! 

Von der zunehmenden In4isierung Europas, der immer fortschreitenden 
Durchdringung unsres Geisteslebens mit den so europafremden Gedanken 
von Karma und Metern psychose erzählt uns die stimmungsvolle Novellen- 
sammlung Sternenliebe von Emmy Hofmann (Freyhaus-Verlag, Dres- 
den) fein geschliffene Edelsteine aus dem Dichtschmuck einer wirklichen 
Dichterin, ein Buch das erhebt nnd beglückt, wenn auch dieses Glück wie 
alles Glück doch der Maya, der großen Täus^ihung, angehört. 

Dem Verständnisse östlichen Denkens hat nunmehr wieder eine hoch- 
stilisierte Zeitschrift ihre Seiten geöffnet: An heiligen Ufern. Blätter für 
Mystik, Literatur, Kunst und Völkerkunde Asiens. München, 
Schah in Verlag. Unter den Mitarbeitern finden wir an erster Stelle G. Mey- 
ringk, dann den Mystiker Bo Yin Ra, Franz Carl Endres und andere. Das 
erste erschienene Heft enthält als wichtigste Arbeit: Mystische Lyrik der 
Perser von Georg L. Leszczynski, den Beginn eines Levanteromans ,Das Lied 
von Aleppo' von Endres und andre gelehrte und künstlerische Arbeiten. Orient 
und Occident sind nicht mehr zu trennen. Schließlich kommt das Licht und die 
wahre Freiheit auch für das untergehende Abendland wieder aus dem Osten. 

Der Schriftleitung sind unerbeten von den Verlegern eine Reihe occul- 
tistisch er Werke zugegangen, deren Titel wir den Lesern nicht verschwei- 
gen wollen. Max Altmann sendet ein Heft: Die occulte Kraft Jesu von 
Peryt Shou, das, ich muß es leider gestehen, mir völlig unverständlich ist, 
aber gewiß für Kabbalisten und Rosenkreuzer einen tiefen Sinn haben mag. 
Aus demselben Verlage kommt Dr. Georg Lomer, Die Welt der Wahr- 
träume. Es sind interessante Traumaufzeichnungen, die hier im Sinne von 
Wahrträumen post festum ausgedeutet werden, aber größtenteils in die Auf- 
regungen der Kriegszeit fallen und auch durchaus im Sinne von Stekel 
psychoanalytisch behandelt werden können. Überzeugend hat das Buch auf 
mich nicht gewirkt. Aber ein offnes und ein Büchlein, das reiches Material 
für den Traumpsychologen bietet, ist es. C. Aq. Libra ließ uns (Verl. F. 



248 Bücherschau 



Dz. Veen Amersfoort, Holland) ein glänzend ausgestattet astrologisch- 
theosophisches Werk Kosmos und Mikrokosmus zugehen, nebst einem er- 
gänzenden Tabellenheft zur Horoskopberechnung. Es ist ein durchaus ernstes 
Buch eines auch philosophisch und religiös geschulten Forschers. Wer also 
zur Astrologie Lust und Zeit hat, dem kann ich es nach geschehener Ein- 
sichtnahme empfehlen. Der Buddha weist bekanntlich für den Asketen die 
Beschäftigung mit Wahrsagekünsten aller Art ab. Daß die Wissenschaft (Fließ!) 
wie allen andern Strömungen des Occultismus auch der Astrologie wieder 
bedenklich nahekommt, ändert daran nichts. Wer sich laufend mit solchen 
Fragen beschäftigt, dem kann, gleichfalls aus dem Verlag von Max Alt- 
mann das Zentralblatt für Occultismus ehrlich und gern als führende 
und vollständige Zeitung empfohlen werden. Dr. Wolf gang Bohn. 

Mitteilungen des Bundes für buddhistisches Leben 

Wir hatten mit gutem Recht annehmen zu dürfen geglaubt, daß bei Aus- 
gabe des letzten Zeitschriftheftes die äußerste Grenze der ohnehin phan- 
tastischen Druckpreise erreicht sei, sahen uns aber leider in dieser Erwar- 
tung getäuscht. Unsere Druckerei gab uns Anfang Juli einen neuerlichen 
Aufschlag von rund 50o/o auf die schon im Druck befindliche neue Nummer 
bekannt, woraufhin wir die völlige Einstellung der Zeitschrift ernstlich er- 
wogen. Hierauf ist auch die Verzögerung dieses Heftes zurückzuführen. 
Wenn wir uns trotzdem entschlossen haben, unter neuerlichen großen Opfern 
unser Blatt — allerdings in verkleinertem Umfang — weiter fortzusetzen, so 
geschieht dies im Verfolge einer heiligen Aufgabe. Die Mitgliederanzahl des 
B. f. b. L. und der Leserkreis dieser Zeitschrift nehmen stetig in erfreulicher 
Weise zu. Unsere Freunde mögen aber nicht vergessen, daß hinter uns kein 
kapitalkräftiger Verlag steht, und daß unsere Arbeit nur auf Opferfreudig- 
keit und auf das restlose Einsetzen einiger Weniger bisher aufgebaut war; 
und daß wir das Vielfache des Beitrages für jedes Mitglied an Selbstkosten 
aufzuwenden haben. So manche hochangesehene Zeitschrift mußte in den 
letzten Monaten wegen der Zeitungunst eingehen, dagegen blühen den Massen- 
instinkten Rechnung tragende Schriften üppig empor. Der Fieberwahnsinn 
der Überteuerung hat nach menschlicher Berechnung nunmehr die steilste 
Kurve erreicht, von der es nur noch ein Abwärts geben kann. Nachdem wir 
einen Lieblingsplan nach dem anderen aus Mangel der Finanzierung aufgeben 
oder modifizieren mußten, hoffen wir den laufenden Jahrgang zu Ende führen 
zu können. Wünschen unsere Freunde die Fortsetzung unserer Arbeit im 
dritten Jahrgang dieser Zeitschrift zu sehen, so müßte allerdings die heute 
nur bei einzelnen vorhandene Opferfreudigkeit eine allgemeinere werden. 

Die zukünftigen Ortsgruppen Breslau und Hamburg sollen nun 
im Herbst aufgestellt werden. In Breslau findet im Laufe des September die 
erste Zusammenkunft und ein Vortragsabend statt. Interessenten wollen sich an 
unseren dortigen Geschäftsleiter, Herrn Max Zweig, Breslau, Berliner Platz 15* 
wenden. Näheres wird noch durch die Presse bekanntgegeben werden. Unser 
Repräsentant in Hamburg ist Herr Walther Mankiewicz Hamburg 21, Over- 
beckstraße 5. 

Die Mitglieder unserer Gesellschaft und Abonnenten der Zeitschrift, welche 
bisher ihre Beiträge noch nicht geleistet haben, wollen solche nun bitte auf 
unser Postscheckkonto München 20034 einzahlen. 

Hauptschriftleiter Dr.Wolfg.Bohn,Dölau b.Halle. Schriftleiter Ludw. Ankenbrand,Stuttgart, 

Herausgeber: „Bund für buddhistisches Leben*, Verlag der Zeitschrift für Buddhismus. 

Oskar Schloß, München-Neubiberg. Druck von Knorr & Hirth in München. 




2.Jahrg./ Heft 10/12 Okt./Nov./Dez. 1920 Buddha-Jahr 2463/64 



Schwingende Wellen 

Wellen und Strahlen 

wallen und schwingen, 

schallen und dringen. 

Wellen und Strahlen 

umfließen, ergießen sich 

sehnend nach heiligem Gleichklang. 

Wallen in heiligem Einklang 

für einen seligen Augenblick. 

Wann werde ich ordnen 
ihr atmendes Schwingen 
zu währendem waltendem Wohlklang? 

Es schwingen die Wellen 

in strahlendem Klang 

endlos in leiser Bewegtheit. 

Wann wirst du Bewegtheit zur Stille? 

Wann wirst du Stille zur Heiligkeit? 

Wann wirst du walten, du heilige reine Gestilltheit? 

Hans Much. 



250 Du? — Sein und Werden 

Du? 

Ich kann dich nie mit Namen nennen, 
wie du in meiner Seele lebst, 
Wenn deine Flammen in mir brennen 
und du mit mir zur Ferne strebst. 
Ich fühle Kraft das All durchklingen. 
Ein Fittich überschwebt die Zeit. 
Ich fühle Strahlen, die verschwingen 
in flutende Unendlichkeit. 

So hast in allen du geschwungen, 

die aus dem Bann der schwülen Nacht 

um lichte Fernen kühn gerungen, 

in allen, die zum Schluß gedacht. 

Wenn dich auch niemals Namen nennen: 

Du bist mein Ich; ich bin dein Du. 

Die Schwere sinkt. Und wir verbrennen 

der heimatlichen Freiheit zu! 

Hans Much. 



Sein und Werden. 

Eine Untersuchung über die Bedeutung des Paticcasamuppada 
von Dr. Wolf gang Bohn. 

Der Asket Gotamo hat in heißem Seelenringen Hülle um Hülle 
abgeworfen, die ihm die Wahrheit und Erlösung umschleiert hatten. 
Das Werk ist getan, vollendet die Heiligkeit, die vergängliche Welt 
des Bewußtseins restlos aufgelöst. Und nun wirft der Erhabene einen 
tiefen Blick der Erkenntnis auf die Welt zurück und umfaßt mit 
einer Gedankenreihe, was sich ihm als der Lauf und Sinn ihres 
Werdens und Vergehens darstellt. 

Hier hebt der alte Text eines der schönsten Bücher aus dem 
Korb der Disziplin (Vinayapitakam) an, das Buch Mahavaggo, das 
in zusammenhängender fließender Erzählung von den ersten Reden 
und Taten des Herrn nach der Erleuchtung berichtet : 



Von Dr. Wolf gang Bohn 251 

»Zu dieser Zeit verweilte der erhabene Buddha zu Uruvela am 
Ufer des Flusses Neranjara, am Fuße des Bodhibaumes, zum ersten 
Male ganz erleuchtet. Da saß der Erhabene sieben Tage lang mit 
gekreuzten Beinen, der Wonne der Loslösung vom Irdischen sich 
erfreuend. Und der Erhabene überdachte während der ersten Nacht- 
wache in seinem Geiste den Zusammenhang von Ursachen und 
Wirkungen nach vorwärts und nach rückwärts: 

Aus dem Nichtwissen entstehen die Sankharas, aus den Sank- 
haras das Bewußtsein, aus dem Bewußtsein Geist und Körper, aus 
Geist und Körper die sechs Sinnesorgane, aus den sechs Sinnes- 
organen die sinnliche Wahrnehmung, aus der sinnlichen Wahrnehmung 
das Gefühl, aus dem Gefühl die Lust, aus der Lust die Anhänglich- 
keit an das Dasein, aus der Anhänglichkeit an das Dasein die Existenz, 
aus der Existenz die Geburt, aus der Geburt Alter, Tod, Kummer, 
Trauer, Unheil, Mißstimmung und Verzweiflung. So verhält es sich 
mit dem Ursprung dieser ganzen Masse von Leid.* (Übers.: Dutoit.) 

Die hervorragende Stellung der „Entstehung durch Abhängigkeit«, 
der Kausalitätsreihe in der Lehre wird durch nichts äußerlich mehr 
hervorgehoben als durch ihre Aufzählung am Anfang des Mahavaggo, 
als der ersten vermittelnden Erkenntnis aus dem Geiste des Voll- 
endeten und Erleuchteten. Nur dem Anfänger im Buddhismus kann 
sie zunächst als gleichgültig und belanglos vorkommen, je weiter 
aber ein Eindringen in den Geist und die Praxis der Buddhareligion 
stattfindet, umso wichtiger erscheint eine restlose Durchdringung 
und Durchleuchtung der Lehre vom Kausalnexus. Es ist also kein 
Zufall, keine müßige indische Spekulationswut, daß der Korb der 
Philosophie (Abidhammapitakam) ebenso wie der Korb der Lehr- 
reden sich oft und ausführlich mit dem Paticcasamuppado beschäftigen. 
(Vergl.: Nyanatilokas Arbeiten in Buddh. Welt V, 12 S. 393 und im 
Buddhist II, 3 S. 289.) Natürlich beschäftigen sich auch alle gelehr- 
ten Werke und alle hervorragenden Buddhologen sehr ausführlich 
mit dem Paticcasamuppado. 

Nun liegt die Schwierigkeit des Verständnisses dieser Lehre haupt- 
sächlich in der Bestimmung des begrifflichen Inhalts der einzelnen 
Termini, vor allem dessen, was die Texte mit sankhara, nama-rupam, 
bhavo bezeichnen. Denn es ist klar, daß die Übersetzung Dutoits 



252 Sein und Werden 



(bhavo = Existenz, Namarupa = Geist und Körper) anderen Sinn 
ergeben muß als die Übersetzung von Winternitz (Sankhara = Be- 
tätigung, bhavo = Dasein, nama-rupam = Name und Form) oder von 
Neumann (Unterscheidung, Name und Form = Subjekt und Objekt, 
Sein = Werden) oder Nyanatiloka (Willenstätigkeiten, Körperlichkeit- 
Geistigkeit, Tatenprozeß), Beckh (Bildekräfte, Substrat der Persönlich- 
keit, Eingehen zum physischen Dasein in der Empfängnis). Selbst 
der Terminus avidya sagt etwas anderes, wenn wir ihn mit Beckh 
als Irrtum, mit Nyanatiloka als Verblendung oder nach dem gewöhn- 
lichen Gebrauche als Nichtwissen wiedergeben. 

Eine besondere Schwierigkeit im Verständnis wird bedingt durch 
die Stellung des bhavo in der Mitte der Reihe, der Geburt am Ende. 
Darnach gehen die Causae 1 — 9 (Irrtum, Bildekräfte, Bewußtsein, 
subjektiv -objektive Welt, Sinnesorgane, Sinneseindruck, Gefühl, 
Begehren, Anhaften) dem Dasein, der körperlichen Empfängnis 
voraus, aus der sich dann erst die Geburt mit allen Konse- 
quenzen des individuellen Seins entwickeln würde. Nyanatiloka hat 
auf Grundlage des Abidhammo eine Tabelle aufgestellt, in welcher 
1 und 2 avijja und sankhara dem einer Existenz vorangegangenen 
Dasein angehören, 1 1 und 12 (Geburt, Altern und Sterben) als Resultat 
des Spieles 3—7—9 dem zukünftigen Dasein vorzumerken sind. 

Das ganze Drama der Kausalität würde sich also folgendermaßen 
abspielen: Aus den Irrungen eines früheren Daseins haben sich 
schöpferische Bildekräfte erhalten und angehäuft, die in einer neuen 
Menschwerdung zur Geburt mit all ihren Konsequenzen, vor allem 
also Tod, unter Umständen auch Alter, Krankheit usw. führen. 
Die Bildung und Entwicklung führt durch die Sankharas (= Karma) 
zunächst mittels der leiblichen Stoffe von Vater und Mutter zur 
Entstehung des Embryo mit dessen erster und eigentlichster Eigen- 
schaft des Bewußtseins organischer Individualität. (Vinnanam.) Wo 
aber Bewußtsein ist, da ist die subjektiv-objektive Welt, das heißt 
die Erfassung des Bewußtseinsinhaltes als Objekt, gegeben. Name 
und Form, Körperlichkeit und Geistigkeit auf der einen, Bewußt- 
sein, eigentlich Bewußtwerden auf der anderen Seite, bedingen sich 
gegenseitig dermaßen, daß sie ohne einander nicht bestehen können. 
Ohne^ Bewußtsein, ohne Subjekt gibt es kein Objekt. Die Dinge 



Von Dr. Wolfgang Bohn 253 

bestehen nicht als solche, sondern als Vorgänge unseres Bewußt- 
seins. Schon hier tritt uns der Gedanke der Relativität stark ent- 
gegen. Es gibt, buddhistisch verstanden, überhaupt keine Dinge, 
sondern nur Objekte, von einem Subjekt abhängig, wie es kein 
Sein gibt, sondern nur ein Werden, demgemäß auch kein Nichtsein. 
Der Buddha vergleicht Vinnanam und Nama-rupam mit zwei Bündeln 
Riedgras, die sich gegenseitig stützen. Mit dem Bewußtsein, das 
man vielleicht auch als Vitalität, Lebenskraft definieren könnte, in 
Verbindung mit der Körperlichkeit-Geistigkeit, ist im Embryo die 
Entwicklung der Sinnesorgane gegeben. Damit ist denn das neu« 
gewordene Wesen zur Geburt in diese Welt hinein ausgereift, ohne 
daß davon in der Kausalitätsreihe weiter Notiz genommen zu werden 
braucht. Das Vorhandensein der Sinnesorgane führt zur Aufnahme 
von Sinneseindrücken, (Phasso = Kontakt) die Lust- und Unlust- 
betonungen, Gefühle (vedana) bedingen. Aus dem Gefühl heraus 
kommt es zur Begierde (tanha = Durst), der Begehrende beginnt 
an den Objekten zu haften (Upadanam = Ansichnehmen, Ergreifen). 
Das Anhaften bedingt die dauernde Fortsetzung des Daseins (Bhava 
Sein = Werden^ Tatenprozeß, Werdeprozeß) die nun zunächst ja noch 
im Rahmen dieses einen Lebens weiterläuft, dann aber konsequent 
durch den Überschuß aktivierter Bildekräfte (Sankharas), da die 
Erkenntnis nicht vollendet wurde, sondern der Irrtum (avijja, Ver- 
blendung) weiter waltete, zur Neugeburt drängt — womit denn die 
Tragödie des Einzeldaseins mit den Akten 2 — 10 von neuem 
anhebt. 

Oldenberg, der sich mit dem Paticcasamuppada sehr ausführlich 
beschäftigt, kommt zu folgender Lösung: „Daß der Durst die Quelle 
des Leidens ist, welches sich als Geburt, als Alter und Tod dar- 
stellt, wird durch die heiligen Wahrheiten als eine Fundamental- 
lehre des Buddhismus erwiesen; und was hier die Formel des 
Kausalnexus aussagt, ist ja nichts anderes als dieses, daß der Durst 
durch die Mittelglieder des Ergreifens und der allerdings etwas 
unbestimmten Kategorie des Werdens das Leiden der Geburt, des 
Alterns und Sterbens hervorbringt." Eine Lehrrede beschreibt fol- 
genden Entwicklungsgang: Das Kind wird geboren und von der 
Mutter genährt. Wie es heranwächst und seine Sinne mit der Welt 



254 Sein und Werden 



der Objekte in Berührung treten, entstehen in ihm Lust oder Unlust 
oder indifferente Empfindungen. So erhebt sich in ihm Freude und 
Ergreifen des Daseins; dieses bringt Werden hervor und dieses 
wiederum Geburt, Alter, Tod. 

Es ist klar, daß, wenn hier ein lebendig und fertig in der Welt 
stehendes Wesen als der Geburt verfallend auftritt, es sich nur um 
die nächste Geburt handeln kann, welche jenem Wesen, da es sich 
in Lust und Werden verstrickt hat, verhängt ist. Offenbar muß 
auch die Formel des Kausalnexus in eben diesem Sinne verstanden 
werden. Sie verfolgt den Prozeß der Existenz über den Durst zurück 
und zeigt, wie schon in der Empfängnis die Elemente vorhanden 
sind, welche jenen verhängnisvollen Durst erzeugen müssen. Sie 
verfolgt anderseits vorwärts die Leiden, die aus diesem Durst er- 
wachsen, die Leiden neuer Geburt, neuen Sterbens. So wird die 
Region des Geborenwerdens zweimal berührt, und das Irreführende, 
die tatsächlich vorhandene Unklarheit besteht darin, daß dies beide- 
mal mit verschiedenen Ausdrücken geschieht, welche das Spiel der 
Kausalität in dem sich immer erneuernden Prozeß der Wiedergeburt 
von verschiedenen Seiten her zur Darstellung bringen. 

Nüchtern und in allzustrenger Beschränkung auf das Einzelwesen, 
vielleicht nicht ganz unbeeinflußt von naturwissenschaftlichen Auf- 
fassungen klingt die Darstellung Grimms: Im Mutterleibe bildet 
sich während der Schwangerschaft — Vorgang der Geburt im Sinne 
des Buddha — ein körperlicher Organismus, an dem — noch im 
Mutterleibe selbst — in der Nacht tiefsten Nichtwissens, weil eben 
völliger Bewußtlosigkeit — die Sinnenprozesse, — Sankhara — an- 
heben, die dann auch während des ganzen ferneren Lebens infolge 
der Fortdauer des Nichtwissens anhalten. Diese Sinnentätigkeiten 
bilden die notwendige Voraussetzung für die Entstehung des Be- 
wußtseins. Bewußtsein aber bildet seinerseits wieder die notwendige 
Bedingung für die völlige Reifung des Organismus im Mutterleibe 
und dessen Fortbestehen nach der Geburt, sodaß also erst in Ab- 
hängigkeit vom Bewußtsein der körperliche Organismus mit den 
sechs Sinnenorganen ganz zur Reife gedeihen und weiterhin sich 
behaupten kann. Die Sinnenorgane stellen ihrerseits wiederum die 
notwendige Voraussetzung jeder Berührung und damit Empfindung 



Von Dr. Wolf gang Bohn 255 

dar. Aus der Empfindung quillt dann in der Folge unaufhörlich 
der Durst nach der Welt der Gestalten, der Töne, der Düfte usw. 
hervor, der seinerseits die conditio sine qua non für das Anhaften 
bildet. Mit diesem aber ist die unmittelbare Ursache alles Werdens 
bloßgelegt: was nur immer wird, wird auf Grund eines solchen An- 
haftens. Dieses Anhaften ist insbesondere auch die Ursache für das 
Werden eines neuen Organismus, das durch die Geburt, das heißt 
die Empfängnis und die sich daran anschließende erste Entwicklung 
im Mutterleibe eingeleitet wird. Damit ist der Kreislauf wiederum 
geschlossen nnd so abermals die Voraussetzung für die Entstehung 
von Alter und Sterben, Kummer, Jammer, Schmerz, Gram und Ver- 
zweiflung gesetzt. 

In seiner sehr gelehrten und belesenen Art sucht Grimm nach- 
zuweisen, daß die Sankharas im Grunde die Naturprozesse, Ge- 
schehnisse im weitesten Sinne bedeuten; Sinnenprozesse, ja Sinnen- 
tätigkeiten überhaupt. Diese Sinnenprozesse also sollen bereits im 
Mutterleibe anheben, „in der Nacht tiefsten Nichtwissens weil eben 
völliger Bewußtlosigkeit." Diese mehr als materialistische Deutung 
scheint mir nun allerdings völlig daneben zu greifen. Einmal be- 
dingt völlige Bewußtlosigkeit — im gröbsten psychologischen Sinne I 
— unmöglich das Nichtwissen. Nicht einmal der moderne Psycho- 
loge des 20. Jahrhunderts würde wagen, Nichtwissen und Bewußt- 
losigkeit zu identifizieren. Die beiden Begriffe haben in diesem 
konkreten Falle überhaupt nichts miteinander zu tun. Einmal ist 
der Embryo gar nicht bewußtlos, dann aber besitzt er, angezeugt 
und angeerbt, ein sehr großes Wissen, Erinnerungen, Gedächtnis- 
inhalte, die nur der Einkleidung in eine bestimmte Sprache harren. 
Die Sankharas einfach als Natur-Sinnenprozesse, also so ziemlich 
als alles in der Welt aufzufassen, entspricht sicherlich nicht bud- 
dhistischem Denken. Avijja und Sankhara sind, wie Oldenberg 
sagt, ihrer Natur nach für eine konkrete Darstellung schwer er- 
reichbar. 

Gerade diese beiden Grundlagen des Werdens liegen ganz im 
Unerklärten, im Abstrakten. Der Irrtum • — diese Übersetzung 
Beckhs macht den Satz für den deutsch -Redenden viel verständ- 
licher, — der sich auf die vier Wahrheiten, den Leidenscharakter 



256 Sein und Werden 



des Daseins samt seiner Entstehung und Aufhebung erstreckt, und 
der gesamte Rest an Begehren und Anhaften, der auf der noch 
nicht gesäuberten, noch nicht leeren Schüssel des Daseins zurück- 
geblieben ist, das kammam, die Folgen der Lebenstat, Verdienst 
und Schuld bilden die Grundlage, den Genius, der zur Wieder- 
verkörperung schreitet. 

Vielleicht ist das Wort Genius, das Neumann wählt, während 
Beckh direkt von Seelenwesen spricht, nicht sehr glücklich. Von 
allem, was man sonst unter Seele zu verstehen pflegt, muß man 
bei der Schärfe des buddhistischen Anatta-Gedankens natürlich so- 
wieso absehen. Kammam ist eine Brücke von Individuum zu Indi- 
viduum, vom gestern zu heute, die nur dann als mystisch auffällt, 
wenn man vergißt, daß ja auch in diesem Leben die Persönlich- 
keit nicht ein bestehendes sondern ein immer neuwerdendes ist, 
wie die Flamme der brennenden Kerze. 

In der Vererbungslehre spielt heute der Begriff des Zellgedächt- 
nisses, der ererbten Konstitutionen, Strebungen, Triebe eine große 
Rolle. Eben das ist es, was, nur alles stofflichen Gehaltes entkleidet, 
Sankhara besagen will. In der Psychologie, zumal in der psychoana- 
lytischen Schule wird dem Inhalt des unbewußten Seelenlebens, 
dem Unterbewußten heute eine gewaltige Bedeutung beigelegt, als 
des geheimen, lautlosen Dirigenten des ganzen Lebenskonzerts. 
Auch hier alles Stofflichen entkleidet, finden wir die Sankhara 
wieder. Beckh hat dafür den vortrefflichen Ausdruck Bildekräfte 
geschaffen, der wirklich etwas Bestimmtes und Greifbares besagt 
und von der klanglosen Allgemeinheit früherer Übersetzungen er- 
freulich absticht. 

In der Formel steht nun an Stelle des Ausdrucks Sankhara mehr- 
fach ein anderer, nämlich kammam-cetana, Wille. Daher übersetzt 
Nyanatiloka mit Willenstätigkeit. Falls Verblendung (Avijja) nicht 
restlos im sogenannten Individuum erloschen ist, ruft sie in diesem 
oder späteren Leben Wirkungen hervor. 

Der Wille ist es also, der, an den Taten hängend, als Keim eines 
neuen Daseins ausgesät wird, weiterlebt und den Daseinsprozeß 
weiterführt. Nur muß man jeden Hauch eines bewußten Wollens 
bei dieser Begriffsbildung abweisen, Wille etwa im Sinne Schopen- 



Von Dr. Wolfgang Bohn 257 

hauers nur als den in einer bestimmten Richtung eingestellten 
Drang, als Summe unbewußter Bildekräfte, auffassen. 

Wie man bei der Betrachtung eines expressionistischen Kunst- 
werkes oder eines altqn japanischen Farbenholzschnittes sich seelisch 
anders einstellen muß, als vor einem Grütznerschen oder Defreg- 
gerschen Bilde, so muß man sich bei der Lesung eines buddhisti- 
schen Suttam philosophisch anders einstellen als etwa bei Hartmann 
oder gar Nietzsche. Wenn man unseren Begriff des Seins auf bud- 
dhistische Werte anwendet, wird man den Sinn nie erfassen. Wir 
sind gewöhnt, mit einem glatten Entweder — Oder zu operieren, wo 
nach indisch - buddhistischen Begriffen noch eine dritte, ja vierte 
und fünfte Möglichkeit in Betracht kommt. Die Grundlage der 
buddhistischen Erkenntnis hält daran fest; daß alle Objekte in 
stetem Flusse, in steter Veränderung sich befinden. Unveränder- 
lich, feststehend, wesenhaft wäre nur das Unbedingte. Alle Dinge 
aber sind Objekte, durch ein Subjekt gegeben, entstehen in Ab- 
hängigkeit und durch Abhängigkeit; nicht nur ihre Erscheinung 
sondern ihr ganzes Dasein ist relativ, ein Werden. Buddha sagt 
nicht, daß die Dinge sind, — der unphilosophische naive Realis- 
mus ist im Zeitalter des Buddha überwunden, — er sagt auch 
nicht „die Dinge sind nicht" — der reine Idealismus ist zur Zeit 
des Buddha noch nicht ausgebildet sondern tritt erst im Mahayana 
auf, — er sagt auch nicht, um die Scholastik eines Suttam weiter 
auszuführen, daß sie weder sind noch nicht-sind, daß sie sowohl 
sind wie nicht-sind, er kennt nur ein Werden, nicht aus innerer 
Gesetzmäßigkeit, aus absolutem Zwange, sondern in Abhängigkeit. 
Der Anattagedanke herrscht eben hier und feiert überall sein stilles 
Königtum. „Zu zwei Ansichten, Kaccano, halten die meisten Men- 
schen, zu der Ansicht vom absoluten Sein (des Ich) oder zu der 
Ansicht der absoluten Vernichtung (des Ich im Tode). Für einen 
aber, der der Wahrheit gemäß in rechter Weisheit erkennt, wie alle 
Dinge entstehen, gibt es nicht ein solches wie den Glauben an eine 
absolute Vernichtung der Dinge. Und für einen solchen, der der 
Wahrheit gemäß in rechter Weisheit erkennt, wie alle Dinge der 
Vergänglichkeit anheimfallen, gibt es nicht ein solches wie den Glau- 
ben an ein absolutes Sein der Dinge. Zu behaupten, daß Dinge 



258 Sein und Werden 



ein absolutes Sein haben: das ist ein Extrem. Zu behaupten, daß 
Dinge der absoluten Vernichtung anheimfallen : das ist das andere 
Extrem. Diese beiden Extreme vermied ja doch der Vollendete und 
lehrte die in der Mitte liegende Wahrheit : Auf Verblendung beruht 
das (selbstbejahende) Wirken." 

Mit der Aufhebung des selbstbejahenden Wirkens (cetana) ist das 
Erscheinen des Bewußtseins ausgeschlossen. 

Beckh, der das Verständnis des Buddhismus dadurch bereichert 
hat, daß er durch seine Erklärung aus dem Yoga die leicht im 
Realismus und Materialismus moderner Naturwissenschaft sich 
verflachende Erklärungsweise abendländischer Wissenschaftlichkeit 
durch den Hinweis auf den meditativen und mystischen Charakter 
des achtfachen Pfades abzuweisen gestattet, versucht die gesamte 
Kausalitätsformel zum Einzel- und Einleben in Beziehung zu bringen. 
Die Schwierigkeit, daß nun bhavo (Sein, Werden) in die Mitte tritt 
und die Geburt ziemlich ans Ende, will er dadurch lösen, daß er 
bhavo geradezu als Empfängnis übersetzt und die vorhergehende 
Entwicklung der Kausalkette auf die Bildung eines ätherischen 
Seelenwesens (Genius, Ätherleib) bezieht. Man wird sich freilich 
diesem Auslegungsversuche gegenüber sehr skeptisch zu verhaltem 
haben. 

Dagegen hat Beckh in mancher anderen Beziehung einer höheren 
und geistigeren Auffassung auch der Kausalitätsreihe die Bahn ge- 
brochen. Im Sinne der Samkhya-Philosophie würde die Kausali- 
tätsreihe der Ausdruck des Herabsteigens eines geistigen Wesens 
in immer dichter und dichter werdende stofflich© Hüllen sein. Im 
Sinne des Buddhismus aber findet eine solche Verstofflichung des 
Geistigen überhaupt nicht statt, weil das Ende der Reihe nicht von 
dem Übergang in die Materie verbaut ist, sondern durch die Ent- 
stehung des Leidens gegeben ist. Denn real, was wir darunter ver- 
stehn, ist für den Buddha nicht der ewig gleitende, fließende be- 
dingte und bedingende Stoff, sondern das Leiden. Nicht der Ge- 
genstand, an den wir stoßen, ist real, sondern der Schmerz, den 
wir empfinden. Der Stoff, die Dinge, bestehen eben nur in unserem 
Bewußtsein — man wird lebhaft an den Idealismus Berkeleys er- 
innert. Die Auffassung des Irrtums als der Grundlage der Sankha- 



Von Dr. Wolfgang Bohn 259 

ras, des unterbewußten Complexes, ferner dieses als der Grundlage 
des Bewußtseins, sind aber nicht dem Samkhya, sondern dem Yoga 
entnommen. Die Entwicklung der Kausalitätsreihe bis zu Name — 
und Form, also bis zur Bildung der Persönlichkeit, der Wechsel- 
wirkung Subject — Objekt, spielt sich noch unter- — oder über-per- 
sönlich ab. Erst mit den Gegenseitigkeitsbeziehungen Bewußtsein, 
Name und Form, kommt die Bildung der Persönlichkeit, der 
Ich-Täuschung, zustande. 

Fasseil wir noch einmal den Sinn der ganzen Kausalitätsformel 
zusammen, so bedeutet die Formel nicht nur eine Erklärung des 
Entstehens einer menschlichen Persönlichkeit, sondern darüber hin- 
ausgehend eine Erläuterung der zweiten und dritten der heiligen 
Wahrheiten vom Leiden, je nachdem die Formel vorwärts oder 
rückwärts gelesen wird. Sie klärt zugleich über den relativen Cha- 
rakter des ganzen Lebens, der ganzen Lebensreihung, ja der ganzen 
Wandelwelt auf und wird zu einer Stütze der tiefen Lehre von der 
Wesenlosigkeit, der Auffassung des Seins lediglich als eines Wer- 
dens, des Ichs als eines Ichprocesses. Eine Metaphysik und Tran- 
szendentalphilosophie freilich will sie so wenig bieten wie etwa eine 
Ontologie und Eschatologie. Die Praxis, der Apell an den guten 
Willen, selbst den Weg zu gehen ist es, die hinter aller Theorie 
steht und der nirgends durch ein Dogma vorgegriffen werden solL 




260 Was ist Buddhismus? 

Was ist Buddhismus? 

Von Professor P. Lakshmi Narasu in Madras. Autorisierte Übersetzung von 

Dr. Ferdinand Hornung in Leipzig-KZ. 

(Fortsetzung und Schluß) 

Alle sechs orthodoxen Systeme der Hindu-Philosophie, nämlich 
Samkhya, Yoga, Nyaya, Vaiseshika, Mimamsa und Vedanta, be- 
haupten die Existenz irgendeiner Form des Absoluten, irgend einer 
dauernden Realität^), auf welcher das ganze Weltgebäude steht. 
Samkhya und Yoga behaupten, prakriti oder prathanam sei das 
dauernde Wirkliche in der äußeren Welt, während die verschiedenen 
purushas (Seelen) die unveränderlichen, ewigen Realitäten in der 
Welt des Inneren seien. Indem das Samkhyasystem auf die ur- 
sächliche Verkettung der Lebenserscheinungen und die Verneinung 
Isvaras Gewicht legt, stimmt es soweit mit dem Dharma überein; 
aber indem es das Vorhandensein eines Absoluten und eine Nicht- 
endlichkeit unabhängiger Wesen (purushas) annimmt, weicht es da- 
von ab. Der Dharma, die Lehre des Buddha, ist frei von allen 
Formen des Animismus. Ferner lehrt das Samkhyasystem das 
Stattfinden einer Entwickelung rücksichtlich der Befreiung der 
Seelen (purushas) von der dauernden Realität der äußeren Welt 
(prakriti), während der Dharma die Welt (samsaro) für ewig hält 
und dem Flusse aller Dinge kein Ziel zuteilen kann. — Das Nyaya- 
und Vaiseshikasystem behaupten, stoffliche Atome, akas, Raum 
und Zeit seien die dauerhaften Wesenheiten in der äußeren Welt, 
während die Seelen die ewigen Realitäten der inneren Welt seien. 
Vom Vedanta wird feierlich erklärt, das eine, ewige Absolute in 
der äußeren Welt sowohl, als auch in der inneren sei das alles 
durchdringende Brahman, dessen Dasein nicht durch folgernde, 
schlüssebildende Beweisführung festgestellt werden könne, sondern 
einzig und allein auf das Ansehen, auf die Glaubwürdigkeit der 
heiligen Schrift hin als Tatsache zu gelten habe. — Der Buddhist 
verneint nun zwar die Existenz aller Absoluta, aber nicht verneint 
er das Vorhandensein der inwendigen oder auswendigen Welt. Ihm 



^) sasvata. 



Von Dr. Ferdinand Hornung 261 

ist die Welt ein Aggregat von Bedingungen oder Beziehungen, 
welche selber nicht selbstexistierend, sondern wechselseitig ab- 
hängig sind. Sinn und Bedeutung irgendwelcher Art hat die Welt 
nur dann, wenn sie als Ganzes vorgestellt oder aufgefaßt wird. 
Unter der Annahme der Welt der Erscheinungen und des empi- 
rischen Ego lehrt der Buddhismus eine wohlverbundene, unbe- 
streitbare, auf Einheit ausgehende Weltanschauung. — 

In allen Klimaten und Zeitaltern sind Methoden angewendet 
worden, um mit dem, was das Transzendente, das die Grenzen 
der Erfahrung übersteigende oder das Übernatürliche genannt wird, 
in Berührung zu kommen. Diese Methoden können im Groben 
in drei Hauptklassen eingeteilt werden. Die erste Klasse umfaßt 
alle jene Fälle, in denen irgend ein übernatürliches Wesen, sei es 
Isvara, sein Bote, oder irgend ein Engel, oder Dämon vor der be- 
günstigten Person erscheint und unmittelbar durch sichtbare Zeichen 
oder deutliche Laute dasjenige offenbart, zu dessen Offenbarung 
er erwählt war. In der zweiten sind jene Fälle inbegriffen, in 
denen ein Individuum geheimnisvoll besessen und überwältigt ist 
von irgend einem übernatürlichen Agens, welches durch diesen 
Besessenen Offenbarungen macht. Der dritten Klasse Haupt- 
zug ist der Verzückungs- oder Wahnsinnszustand, in welchem die 
den Dingen der Sinne entrückte Person mit der Gottheit, oder 
anderen geistigen Wirksamkeiten, oder mit dem Absoluten in Ver- 
bindung tritt und die Wahrheiten einer den gewöhnlichen Mitteln 
der Sinneswahrnehmung und des Verständnisses unzugänglichen 
übernatürlichen, transzendenten Welt erkennt. Die ersten zwei 
Methoden erscheinen dem Kulturmenschen der Länder moderner 
Zivilisation zu roh, als daß er sie annehmen könnte. Die dritte 
Methode jedoch, die der verzückten anschaulichen Erkenntnis, 
findet immer noch bei manchen Gnade und verdient als eine solche 
ernstere Betrachtung. — In der verzückten, anschaulichen Er- 
kenntnis besteht eine Abgesondertheit des Geistes vom Körper, 
um eine unmittelbare Vereinigung mit Isvara einzugehen, oder zur 
Überwältigung der Beschränkungen der Individualität zwecks Eins- 
werdung mit dem Brahman oder dem Absoluten. Die in der Regel 
angewendete Methode ist folgende: Mittels langausgedehnter und 



262 Was ist Buddhismus? 

hochgespannter Konzentration, oft unter der Beihilfe, daß der Blick 
starr auf einen besonderen Gegenstand gerichtet wird, wird be- 
wirkt, daß sich das Denken längs einer einzigen bestimmten Linie 
bewegt, und so der Geist unter eine Bedingung versetzt ist, wo 
ein Zusammenbruch und eine Auflösung des normalen Bewußt- 
seins stattfindet, Sinne und Vernunft außer Tätigkeit gesetzt sind 
und jene Gruppe der Körpergefühle, welche die Bedürfnisse des 
täglichen Lebens versenkt halten, aufsteigen um den Brennpunkt 
des Bewußtseins einzunehmen und es hervorstechend ergötzlich oder 
schmerzlich zu machen. Auf der ersten Stufe der Verzückung 
scheint um diese Körpergefühle ein Saum von Gehör- oder Gesichts- 
elementen, die auf verschiedene Weise verbunden sind, zu wirbeln. 
Diese können auf der zweiten Stufe nachlassen und ihre Stelle 
kann dann von einer lebhaften Empfindung von irgend einer „An- 
wesenheit" eingenommen werden; oder sie können dermaßen von 
einer oder mehreren überaus starken Gehörs- oder Gesichts- 
halluzinationen, verbunden mit Abwechslungen von Furcht und 
Aufgeblasenheit, beherrscht werden, daß die ganze Gruppe durch 
sie bestimmt werden- kann. Die Beschaffenheit des Organismus 
ist in diesem Falle nicht wesentlich von dem verschieden, was er 
in Krankheitszuständen ist, wie sie durch Gifte, Unwohlsein, natür- 
liche Furcht oder heftige Gemütsanspannung verursacht werden. 
In all diesen Fällen ist die betreffende Person nicht bei Verstände, 
und die äußeren und sichtbaren Kennzeichen sind die gleichen. 
Wenn für Krankheitszustände eine natürliche Erklärung hinreichend 
ist, so muß sie es für Verzückung, Starrsucht oder yogischen 
samadhi ganz ebenso sein. 

Man hat den Anspruch erhoben, Verzückung und andere soge- 
nannte mystische Bewußtseinszustände besäßen „das Recht, für 
diejenigen Personen, denen sie zuteil werden, unbedingt maßgebend 
zu sein", und daß sie als solche nicht allein, „das Gewicht des 
vernünftigen Bewußtseins umwerfen", welches einzig auf der Ein- 
sicht mit Hilfe der Sinne beruht, sondern auch dartun, daß das 
letztere nur eine Bewußtseinsgattung ist, welche die Möglichkeit 
noch anderer Wahrheitsreihen erschließt. — Niemand wird die un- 
bedingte Autorität von Visionen, Stimmen, Verzückungsgefühlen 



WAS IST BUDDHISMUS? 

Der in dem Hefte 10—12 des II. Jahrganges dieser Zeitschrift unter obiger Ober- 
schrift erschienene Schlußteil der Abhandlung hat dem Übersetzer nicht zur Kor- 
rektur vorgelegen. Es sind daher eine Anzahl Druckfehler und andere Mängel darin 
geblieben, wovon nun wenigstens das wichtigste im Nachstehenden verbessert 

lies vop statt vor. 
V. u. lies verlangen statt erlangen. 

lies Saddharma statt Sanddharma. 

darf kein Komma hinter dem Worte Irrtümern stehen. 

lies I-tsing statt J-tsing. 

lies im statt in. 

lies war statt vor. 
V. o. setzt hinter allererst die Rede des Buddha wie folgt fort: 
Dieser Pratisena^) ließ die verborgene Tugendkraft der Worte dieser einen Gäthä 
seinen Geist durchdringen; sein Leib, sein Reden, sein Denken befanden sich unter 
vollkommener Beaufsichtigung. Denn mag ein Mann noch so viel wissen: reichen 
seine Kenntnisse nicht bis zu seiner Lebensführung hinan, um ihn von der Macht, 
die zum Verderben führt, zu befreien — was für einen Nutzen hat dann all sein 
Wissen? Eine Wahrheit begriffen haben und im vollen Verständnis derselben ihr 
entsprechend handeln: das ist Erlösung finden." 



werden soll. 






Seite 263 


Zeile 


8 V. 


u. 


„ 263 


)» 


6 V. 


u. 


„ 264 


» 


2 V. 


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„ 265 


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4 V. 


0. 


„ 266 


» 


11 V. 


u. 


„ 267 


)) 


17 V. 


0. 


„ 270 


» 


9 V. 





„ 275 


» 


5 V. 


0. 



*) Pratisena war ein alter Bhikkhu, über dessen Unwissenheit man sich lustig machte, weil er nur 
eine Gäthä wußte, der aber infolge seiner Lebensführung und durch tiefes Nachdenken über den 
Inhalt dieser Gäthä ein Arhat wurde. — Die betreffende Gäthä lautet folgendermaßen : Wer seinen 
Mund bewacht und seine Gedanken zügelt, wer nicht mit seinem Körper Böses tut, der Mann, der 
solchermaßen handelt, wird der Erlösung teilhaftig werden." 

Seite 276 Zeile 5 v. o. lies Bodhi statt Bohdi. 

„ 277 „ 3 V. o. lies immerwährende statt nimmerwährende. 

„ 277 „ 13 V. o. lies Vorbedeutung und aus statt Vorbedeutungen aus. 

„ 278 „ 6 V. o. lies Lebensunterhalt statt Lebenshalt. 

„ 278 „ 13 V. u. lies Vacchagotta statt Vanhagotta. 

„ 280 „ 6 V. u. lies und statt oder. 

„ 285 „ 14 V. o. lies Visuddhimagga statt Viruddhimagga. 

„ 286 „ 6 V. u. lies bedürfen statt zu bedürfen. 

„ 301 Anmerkung^) lies metta, f. statt metta, für. 

„ 303 Zeile 4 v. u. ist hinter steht einzufügen: Der Theismus ist logisch unmöglich 

geworden. 

In den Überschriften der rechten Seiten ist der Name des Verfassers, Professor 
P. Lakshmi Narasu, an Stelle des Namens des Übersetzers einzusetzen. 



Von Dr. Ferdinand Hornung 263 

und Willenshaltungen in Abrede stellen. Noch braucht dem Mystiker 
widersprochen zu werden, wenn er von Gehobenheitsgefühl, Frei- 
heit, Erleuchtung, Vereinigung oder von dem vermehrten sittlichen 
Mute und von Kraft redet, die aus den sogenannten höheren mysti- 
schen Zuständen entsprängen. Auf der bloß subjektiven Seite sind 
diese Erfahrungen des Mystikers unverwundbar und absolut und in 
dieser Beschaffenheit keinerlei Kritik unterworfen. Vom Gesichts- 
punkte ursächlicher Beziehungen betrachtet wird dagegen die Sache 
anders. Schreibt der Verzückte seine Erfahrungen dem Herabsteigen 
einer Gottheit in ihn, oder dem Vorhandensein einer Welt geister- 
hafter Wesen zu, dann tritt er in dasjenige, was nur auf dem 
FeldevernunftgemäßenHerausarbeitens wahrgenommen wird, hinüber. 
Er befindet sich dann nicht länger im Bereiche des sogenannten 
mystischen Bewußtseins, sondern er hat rechtswidrig das Gebiet 
des vernunftgemäßen Bewußtseins betreten und wird in Folge 
dessen der Kritik des letzteren haftbar. Außer durch Untersuchen 
des objektiven Inhalts seiner Kenntnis kann kein Mystiker erklären, 
wie er bei seiner subjektiven Gewißheit angelangt ist. Unmittelbare 
Wahrnehmung hat für Erkenntnis keinen Wert, wofern nicht ihre 
Bedingungen und ihr Zusammenhang so vollständig wie möglich 
bekannt sind. Erkenntnis wächst durch ununterbrochenes Streben, 
durch Analyse des in der Wahrnehmung unmittelbar Gegebenen 
und durch seine Verknüpfung mit dem übrigen Wissen zu neuen 
Ergebnissen zu gelangen. Ferner, der subjektive Charakter der Er- 
fahrungen aller Mystiker macht sie unausweichlich untauglich. 
Niemand, nicht einmal der Beteiligte selber, kann sich sicher 
fühlen, daß der transzendente oder übernatürliche Bestandteil 
darin nicht eine bloß subjektive Täuschung ist; noch kann der 
Mystiker vor anderen einen unbedingten und nicht wankenden 
Glauben an die anschauliche Erkenntnis seines verzückten Gefühles 
erlangen. Im besten Falle kann er nur für sich selbst sprechen. 
Einer Form der Erfahrung, welche in gleicher Weise jede Ansicht 
vom Übernatürlichen aufstellen kann, muß von Natur ein Argwohn 
anhaften. Dieser im Mangel an Verbindung und Übereinstimmung 
begründete Charakter des beanspruchten Wissens widerlegt die An- 
sprüche des Verzückten auf unmittelbare Einsicht von selbst. 



264 Was fst Buddhismus? 

Überdies findet bei allen Arten der Verzückung eine völlige Heraus- 
nahme der Person als ein bewußtes, und in weitem Umfange, als 
ein tätiges Wesen aus ihrem äußeren Beziehungsleben statt. Das 
Bewußtsein des Verzückten ist verschluckt sozusagen in eine rein 
innerliche Tätigkeitsanspannung, welche mit nichts in der normalen 
Erfahrung vergleichbar ist und daher unfähig ist, in die Erinnerung 
zurückgerufen zu werden, wenn der Betreffende in sein Beziehungs- 
leben zurückkehrt. Kein Wunder, daß er das, was sich so sehr 
weit außerhalb des Bezirkes der normalen Erfahrung zeigt, für 
jenseits des Bereiches des Gedankens und der Rede liegend hält. 
Und kein Wunder auch, daß ihm seine Verzückung als Vorge- 
schmack jener schließlichen Seligkeit erscheint, welche in der 
Aufsaugung des Selbst in das Absolute besteht! Allein, was kann 
das logische Ergebnis hiervon sein? Offen herausgesagt, das so- 
genannte Bewußtsein oder Überbewußtsein, welches zum höchsten 
Ziel aller Mystiker gehört, kann nichts weiter sein, wie völlige 
Bewußtlosigkeit. — 

Der Glaube an Geister, seien sie nun Götter oder Dämonen, 
ließ den Menschen, um ihre Gunst zu gewinnen oder ihren Zorn 
abzuwenden, Riten und Zeremonien erfinden. Die vedische Religion 
war rein ritualistisch. Wer Soma^) im Überflusse strömen läßt und 
wessen Hände stets mit Butter gefüllt sind, der ist der fromme 
Mann par excellence, und wer den Göttern gegenüber karg ist 
der ist der Verworfene. In postvedischen Zeiten wurde der Ritua- 
lismus strenger, und die Religion wurde fast zur Magie herabge- 
würdigt. Die Riten selber wurden in den Rang von Göttern ver- 
setzt. Man hielt dafür, daß rituelle Bräuche für des Menschen 
Wohlbefinden wesentlich seien; das Hersagen heiliger Texte ge- 
langte zum Ansehen einer Erlösungsbedingung, und man glaubte, 
daß eine einzige Anrufung des Namens einer Gottheit ein ganzes 
Leben voll Verbrechen und Schlechtigkeit aufhebe oder ausgleiche. 
— Die Lehren des Buddha beruhen nicht auf irgend einem Glau- 
ben an Götter, daher ist im Sanddharma für ein Ritual kein Platz. 
Riten und äußerliche Observanzen sind bloß falsche Stützen, die 



*) Der (berauschende) Opfertrank. — 



Von Dr. Ferdinand Hornung 265 

keine Befreiung vom Leiden bringen können, selbst wenn der rechte 
Geist darin vorhanden ist. Leute, die es mit der Befolgung von 
Riten und Zeremonien genau nehmen, sind nicht frei von den Irr- 
tümern, Gier, Haß und Unwissenheit. Könnte das Baden im Ganges') 
ein Verdienst erteilen, dann sollten in der Tat die Fischer^) die- 
jenigen sein, die das meiste Verdienst besäßen, garnicht zu reden 
von den Fischen und anderen Tieren, welche Tag und Nacht im 
Wasser schwimmen. Bei einer Gelegenheit erzählte ein Brahmine 
dem Buddha, baden im Flusse Bahuka wüsche einem Sünder seine 
Sünden ab und verschaffe religiöses Verdienst. Der Buddha erwi- 
derte hierauf: „Bahuka, Adhika, Gaya, Sundarika, selbst Sarayu 
oder Prayaga wie auch Bahumati können den Toren nicht von seiner 
Sünde reinigen, bade er sich auch noch so oft. Was kann der Fluß 
Sundarika, was Prayaga ausrichten? Was Bahuka? Kein Fluß kann 
den Übeltäter, den Bösewicht, den Verbrecher reinigen. Für den 
Reinen ist immer der heilige Monat Phaggu. Für den Reinen ist 
stets ein immerwährendes Fasten. Für einen Menschen, welcher 
Gutes tut, ist ein Gelübde ewig. Habe dein Bad hier, gerade hier, 
o Brahmine. Sei gütig zu allen Wesen. Wenn du nicht unwahr 
redest; wenn du Lebendes nicht tötest; wenn du nicht nimmst, 
was dir nicht gegeben wurde; furchtlos in Selbstverleugnung, was 
würdest du gewinnen, wenn du zur Gaya gingest? Jedes Wasser 
ist Gaya für dich.* Ebenso sagte der Buddha: „Wenn jemand 
tausend Opfer in jedem Monate vollbringt und fortfährt ohne Auf- 
hören zu opfern, so ist dies nicht der Aufführung jenes Mannes 
gleichzusetzen, der auch nur für einen Augenblick seinen Geist 
mit ungeteilter Aufmerksamkeit auf den Dharma heftet. Das Glück, 



*) Das Baden in Flüssen, zumal im Ganges, gilt seit den ältesten Zeiten 
in Indien als verdienstlich, als etwas, wodurch die Sünden „abgewaschen" 
werden. 

•) Für Buddhisten liegt hierin noch ein besonderer Widersinn, insofern 
nämlich, weil Fischer, ebenso wie Jäger, Schlächter, Soldaten, da alle diese 
ja Lebewesen töten, gegen die erste, die Hauptregel einer sittlichen Le- 
bensführung handeln, also das Gegenteil einer Verdienstlichkeit besitzen. 
Sie befinden sich hiermit im Gegensatz zum sammaajivo, der Rechten 
Lebensführung des Edlen Achtfachen Pfades, auf dem abwärts, d. h. ins 
Verderben führenden Pfade. — 



266 Was ist Buddhismus? 

welches daraus hervorgeht, daß man Geistern opfert, um Verdienst 
zu erlangen, oder Belohnung nach diesem Leben zu erhoffen, ist nicht 
ein Viertel von dem Verdienst jenes Mannes, welcher stets auf 
gute Lebensführung bedacht ist." In einem seiner Felsenedikte sagt 
Asoka^): „Die Leute verrichten mannigfaltige Zeremonien bei Ge- 
legenheit von Krankheit, bei Hochzeiten von Söhnen, bei den Hoch- 
zeiten von Töchtern, bei der Geburt von Kindern und dem Ab- 
schied bei Reisen. Bei diesen und ähnlichen Gelegenheiten verrichten 
die Leute Zeremonien. Aber zu solchen Zeiten verrichten die 
Frauen viele mannigfaltige, abgedroschene und unwürdige Zeremo- 
nien. Sicherlich sollen Zeremonien verrichtet werden, jene Art 
jedoch trägt wenig Frucht. Diese Art gleichwohl, das Zeremoniell 
des Dhammo, trägt reiche Frucht. In dieses sind eingeschlossen 
anständige Behandlung von Knechten und Dienstleuten, Hoch- 
schätzung der Lehrer, Güte zu allen lebenden Geschöpfen und 
Hochherzigkeit gegenüber den geistig Strebenden und Brahmanen, 
Diese Dinge und andere der gleichen Gattung werden das Zere- 
moniell des Dhammo genannt." — Amuletten, Zahlen, Wallfahrten 
oder Reliquien übernatürliche Eigenschaften zuzuschreiben ist dem 
Geiste des Buddhismus durchaus entgegengesetzt. — 

In jeder Form des Buddhismus geht der Weg zur Erlangung des 
Höchsten Gutes stets durch die Betrachtung der Vier Erhabenen 
Wahrheiten und die Verfolgung des Edlen Achtfachen Pfades. Aber, 
wie J-tsing, der chinesische Pilger, bemerkt, „ist der Sinn der 
Wahrheiten ein so tiefer, daß er jenseits der Fassungskraft des ge- 
wöhnlichen Verstandes liegt, während die Abwaschung des heiligen 
Bildnisses allen möglich ist. Obgleich der große Lehrer in das 
Nirvana eingegangen ist, so ist doch sein Bildnis noch da, und wir 
sollten es mit Eifer verehren, wie ihn in seiner wirklichen Anwe- 
senheit. Diejenigen, welche ihm beharrlich Weihrauch und Blumen 
darbringen, sind befähigt, ihre Gedanken zu läutern, und die, welche 
sein Bildnis häufig baden, sind in den Stand gesetzt, ihre Sünden, 
die sie in Finsternis einhüllen, zu überwinden." Das Bildnis des 
Buddha vereinigt in seiner Erscheinung Weisheit, Wohlwollen und 



Er regierte von 269 bis 232 v. Chr. 



Von Dr. Ferdinand Hornung 267 

Sieg — die Weisheit eines Philosophen, das Wohlwollen eines 
Erlösers und den Triumph eines Helden. In dem heiligen Bilde 
sind alle Vollkommenheiten gesammelt — vollkommene Kraft, voll- 
kommene Güte, unendliches Erbarmen, unendliche Kühnheit, un- 
endliche Weisheit. Aber in die Verehrung, die den Bildnissen oder 
den Reliquien Gautama Sakyamunis erwiesen sind, ist nichts von 
Gnade, von Vorsehung, von Vergeltung, die von einem Gotte be- 
wirkt werden, oder von Hilfe, die ein Heiland leistet, eingeschlos- 
sen. Aller Anbetungskultus ist schon den elementarsten Grundsätzen 
des Buddhismus fremd, um nicht zu sagen widerstreitend. Der Ver- 
fasser des Bodhicharyavatara sagt: „Durch die Ausführung guter 
Taten geschieht es, daß wir dem Buddha die vollkommenste An- 
betung gewähren." In einem anderen Verse erklärt derselbe Autor 
die Verehrung des Tathagata als das Ledigwerden von den Sorgen 
der Welt und das Spenden von Glück an alle Wesen. In der 
gleichen Richtung äußert sich der Verfasser des Jatakamala: 
„Verehrung besteht in Erfüllen der Absicht der verehrten Person; 
nicht in Spenden von Wohlgerüchen, Kränzen und so etwas.^ — 
Als der Kaiser' Wu von Liang den Patriarchen Bodhidharma fragte, 
wie viel Verdienst er durch Bauen vieler Klöster, Abschreiben 
zahlreicher heiliger Traktate und durch die vielen Bekehrungen 
angehäuft habe, antwortete der fromme Mann kurz: „Kein Ver- 
dienst was auch immer." Die Herzensreinheit ist es, was das Wesen 
des religiösen Lebens bildet. Nicht selten verwechseln Leute das 
buddhistische Tisaranam, oder das Zufluchtnehmen im Buddha, dem 
Dhammo und dem Sangho, mit dem, was gemeinhin Gebet genannt 
wird. Der Buddhist bittet den Buddha um nichts, den Dhammo um 
nichts, den Sangho um nichts. Lo-tsu, der buddhistische Reformer, 
sagt: „Der Ton fließenden Wassers, das Rauschen der Blätter, wenn 
der Wind hindurch spielt, das Dahinziehen der Wolken am Him- 
mel und das mannigfaltige Leben und Treiben der Geschöpfe des 
Buschwaldes bilden einen großen Gesang; sie sind eben so viele 
Lobgesänge auf die großen Wahrheiten, die durch das Leben des 
großen Lehrers verkörpert sind." — 

Der Glaube an eine Fortdauer der Seele führte die Menschen 
dazu, den Leib zu verachten und zum Zwecke der Erlösung zur 



268 Was ist Buddhismus? 

Selbstabtötung seine Zuflucht zu nehmen. Die Bücher der Hindus 
sind voll von legendenhaften Berichten von den wunderbaren Kräften, 
welche durch Selbstabtötung und strenge Buße erlangt wurden. 
Zur Entstehungszeit des Buddhismus mochte es scheinen, als hätte 
der Glaube an die Wirksamkeit der Selbstabtötung seinen Gipfel 
erreicht. Auch Gautama Siddhartha fiel in die Schlinge des Aske- 
tentreibens. Aber durch herbe Erfahrung fand er heraus, daß Selbst- 
abtötung nicht der Weg ist, auf dem man Weisheit erlangt. Gerade 
so, wie Siddhartha es in seinem Palaste als Tatsache erkannte, daß 
es nicht zur Erlösung führt, wenn man sich weltlichen Freuden 
überläßt, so fand er durch sein Asketenleben im Walde von Uru- 
vela, daß Fasten und Bußübungen die Menschen bei ihrem Suchen 
nach Befreiung vom Leiden nicht fördern, sondern daß ein gesunder 
Geist in einem gesunden Körper die unerläßliche Vorbedingung 
für die Erlangung des Friedens ist. Nur der allein, welcher die 
Nutzlosigkeit aller Kasteiungen, seien sie, welche sie wollen, er- 
kannt hat, wird die erhabenste Lauterkeit gewinnen. — „Weder 
Enthaltsamkeit von Fisch oder Fleisch, noch Nacktgehen, noch das 
Scheren des Kopfes, noch das Tragen des Haares in Flechten, 
noch das Sichkleiden in ein rauhes Gewand, noch das Sichbedecken 
mit Schmutz, noch dem Agni Opfer bringen wird einen Menschen 
reinigen, dessen Geist voll Verblendung ist. Weder das Lesen der 
Veden, noch den Göttern opfern, noch häufiges Fasten, noch das 
Liegen auf dem Erdboden, noch das Abhalten harter und strenger 
Vigilien, noch das Hersagen von Gebeten wird einen Menschen 
reinigen, der im Irrtum befangen ist. Weder das Erteilen von Ge- 
schenken an Priester, noch Selbstabtötung, noch das Verrichten 
von Bußübungen, noch die Beobachtung von Riten kann den Men- 
schen läutern, welcher seine Leidenschaft nicht überwunden hat. Nicht 
das Essen von Fleisch ist es, was Unreinheit ausmacht, sondern 
Zorn, Trunkenheit, Halsstarrigkeit, Frömmelei, Täuschung, Neid, 
Selbstlob, Herabsetzung anderer, Hochmut und böse Absichten — 
das macht unrein." Bei einer Gelegenheit fragten einmal einige 
Jünger den Buddha, ob in der Strenge jener Häretiker, welche ihre 
Bettlager auf Dornen machten und die fünf fältigen Bußformen er- 
trügen, irgendein Wert liege. Der Buddha antwortete: „Darin liegt 



Von Dr. Ferdinand Hornung 269 

kein Wert, noch irgend ein besonderes Verdienst. Wenn es geprüft 
und erprobt wird, so ist es wie ein Pfad über einen Haufen Mist.* 
Kein Wunder, daß die Buddhisten bei ihren Rivalen in dem Rufe 
standen, „Lehrer der Behaglichkeit" (satavadin) zu sein, bei denen 
der „Weg der Bequemlichkeit" in Gunst stehe. Indem der Dhammo 
beides, Sinnlichkeit und Asketismus verschmäht, dringt er auf eine 
heilsame Vereinfachung in der Lebensweise und auf ein eifriges 
Bestreben zur Erreichung intellektueller und ethischer Zwecke. 
„Für einen schwächlichen und trägen Menschen gibt es in dieser 
Religion kein hohes Amt, keine Heiligenwürde: nur diejenigen, 
welche eine eifrige Anstrengung machen, erreichen dies." „Wer 
sich nicht aufrafft, wenn es Zeit ist aufzustehen; wer, obwohl jung 
und stark, voll Trägheit ist; wessen Wollen und Denken schwäch- 
lich sind: niemals wird dieser faule und träge Mensch den Weg 
zur Erleuchtung finden." 

„Zwei Extreme gibt es," sprach der Buddha in seiner ersten 
Predigt zu Benares, „welche der, welcher nach der Erleuchtung 
strebt, vermeiden muß. Welche zwei? Ein dem Vergnügen ge- 
widmetes Leben, denn es ist entnervend, gemein, niedrig und un- 
würdig — und ein Leben, der Kasteiung dargebracht, denn es ist 
leidvoll, eitel und nutzlos. Im Vermeiden dieser beiden Extreme 
ist der Tathagata zum Mittleren Pfade gelangt, welcher zur Ein- 
sicht, zur Weisheit, zur Erkenntnis, zum Frieden, zum Nirvana 
führt. Und welches ist dieser Mittlere Pfad? Es ist dies der Edle 
Achtfache Pfad. Gerade und breit, fürwahr, ist der Edle Pfad, 
der zum Heile führt, aber keiner kann ihn zurücklegen, es sei 
denn, er ist voll ausgerüstet mit den acht Hauptsachen. Die Fackel 
der Rechten Ansicht muß seinen Weg erhellen. Rechtes Ver- 
langen muß sein Führer sein. Rechte Rede muß seinen Wohn- 
ort am Wege bilden. Rechtes Tun muß seinen aufrechten Gang 
darstellen. Rechter Lebensberuf muß seine Erquickung auf dem 
Wege sein. Rechte Anstrengung muß seine Schritte bilden, 
Rechtes Nachdenken seinen Atem und Rechte Ruhe sein 
Bett. — Die rechte Ansieht, der richtige Gesichtspunkt, was Auf- 
klärung betrifft, kann nichts weiter sein wie die allgemein an- 
erkannte Tatsache des Daseins von Kummer und Leiden, von 



270 Was ist Buddhismus? 

denen die Menschheit zu erlösen eine jede Religion anbietet. Alles 
von diesem Standpunkte aus angesehen, kann das Verlangen des 
Buddhisten nichts anderes sein, wie die Beseitigung von Kummer 
und Leiden. Es ist unrecht, zu sagen, der Buddhismus habe die 
Auslöschung allen Verlangens zu seinem Ziele. Verlangen, Wunsch 
als solcher, ist nicht nur nicht unmoralisch, sondern zur Erreichung 
höherer Ziele und Zwecke unerläßlich. Verlangen war es, was 
Gautama Siddhartha antrieb, dem weltlichen Leben zu entsagen, 
und es vor ein noch stärkeres Verlangen, was den Buddha sein 
Leben dem Dienste seiner Mitmenschen weihen ließ. Als der 
Buddha die Pflichten der buddhistischen Laienanhänger erklärte, 
riet er nicht zur Abtötung jeder beliebigen Form natürlichen Ver- 
langens, sondern er warnte Sigalo nur vor moralisch fehlerhaften 
und leichtfertigen Wünschen. Leben seiner selbst wegen ist nicht 
wert, es zu leben. Würde schon das bloße Dasein dem Menschen 
genügen, so würde er nach nichts verlangen. Leben, nur der 
Quantität nach, ohne Qualität, ist durch sich selbst verurteilt. Ein 
lebenswertes Leben ist eins, welches vom Streben nach etwas 
Hohem und Edlem erfüllt ist. Was ist denn nun dieses Streben? 
Es ist das Streben nach Vollkommenheit, nach wahrer, echter 
Menschlichkeit. 

Gibt es denn aber so eine Vollkommenheit? Und ist es denn 
möglich, sie zu erlangen? Hier geschieht es, daß der Buddhismus 
großes Gewicht auf die Pflege des Glaubens legt. Natürlich ist 
mit Glaube nicht der Glaube an etwas, was vernunftwidrig und 
albern ist, gemeint, oder der Glaube an Glaubensbekenntnisse oder 
Dogmen, oder der Entschluß, mit unbewiesenen und unverbürgten 
Angaben zufrieden zu sein, sondern die Überzeugung, daß die 
Wahrheit gefunden werden kann. Während die Vernunft den 
Menschen befähigt, das Wissen so anzuordnen und in ein System 
zu bringen, daß er die Wahrheit aufbaut, gibt ihm der Glaube den 
Entschluß, seinen Überzeugungen treu zu sein. Glaube wird Aber- 
glaube, wenn er sich von der Vernunft trennt, und schlimmer ist 
es noch, wenn er ihr in offenbarem Widerspruch trotzt, aber Ver- 
nunft ohne Glaube würde einen Menschen zu einem Triebwerk 
machen ohne Begeisterung für seine Ideale. Vernunft sucht un- 



\ 



Von Dr. Ferdinand Hornung 271 

eigennützig die rechte Ordnung dort zu verwirklichen, wo sie 
nicht vorhanden ist, aber der Glaube gibt Charakter und Willens- 
festigkeit zur Überwindung der Geistesträgheit und der Zweifel- 
sucht. Während die Vernunft sich der von ihr schon aufgefundenen 
Wahrheiten freut, verleiht der Glaube das Vertrauen und hilft ihr 
vorwärts zu weiteren Eroberungen; hilft ihr, nach der Erreichung 
des noch nicht Erreichten streben, und für die Verwirklichung des 
noch nicht Verwirklichten emsig zu arbeiten. Nur der Glaube 
wird die Menschen antreiben, im Forschen nach einem neuen 
Ideale vorwärts zu gehen. „Durch Glauben kommt einer über den 
Strom," sagte der Buddha. Um zu erkennen, zu welchem Ziele 
hin der Edle Pfad führt, muß man in ihn eintreten. Zweifellos 
kann man für dieses Eintreten nachdrücklich Gründe geltend 
machen. Aber man muß sich selbst dem Pfade anvertrauen und 
ihm weit folgen, um die Aufklärung zu gewinnen, die nur der 
Pfad allein zu liefern vermag. 

Was den Menschen von anderen Geschöpfen unterscheidet, das 
ist sein Besitz an gewissen Verstandes- und sittlichen Kräften. 
Einzig und allein nur durch die harmonische Entwickelung dieser 
Kräfte vermag jeder von uns sein Menschentum wahrhaft zu ver- 
wirklichen und sich seinen Mitmenschen nützlich zu machen. Echte 
Sittlichkeit verlangt von uns nicht bloß, daß wir uns selbst dem 
Wohle anderer weihen, sondern auch die volle Entwickelung 
unserer eigenen Kräfte zugunsten dieses Weihens. Deshalb den 
Mahnungen der Vernunft zufolge, kann der wahre Zweck des 
Menschen nichts anderes sein, als die Vervollkommnung seiner 
Kräfte und Fähigkeiten. Wenn nach dieser Vervollkommnung zu 
streben selbstisch sein sollte, dann wäre es eine solche Selbst- 
sucht, wie sie eben nicht zu entbehren ist. Eine gesunde, gute, 
fruchtreiche Selbstliebe ist übrigens die notwendige Grundlage für 
jede Tugend und deshalb auch für eine wahre, gesunde, gute und 
fruchtreiche Nächstenliebe. Das chinesische Dharmapada sagt: 
„Ihn selbst, ^ies ist die trefflichste Betrachtung, laßt ihn seine 
eigene Kraft entwickeln und Weisheit erlangen. Selber fort- 
schreitend mag er dann andere belehren. In seinen Bestrebungen 
unermüdlich, wird er dann Weisheit gewinnen- Der aufgeklärte 



272 Was ist Buddhismus? 

Mann wird zuerst sich selbst beherrschen, zu rechter Zeit wird 
er dann imstande sein, andere zu leiten. Seine eigene Aufführung 
regelnd, muß er notwendig zum höchsten Rang aufsteigen. Aber 
wenn jemand sich selbst nicht nützen kann, wie kann ein solcher 
anderen Menschen Nutzen bringen?" Ferner, ein richtiger Egois- 
mus hat die Unterdrückung der Leidenschaften nötig. Leiden- 
schaften und ihre Wirkungen sind dem Menschen schädlich in 
höchstem Grade und sind daher seinem Egoismus entgegengesetzt. 
Es ist ein höchst beachtenswertes biologisches Paradoxon, daß der 
Mensch, wenn er infolge eines falschen Egoismus seinen Leiden- 
schaften frönt, in Wirklichkeit seinem eigenen Vorteil entgegen- 
arbeitet. Es liegt denn auch in der Tat nichts Selbstisches 
darin, wenn man seinen inneren und seinen gesellschaftlichen 
Wert erhöht ohne hierbei die Rechte, die Allsprüche und den 
Wert anderer zu ignorieren oder zu verneinen. Ein jeder muß 
tatsächlich ein Endzweck in sich selbst sein; indem er dies jedoch 
ausführt, kann er gar nicht anders, als daß er dem Wohle anderer 
förderlich ist. 

Streben und Entschlüsse werden aber wenig nützen, werden sie 
nicht von Anwendungen begleitet, welche den beabsichtigten Zweck 
sicherzustellen vermögen. Die Trägheit des Karma, die Wider- 
standskraft, in welcher unsere früheren Taten aufgespeichert sind, 
kann bloß durch Streben nicht überwunden werden. Das innere 
Leben des einzelnen wird nur dann ein verstärktes werden, wenn 
es mit Nachdruck in die äußere Welt hinein als Tätigkeit wirkt. 
Um Zorn, Neid, Stolz und Vergnügungssucht zu vernichten, um 
alle verwirrenden Leidenschaften zu unterjochen und um Freiheit 
von Zerstreuung zu erlangen, dazu gehört nicht nur Festigkeit des 
Vorsatzes, sondern auch heldenhafte Anstrengung. Sittlicher Rat 
mag nützlich sein, sittliche Überzeugungen mögen jemandes Wollen 
lenken, aber die Stärke und Beharrlichkeit, womit das Wollen 
wirkt, hängt mehr von Gewohnheit ab. Gewohnheit ist eine An- 
passung. Gewohnheit ist Erinnerung. Obgleich z\^ite Natur ge- 
nannt, ist Gewohnheit tatsächlich Natur selbst. Theorie und Lehre, 
die Einprägung von Gesetzen und Vorschlägen können niemals von 
sich selbst zu einer Gewohnheit führen. Durch Tun geschieht es. 



Von Dr. Ferdinand Hornung 273 

daß wir uns ^eine Gewohnheit aneignen. Gewohnheit regelt nicht 
nur unsere geistige Haltung und Aufführung, sondern sie erzeugt 
auch eine Stetigkeit in unseren Handlungen. Deswegen ist es un- 
bedingt notwendig, durch Festlegen der gewünschten Richtung des 
Handelns sich selbst zu erziehen. Folglich muß rechtes Streben 
in rechter Rede, rechter Tat und rechter Lebensführung seine 
gegenständliche Offenbarung finden. — 

Sich der Unwahrheit, des Lügens enthalten, sich des Verleum- 
dens enthalten, sich von barscher Redeweise und von wertlosem 
Geschwätz enthalten, das wird rechte Rede genannt. Der nach 
dem edleren Leben trachtende Mensch muß sich sowohl unnützer, 
als auch boshafter Worte enthalten. Er darf nicht bei der großen 
Menge herumschwatzen. Über Speisen, Getränke, Kleider, Wohl- 
gerüche, Ruhelager, Equipagen, Frauen, Krieger, Halbgötter, Wahr- 
sagen, Verborgene Schätze, Gespenstergeschichten darf er gar nicht 
sprechen, noch über leere Berichte betreffs Dinge, die sind, und 
Dinge, die nicht sind. Im Tevijja-Suttam sagt der Buddha: „In- 
dem er törichtes Geschwätz verbannt, hält er sich fern von leerem 
Gespräch. Zur rechten Zeit spricht er; er spricht das, was ist; 
er verkündet Tatsache; er spricht gute Lehre aus; er redet zur 
richtigen Zeit dasjenige, was zum Vorteil gereicht, was wohl be- 
gründet, wohl erklärt und voll Weisheit ist. Indem er übles Nach- 
reden von sich tut, enthält er sich der Verleumdung. Was er hier 
hört, sagt er nicht anderswo wieder, um gegen die Leute hier einen 
Streit zu erregen; was er anderswo hört, sagt er nicht hier wieder, 
um gegen die dortigen Leute einen Streit zu erregen; so lebt 
er als ein Vereiniger derjenigen, welche getrennt sind, als Auf- 
munterer derer, die Freunde sind, ein Friedensstifter, ein Friedens- 
freund, von Eifer für Frieden erfüllt, ein Verkündiger von Worten, 
die dem Frieden dienen.** — Die Worte eines, der nach dem 
edleren Leben strebt, müssen gütig, aufrichtig, wahr, unzweideutig 
sein; ermutigend für andere und hilfreich zu deren Veredelung; 
frei von Eitelkeit und Bitterkeit. Was immer er spricht, er muß 
gütig und aus einem lauteren Denken sprechen. — 

Rechte Tat besteht im Vermeiden von allem, was das edlere 
Leben vereitelt, und im Tun von allem, was gut und edel ist. 



274 Was ist Buddhismus? 

Kurz, sie besteht in der Anwendung der Sittenlehre und Nächsten- 
liebe. Die Anwendung der Sittenlehre ist die Befolgung aller Sitten- 
regeln. Der Buddha lehrte zehn Sittenregeln, die sich auf die zehn 
Übertretungen beziehen, durch welche die Handlungen der Men- 
schen böse werden und durch deren Vermeidung ihre Aufführung 
gut wird. Diese zehn Übertretungen nun sind die drei Sünden des Kör- 
pers, die vier Sünden der Rede und die drei Sünden des Ver- 
standes. Die drei Sünden des Körpers sind Töten, Stehlen, Ehe- 
brechen. Die vier Sünden der Rede sind Lügen, Erzürnen, Schmähung 
und leeres Geschwätz. Die drei Sünden des Verstandes sind Hab- 
sucht, Haß und Irrtum. — Der Buddha sagt: „Wenn ein Mensch, 
mit solchen Fehlern behaftet, nicht in sich einkehrt, sondern ge- 
stattet, daß sein Herz beschwichtigt bleibt, auf diesen werden Sün- 
den stürzen, wie Wasser zum Meere. Ist so das Laster mächtiger 
geworden, dann ist es schwieriger als zuvor, es aufzugeben. Wenn 
dagegen ein schlechter Mensch, der seine Fehler merkt, sie auf- 
gibt und tugendhaft handelt, dann werden sich seine Sünden Tag 
für Tag vermindern und ausgerottet werden, bis er die volle Er- 
leuchtung erlangt." — Nur der allein übt wirklich Sittlichkeit, 
welcher von bösen Taten absteht, selbst wenn sich die besten Ge- 
legenheiten bieten, schlecht zu handeln. Im Buddhismus ist das 
sittliche Leben von grundlegender Bedeutung. Von allen Paramitas^), 
jenen Vortrefflichkeiten, welche die Mittel bilden um zur Bodhi, zur 
Erleuchtung, zu kommen, ist die Moralität die Grundlage. Im Bodhi- 
charyavatara heißt es: „Die Tugenden der Wohltätigkeit, Moralität, 
Geduld, Tatkraft, Einsicht und Versenkung'^) sind in aufsteigender 
Reihe von Wichtigkeit, so daß man die unteren den höheren gegen- 
über vernachlässigen kann; aber um der Moralität willen kann man 
sogar auf die höheren verzichten, weil Moralität die Grundlage 



^) Es werden zehn P. unterschieden: Wohltätigkeit, Moralität, Aufgeben, 
Einsicht, Tatkraft, Geduld, Wahrhaftigkeit, Standhaftigkeit, Nächstenliebe, 
Gleichmut. — 

') Versenkung, dhyana im Originaltexte, gehört nicht zu den Paramitas; 
ebensowenig ist dhyana zur Erlangung der Erleuchtung dienlich. Es ist kei- 
neswegs das gleiche wie sammasamadhi, die letzte Stufe des Edlen Acht- 
fachen Pfades. 



Von Dr. Ferdinand Hornung 275 

aller guten Taten bildet." In seinem Suhrillekha sagt Nagarjuna: 
„Moralität ist der tragende Boden alles Ausgezeichneten, wie es 
die Erde für das Bewegliche und Unbewegliche ist." Zum Könige 
Prasenajit sprach der Buddha: „Gelehrsamkeit braucht nicht viel 
zu sein, Aufführung kommt zu allererst." 

Die Befolgung der Sittenlehre soll das Ergebnis eines freiwilligen, 
bewußten Strebens nach einem vor Augen befindlichen Endzwecke 
sein und sollte nicht aus Handlungen bestehen, zu denen der In- 
stinkt angetrieben hat. Sie, muß stets eine Haltung von Aufmerk- 
samkeit in sich schließen, worin das Bewußtsein konzentriert ist. 
Daher soll sich derjenige, welcher nach Bodhi strebt, nicht in einen 
Zustand bringen, in welchem diese Achtsamkeit abwesend ist. Des- 
halb macht denn auch der Buddhismus die völlige Enthaltsamkeit 
von allem Berauschenden zur Pflicht, das heißt also, von allem, 
was einen Menschen zu vernünftiger Überlegung unfähig macht und am 
vernunftgemäßen Tun hindert. Der Buddha sagt: „In Folge von 
Trunkenheit begeht der Unwissende Sünden und veranlaßt andere 
zum Trinken. Das sollt ihr vermeiden; denn es ist die Ursache 
von Schuld, Wahnsinn und Unwissenheit, obgleich es dem Un- 
wissenden gefallen mag." „Trunkenheit ist die Ursache des Ver- 
lustes von Gut und Ehre, die Ursache von Zank und Streit, von 
Krankheiten, Unanständigkeit der Kleidung, Mißachtung der Ehr- 
barkeit und Unfähigkeit zum Lernen." Das chinesische Brahmajala 
Sutta verbietet den Verkauf von Spirituosen durch einen Buddhisten, 
oder sogar schon, daß man deren Verkauf erleichtert, weil so etwas 
einen anderen zu einer sündigen Tat veranlassen möchte. 

Während Sittlichkeit in gewisser Hinsicht passiv ist, ist Nächsten- 
liebe stets aktiv. Nächstenliebe schließt mehr in sich, als bloß das 
Sichenthalten von gewissen Übertretungen oder die bloße Befolgung 
gewisser Vorschriften. Sie schließt nicht nur eine gewisse Summe 
von Selbstaufopferung in sich, das Hingeben von etwas, was der 
Geber für sich selbst nötig hat, sondern auch das Gefühl der Freude, 
welches entsteht, wenn man Hilfsbedürftigen hilft, das Gefühl der 
Einheit mit seinesgleichen und die Bereitwilligkeit, für andere zu 
leben. Das Ziel der Nächstenliebe ist die sittliche Veredelung der 
Armen durch Sozialisierung der Reichen. Die Sozialisierung der 



276 Was ist Buddhismus? 

Hilfsquellen des Menschen soll nicht allein seine physischen Be- 
dürfnisse wirksamer befriedigen, sondern auch den Gemütszustand 
entwickeln, der seinen Stolz und seine Freude im Wirken für die 
Wohlfahrt aller findet. Der Weg der Nächstefiliebe ist der Weg 
zum Glücke und zur Emporhebung für alle, und wer nach Bohdi 
strebt, erkennt die Notwendigkeit der Beschaffung jenes Unerläß- 
lichen, welches andere befähigen würde, ebenfalls nach der Voll- 
kommenheit zu streben, die zu erlangen er sich bemüht. Seine 
Hochherzigkeit und sein Edelmut bilden nur das Mittel, womit er 
die grenzenlose Liebe verwirklicht, mit der er selber liebt. Zweifellos 
denkt er an das Fördern und Begünstigen anderer, doch ist sein 
Geist gänzlich auf die Erlangung der Erleuchtung gerichtet. Selbst 
wenn gar keiner da wäre, der Nutzen davon hätte, müsste die Ge- 
sinnung liebreich sein. Die Gemütshaltung ist es, was den Maß- 
stab der Verdienstlichkeit einer wohltätigen Handlung bildet. — 
Doch was auch die Tugend der Edelmütigkeit sein mag, sie darf 
nie unvernünftig oder übertrieben sein, sie sollte nicht zur Selbst- 
vernichtung führen. Im Bodhicharyavatara heißt es: „Diesen Körper, 
welcher zur Vollbringung von Taten der Rechtschaffenheit befähigt 
ist, sollte man nicht kleinlicher Dinge wegen leiden lassen, auch 
nicht zum Nutzen anderer. Wie könnte er sonst zur Verwirklichung 
der Hoffnungen aller Wesen dienen? Nicht sollte das Leben in 
einer unlauteren Mitleidsstimmung aufgegeben werden. Allerdings, 
wenn der Körper anderen hinfort nicht mehr nützlich zu sein ver- 
mag, dann ist es wohl so weit, in einer Stimmung reiner Uneigen- 
nützigkeit das Leben aufzugeben, da dann keine Herabwürdigung 
hiermit verknüpft ist." — Wessen Ziel eine andere Welt ist, der sieht 
dieses Leben als etwas vergleichsweise Wertloses oder Unsittliches 
an. Daher gibt es denn für so einen beim Vernichten oder Ver- 
mindern leiblichen Daseins überhaupt keinerlei Schranke. Bei einem 
Buddhisten dagegen ist dies anders. Für ihn ist die Geburt als ein 
menschliches Wesen die höchste, edelste von allen Geburten, da 
er nur in ihr allein in dem Kampfe gegen Nichtwissen, Gelüst und 
Haß Erfolg haben kann. Darum sollte denn auch die Nächstenliebe 
eines Menschen für seine geistige Laufbahn kein Hindernis bilden, 
es sei denn zum Vorteil eines, der besser befähigt ist, den Wesen 



Von Dr. Ferdinand Hornung 277 

Nutzen zu bringen, als er selber. Sein Fleisch dahjngeben ist gut, 
aber sicherlich besser ist es, geistige Nahrung auszuteilen; denn 
keine Gabe ist gleich der Gabe des Saddharma, der nimmerwäh- 
rende Glückseligkeit einbringt. 

Der logische Begleiter Rechter Tat ist Rechtes Leben, recht- 
schaffener Lebensberuf, richtige Lebensführung. Niemand, der nach 
einer höheren, edleren Form des Lebens strebt, kann ohne Be- 
schäftigung sein. Ein jeder hat gewisse Dienste auf sich zu nehmen, 
die seine Anlagen üben und ihn für seine Mitmenschen nützlich 
machen. Doch darf das Geschäft, welches man betreibt, keinerlei 
lebendem Wesen Schaden oder Gefahr bringen. Alle solche schlech- 
ten Künste, wie Träume deuten, Gutes oder Böses aus Vorbedeu- 
tungen aus den Sternen vorhersagen, Prophezeiungen nachhängen, 
in Edelsteinen Zauberkraft entdecken, sich übernatürlicher Kräfte 
rühmen, sich anmaßen, Wunder und Wunderwerke verrichten zu 
können, die Verwendung von Zaubersprüchen und Anbetteleien, 
Opfergaben für Gottheiten, Hexerei, Sophisterei, was alles Lüge 
und Trug in sich schließt, sind eines, der einer edleren Lebens- 
führung nachtrachtet, unwürdig. In ähnlicher Weise findet er seinen 
Weg zu sämtlichen Gewerben durch Mißbräuche versperrt. Unter 
den Namen Anzeigen und Konkurrenz sind Lügen und Betrug die 
bewährten Waffen von Gewerbe und Handel. Alle die einträglichen 
Berufe sind gleichmäßig ungeeignet, denn jeder hat seine eigenen 
Unredlichkeiten. Der Advokat verkauft seine Kenntnisse an den 
Meistbietenden ohne Bezug auf Recht und Billigkeit des Falles. 
Der Arzt schmeichelt reichen Kranken für ein Honorar oder feilscht 
mit den Armen um Pfennige. Ein empfindliches und wirklich ein- 
sichtiges Gewissen gilt in jedem Berufe oder Gewerbe als etwas, 
was zum Erfolg unfähig macht. Jedes Gewerbe verlangt von dem, 
der es betreibt, ein gewisses Zudrücken der Augen, eine gewisse 
Flinkheit und Willfährigkeit, ein Annehmen von Gewohnheiten, 
eine Beschlagnahmung der Gefühle des Edelmutes und des Wohl- 
wollens, eine Übereinkunft zwischen persönlicher Meinung und er- 
habener Lauterkeit. Nein, die schlechte Sitte erstreckt sich sogar 
über die ganze Einrichtung des Besitzes, bis daß die Gesetze, die 
sie festsetzen und sie schützen, nicht das Ergebnis von Liebe und 



278 Was ist Buddhismus? 

Vernunft, sondern der Selbstsucht zu sein scheinen. Ferner, der 
sittliche Wert eines Berufes hängt von dem ab, was er zur Be- 
friedigung der Bedürfnisse der Menschheit zu leisten vermag, und 
davon, was er auch für den in ihm Arbeitenden auf Grund seines 
sittlichen Einflusses bewirken kann. Wo und wann auch immer wir 
einen Lebisnshalt zu erwerben haben, da tut man es; die vielen 
durch Betrug und Rechtsverdreherei, die große Menge durch skla- 
vische Arbeit. Aber um Güte, Stärke und Hoheit des Charakters 
zu entwickeln, kann man nur ein Leben der Redlichkeit und Ein- 
facheit führen. 

Die Erlangung von Bodhi bedeutet weit mehr als einfachleben 
und edeldenken. Sie begreift in sich die vollkommene Gesundheit 
des Lebenswandels und das völlige Freisein von Gelüsten, die 
Verwirklichung der höheren Fähigkeiten durch das Aufopfern der 
niederen. Daher umfaßt sie das ungewöhnliche Opfer, welches in 
einem Leben der Entsagung enthalten ist. Nicht, daß das Gelöbnis 
der Armut oder Ehelosigkeit zur Erlangung von Bodhi, der Er- 
leuchtung, durchaus notwendig wäre: Laien, die in ihrem Heim 
leben und die Freuden genießen, welche die Sinne darbieten, kön- 
nen in ihrem Inneren den für die Erleuchtung charakteristischen 
Frieden verwirklichen. Der Brahmine Vanhagotta preist die Lehren 
des Buddha wegen ihrer allgemeinen Anwendung auf alle seine 
Anhänger ohne Unterschied der Lebensumstände. Es ist nicht das 
Sichtrennen von den Fesseln des gewöhnlichen Lebens, was die 
Entsagung ausmacht, sondern die Entwurzelung der Selbstsucht. 
Es ist nicht das Scheren des Kopfes, noch das Verziehen des 
Kinns, noch das Anlegen des gelben Gewandes, noch das Aufsich- 
nehmen von Gelübden, noch das Erbitten der Nahrungsmittel, ja 
nicht einmal die genaue Befolgung der Regeln des Vinaya^), was 
das Bhikkhutum ausmacht, sondern das Ausjäten des Herzens von 
Leidenschaft und Übermut, von Wollust und Gier ist es. Der ehr- 
würdige Sariputta^) sprach zu seinen Mitbrüdern in der Jünger- 
schaft: »Der Bhikkhu, in welchem die bösen und verderblichen 



*) Der vinayo ist die Ordensdisziplin des Bhikkhus, der buddhistischen 
,Mönche.'* — 
*) Einer der Hauptjünger des Buddha. Er stand im Rufe großer Weisheit. 



Von Dr. Ferdinand Hornung 279 

Einflüsse der Begierde nicht mehr gefunden werden, selbst wenn 
er nur ein Wanderer in Laienkleidung wäre, der in der Umgebung 
der Dörfer wohnt — ihn werden seine Mitjünger ehren und achten, 
ihm Ehrfurcht und Ehrerbietung erweisen.* „Nichtsdestoweniger, in 
Anbetracht der den Gelübden in der Tat innewohnenden Tugen- 
den, schätzen sie die nach der Erleuchtung Trachtenden hoch. Das 
Erfüllen der Gelübde schließt eine Art der Lebensführung ohne 
Böses in sich, seine Frucht ist eine selige Ruhe; es vermeidet 
Tadel ; es tut anderen keinen Schaden ; es ist frei von Gefahr ; es 
bringt anderen keine Unruhe ; sicher ist, daß es Zunahme an Güte 
mit sich bringt; es vergeht nicht; es zügelt die Befriedigung der 
Begierden und ist die Zähmung aller Leidenschaften; es ist gut 
zur Selbstaufsicht; es läßt sich auf sich selbst verlassen; es befreitvon 
jedem Daseinsdurste ; es führt zur Ausrottung des Gelüstes, der 
Bosheit und Schlaffheit; es reißt den Stolz nieder, schneidet böse 
Gedanken ab, beseitigt Zweifel, überwältigt Trägheit, wendet Un- 
zufriedenheit ab." Auch kann niemand der den Gelübden inne- 
wohnenden Vorteile würdig werden, es sei denn, er ist voll des 
Glaubens an die Verwirklichung seines Ideals, sich schämend Un- 
recht zu tun, mutvoll, frei von Heuchelei, Herr seiner selbst, nicht 
gierig, verlangend nach Lernen, erfreut schwierige Aufgaben zu 
übernehmen, nicht leicht gekränkt und wohlwollenden Herzens. 

Da das Ziel des Edlen Achtfachen Pfades nichts Geringeres ist^ 
als die Zerstörung aller Leiden und die Beseitigung alles Beun- 
ruhigenden, so kann eine Veränderung bloß im Äußerlichen des 
Lebens und der Aufführung nicht viel Wohltätiges hervorbringen, 
wenn sie nicht mit einer vollständigen, gründlichen Reinigung des 
Geistes verbunden ist. Diese subjektive Reinigung muß bewirkt 
werden durch' rechte Anstrengung, rechtes Denken und rechte Ge- 
mütsruhe. Der Zweck rechter Anstrengung ist, einen hochent- 
wickelten Willen als solchen zu pflegen, nämlich die Befähigung 
zum Beaufsichtigen, zum scharfen Beobachten. Da nichts von selbst 
ins Dasein kommt, so ist auch das Wollen nicht durch sich selbst 
bestimmt. In der Tat, der Wille könnte insoweit frei genannt wer- 
den, wie er durch sich selbst bestimmt ist. Nur wenn jemand 
durch Ursachen, die gänzlich außerhalb seiner selbst liegen, in 



280 Was ist Buddhismus? 

Schranken gehalten wird, kann man sagen, sein Wille sei nicht 
frei. Aber so lange jemandes Entschlüsse und Handlungen einzig 
und allein von dem bestimmt sind, was er weiß, denkt und fühlt, 
das heißt also von etwas, was einen Teil seines eigenen Wesens 
bildet, solange ist auch sein Wille tatsächlich frei. Doch nicht 
frei ist sein Wille in dem Sinne, daß er unabhängig vom Kausali- 
tätsgesetze wäre. Ein jeder Willensakt ist ursächlich bestimmt. 
Selbst diejenigen, welche die Willensfreiheit annehmen, glauben 
nicht, daß anderer Leute Handlungen keine Ursache hätten. Denn 
täten sie das, so würden sie nie versuchen, anderer Leute Tun zu 
beeinflussen, da solche Beeinflussung notwendigerweise in sich 
schließt, daß gewisse Ursachen gewisse Wirkungen hervorbringen. 
Jedermann handelt unter der Annahme, daß es möglich sei, mit 
irgend einem Grade von Wahrscheinlichkeit vorauszusagen, wie die 
Menschen unter besonderen Umständen handeln würden. Dieses 
Verwerfen würde jeden Verkehr zwischen Mensch und Mensch 
unmöglich machen. Wäre unser Wille frei, unabhängig vom Gesetze 
der Ursächlichkeit, so würde es nicht möglich sein, des Menschen 
Charakter durch Erziehung zu verändern. Aber die Erfahrung 
lehrt, daß jemands Charaker nach gewissen Entwürfen des Be- 
strebens veränderbar ist. Gerade weil eines Menschen Wille An- 
trieben gehorcht und von Ursachen abhängig ist, kann er durch 
Ändern der Umschließung seiner Wirksamkeiten und durch be- 
dachtes Einstellen seiner Antriebe veranlaßt werden, sich selbst 
umzugestalten. Der Buddha sagte : „Drei Ansichten Andersgläubiger 
gibt es, welche, wenn von den Kundigen befolgt, darauf berechnet 
sind, diese bei moralischer Unverantwortlichkeit ankommen zu 
lassen trotz der Vollkommenheit, die sie schon erreicht haben 
mögen. Einige behaupten, daß alles, was auch immer ein Mensch 
an Freude oder Schmerz oder an nichts von beiden in diesem 
Leben besitzt, das sei ganz oder gar Vorausbestimmung, andere 
sagen, Gottes Wille sei schuld daran; andere wieder führen es 
auf blinden Zufall zurück. — Nun, finde ich Leute, die solche 
Ansichten haben oder verkünden, so frage ich sie, ob sie wirklich 
daran glauben. Antworten sie mit ja, so sage ich zu ihnen: „„Nun 
also, dann müßt ihr anerkennen, daß Menschen durch Vorausbe- 



Von Dr. Ferdinand Hornung 281 

Stimmung, oder nach dem Willen Gottes, oder aus Zufall Mörder, 
Diebe, Ehebrecher, Lügner, Lästerer, Verläumder, leichtredig, arg- 
wöhnisch, übelwollend, ketzerisch werden. Folglich sind alle Ver- 
suche zur moralischen Vervollkommnung oder jede Unterscheidung 
zwischen Recht und Unrecht nutzlos; und so wird denn auch, 
wenn solches der Fall ist, die sittliche Wiedergeburt des Gefallenen 
unmöglich."" 

Rechte Anstrengung besteht im Ausüben dessen, was man im 
Pali die sammappa dhana nennt, das heißt also, sie besteht im 
heldenhaften Bemeistern der Leidenschaften, um auf diese Art 
schlechte Eigenschaften am Entstehen zu hindern; im Unterdrücken 
sündiger Gedanken, um auf diese Art entstandene schlechte Eigen- 
schaften wegzutun; im Hervorbringen von Güte, die vorher nicht 
vorhanden war; und im Vermehren schon vorhandener Güte durch 
fest darauf gerichtete Aufmerksamkeit und durch ihre Anwendung. 
Der Buddha empfiehlt dem von irgend einer häufig erscheinenden 
Vorstellung unerwünschten Charakters besessenen Neuling der 
Reihe nach fünf Methoden zu ihrer Austreibung zu probieren: 
1. Merke auf irgend eine gute Vorstellung; 2. Sieh der Gefahr 
der Folgen ins Gesicht, wenn man die schlechte Vorstellung sich 
zur Tat entwickeln ließe; 3. werde der schlechten Vorstellung 
gegenüber unaufmerksam; 4. zergliedere das, was ihr voraufge- 
gangen ist, und lähme so den unmittelbar folgenden Antrieb; 
5. zwinge den Geist mit Hilfe körperlicher Gespanntheit. — Diese 
geistigen Übungen sollten nicht mit irgendwelchen, Kasteiung oder 
Selbstabtötung in sich schließenden Asketenpraktiken vermengt 
oder verwechselt werden. Die Verfahrungsweise des bloßen Aske- 
tismus wurde vom Buddha ausdrücklich, klar und wohlbedacht ver- 
worfen. Im Indriyabhavana-Sutta fragt der Buddha den Schüler 
eines Brahminenasketen, wie sein Meister die Ausbildung der 
Sinnesfähigkeiten lehre. Die Antwort ist, daß er mit dem Auge 
keinen Gegenstand sähe und mit dem Ohre keinen Ton höre. 
„Nach diesem Lehrgebäude," erwiderte der Buddha, „würden also 
die Blinden und Tauben diejenigen sein, die ihre Sinne am besten 
ausgebildet haben." Da der Jüngling nicht imstande war, hierauf 
zu antworten, erklärte nun der Buddha die genaue Wesensbeschaf- 



282 Was ist Buddhismus? 

fenheit der erhabensten Sinnesausbildung des Edlen Achtfachen 
Pfades. In dieser edlen Lehre wird der neu Eingetretene unterwiesen, 
jiedes Sinnesbewußtsein zu unterscheiden, ob es angenehm oder 
schmerzlich ist, und es psychologisch als eine Art der Empfindung 
einzuschätzen, als etwas, was veränderlich ist, und es dann ethisch 
zu betrachten, als untergeordnet der Gleichmütigkeit, welche jene 
Geisteshaltung ist, die er sich anzueignen oder zu bewahren sucht. 
Auf diese Art und Weise wird die Haltung des Geistes den Sin- 
neseindrücken gegenüber erkennend und zergliedernd rücksichtlich 
ihrer selbst als solchen. Und dann schreibt der Verstand durch 
seine ordnende Kraft vor, wie und wieviel in Wirklichkeit genuß- 
reich gefunden werden soll. 

Ein in der rechten Richtung geübter Wille schließt notwendig 
eine Vorbereitung des Herzens durch die Anstrengungen (bhavana) 
rechten Begehrens in sich. Ein Wunsch, welcher erreichbar ist, ist 
eine Tat des begonnenen Wollens, und wenn er verstärkt ist, so 
macht er die Willenshandlung vollständig. Durch die asubhabha- 
vana^j erzeugt man in sich einen Widerwillen allem Verdorbenen 
gegenüber, indem man über seine üblen Folgen nachdenkt. Das gibt 
die erforderliche Kraft und den Mut, die anderen bhavana in Aus- 
übung zu bringen. In der mettabhavana*) stellt man sein Herz so 
ein, daß man die Wohlfahrt und das Wohlergehen aller Wesen, 
einschließlich der Glückseligkeit selbst seiner Feinde, ersehnt. 
Metta ist nichts Geringeres, als allumfassende Liebe. Niemand 
kann sie hegen und pflegen, dessen Herz nicht vollständig von aller 
Sinnlichkeit und jedem Übelwollen gereinigt wurde. „Sämtliche 
Mittel zur Erwerbung religiösen Verdienstes besitzen nicht den 
Wert von Sechzehnteln des Wertes von metta, der Läuterung des 
Herzens", heißt es im Itivuttakam. Die Macht von metta ist über 
die Maßen groß. Sie allein kann alle Wohltaten zuerteilen, die 
irgend möglich sind. Kein Lebensgut gibt es, welches nicht ein 



^) Die Meditation über die Unreinheit. 

») Die Meditation des Wohlwollens, der „Nächsten** -liebe, die sich freilich 
„fern" genug hinauszudehnen hat, um mindestens sämtliche Lebewesen, 
nicht bloß die Menschen, zu umfassen. 



Von Dr. Ferdinand Hornung 283 

von metta geworfener Schatten wäre. In der Karuna bhavana') denkt 
man an alle Wesen, die in Not, Angst und Elend sind, indem man 
sich in seiner Phantasie deren Leiden und Sorgen so lebhaft vor- 
stellt, daß man in seinem Herzen ein tiefes Mitleid und Erbarmen 
für sie aufsteigen macht. In der mudita bhavana'') wünscht man 
das Gedeihen anderer und freut sich über deren Wohlergehen und 
Freude. Selbst unter den schwierigsten Umständen, mögen einen 
selbst die größten Unfälle treffen, sollte man niemals mudita, die 
Mi|freude, aufgeben, denn sie ist die einzige, starke Quelle bestän- 
digen Trostes. Blüht mudita, so offenbart es sich als eine Be- 
geisterung, für die Menschheit zu dulden. In der upekkha bhavana^) 
erfährt der nach der Erleuchtung Strebende, frei von Stolz und 
Selbstsucht, daß die Welt nicht für den Menschen gemacht ist, 
erhebt sich über alle Vorstellungen von Gewalt und Unterdrückung, 
Wohlstand und Mangel, gutem Ruf und Verachtung, Jugend und 
Alter, Schönheit und Häßlichkeit, Krankheit und Gesundheit, und 
betrachtet, kosmisch empfindend,^) mit unparteiischer Ruhe und 
Gleichmütigkeit, was immer ihm zustoßen mag. Durch Entsagungs- 
bestrebungen von dieser Art kommt es zustande, daß der Mensch 
die Fähigkeit, sich in Übereinstimmung mit den Gesetzen des Guten 
selber zu entscheiden, erwerben kann, statt bloß das Opfer äußerer 
Umstände zu sein. So allein wird er imstande sein, alle seine üblen 
Anlagen und Verwirrungen zu vernichten ; jede Vorstellung von Ab- 
gesondertheit und Verschiedenheit loszuwerden; sein Gemüt mit 
Gedanken allumfassenden Erbarmens, der Freundlichkeit und des 
Wohlwollens zu erfü len und die erhabene Freiheit zu erlangen, 
das Charakteristikum der Bodhi, der Erleuchtung. In dieser Atmo- 
sphäre wahrer Freiheit wird er mit unermüdlichem Eifer, ohne 
den mindesten Gedanken an Schlaffheit zum Wohle aller Wesen 



^) Die Meditation über das Mitleid. 
*) Die Meditation der Mitfreude. 

3) Die Meditation der Gleichmütigkeit, des Seelenfriedens. 

4) Mit einigen naturwissenschaftlichen Kenntnissen kann man sich dieses 
Empfinden leicht dadurch zu eigen machen, daß man sich übt, sich und 
das Menschentreiben ringsum an geologischen Zeit- und astronomischen 
Raummaßen zu messen. 



284 Was ist Buddhismus? 

wirken, denn wer nach Bodhi strebt, kann sein Streben nur da- 
durch verwirklichen, daß er nach der Glückseligkeit aller Wesen 
trachtet. — 

Durch rechte Anstrengung wird der Wille eingeübt und beauf- 
sichtigt. Da aber kein abgesondertes Empfinden, Wollen oder Denken, 
eins vom anderen unabhängig, zu bestehen vermag, so muß rechte 
Anstrengung mit rechtem Gedenken verbunden werden. Der Geist 
muß also in der rechten Richtung geleitet werden. Denn der Geist 
ist es, was Schrecken und Sorgen verursacht, was gutes und 
schlechtes Karma entwickelt. Eine Tat ist wesentlich Wirksamkeit, 
die moralisch bestimmt zu werden vermag. Sie besteht: 1. aus 
Wollen, geistiger Handlung, und 2. aus dem, was vom Wollen ge- 
boren ist, was durch Wollen getan wird, was eine Person tut, nach- 
dem sie gewollt hat, das ist aus körperlicher oder stimmlicher 
Handlung.^) Geistige Handlungen sind Handlungen vorzugsweise; 
das umsomehr, als es keine Handlung gibt ohne geistige Tätigkeit. 
Wir sind, was wir denken; wir sind, was wir wollen. Wie der 
Buddha gesagt hat: „Alle Büßungen und strengen Übungen werden 
ohne Nutzen sein, wenn sie auch eine außerordentlich lange Zeit 
hindurch verrichtet werden, ist der Geist nicht auf den rechten 
Gegenstand gerichtet. Vom Geiste hängt die Ausübung des Sad- 
dharma ab und von der Ausübung des Saddharma hängt die Erlang- 
ung der Bodhi ab. „Der Geist ist der Ursprung von allem, was ist; der 
Geist ist der Gebieter; der Geist ist die Ursache. Sind da im Geiste 
üble Gedanken, dann sind die Worte übel, sind die Taten übel, und das 
Leiden, welches aus der Sünde entsteht, folgt solchem Menschen wie 
das Rad des Wagens dem folgt, der ihn zieht. Der Geist ist der Ur- 
sprung von allem, was ist; der Geist ist es, was befehligt; der Geist 
ist es, was ersinnt. Sind da im Geiste gute Gedanken, dann sind 
die Worte gut, sind die Taten gut, und die Glückseligkeit, welche 
aus solcher Aufführung entsteht, folgt solchem Menschen, wie der 
Schatten den Stoff begleitet. Der Geist ist es, der seine eigene 
Wohnung baut; der Geist, der über übele Wege nachsinnt, bewirbt 



^) In physikalischer Ausdrucksweise: aus mechanischer oder akustischer 
Betätigung. 



Von Dr. Ferdinand Hornung 285 

sich um sein eigenes Elend. Der Geist ist es, der seinen eigenen 
Kummer hervorbringt. Nicht ein Vater, nicht eine Mutter kann so 
viel tun; wenn nur die Gedanken auf dasjenige, was recht ist, hin- 
gelenkt werden, dann muß notwendigerweise Glückseligkeit daraus 
hervorgehen. Der Weise, welcher seine sechs Begierden in 
Schranken hält und seine Gedanken bewacht, wird in seinem 
Kampfe mit dem Bösen sicherlich siegen und sich von allem Elend 
befreien." — Nur wer rechten Denkens fähig ist, wird seiner 
Sünde ansehen, daß sie Sünde ist, und sie verbessern, wie es 
paßlich ist, und sich in Zukunft davon zurückhalten. 

Im Buddhismus sind Sittlichkeit und Verstandsaufklärung von- 
einander nicht trennbar. Während Sittlichkeit die Grundlage der 
edleren Lebensführung bildet, ist Weisheit dasjenige, was sie voll- 
endet. „Weisheit," sagt Buddhaghosa in seinem Viruddhimagga, 
„ist mannigfaltig und verschiedenartig, und eine Antwort, -welche 
den Versuch machte, erschöpfend zu sein, würde sowohl ihren 
Zweck verfehlen, als auch zu noch größerer Verwirrung beitragen. 
Daher werden wir uns auf die hier gemeinte Bedeutung be- 
schränken: Wei-sheit ist Kenntnis, die aus Einsicht besteht und 
, mit verdienstlichen Gedanken verbunden ist. Mit „Kenntnis* ist 
gemeint ein zureichendes Verständnis des Gesetzes von Ursache 
und Wirkung; der wirklichen Natur des Leibes und des Geistes; 
von Freude und Schmerz, und der wahren Beziehungen aller Dinge 
im Weltall, „Einsicht" bedeutet das Vermögen, die zentralen Wirk- 
lichkeiten von allem, was dem Menschen am wertvollsten ist, zu 
ergreifen. Kenntnis häuft Unterweisungsartikel an; Einsicht aber 
ermöglicht das Erkennen unserer Naturgemeinschaft mit allem, 
was auswendig und jenseits unserer selbst ist, und ermöglicht daher 
ein reicheres, weiteres und besseres Leben zu führen. Genau so, 
wie es die Erkenntnis der Interessengemeinschaft der Menschen 
untereinander ist, auf was die Sittlichkeit gegründet ist, ebenso 
geschieht es aus der Erkenntnis unserer Naturgemeinschaft mit 
allem, was existiert, heraus, daß unsere Weisheit wächst." 

') Dieselben sind auf die Ergötzung der sechs Sinne gerichtet; nämlich 
F der fünf Sinne nach der abendländischen Aufzählung, mit dem Denken 
welches die Inder als sechsten hinzuzählen. 



286 Was ist Buddhismus? 

Einer der wenigen Punkte, in welchen alle Philosophen der 
Gegenwart einig sind, ist der, daß alles, was man erfährt, einem 
nur als ein Inhalt seines Bewußtseins dargeboten ist. Alles, was 
wir kennen, besteht aus einem Flusse von Empfindungen, Vorstel- 
lungen, Aufregungen, Willensäußerungen usw., die unter einander 
auf verschiedene Art und Weise verbunden sind. Heraus aus diesem 
fließenden, verwickelten Gefüge erhebt sich nun dasjenige ins Her- 
vorragen, was verhältnismäßig mehr fest und beständiger ist, prägt 
sich in das Gedächtnis ein und findet Ausdruck in der Sprache. 
Gewisse von diesen verhältnismäßig beständigeren Verbindungen 
nennt man Körper und hat ihnen besondere Namen gegeben. Unter 
den vielen vergleichsweise beständigen Verbindungen finden wir eine 
Verbindung von Erinnerungen, Wollungen, Erregungen, Vorstellungen, 
angegliedert einem einzelnen Körper, welcher nun das Ego oder das 
»Ich** heißt. Der gewöhnliche Mensch glaubt an das Vorhandensein, 
auf der einen Seite, von wirklichen Dingen außerhalb der Bewußt- 
sein erzeugenden Sinneseindrücke, und, auf der anderen Seite, eines 
innen befindlichen „Ich**, welches diese Sinneseindrücke hat. Das 
„Ding** und das „Ich** sind beide Gefolgertes und sind nicht ur- 
sprünglich gegeben. Insoweit, wie sie aus dem Gedächtnis ent- 
wickelt Bilder vieler verschiedener Sinneseindrücke sind, dürften 
sie als zusammengesetzte Vorstellungen angesprochen werden kön- 
nen, und als solche sind sie sicherlich wirklich. Aber als Substrate, 
ersteres außerhalb von Bewußtsein, letzteres als das Bewußtseins- 
mittel oder der Bewußtseinsträger, haben sie kein Dasein. — Das 
Unterscheiden zwischen Körper und Eigenschaften ist eine Sache 
der Bequemlichkeit für das praktische Leben, aber es entspricht 
keiner Wahrnehmung, keiner Beobachtung. Ein Körper ist nur ein 
Ganzes, eine Gruppe von Eigenschaften. Wenn die Eigenschaften 
unfähig erscheinen, für sich selbst existieren zu können und einer 
Unterlage zu ihrer Erhaltung zu bedürfen, so ist das eine Schwie- 
rigkeit, die aus dem gewöhnlichen Sprachgebrauche entspringt. Im 
Verlaufe seiner Entwicklung hat sich der Mensch eine rohe me- 
chanische Darstellung der Verwandtschaft zwischen den verschie- 
denen Eindrücken, welche miteinander einen Körper ausmachen, 
verfertigt. Gewisse Empfindungen oder Eindrücke, welche mit einem 



Von Dr. Ferdinand Hornung 287 

Körper fester verknüpft zu sein scheinen, sind der Träger anderer, 
weniger fest mit ihm verknüpfter Empfindungen geworden. Die 
Vorstellung, welche wir von der Beständigkeit eines Körpers und 
von der Fortdauer seiner Identität besitzen, ungeachtet gewisser 
oberflächlicher Veränderungen, erklärt unseren Glauben an eine 
Substanz, an eine körperliche Masse, das heißt also, an ein unver- 
änderliches Substrat. Aber man kommt zu dem selbigen Ergebnisse 
auch ohne diese nutzlose Annahme. Die Identität eines Körpers 
besteht in der Einerleiheit, in der „Dasselbigkeit" seiner Eigen- 
schaften, die in dem Namen, den er führt, eingeschlossen sind. 
Wenn die Mehrzahl seiner Eigenschaften und besonders derjenigen 
Eigenschaften, welche für uns die wichtigsten sind, ohne irgend 
eine Veränderung Bestand haben, oder wenn die Veränderung, ob- 
gleich sehr groß], in kleinen Abstufungen derselben unmerklich 
gemacht ist, dann wird der Rückstand, das Übriggebliebene für 
noch das Selbige gehalten. — Wir haben nicht nötig, ein unzer- 
störbares Substrat zu setzen. 

Wenn alles, was wir erfahren, ausschließlich aus Vorgängen, die 
sich in unserem Bewußtsein ereignen, besteht, gibt es denn da 
keinen wesentlichen Unterschied zwischen draußen und inwendig? 
Als Bewußtseinsinhalt ist zwischen ihnen keine wesentliche Ver- 
schiedenheit. Im Sutta Nipato heißt es: „Für den, welcher die 
Wahrheit begriffen hat, gibt es weder auswendig noch inwendig." 
Die Unterscheidung zwischen Innerem und Äußerem, zwischen dem 
„Ich" und „der Außenwelt", hat ihren Ursprung in der Zweck- 
dienlichkeit. Der praktische Unterschied zwischen innerer Erfah- 
rung und äußerer Erfahrung wird klar erkannt werden durch Er- 
wägung des folgenden Beispieles. Man setze den Fall, wir nehmen 
eine Nadel. Gewisse auf Farbe und Form sich beziehende Sinnes- 
eindrücke mit Bildern von Sinneseindrücken der Vergangenheit 
vereinigt machen für uns die Wirklichkeit der Nadel aus. Aber 
wenn der Finger von der Nadel gestochen ist und ein unange- 
nehmer Sinneseindruck erzeugt wurde, nimmt man an, der Schmerz 
sei im Innern. Gleichwohl sind die Farbe und die Form der Nadel 
gerade so weit Bewußtseinsinhalt, wie der durch den Stich hervor- 
gerufene Schmerz. Was ist an diesem Unterschied schuld? Die 



288 Was ist Buddhismus? 

Erfahrung von Freude und Schmerz verursacht das Entstehen eines 
Haftens,') und dieses führt zu der Bildung der Vorstellung eines 
Bewußtseinszentrums, eines „Ich", auf dessen Freude alle Erfahr- 
ung hingelenkt ist. So entsteht der Unterschied zwischen dem einen 
Teil des Bewußtseinsinhalts als dem Genießer der Freude, und dem 
Rest als etwas, was sich außerhalb seiner selbst befindet und 
seinem Vergnügen dient. Wenn das Ego oder Ich, fortdauernd, be- 
ständig zu sein scheint, so geschieht dies, weil die Veränderungen, 
welche sich in den das „Ich" zusammensetzenden Elementen') er- 
eignen, vergleichsweise langsam sind. Die Tatsache, daß es ein 
Identitätsbewußtsein gibt, beweist allein noch nicht das Dasein 
eines „Selbst" 3)^ welches der Zeuge oder der Besitzer der Emp- 
findungen, Vorstellungen usw. ist. Wenn jemand sagt, er habe die 
Empfindung „heiß", so bedeutet das nur, daß das Erfahrungsele- 
ment, genannt heiß, in einer gegebenen Gruppe anderer Elemente, 
wie Empfindungen, Erinnerungen, Vorstellungen usw., vorkommt. 
Hört er auf, irgendeine Empfindung zu haben, das heißt also, wenn 
er stirbt, dann sind die Gruppen (skandhas) gelöst, und die Ele- 
mente kommen nicht länger in ihrer regelmäßigen, gewohnten 
Gruppierung oder Verbindung vor. Was tatsächlich zu existieren 
aufgehört hat, das ist eine für wirtschaftliche und praktische Zwecke 
aufgestellte Einheit, aber keine transzendente Einheit. Das Ego, 
das Ich, ist keine geheimnisvolle, unveränderliche Einheit. Jeder 
Mensch weiß, welche Veränderungen sein Ich erleidet. Kennen wir 
aber die Veränderlichkeit des Ich, so wird jeder von uns bestrebt 
sein, die Eigenschaften desselben zu verändern und es zu ver- 
bessern. 

Wenn nun die Welt aus den selbigen Elementen wie jemands 
Ego besteht und wenn jedes Element in der Welt ein Bestandteil 
dieses Ego zu werden vermag, warum sollte dann dieses Ego nicht 
so erweitert werden, daß es schließlich die ganze Welt umfaßt? 



^) Oder Anhangens (upadanam), an vergänglichen Dingen, einschließlich 
der eigenen körperlichen und geistigen Persönlichkeit. 
*) Khandha (sanskrit: skandha). 
3) Sanskrit: atman, Pali: atta, das Selbst, das Ich. 



Von Dr. Ferdinand Hornung 289 

Weil die Elemente, welche ein Einzelwesen ausmachen, fester und 
enger untereinander verknüpft sind, als mit denen, welche andere 
Einzelwesen bilden, bildet man sich ein, eine unauflösliche, von 
anderen unabhängige Einheit zu sein. — Diese Getrenntheit ist 
dem überwältigenden Vorwiegen der Sinneserfahrung, ungebühr- 
licher Aufmerksamkeit auf persönliche natürliche Mängel, auf na- 
türliche Empfindungen und den von ihnen kommenden zentri- 
petalen Reflexen schuld zu geben. Jeder Mensch erscheint sich im 
Räume existierend, weil er alle Entfernungen und Richtungen von 
seinem eigenen Körper aus mißt, und auf diesen Körper wird auch 
das subjektive Bewußtsein bezogen, von welchem alle seine Wünsche 
herkommen. Selbst-Ortswahl ') ist der objektive Boden der Täusch- 
ung von der Besonderheit eines Individuums und daher auch all 
jenes gegenseitigen Wettstreites, welcher die sichtbarste Leidens- 
quelle ist. — Aber das Leben des Einzelwesens hat für sich, aus 
dem Gesamtleben herausgenommen, keine Bedeutung. Kein mensch- 
liches Wesen vermag sich von anderen menschlichen Wesen voll- 
ständig zu sondern. Menschliche Wesen bilden konstituierende Ein- 
heiten der Gesellschaft, nicht nur wegen wechselseitiger Abhängig- 
keit ihrer verschiedenen äußerlichen Tätigkeiten, sondern wegen 
ihrer geistigen wechselseitigen Abhängigkeit. In der Tat ist es aus- 
schließlich durch psychische wechselseitige Abhängigkeit gekommen, 
daß Menschendasein als solches möglich gewesen ist. Es ist eine 
Folge des wechselseitigen Abhängens ihres Geistigen, eines vom 
anderen, daß die Menschen zivilisierte, gesellschaftliche und ge- 
sittete Wesen sind. Einzig in der Gesellschaft und durch die- 
selbe macht sich das Einzelwesen zum Erben des Schatzes von 
Geschicklichkeit, Wissenschaft und Kenntnis, ohne welchen das 
Leben des Einzelnen nur ein sehr unausgebildetes, im Anfange der 
Entwickelung stehen gebliebenes sein würde. Die wirklich höchsten 
Bestrebungen des menschlichen Verstandes sind im Grunde soziale. 
Dasjenige, was in jedem einzelnen von uns wahrhaft menschlich 



^) Die Betrachtung des Daseinsraumes der eigenen Persönlichkeit oder 
dieser selbst, als Angelpunkt der übrigen Welt: die egozentrische Welt- 
anschauung unreifer Menschen. 



290 Was ist Buddhismus? 

ist, das Wahre, das Schöne, das Gute, hat etwas Allumfassendes 
an sich und ist nur durch Geistesgemeinschaft hervorgebracht und 
verwirklicht. Das Bewußtsein hinweg von der Besonderheit der 
Person ausbreiten bedeutet geistiges Wachstum, wo hingegen ein 
Sichzusammenziehen auf sie hin geistige Verschlechterung ist. 
Jeder Mensch führt innerhalb seiner selbst seines eigenen Welt- 
alls Begrenzungen und vermag es groß oder klein zu machen. Ist 
das Maß eines Ego, eines persönlichen Inneren, genügend weit- 
räumig, so durchbricht es gewöhnlich die Fesseln der individuellen 
Besonderheit, wurzelt sich in anderen, ein und führt ein überper- 
sönliches Leben fort. Das Überwinden der Beschränkungen abge- 
sonderten persönlichen Daseins ist es, was zur höchsten Glück- 
seligkeit des Künstlers, des Entdeckers, des Gesellschaftsrefor- 
mators und aller anderen, die an der Wohlfahrt der Menge mitwirken 
und in der Gesamtheit leben, mitwirkt. Des Individuums Besonder- 
heit verschwindet, sobald man durch irgend einen Beruf in Anspruch 
genommen wird, welcher unsere ganze Aufmerksamkeit vollkommen 
beschäftigt. Antriebe von hinreichender Stärke uns unserer selbst 
vergessen zu machen, rufen unsere Tatkraft zum äußersten heraus. 
Die glücklichsten Augenblicke unseres Lebens werden stets von 
einem bemerkenswerten Verschwinden der Individualität begleitet. 
All dieses beweist doch klar, daß der Zustand als Einzelwesen 
Beschränkung in sich begreift und mit Mißbehagen und Nieder- 
geschlagenheit verbunden ist. Im Malunkyaputta-Sutta sagt der 
Buddha: »Wessen Herz fest auf die Aufhebung der Sonderpersön- 
lichkeit eingestellt ist, der fühlt sich heiter, glücklich und zum 
Stolz angeregt, wie der gewaltig starke Mann, welcher unbeschädigt 
über den angeschwollenen Ganges von einem Ufer hinüber zum an- 
deren geschwommen ist." 

Zwar sind Wissen und Einsicht von höchstem Werte, um zu 
diesem Zustande geistiger Gehobenheit zu führen, seine dauernde 
Erhaltung jedoch wird durch das Verfahren des Dhyana ') bewirkt. 
Als bei einer bestimmten Gelegenheit Ananda, überrascht von dem 
schönen Ausdruck und Benehmen des Sariputta, diesen fragte, wo- 



») dhyana, Pali: jhanam. das Sichversenken, Sichvertiefen. 



Von Dr. Ferdinand Hornung 291 

mit er an jenem Tage beschäftigt gewesen sei, antwortete dieser: 
„Ich bin für mich geblieben, mein Bruder, habe Dhyana ausgeübt 
und da ist mir niemals der Gedanke aufgestiegen: Ich bin es, wel- 
cher erreicht, oder: ich bin es, der sich erhebt." Das Chandra- 
dipa-Samadhi Sutta zählt die Vorteile des Sichversenkens im dhyana 
wie folgt auf: „Wenn ein Mann gemäß der Anweisung dhyana übt, 
dann werden alle seine Empfindungen ruhig und heiter, und ohne 
es seinerseits zu wissen, fängt er an, sich des Zustandes zu freuen. 
Liebreiche Freundlichkeit nimmt Besitz von seinem Gemüte, und 
indem dieses sich dann von Sündhaftigkeit freimacht, schaut es auf 
alle empfindenden Wesen wie auf Brüder und Schwestern. Ver- 
derbliche und quälende Leidenschaften von der Art wie Zorn, Ver- 
blendung, Geiz etc. ziehen sich allmählich aus dem Felde des Be- 
wußtseins zurück. Indem es alle Sinne genau bewacht, beschützt 
sie das Dhyana vor dem Eindringen des Bösen. Reinen Herzens 
und heiterer Stimmung empfindet der, welcher Dhyana übt, kein 
unrechtes Verlangen in niedrigen Leidenschaften. Alle Arten von 
Versuchung, des Anhaftens und der Selbstsucht sind ferngehalten, 
indem der Geist zu Gedanken höherer, edler Art konzentriert ist. 
Kennt er auch sehr wohl die Nichtigkeit des leeren Scheins, so 
fällt er dennoch nicht dem Nichts anheim. Wie verwirrend auch 
die Netze von Geburt und Tod: wohl weiß er den Weg zur Er- 
lösung von ihnen. Nachdem er die tiefsten Tiefen des Dharma er- 
gründet, verbleibt er in der Weisheit des Buddha. Weil nicht ge- 
stört durch irgend eine Versuchung, fühlt er sich wie ein Adler, 
der, dem Käfig entflohen, frei empor durch die Luft dahinfliegt.* 
— Somit ist es klar, daß das Dhyana eine Kunst ist, welche den 
Geist schließlich einem Zustande zuführt, in welchem er von einer 
Erleuchtung überflutet wird, welche das Weltall in neuer Ansicht, 
vollkommen frei von jeder Spur von Leid oder Leidenschaft ent^ 
hüllt. 

Das Ergebnis von dhyana ist samadhi.^) Samadhi ist nicht Be- 
wußtseinverlieren, sondern ein Zustand der Ruhe und Stille, durch- 
drungen von einer aus allem aufsteigenden Glückseligkeit. Wie 



^) samadhi m. Geisteskonzentration. 



292 Was ist Buddhismus? 

Asvagosha in seinem Sraddhotpada Sutra nachweist, sind die Sa- 
madhis der Nichtbuddhisten unveränderlich die Hervorbringung der 
selbstsüchtigen Einbildung, der Träumerei und der Selbstsuggestion. 
Richtiger Samadhi dagegen besteht darin, daß man die Natur seiner 
selbst und alles uns Umgebenden begreift und hiermit in Harmonie 
lebt. Samadhi ist wahre, echte Kultur, die vollkommene Überein- 
stimmung von Menschengeist und Natur. Ist Übel oder Böses der 
Name, den wir Beziehungen beilegen, wo man nicht in völliger 
Harmonie mit seiner Umgebung ist, so stellt Samadhi einen Zustand 
dar, in welchem alles Böse fort ist. Von diesem negativen Stand- 
punkte aus wird das Ziel des Edlen Achtfachen Pfades Nirvana ge- 
nannt. Nirvana bedeutet nicht die Vernichtung aller Tätigkeiten. 
Auf der einen Seite ist es die Auslöschung der drei Feuer: Ge- 
lüst, Haß, Nichtwissen; andererseits ist es die Vollendung aller 
menschlichen Vortrefflichkeiten. Wenn es Vernichtung ist, so ist 
es Vernichtung durch Wachstum. Gerade so wie der Same durch 
sein Heranwachsen zum Baume vernichtet wird, so wird Selbst- 
sucht durch ihre Entwickelung zur Hingebung für andere vertilgt. 
Wenn alles Denken an das Selbst vernichtet und vollständige Frei- 
heit von aller Sehnsucht nach persönlichen Vorteilen, die dem 
Wechsel der Zeit unterworfen sind, erlangt ist, dann wird der hei- 
lige Mann zur wirklichen Verkörperung der Tugenden der Groß- 
mut, der Freundlichkeit und Güte, der Sittlichkeit, der Entsagung, 
der Weisheit, der Geduld, der Wahrhaftigkeit, der Tapferkeit, der 
Entschlossenheit und des Gleichmutes. Bodhi, nur ein anderer 
Name ist das für Nirvana, ist durch diese sieben Eigenschaften 
charakterisiert: durch Eifer, Weisheit, Nachdenken, Nachforschen, 
Freude, Ruhe und Heiterkeit. — 

Man hat oft angenommen, jemand, der Nirvana, oder Bodhi, 
erlangt habe, sei nicht durch die Sittengesetze gebunden. Dies ist 
ein Mißverständnis, welches seinen Ursprung in einer Verwechse- 
lung des buddhistischen Ideales eines arhat') mit dem jivanmukta, 
dem Ideale der Hindus, hat. Die Hindus vergleichen gewöhnlich 



') Pali : araha, der Meister, der in Heiligkeit, d. h. in Güte und Weisheit, 
Vollkommene. 



Von Dr. Ferdinand Hornung 293 

einen jivanmukta mit einem Kinde, oder einem Geistesschwachen, 
oder einem, der besessen ist, und halten dafür, daß der vollkom- 
mene Weise keinem Sittengesetze unterstehe. In den Büchern der 
Hindus wird uns gesagt, Übertretungen bezüglich der Tugend, die 
an Weisen und Göttern beobachtet werden, dürften nicht als Fehl- 
tritte angesehen werden, denn jene könnten keine sittlichen Be- 
schränkungen haben. Jedoch der Buddhist ist kein Vedantin. Der 
buddhistische Arhat ist gar nicht fähig, gegen irgend welches Sit- 
tengesetz zu verstoßen. Wie es im Tevijja Sutta heißt, „sieht er 
Gefahr sogar im geringsten der Dinge, die er meiden soll." Wenn 
er auf den Höhen, zu welchen er emporgeklommen, bleiben soll, 
so kann er nicht imstande sein, die Stufen zu vernachlässigen, 
durch die er hinaufgelangt ist. Wie Nagasena es hinstellt, ist 
Tugend der Platz, wo man stehen und, indem man sein Leben 
richtig ordnet, Nirvana erreichen kann. „In Kürze, die Wohlfahrt 
aller Wesen jederzeit, fromme und nicht weltliche Schenkungen, 
der Geist charakterisiert ^urch wirkliche Erleuchtung, das ist das, 
was die Heiligkeit vergrößert. Vollkommenheit beruht auf Selbst- 
verleugnung; sie kommt durch unaufhörliche Wachsamkeit, durch 
völlige Einsicht, durch Achtsamkeit und tiefstes Nachdenken." 

Wer Nirvana erreicht hat, vermag nicht ein Leben der Selbst- 
heit zu führen, welches auf die Erlangung persönlicher Befriedi- 
gung beschränkt ist. Er lebt nicht zu seiner eigenen Erhöhung, 
noch um anderen als Mittelpunkt ihrer Ehrerbietung zu dienen, 
sondern um der begeisternde Einfluß und das tätige Mitglied eines 
Sangha zu sein, in welchem alle gleich streben, daß sie der Voll- 
kommenheit teilhaftig werden; was jedem Menschen möglich ist. 
Während Nirvana den Einzelnen aus der Geringfügigkeit dieser 
Welt emporhebt, entfremdet es ihn doch der Welt nicht. Nur durch 
eine lebendige und positive Verbindung mit der Welt erlangt Nir- 
vana seine volle Bedeutung als das Höchste in der Welt. Ist Nir- 
vana in-Harmonie-leben mit dem allumfassenden Ganzen, so kann 
es der nach Bodhi Strebende nur durch das Wirken in und mit 
dem kleineren Ganzen, genannt Menschengeschlecht, erlangen. Arya 
Deva sagt in seinem Mahapurusha Sastra: „Nirvana besteht in 
Wahrheit darin, daß man sich darüber freut, wenn andere 'glücklich 



294 Was ist Buddhismus? 

gemacht wurden, und Samsara^) bedeutet sich nicht glücklich fühlen." 
Der herzensreine, stille Arhat schreckt nicht nur vor der Sünde zurück, 
sondern stets ist er der Verrichtung guter Taten ergeben. Nicht 
allein, daß er „den allervortrefflichsten und unvergleichlich wohl- 
riechenden Duft der Rechtschaffenheit des Lebens ausströmt," 
sondern voll ist sein Herz auch von zärtlicher, milder und sanfter 
Liebe. Mag er keine Wünsche für sich selbst haben, so wirkt er 
doch für aller Wesen Wohl. Sein sittliches Bewußtsein ist durchaus 
sachlich gerichtet und ist frei von allen Flecken des Persönlichen. 
V Mit allem, was gut und edel ist, fühlt er sich in Einheitlichkeit. 
Seine Güte dehnt er auf alle Wesen aus. Sein Mitgefühl ist all- 
umfassend. Sein Mitleid ist so weitreichend, daß es keinen aus- 
schließt, nicht einmal die, welche ihn hassen und verachten. Gerade 
wie eine Mutter unter eigener Lebensgefahr ihr einziges Kind 
beschützt, so hegt derjenige, welcher Bodhi erlangt hat, unermeß- 
liches Wohlwollen für alle Wesen, für die ganze Welt, unbeschränkt 
und mit keinerlei Gefühl des Unterschiedemachens oder des Bevor- 
zugungensehenlassens gemischt: Söin höchstes Glück ist das Weg- 
schaffen des nie endenden Leidens der Welt. In diesem Gemüts- 
zustande bleibt er fest. 

Wenn derjenige, welcher Nirvana erlangt hat, stirbt, so trennen 
sich die Skandhas, die seine Persönlichkeit zusammensetzen, aber 
er lebt noch. Im Nirvana bei Lebzeiten mag der Arhat nicht frei 
sein von den Übeln, die von Natur das leibliche Dasein begleiten, 
aber im Parinirvana, dem Nirvana nach der Lebenszeit, ist er in 
ein von solchen Übeln freies Reich eingegangen. Gelangt ist er zu 
„einem Zustande, welcher ungeboren, ungezeugt, unerschaffen und 
ungegründet ist, ein Zustand, wo da ist weder Erde, noch Wasser, 
noch Wärme, noch Luft, weder diese Welt, noch eine andere Welt." 
Diese Abweisung aller positiven Bestimmungen zeigt nicht das 
Nichts an, sondern sie bedeutet, daß die Positivität des beschrie- 
benen Zustandes so unerschöpflich ist, daß sie jede Bestimmung 
zu einer Unmöglichkeit macht. Stirbt der Arhat, so wird er eins 



') samsaro.m., die Welt, das Dasein, besonders rücksichtlich seines un- 
aufhörlichen Vergehens, Wiederentstehens, Wiedervergehens u. s. f. 



Von Dr. Ferdinand Hornung 295 

mit jenen ewigen Wahrheiten, von denen er im Leben eine Ver- 
körperung war. Wir mögen nicht nach ihm auf irgendeine körper- 
liche Form blicken oder ihn in irgendeinem hörbaren Geräusche 
suchen. Jedoch wer immer den Dharma sieht, der sieht den Buddha. 
Er ist stets im Dharmakaya,^) dem Mutterleib aller Tathagatas, jener 
Ansicht vom Dasein, welche die Welt begreiflich macht, welche 
sich in Ursache und Wirkung offenbart, in der Glückseligkeit, welche 
der Rechtschaffenheit folgt, und in dem Verfluchtsein, welches aus 
bösem Tun hervorgeht; jener idealen Absicht im Bau der Dinge, 
welche sich am vollendetsten in des Menschen vernünftigem Wollen 
und sittlichem Streben enthüllt; jenem herrlichen Geiste allum- 
fassenden Erbarmens und allumfassender Weisheit, welcher die 
Menschheit voranführt auf ihrem Gange hinauf zur Wahrheit und 
sittlicher Liebenswertheit. 

Diejenigen, welche geneigt sind den Buddhismus herabzusetzen, 
beschuldigen ihn, er sei pessimistisch. Wenn das Ziel sämtlicher 
Religionen Erlösung ist, dann kann keine einzige Religion der Be- 
schuldigung, pessimistisch zu sein, gänzlich entrinnen, denn Erlösung 
schließt ja natürlich schon in sich, daß irgend ein Leiden, Elend, 
oder Übel vorhanden ist, sei es nun ein körperliches oder ein gei- 
stiges. Hat denn nicht der hebräische Prophet gelehrt, daß alle 
Werke unter der Sonne Eitelkeit und Geistesplage sind, daß des 
Menschen Tage sämtlich Sorgen sind und all sein Mühen Kummer? 
Hat nicht der Christenapostel gelehrt, daß diese Welt ein Ort der 
Traurigkeit und der Tod ein Gewinn sei? Warum also soll der 
Buddhismus allein besonders getadelt werden, weil er pessimistisch 
sei? Wenn Pessimismus die Überzeugung ist, daß das Leben voll 
ist von Leiden und Jammer, so ist diese Ansicht das gemeinsame 
Charakteristikum aller Religionen. Der Buddhismus räumt die 
schlichte Tatsache ein, daß das Leben seine eigenen Beschwerden 
nicht wert ist, wenn wir bloß der selbstsüchtigen Lebensfreude 
wegen leben. Weil es nach dem Tode keine Persönlichkeit und 



^) Dharmakaya, wörtlich: „Körper des Gesetzes," d. i. das Ganze des natur- 
gesetzlichen Geschehens auf materiellem and geistigem, insbesondere auf 
ethischem Gebiete; kurz, das ganze Geschehen in der Welt in seiner kausal- 
bedingten Unabänderlichkeit, folglich: Gesetzmäßigkeit.— 



296 Was ist Buddhismus? 

keine Seligkeit gibt, verlegt der Saddharma den Lebenswert in 
Ideale, welche die engen Grenzen des individuellen Daseins über- 
schreiten. Er strebt nicht bloß nach der Milderung des jetzigen 
Leidens, sondern auch nach der Hervorbringung von Bedingungen, 
unter denen es kein Leiden geben kann. Während andere Religionen 
ihre Anhänger vor einem entsetzlichen, in Beutemachen über den 
Schwachen jubelnden Ungeheuer in untertäniger Ehrfurcht nieder- 
sinken lassen, macht der Saddharma, des Buddha Lehre, den Men- 
schen frei, indem er ihn durch Selbstkultur und Selbstaufsicht zu 
den erhabensten Höhen menschlicher Vollkommenheit emporhebt. 
Nicht das ist wahre Religion, was den Menschen zu einem Hunde 
macht, sondern dasjenige, was ihn noch mehr zum Menschen macht 
und das Abhängigkeitsgefühl von ihm wegnimmt. 

Des Menschen Zweck und Ziel kann nicht das Erwerben von 
Reichtum oder die Befriedigung natürlicher Neigungen sein. Nach 
der Lehre des Buddha ist es dagegen das Erlangen jener Vollkom- 
menheit, welche in vollkommener Schönheit, vollkommener Weis- 
heit, vollkommener Güte und vollkommener Freiheit besteht. Kann 
dieser Glaube an die zukünftige Vollkommenheit des Menschen- 
geschlechts den Menschen mit Begeisterung erfüllen? Ja! Schon 
in der Vergangenheit hat er als eine Antriebskraft gewirkt, die das 
Menschengeschlecht empor führt. Die Geschichte zeigt, wie gewaltig 
der Mensch dadurch angetrieben wurde, daß er auf Ideale blickte, 
deren Vorhandensein er nicht behaupten konnte. Nein, mehr noch ; 
die Geschichte tut dar, wie die Menschen ihre Besitztümer, ihr 
Blut, ihr Alles eingebildeten Zielen zum Opfer gebracht haben. 
Es ist daher kein sichtbarer Grund vorhanden, weshalb der Glaube 
an die zukünftige Vollkommenheit des Menschengeschlechts nicht 
jetzt oder in der Zukunft als ein Ideal dienen könnte. Die Mensch- 
heit, wie wir sie gegenwärtig sehen, wie sie aus elenden, armseligen 
Wesen besteht, „mit ihren wilden Hoffnungen und den vergeblichen 
Versuchen sie zu verwirklichen, mit ihren Kämpfen und Fehl- 
schlägen, und ihren Erfolgen, die noch bitterer als die Mißerfolge 
sind, oder, das Schlimmste von allem, mit der Entsagung einer 
unheilbaren Verzweifelung: alles gleich, jung und alt, reich und 
arm, gut und schlecht die lange Durchfahrt des Lebens hinunter- 



( 



Von Dr. Ferdinand Hornung 297 

treibend, mit keinem Endzwecke vor sich, außer dem Grabe," sie 
mag wohl mehr Mitleid erregen als Begeisterung. Aber eine ideale 
Menschheit, gleich den stets im Dharmakaya verweilenden Buddhas, 
würde notwendig eine Begeisterung im Menschen wecken, die zur 
Tat treibt. 

Der Einfluß einer Religion ist in ihren Wirkungen auf die Sitte 
und die Gewohnheiten eines Volkes leicht zu spüren. Eine Ver- 
gleichung Indiens mit Birma, dem nächstgelegenen buddhistischen 
Lande, offenbart den Unterschied zwischen Buddhismus und Hindu- 
ismus. Indien ist ein üppiger Garten rohen Aberglaubens, der blüht 
und gedeiht und sich von Tag zu Tag vermehrt. Auch der Birmane 
hat seinen Aberglauben : er verehrt Geister (nats) und gewinnt sie durch 
unblutige Opfer. Das ist jedoch kein Aberglaube, welcher herabwürdigt 
oder der guten Sitte zuwider ist. Ein birmanischer Tempel hat seine 
heiteren und ruhevollen Buddhastandbilder; ein Hindutempel dagegen 
besitzt seine unzüchtigen Symbole, seine widernatürlichen Götzenbilder, 
seine Menschwerdungen der Wollust und des Bösen, die nur durch 
Blutvergießen zu versöhnen sind. Dem Tempel der Kali *) in Cal- 
cutta nähert nian sich durch dampfende Greuel und sieht einen 
Pfuhl und aus diesem einen endlosen Strom unbekleideter Mensch- 
heit, einen wilden, düsteren Pöbelhaufen, der ranziges Kokosnußöl 
ausdünstet; dahingegen ersteigt man *die buddhistische Pagode zu 
Rangoon auf Marmorstufen und sieht einen Turm von Gold, 
geschmückt mit blitzenden Edelsteinen und goldenen Glocken, die 
im Sonnenscheine klingen. Die Verehrer sind in schimmernde 
Seidenstoffe gekleidet und bringen Blumen und Kerzen aus Mineral- 
oder Bienenwachs, um sie zu Füßen des ruhig heiteren Buddha 
niederzulegen. Der Birmane hat stets den Edlen Achtfachen Pfad 
vor Augen, der zur Vernichtung der Leiden führt. Der Birmane 
lebt nach der Lehre des Buddha, daß „nicht durch weinen, nicht 
durch trauern jemand den Frieden der Seele erlangen wird,« und 
geht seinen Zukunftsaussichten mit einem Lächeln entgegen, 
und seine Kleidung aus Sonnenuntergangsfarben ist eine Probe des 
Frohsinns und der Leichtheit seines Herzens. Der Hindu zeigt 



^) Kali ist die Gattin des Siwa, die Göttin der Pest, Cholera und Hungersnot. 



298 * Was ist Buddhismus? 

selten Lebensfreude, sondern trägt stets die Maske der Schwermut, 
und sein Ernst findet äußeren Ausdruck in seiner Blöße. Dem 
Birmanen ist Nacktheit unzüchtig und empörend. Der Buddhismus 
ist ein Religionsfreistaat und alle Menschen sind gleich vor ihm. 
In Birma gibt es weder Brahmanen noch Parias und kein Mensch 
wird durch die Anwesenheit oder Berührung seines Mitmenschen 
entehrt. Dort gibt es weder Kaste, noch Purdah. Die Frauen ver- 
bergen sich nicht hinter Schleiern und scheuen nicht die Straßen 
wie die Pest. Kinderheirat und erzwungenes Witwentum fressen 
gerade das zum Leben Notwendigste der Hinduvolksgemeinschaft. 
Eine greifbare Art und Weise, worin eine Religion ihren tatsäch- 
lichen Einfluß auf die Gesittung offenbart, ist die Kunst. Es ist 
der hohe Ruhm des Buddhismus, daß er stets zur Befriedigung 
ästhetischen Strebens gedient hat. Der Buddhist bemüht sich, die 
höchste erreichbare Schönheit in Natur und Kunst zu vereinen, 
nicht in dem Verlangen, eine volkstümliche Wirkung hervorzurufen 
oder Zugstücke für den Pilger zu beschaffen, sondern um seine 
geistigen Werte in Kunstformen zu protokollieren. Indem der Bud- 
dhismus dem ästhetischen Streben seiner Anhänger Genüge leistete, 
ist er in keinerlei Weise von seinen fundamentalen Grundsätzen 
abgewichen. Dem Buddhisten ist aller Genuß negativ, und nur durch 
die Unterhaltung der Fortdauer dieser Verneinung kann die Selbst- 
sucht vernichtet werden. In der Würdigung des Künstlerischen und 
des Schönen verliert man sein Selbst. Deshalb kann eine Pflege 
der Liebe zum Schönen nur zur persönlichen Erlösung beitragen, 
und die Beförderung der Kunst dient notwendig als ein Mittel der 
allgemeinen Erlösung- Kein Wunder daher, daß überall, wo der 
Buddhismus vorgewaltet hat, kunstvolle Pagoden, großartige Klöster, 
schöne Stupas entstanden sind. „Überall wo die Religion des Bud- 
dha eindrang," sagt Sir John Marshall, der Direktor der Archäolo- 
gischen Landesaufnahme von Indien, „dort folgte die Kunst der 
Buddhisten in ihrem Kielwasser und brachte mit ihr eine Botschaft 
von einem erhabenen Idealismus und von einer geistigen Hoheit 
die nicht ihresgleichen in der Kunst irgendeines Volkes hat." Welche 
andere Religion hat ihre Anhänger mit einer Hingebung und Tat- 
kraft erfüllt, wie sie ihren äußeren Ausdruck in dem prächtigen 



Von Dr. Ferdinand Hornung 299 

Altar von Boro-Budur auf Java findet? Einige von den buddhisti- 
schen Bildhauerwerken sind die schönsten, welche Indien jemals 
hervorgebracht hat, und sie sind Meisterwerke in Hinsicht auf Stil 
und Technik, unübertroffen, nach dem Urteil Sir John Marshalls, 
von irgend etwas ihrer Art in der alten Welt. Die Höhlentempel 
und Klöster von Ellora, zu denen in fast gleichem Maße Buddhis- 
mus, Hinduismus und Jainismus beigetragen haben, befähigen uns, 
dem darunterliegenden Charakter einer jeden Religion mit unfehl- 
baren, nie irrenden Schritten nachzufolgen. „In den frühesten 
Höhlen," sagt Sir John Marshall, „sieht man die buddhistische 
Kunst fast auf ihrem höchsten Punkte; man bemerkt ihr anmutiges 
Wesen, ihre reiche, aber in Schranken gehaltene Dekoration, ihre 
durchsichtige Aufrichtigkeit und vor allem ihren Frieden und ihre 
Ruhe. Man geht nun weiter zu anderen Höhlen. Nun sieht man 
diese selbige Kunst langsam, aber sicher, unter der matt machen- 
den Decke der Konvention der Übereinkunft, sinken: ihre schöpfe- 
rische Kraft ist erstickt ; sie wird starr, unfruchtbar und abgezehrt. 
Wir gehen jetzt weiter, draußen an der Felswand entlang, und 
treten in eine 'andere Halle ein. Sogleich vermissen wir das ver- 
ständige, geistvolle Empfinden der früheren Skulpturen: rund um 
uns her treten lebensgroße Gestalten aus dem Felsen hervor, manche 
feierlich und majestätisch, andere scheußlich und empörend, aber 
allesamt aufregend, dramatisch und Furcht einflößend. Wir sind aus 
dem Reiche des Buddhismus in das des Hinduismus geraten und 
als Tatsache erkennen wir nun — mit einem Ruck gleichsam — 
den ungeheueren Abgrund, der beide trennt. Wir sehen Gestalten, 
die offensichtlich den buddhistischen nachgebildet sind ; aber deren 
Ewigkeitsfrieden ist dahin. Ethos (wenn ich einmal einen griechi- 
schen Ausdruck gebrauchen darf) ist dem Pathos ') gewichen. Sie 
sind zum Leben, zur Bewegung galvanisiert und zur Verkörperung 
aller leblosen Naturgewalten geworden, von Leidenschaft und Wollust, 
von Leiden und von Tod. Und wenn wir nun von der einen dieser 
Hallen zur anderen gehen, umringt von düsteren, fühllosen Gestalten, 
wie sie aus ihren finsteren Winkeln herausschauen : dann überlassen 



Ethos: Sitte; Pathos: Leidenschaft. 



300 Was ist Buddhismus? 

wir uns unwillkürlich der herrschenden Düsterheit; aber die erha- 
bene geistdurchwehte Schönheit der früheren Hallen vergessen 
wir nicht, können wir nicht vergessen: und innerlich wundern wir 
uns, was über den Geist oder den Charakter des Volkes gekommen 
sein mochte, als es den Buddhismus für den furchtbaren Siwakultus 
preisgab. Und wenn wir nun unseren Weg fortsetzen, fast mit einem 
Seufzer der Erleichterung, zu den Tempeln der Jainas — : allesamt sehr 
vollkommen, alle sehr sorgfältig ausgearbeitet, alle sehr kostbar, 
aber einer wie alle des schöpferischen Geistes bar. Wir bewundern 
sie ihres reichen Zierrates wegen; aber wir können es nicht ändern, 
wir sind überrascht von ihrem kleinlichen, engherzigen, kraftlosen 
Entwurf, und ungerührt staunen wir ihre zurechtgelegten, frostigen 
Standbilder an. So ist es bei den Jainas immer gewesen." Diese 
vergleichende Würdigung durch Sir John Marshall bestätigt die Er- 
klärung Taranathas, daß „überall, wo der Buddhismus vorherrschend 
war, geschickte Künstler für seine religiösen Stoffe ausfindig 
gemacht wurden, aber wo die Tirthyalehren ^) herrschten, kamen 
unfähige nach vorn." 

Oft schon ist der Anspruch erhoben, das Christentum sei die 
einzige Religion der Liebe. Eine Prüfung jener Stellen des Neuen 
Testaments, welche mit Liebe zu tun haben, erweist jedoch diesen 
Anspruch als falsch. In keiner derselben ist der Versuch unter- 
nommen, die Natur der Liebe als einen innerlichen Zustand nach- 
zuweisen. Kein Zweifel, von der Vergeltung der Liebe, von ihrem 
äußerlichen Ausdruck, von den praktischen Beziehungen, welche 
durch sie bestimmt werden, oder bestimmt werden sollten, von dem 
Beweggrunde, welcher sie in Tätigkeit setzt, oder in Tätigkeit setzen 
sollte, davon ist wohl die Rede. Aber was uns in all diesem auf- 
fällt, ist das, daß wir in einen Kreis hineingezogen wurden. Einer- 
seits heißt es, die Liebe entstehe aus dem Gehorsam gegenüber 
Gottes Geboten ; andererseits heißt es, die Liebe selber führe dazu, 
daß man Gottes Geboten gehorche. Während nun im Christentum 



^) Tirthyalehren sind brahminische Lehren, deren Anhänger dem Baden 
in Flüssen, die sie für heilig halten, eine von Sünden reinigende Wirksam- 
keit beilegen. 



Von Dr. Ferdinand Hornung 301 

die Liebe mittels einer außen befindlichen höheren Macht erzwungen 
wird, ist im Buddhismus liebreiche Güte eine logische Folge seiner 
Hauptlehre von der Selbstlosigkeit. Enthält das Neue Testament 
einen Lobgesang auf die Liebe, so enthält das Itivuttaka ein ebenso 
bezauberndes Lob der maitri. ') Der Buddhismus atmet einen un- 
begrenzten Edelmut und Erbarmen für alle Wesen. In der Lebens- 
beschreibung des Gautama Buddha stoßen wir nirgends auf das 
Ertränken von Schweinen durch Überliefern derselben an Teufel,") 
oder auf das Verfluchen von Feigenbäumen, weil sie außer der 
Zeit keine Früchte trugen, 3) oder auf das Peitschen unschuldiger 
Geldwechsler.'*) Ferner, über die ganze Welt hin haben die Bud- 
dhisten dem Ideale des Buddha streng angehangen, daß sie lieb- 
reiche Freundlichkeit zu allen Lebewesen ausbreiteten ; der Lebens- 
wandel der Christenheit dagegen ist eine beständige Beglaubigung 
ihrer Meinungsverschiedenheit bezüglich der Ideale des Neuen 
Testaments. Als einzelne Person, wie in Gemeinschaften führt der 
Christ sein Leben und ordnet er seine Angelegenheiten nach an- 
deren Entwürfen, als denen der Bergpredigt." Wie es einmal kurz 
hingestellt wurde: „Seit die westliche Welt den Jehovah als ihren 
Herrn und Meister angenommen hat, ist ihre Geschichte im Ganzen 
die Geschichte religiöser Verfolgungen und religiöser Kriege gewesen ; 
und die Menschen haben in vollkommen gutem Glauben ihren 
Eifer für ihren Gott dadurch bewiesen, daß sie ihrer Mitmenschen 
Leiber den Flammen und deren Seelen den Qualen der Hölle weihten." 
In der ganzen Geschichte des Buddhismus dagegen ist auch nicht 
ein einziger Fall eines Appells an das Schwert oder an den Scheiter- 
haufen. Ohne den Beistand des Schwertes, der Maximkanonen und 
Haubitzen hat der Buddhismus seine Botschaft des Friedens und 
Wohlwollens den rohen Horden des bevölkertsten Teiles von Asien 
gebracht und sie gesittet gemacht. Mit ihren Nachbarn haben die 
buddhistischen Völker stets im Frieden gelebt und in Übereinstim- 



Pali : metta, für Selbstlose Liebe zu allen Wesen ; allumfassendes Wohl- 
wollen. — 

«) Marc. 5, 2-13. 

3) Marc. 11» 12—14, 20, 21. — 

4) Marc. 11, 15. — 



302 Was ist Buddhismus? 

mung mit den Geboten der Menschlichkeit gehandelt. Können die 
christlichen Nationen sagen, sie hätten im Frieden miteinander 
gelebt? Der große europäische Krieg, der sich jetzt abspielt, straft 
jeden derartigen Anspruch unmittelbar Lügen. In seinem kleinen 
Buche „Der Krieg und die Religion" sagt M. Loisy, das Christen- 
um ist „über die Welt gegangen wie ein seliger Traum von Un- 
sterblichkeit ohne eine Spur jenes Liebesgebotes zu hinterlassen, 
welches es als sein besonderes Eigentum anpries." Mit einem „Herrn 
der Heerscharen," gewaltig in der Schlacht, als ihren Vorsitzenden 
im Himmel, und mit seinem Sohne Jesus Christus, der auf die 
Erde kam, nicht um Frieden zu senden, sondern das Schwert,') 
was konnten da die christlichen Nationen weiter tun, als bis an 
die Zähne bewaffnet sein und einander an die Gurgel zu fahren? 
Diejenigen, welche mit der sittigenden Kraft des Christentums 
prahlen, brauchen bloß an das schmutzige, rohe und abergläubische 
Abessinien erinnert zu werden, wo unverfälschtes, ursprüngliches 
Christentum Jahrhunderte lang geherrscht hat ohne den Einfluß 
der Renaissance und der nichtchristlichen Denker. — 

Es gereicht dem Buddhismus zum Ruhme, daß er Verstandes- 
aufklärung zu einer wesentlichen Bedingung der Erlösung macht. 
Sittlichkeit bildet die Grundlage des edleren Lebens, aber Erkenntnis 
und Weisheit vollenden es. Was den Verstand beleidigt, kann für 
das sittliche Leben nicht heilsam sein. Wer sein Vertrauen auf die 
Gewißheit im Gebiete des Verstandes verliert, verliert zu gleicher 
Zeit sein Vertrauen auf die Gewißheit im Sittlichen. Da der Bud- 
dhismus keine Offenbarungswahrheit annimmt, so bildet die Über- 
zeugung durch den Verstand seinen Grundstein. Alle monotheisti- 
schen und pantheistischen Religionen gehen von gewissen Annahmen 
aus, und wenn dann diesen Annahmen durch die zunehmende Er- 
kenntnis widersprochen wird, dann wehklagen sie, daß „der, welcher 
das Wissen vermehrt hat, das Leid vermehrt hat." Der Buddhismus 
jedoch geht nicht von Annahmen aus. Er steht auf dem festen 
Fels der Tatsachen und kann daher das trockene Licht der Wissen- 
schaft niemals scheuen. Von Anfang an begründet er den Glauben 



») Matth. 10, 34—36. — 



Von Dr. Ferdinand Hornung 303 

verstandesgemäß. Daher gibt es im Buddhismus nichts, was mit 
den wissenschaftlichen Entdeckungen, oder mit dem Geiste der 
modernen Forschung, dem geduldigen, unparteiischen Suchen nach 
der unbekannten Wahrheit, a priori im Widerspruch steht. Der Geist 
uneigennütziger Forschung zur Förderung der Wohlfahrt der Mensch- 
heit ist aus dem Durste nach jener Vollkommenheit, welche der 
Buddhist Bodhi nennt, geboren. Für den Glauben des Furchtsamen 
und des Alten, des verfallenden Verstandes und der scheelsüchtigen 
Einbildung, des mangelnden Wohlseins und verblichener Hoffnung 
ist es charakteristisch, daß er Neuheit für sinnverwandt mit Unheil 
und allen Fortschritt als Rückwärtsgehen, im wesentlichen, ansieht. 
Die Lehre des Buddha jedoch ist ein Evangelium für die jungen 
und kräftigen, für Herzen voll Zuversicht und entschlossenen Wollens, 
für hochstrebende Geister, die es verlangt, des Menschen Wert zu 
erweisen. 

Der .Buddhismus ist die erste Universalreligion. Gautama Sa- 
kyamuni war der erste, der seinen Jüngern sagte: „Ihr Brüder, 
ihr, denen die Wahrheiten, die ich gefunden habe, von mir ver- 
kündigt sind, >yenn ihr euch zu Meistern derselben gemacht habt, 
übt sie aus, überdenkt sie, breitet sie draußen aus, auf daß die 
reine Lehre sich lange halte zum Wohle und zur Glückseligkeit 
der großen Menge." Der Buddhismus ist der erste Versuch, eine 
Religion zu begründen, die von übernatürlichen persönlichen Mächten 
unabhängig ist. Er ist eine nicht-übernatürliche Religion, da er keine 
Theologie besitzt, und die Erlösung, die er verschafft, muß durch 
des Einzelnen Anstrengung erlangt werden und nicht durch eines 
Isvara Gnade. Dieser Individualismus, was die Erlösungsmittel 
betrifft, läßt im Buddhismus für Anbetung keinen Raum. Die Stelle 
des Gebetes wird von der Versenkung (dhyana) und vom Dienst 
an anderen eingenommen. Selbst in christlichen Ländern verwerfen 
die führenden Denker und einige aus Reih und Glied offen oder 
heimlich die Annahme des überlieferten Glaubens an einen Gott- 
Vater, der mit dem Menschen in unmittelbarer Verbindung steht. 
Theologische Bestrebungen zum Wiederaufbau des Gottesglaubens 
unter der Maske des Innewohnens sind ein Beweis des Mißlingens des 
Gottesglaubens und der Notwendigkeit, pantheistische Eindrängungs- 



304 Was ist Buddhismus? 

versuche in Schach halten zu müssen. Der Pantheismus drängt im mo- 
dernen religiösen Leben kräftig voran, in Gestalt von Vedanta, Theoso- 
phie, „Seelenkur* und „Neues Denken". „Die Seele des Menschen ist 
ein Teil der anima mundi, der Seele der Welt." Mystische Äuße- 
rungen dieses Gepräges scheinen auf gewisse Gemüter einen 
bezaubernden und einschläfernden Einfluß auszuüben. Aber streng 
pantheistische Systeme sind nicht erfolgreich gewesen, da sie nicht 
die Stütze beschaffen können, die von der sittlichen Naturanlage 
des Menschen gefordert wird. Sind die nichtswürdigsten Handlungen 
sowohl, als auch die schlechtesten Leidenschaften bloß Offenbarungen 
des „Einen absoluten Wesens", des „Großen Alls", des „Unend- 
lichen Lebens", dann ist keine sittliche Lebensführung in irgend- 
einem Pantheismus möglich. Durch äußerste Nichtachtung des 
spekulativen Zusammenhalts und die offenbarsten Widersprüche 
versuchen einige Formen des Pantheismus ihren unsittlichen Fol- 
gerungen zu entrinnen. Wir brauchen nur auf die Teilung des 
Lebens in vyavaharika- ^) und paramarthika- '') Seiten zu verweisen, 
in deren ersterer maya oder Täuschung Sittlichkeit erfordert. Das 
Große All des Pantheismus hat im Positivismus Raum geschaffen 
für das Grand fitre, eine dichterische Personifikation der Mensch- 
heit als einen wachsenden, sich selbst vervollkommnenden Organis- 
mus aus sittlichen Einheiten. Obgleich in dieser „Menschheits- 
religion" nichts den Grundprinzipien der Wissenschaft und ihren 
hauptsächlichen Ergebnissen zuwider sein mag, so ermangelt sie 
doch eines philosophischen Hintergrundes, eines Ideales, welches 
das Einzelwesen und die Gesellschaft als Teile eines Ganzen an- 
sieht, das sich nach einer seligen Vollendung hin bewegt. Bloß 
sittliche Vollkommenheit kann kein wirkliches Ideal sein. Eine 
Religion, die sich in völliger Übereinstimmung mit den Ergebnissen 
der Wissenschaft befindet und zu ihrem Mittelpunkte die Mensch- 
heit nimmt als die Offenbarung einer übermenschlichen, sich in 
der Menschheit verwirklichenden Macht, ist im Saddharma gestiftet. 
Diese Religion macht aus dem Weltall weder eine zufällige Schöp- 



*) Praktische, zweckdienliche. 

=*) Transzendente, die Grenzen der Erfahrung übersteigende. 



Von Dr. Ferdinand Hornung 305 

fung, noch das Ergebnis irgendeines vorhergefaßten Planes, sondern 
sie erkennt in ihm das Resultat einer absichtslos entwickelnden 
Kraft, welche auf die Erzeugung einer idealen, in Schönheit, Weis- 
heit, Güte und Freiheit vollkommenen Menschheit hinarbeitet. 

Den Baum erkennt man an seinen Früchten. Der Buddhismus 
setzt an die Stelle der Autorität die Vernunft; er verabschiedete 
die metaphysische Grübelei, um Raum für die zweckdienlichen 
Wirklichkeiten des Lebens zu schaffen ; den durch sich selbst voll- 
kommen gewordenen Weisen erhob er zum Stande der Theologie- 
götter ; an die Stelle der erblichen Priesterschaft errichtete er eine 
geistige Brüderschaft ; die Scholastik ^) ersetzte er durch eine volks- 
tümliche Lehre der Rechtschaffenheit; an die Stelle des Einsiedler- 
lebens in seiner Abgesondertheit führte er ein Gemeinschaftsleben 
ein; und einen weltbürgerlichen Geist stellte er der nationalen 
Abschließung entgegen. Er flößt Glauben ein ohne Glaubenssätze; 
er erweckt Begeisterung, die frei von Schwärmerei ist; er gibt 
Stärke, der die Gewalttätigkeit genommen; er entfacht Idealismus, 
losgelöst von Träumerei ; er ruft Natürlichkeit hervor unter Ver- 
meidung des Materialismus; er gestattet Freiheit und beseitigt dabei 
die Zügellosigkeit; er verlangt Selbstopfer unter Verwerfung des 
Asketenwesens; er schärft Lauterkeit ein indem er die Strenge 
ablegt; er erzeugt Frömmigkeit, der keine Kränklichkeit anhaftet. 
Dogma und Wunder sind dem Christen Weisheit; Kismet^) und 
Fanatismus sind Weisheit dem Moslem, Kaste und Zeremonien- 
wesen sind dem Brahminen Weisheit; Asketentum und Nacktheit 
sind Weisheit dem Jaina; Glaubensschwärmerei und Zauberei sind 



Man suche hinter diesem „hinarbeitet", im Widerspruch mit. dem , ab- 
sichtslos" im gleichen Satze, nicht so etwas, wie eine Zielstrebigheit. Die 
gibt es hier so wenig, wie etwa in dem, was wir Schwerkraft nennen; ob- 
wohl diese ja gleichfalls beständig auf etwas „hinarbeitet", indem sie alles 
in die Höhe Ragende zur Erdoberfläche, und nach Möglichkeit noch tiefer 
hinunterzuführen „strebt* — wie wir das in Unterstellung menschlicher 
Betätigungstriebe auszudrücken pflegen. — 

*) Religionsphilosophie der Theologen vom Fach. 

^) Das Schicksal in unabänderlicher Vorausbestimmtheit, die religions- 
philosophische Grundlage des Fatalismus. 



306 



Was ist Buddhismus? 



Weisheit für den Taoisten; Formenkram und äußere Frömmigkeit 
sind dem Konfuzianer Weisheit; Ahnenverehrung und dem Mikado 
ergeben sein sind Weisheit für den Shintoisten ; aber dem Bud- 
dhisten sind Liebe und Reinheit die höchste Weisheit. Um seine 
Erlösung zu bewirken, muß der Buddhist allen selbstsüchtigen 
Wünschen entsagen und zum Aufbau eines Charakters leben, dessen 
äußere Kennzeichen Herzensreinheit, allumfassendes Erbarmen, aus 
ruhiger Einsicht in die Wahrheit hervorgegangene Weisheit und 
Mut, und jene Duldsamkeit und Freimütigkeit des Denkens sind, 
welche die Hausgenossen nicht hindert, ihre Glaubensbekenntnisse 
im Frieden zu besitzen. Einzig vom Buddhismus kann gesagt werden, 
daß er allen Götter- und Geisterglauben, allen Dogmenglauben, 
alle Sinnlichkeit, alles Asketenwesen, alles Zeremonienwesen ab- 
gelegt hat, daß er aus Nächstenliebe und Wohlwollen, Selbst- 
verleugnung und Selbstheiligung besteht. 



Sabbapapassa akaranam, 
Kusalassa upasampada, 
Sacitta pariyodapanam : 
Etam buddhanasasanam. 



(Alles Böse meiden, Gutes mit Eifer tun. Das eigene Gemüt läutern 
Das ist die Lehre der Buddhas.) 




Weltschau 



Welche Zeitung, welches Buch wir aufschlagen, welchen Vortrag, welche 
Predigt wir besuchen — überall und allenthalben treten uns buddhistische 
Ideen, buddhistische Gedankengänge entgegen — und wenn auch von den 
Vertretern des Materialismus, des offiziellen Freidenkertums abgelehnt, von 
den Okkultisten in Mystik gehüllt, von den Anhängern christlicher Ortho- 
doxie bekämpft, so kann man an den buddhistischen Ideen im Abendlande 
doch nicht mehr vorübergehen. 

Freilich, was sich die Zeitungen manchmal leisten, zeigt uns ein Artikel 
des Osnabrücker Tagblatts (20. 5.) über „Lenin, Mohammed und 
Buddha": „Diese drei Verkünder einer großen, volksbeglückenden Lehre 
stehen jetzt im Bunde gegen die Entente . . . und in Indien glimmt und 
schwält es. Der Buddhismus droht dort dem Bolschewismus ebenso wie 
dem Islam die Bruderhand zu reichen . . .". Darauf erfolgt eine eingehende 
Besprechung des Verhältnisses des Islams zu Bolschewismus und Buddhis- 
mus, bei der keinerlei Sachkenntnis irgend eines dieser drei Gebiete be- 
wiesen wird. Ni6ht richtiger ist eine wissenschaftlich frisierte Notiz über 
„Buddhistische Reliquien" im „Memeler Dampfboot" (16.6), 
die besagt, daß „die indische Bewegung" ein „gefährliches Mittel gefunden" 
habe, um die Bevölkerung gegen die englische Regierung „aufzureizen", 

nämlich daß die größten Kultstätten des Buddhismus in englischen 

Händen seien: der Tempel in Kandy mit dem heiligen Zahn und die Shwe 
Dagon-Pagode in Rangoon mit den Haaren des Buddho! Wie oft doch der 
Buddhismus schlankweg als Religion Indiens bezeichnet wird; und dann sind 
beide „höchsten Kultstätten" doch schon seit Jahrzehnten, ja Kandy schon 
über 100 Jahre in englischen Händen! Eine andere Sache wirkt jedoch viel 
unangenehmer auf die Buddhisten des Ostens, besonders Ceylons — nämlich 
die geplante Verfilmung Buddhas, worüber „The Buddhist" (Co- 
lombo, 17. 7.) ausführlicher berichtet. Inzwischen hat diese Idee — bei der 
internationalen Filmseuche — ihren Weg auch in deutsche Blätter gefunden 
und der „Berliner Lokalanzeiger" (28. 9) erzählt uns bei dieser Ge- 
legenheit, daß Buddha in Ceylon gelebt habe, daß Kandy zu Buddhas Zeit 
Nuwara hieß — und schließlich, daß „Herr Fred Ellis, das bekannte Mitglied 
der englischen Operettengesellschaft" den Buddha darstellen werde. Der 
Verfasser des geistreichen Stückes, das in Ceylon aufgenommen werden soll, 
ist Dr. Ernest Esdaile. Wenn das Stück so ausfällt, wie „Buddhist" und 
„Lokalanzeiger" es vermuten lassen, so ist ein Protest der Buddhisten ebenso 
am Platz, wie der der chinesischen Studenten und Auslanddeutschen gegen 
den Film „Die Herrin der Welt". — 



I 



308 Weltschau 



Die Aufsätze über und gegen den Buddhismus in den Missionsblättern 
jeglicher Richtung zählen Legion. — Sie auch nur zum Teil hier anzu- 
führen erlaubt der Platz nicht. Nur ein Citat hier aus der „Weltmission 
der katholischen Kirche" (München, Nr. 6 — 1920)! Es heißt dort im 
Aufsatz über „Das große Ringen um die Heidenseele* u.a.: „Wenn 
wir im gegenwärtigen Augenblick von hoher Warte das Missionsfeld über- 
blicken, so wird sich uns die Überzeugung aufdrängen, daß sich in der nahen 
Zukunft ein gewaltiger Kampf um den Besitz der Heidenwelt abspielen wird. 
Die Gegner, die sich an diesem Kampfe beteiligen werden, sind der Budd- 
hismus, der Islam, der moderne europäische Unglaube, der Protestantis- 
mus und der Katholizismus. 

„Besonders im fernen Osten rüstet der Buddhismus zu einem 
neuen Werbezug. In Japan, China, Birma und Ceylon bereitet er eine 
großzügige, neu-buddhistische Reformbewegung vor, die sehr ernst zu 
nehmen ist. Es werden buddhistische Hochschulen und Volksschulen nach 
europäischem Muster gegründet, ferner werden buddhistische Vereine für 
Männer und Frauen, vor allem auch für die Jugend — die weibliche sowohl 
wie für die männliche — geschaffen; die buddhistische Presse überschwemmt 
den Osten mit Flugschriften, Lehrbüchern, heiligen Schriften ..." 

Unser Bruderblatt auf Ceylon („The Buddhist") bringt in seinen Juni- 
nummern eine recht interessante Debatte über die „Modernisierung des 
Bhikkhu", wobei Sri Sumangala von Hikkaduwe immer wieder als derjenige 
hingestellt wird, der hier als Vorbild zu gelten habe; als tüchtiger Bhikkhu 
ebensowohl, wie als Gelehrter und Kenner der alten Sprachen, Sanskrit, 
Pali und Elu, wie auch als vollkommen westlich-modern orientiert und des 
Englischen in Wort und Schrift mächtig. Nur so wäre mit der Zeit eine 
erfolgreiche Missionstätigkeit unter den Europäern durchzuführen. Die Kennt- 
nis der Lehre freilich wäre das Wichtigste! — — 

Am 16. April feierte Prof. Friedrich Hirth, der berühmte Sinologe, zu 
New York seinen 75. Geburtstag. Die „Ostasiatische Zeitschrift» 
widmet ihm eine eigene, soeben erschienene reichillustrierte Festnummer, 
die vieles über seine wertvollen Arbeiten aus Geschichte, Kultur, Religion 
und Kunst Chinas enthält. 

An Toten haben wir zu verzeichnen: Dr. Otto Münsterberg, der am 
14. April im Alter von 54 Jahren verstarb. Mit ihm ist ein bedeutender 
Kenner Ostasiens dahingegangen, dem wir die Werke „Japans Kunst" 
und die zweibändige „Chinesische Kunstgeschichte" verdanken. 

Am 21. August starb Geh. Rat Ernst Kuhn. Er wirkte in München 
über 40 Jahre als Ordinarius für indische und iranische Philologie und ist 
in unseren Kreisen besonders durch seine „Beiträge zur Pali-Gram- 
matik* bekannt, ferner durch seine Arbeiten ,Barlaam undjosaphat", 
sowie über singhalesische Sprache und Kultur, als besonders bahnbrechend 
seine Forschungen über die Abgrenzung des transgangetischen Sprachgebietes. 
Zu seinem Nachfolger wurde Wilhelm Geiger aus Erlangen berufen, der, 
wie auch seine Gattin, ein hervorragender Kenner des Buddhismus und 
des Pali und Sanskrit ist. Seine Mahavamsa- Textausgabe und englische 
Übersetzung, sein Ceylonbuch, sowie seine zahlreichen kleineren Abhand- 



Mitteilungen des B. f. b. L. 309 

lungen über Ceylons Volk, Sprache, Geschichte und Religion sind wertvolle 
Beiträge zur Kenntnis gerade dieses für uns so wichtigen Volkes. Noch 
besonders hervorgehoben sei seine ausgezeichnete grammatische Darstellung 
der singhalesischen Sprache. 

Ludw. Ankenbrand 



Mitteilungen des B. f. b. L. 

Mit diesem Hefte, dem das Inhaltsverzeichnis beiliegt, schließt der IL Jahr- 
gang. Wir haben zweitausend Exemplare davon in einen vor- 
nehmen Pappband einbinden lassen und verweisen auf unsere Um- 
schlagsanzeige. Das schöne Buch mit seinem reichhaltigen und wertvollen 
Inhalt dürfte sich wohl ganz besonders zu Geschenkzwecken eignen, und wir 
bitten unsere Freunde, es überall zu empfehlen. 

Der III. J ahrgang, dessen erstes Heft im Laufe des Januar zur Ver- 
sendung gelangt, kann aus den genügend bekannten Gründen nicht mehr 
zum gleichen Preise geliefert und muß im Preise erhöht werden. Näheres 
in der ersten Nummer. 

Da wir den wertvollen Artikel von Professor Lakshmi Narasü „Was 
ist Buddhismus" in diesem Bande veröffentlichen wollten, mußten einige 
für diese letzte Nummer bestimmte Übersetzungen, Aufsätze und Gedichte 
wegbleiben, die in den ersten Heften des neuen Jahrgangs folgen. 

Die Mitteilungen des „B. f. b. L." gehen in Zukunft den Mitgliedern 
gesondert zu. 

Wir machen unsere schlesischen Mitglieder und Freunde darauf 
aufmerksam, daß in Breslau am Montag den 13. Dezember abends 7Va Uhr 
im Gesellschaftssaale der Schlesischen Gesellschaft für 
vaterländische Kultur — Matthiaskunst — auf Veranlassung der 
Breslauer Zweiggruppe unserer Gesellschaft ein Vortragsabend stattfindet. 
Herr Ludwig Ankenbrand hält einen Lichtbildervortrag über „Die Welt 
des Buddhismus" und wird zum ersten Male mit besonderer Erlaubnis 
des englischen Verlags Lichtbilder nach den berühmten Gemälden von Aba- 
nindranathTagore, dem Bruder des Dichters RabindranathTagore, 
aus dem Leben des Buddha bringen. Schauspieler Fer. Steinhofcr- 
Breslau liest aus Lehrreden des Buddha und buddhistischen Dichtungen 
vor. Ein dritter Vortrag wir4 dann zur Gründung der schlesischen 
Ortsgruppe des B. f. b. L. hinüberleiten. Karten sind an der Abendkasse 
und in den näher bezeichneten Buchhandlungen zu haben. Für Mitglieder 
des B. f. b. L. ist der Eintritt frei. Nähere Auskunft erteilen gerne Herr 
Max Zweig, Breslau, Berlinerplatz 15/1 oder Herr stud. Arno 
Müller, Breslau, Bruderstr. 67. 



Bücherbesprechungen 

Von Ludwig Ankenbrand 



Das alte und das moderne Indien. Von Richard Schmidt, Prof. an der 
Universität Münster i. W.; Kurt Schroeder Verlag, Bonn und Leipzig. Preis 
9.60 Marie. 

Ein neues, gutes Werk über Indien, das in gedrängter Kürze, aber höchst 
übersichtlich alles Wissenswerte über Indien in Vergangenheit und Gegen- 
wart zusammenfaßt und besonders eingehend Geschichte und Literatur be- 
handelt. Mit gutem Gewissen kann das an 300 Seiten starke Bändchen allen 
empfohlen werden, die einen allgemeinen Überblick über all das gewinnen 
wollen, was die Wissenschaft heute über die ferne Halbinsel zu sagen weiß. 

Indien; das Land und seine Bewohner. Von Wilhelm Bankhage, Pfarrer, 
gew. Apostol. Missionar in Indien. Zu beziehen durch den Verfasser, Manners- 
dorf a. L., Nieder-Oesterreich. Preis 3 Mark. Mit dem Bilde des Verfassers. 

Das Büchlein zeigt uns, wie ein katholischer Geistlicher, der jahrelang 
als Missionar dort tätig war, Indien sieht. Der Schreiber ist kein oberfläch- 
licher Beobachter und die Arbeit bildet eine gute Obersicht über dies un- 
geheure Gebiet, zumal sie äußerst objektiv angelegt ist. Daß die Religion 
einen breiten Raum einnimmt, ist selbstverständlich, und wenngleich der 
Verfasser die meisten Sekten und Religionen Indiens recht trefflich zeichnet, 
so hat er doch vom Buddhismus eine falsche Auffassung. Diese ist aber 
dadurch zu entschuldigen, daß er nur den sogenannten nördlichen Buddhis- 
mus in seiner lamaistischen Form zu kennen scheint. Immerhin ist in den 
etwa 200 Seiten eine so ungeheure Fülle von Material verarbeitet, daß auch 
der, der sogar in vielen Dingen mit dem Verfasser nicht übereinstimmt, es 
befriedigt aus der Hand legen wird, denn im Gegensatz zu so manchen 
Arbeiten von oberflächlichen Reisenden schaut hier doch der Kenner der 
Verhältnisse aus jeder Seite heraus. 

Indien; ein Buch für Reisende und Nichtreisende. Von Katharina 
Zitelmann. Woerl's Reisebücher- Verlag, Leipzig.* Preis 3 Mk. und Teuerungs- 
zuschlag. 

Ein recht gutes Reisewerk der hochbetagten Verfasserin, dem wirklich 
eine weitere Verbreitung zu wünschen wäre. Trotzdem es sich auch so recht 
gut liest, ist es hauptsächlich für Reisende bestimmt und enthält dem- 
gemäß viele gute Ratschläge für die Indienfahrt, die freilich jetzt nicht 
viel Bedeutung haben. Denn wer kann sich heute eine Weltreise erlauben, 
ganz abgesehen davon, daß England uns den fernen Osten überall ver- 



Bücherbesprechungen 311 

schließt. Hervorheben möchte ich besonders die Kapitel über das religiöse 
Leben der Inder, über Buddhagaya und Benares. 

Die Bedeutung des Buddhismus für unsere Zelt. Von Dr. Paul Dahlke. 
Dr. Hugo VoUrath, Verlag, Leipzig. Preis 1.20 Mk. 

Das Büchlein paßt gerade in unsere Tage, die einerseits das Religiöse 
ganz zu verwerfen scheinen und den konfessionellen Schulunterricht voll- 
ständig abschaffen wollen, andererseits nach einem Halt, einer „neuen Re- 
ligion" suchen und dabei zwischen Behaismus und „arischem Christentum", 
zwischen „Wodanskult" und Freidenkertum, Okkultismus und Theosophie 
hin- und herpendeln. Die Lösung kann aber nur die Religion geben, die 
mit Wirklichkeit gleichbedeutend ist — und das ist eben die Lehre des 
Buddho. 

Aus dem Reiche des Buddha. Von Dr. Paul Dahlke. Dr. Hugo VoU- 
rath, Verlag, Leipzig, Preis 6.— Mk. 

Nur jemand, der so in die Tiefe der Lehre eingedrungen ist und den fernen 
Osten aus eigener Anschauung kennt, kann ein solches Buch schreiben — 
sieben prächtige Erzählungen, die manchen mehr zum Nachdenken bringen 
dürften, wie langatmige philosophische Abhandlungen über die gleiche 
Materie. 

Der Erleuchtete. Von Ernst Erich Wener. Verlag von Bonas und Dette, 
Hannover. Preis ;Mk. 4. — , Vorzugsausgabe auf holzf. Papier und Javaein- 
band Mk. 15.— 

Diese buddhistisghe Prosadichtung führt uns den Weg, den der Erhabene 
von der Geburt bis zu seinem Tode gegangen, in poetischer Sprache an- 
schaulich vor Augen — ein kleines Meisterwerk, in dem eine schöne und 
edle Sprache und treffliche Dichtung des umfassenden Stoffes zu einer ge- 
diegenen Einheit harmonisch verbunden sind. Die schöne Ausstattung macht 
das Büchlein besonders für Geschenke geeignet. 

Ceylon. Zur Einführung in die Tropenwelt, von Dr. Konrad Guenther. 
Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann. Preis Mk. 8.20. 

Das reichillustrierte Werk des bekannten Naturforschers schildert uns auf 
Grund einer Reise und eigener Anschauung die paradiesische Insel Ceylon, 
besonders vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus. Jedoch finden auch 
das Leben und Treiben der Eingeborenen, sowie die Städte und die uralten 
Ruinen der Insel eingehende Berücksichtigung. Ein besonderes Kapitel, bei 
dem der Text durch guten Bilderschmuck unterstützt ist, ist dem Buddhis- 
mus gewidmet. Eine gute Landeskunde von Ceylon als der Hochburg des 
Buddhismus seit seinem Absterben im eigentlichen Indien sollte in keiner 
Bücherei der Leser unseres Blattes fehlen — und Guenthers Buch dürfte 
die beste Landeskunde Ceylons bilden. 

Die Frau in den indischen Religionen. Von Dr. M. Winternitz. Leipzig, 
Curt Kabitzsch, Verlag. Preis Mk. 5.— 

Der vorliegende Band behandelt hauptsächlich die Frau im Brahmanismus 
— ein eigener Band über den Buddhismus soll demnächst folgen. Gerade 



312 



Bücherbesprechungen 



aber für die Leser dieses angekündigten Bandes dürfte die Lektüre dieser 
Schrift als Grundlage und zur Einführung in den indischen Geist überhaupt 
sehr erwünscht sein. Der Verfasser, der sich durch sein Werk über die 
„Literatur des Buddhismus" einen Namen gemacht, schildert hier, gestützt 
auf ausgezeichnete Literaturkenntnis unter Anführung der wichtigen Beleg- 
stellen, das Leben und die Behandlung der indischen, der brahmanischen 
Frau, von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Wertvoll sind besonders 
die Kapitel: „Frauenkunde und Religionswissenschaft", „die Religion in 
Indien," „die Frau im brahmanischen Kult," „die Kinderheirat," „die Frau 
des Asketen," „die Witwenverbrennung", und die „Frau als Stütze der Re- 
ligion". Ein Werk, das mit wahrem Bienenfleiß bearbeitet ist und eine seltene 
Sachkenntnis, mit wissenschaftlicher Gründlichkeit gepaart, verrät. 

Englische Skizzen. Von Dr. Paul Dahlke. Dr. Hugo Vollraths Verlag 
Leipzig, Preis 5 Mark. 

Dahlke reist nicht, wie andere Menschen — er ist überall und immer in 
erster Linie Buddhist — und als solcher reist er auch, als solcher betrachtet 
er alles auf der Wanderschaft, Menschen, Kultur, Gesellschaften, Städte.' 
So gewinnt denn auch England und der Engländer ein ganz anderes Gesicht, 
wie bei den alltäglichen Rciseschilderern, deren Aufsätze neuerdings der 
Krieg noch besonders beeinflußt hat. Die Abschnitte „Ein Gang durch das 
Indische Museum", „Religion und Commonsense", „Kulturelle Bestrebungen* 
und „Krieg" sind besonders hervorzuheben! 

Sagen und Märchen Altindiens. Erzählt von Alois Essigmann. Neue 
Reihe. Preis kart. 3.50 Mk. Axel Juncker-Verlag, Berlin-Charlottenburg. 

Ein wunderschönes Buch, das uns in schöner und schlichter Sprache aus 
Indiens unerschöpflichem Sagenborn das Beste schenkt und das sich auch 
recht wohl zu Geschenkzwecken für die reifere Jugend eignet." Es kann ihr 
nichts schaden, neben Griechen und Römern auch etwas von Indien zu er- 
fahren. Für den Buddhisten aber ist die Kenntnis der indischen Sagen- und 
Märchenwelt eine Notwendigkeit. Ein ausführliches Wörterbuch mit Erklärung 
der Namen und Zusammenhänge macht das Buch noch wertvollerl 




Hauptschriftleiter Dr.Wolfg.Bohn, Dölau b. Halle. Schriftleiter Ludw.AnkenbrandjStuttgart, 

Herausgeber: „Bund für buddhistisches Leben", Verlag der Zeitschrift für Buddhismus. 

Oskar Schloß, München-Neubiberg. Druck von Knorr & Hirth in München. 



BL 

1400 
Z4 
Jg. 2 



Zeitschrift für buddhismus 



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